Mal übergespitzt ausgedrückt
06. November 2010„Mal überspitzt ausgedrückt: Schreiben wir genug Diktate mit Fußballgeschichten? Dafür interessieren sich auch die Jungs. Oder geht es immer nur um Schmetterlinge und Ponys?“
… bis zum Communismus
„Mal überspitzt ausgedrückt: Schreiben wir genug Diktate mit Fußballgeschichten? Dafür interessieren sich auch die Jungs. Oder geht es immer nur um Schmetterlinge und Ponys?“
Jürgen Elsässer, dessen Amoklauf nach ganz Rechts außen bekanntermaßen nicht mehr aufzuhalten ist, was u.a. durch das rege Interesse von Nazis an seinen Veranstaltungen und der Kommentarspalte seines Blogs angezeigt ist, lädt sich mittlerweile die radikale Rechte auch direkt auf seine Veranstaltungen ein. Seine Aktionskonferenz zur Rettung des Euro am letzten Wochenende in Berlin war mit angeblich 670 Teilnehmenden offenbar erschreckend gut besucht.
Noch erschreckender als eine solch große Versammlung von Trotteln und Volltrotteln – Anlageberater, Stalinisten, Nationalkonservative und Rechtsradikalen – und Elsässers Plädoyer für die Rettung der heiligen deutschen Nation ist nur noch sein Englisch, das er in einem Interview mit Russia Today zum Besten gibt.
„Pressmitteilung des Flüchtlingsrats Berlin vom 28. September 2010
Der gestern veröffentlichte Gesetzentwurf zu den Hartz-IV-Regelsätzen sieht für Kinder unverändert 215 – 287 €/Monat vor. Zudem erhalten Schulkinder ab 2011 Sachleistungen zur Deckung ihres Bildungsbedarfs. All dies gilt jedoch nicht für Kinder, die unter das Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG) fallen. Flüchtlingskinder sind wie Deutsche schulpflichtig, müssen aber mit einem bis zu 47 Prozent geringeren Sozialhilfesatz (133 – 199 €/Monat) auskommen. Auch das Bildungspaket bekommen sie nicht.
Im Februar 2010 hatte das Bundesverfassungsgericht die Hartz-IV-Regelsätze für verfassungswidrig erklärt und aus dem Grundrecht auf Menschenwürde und dem Sozialstaatsgebot das Grundrecht auf Gewährleistung eines menschenwürdigen Existenzminimums abgeleitet. Es ist unbestritten, dass dieses Grundrecht für Deutsche und Ausländer gleichermaßen gilt. Nach den Maßgaben dieses Urteils müssen auch die Beträge nach dem AsylbLG neu ermittelt werden.
Maßgeblich für die 1993 erfolgte Festlegung der seitdem unveränderten Regelsätze des AsylbLG waren allein haushalts- und migrationspolitische Motive. Der Bedarf spielte keine Rolle, die Beträge wurden „ins Blaue hinein“ geschätzt. Sie liegen inzwischen bei Erwachsenen um 38 Prozent unter den Hartz-IV-Sätzen, Kinder bekommen bis zu 47 Prozent weniger.
„Es liegt auf der Hand und ist unter Fachleuten kaum bestritten, dass die seit 1993 unveränderten Beträge nach § 3 AsylbLG zur Deckung eines menschenwürdigen Existenzminimums evident unzureichend sind. Das Geld reicht weder für Kleidung und Essen noch für Fahrgeld und Schulbedarf, geschweige denn für Sport-, Musik- oder Nachhilfeunterricht“, sagt Georg Classen, Sozialrechtsexperte des Flüchtlingsrats Berlin. „Die besondere Situation neu eingereister Flüchtlingskinder dürfte eher dafür sprechen, dass diese finanziell gesehen einen höheren Bildungsbedarf als Deutsche haben, beispielsweise zum Spracherwerb“, so Classen weiter.“
„Der Gesetzentwurf enthält eine Reihe von Bestimmungen, mit denen Jobcentermitarbeiter Arbeitslose in Zukunft einfacher und schneller sanktionieren können. So ist das Vorliegen einer zwischen dem Arbeitslosen und dem Jobcenter abgeschlossenen Eingliederungsvereinbarung nicht mehr Voraussetzung, um Arbeitslosen das Geld zu streichen, wenn diese sich weigern, eine Arbeits- oder Ausbildungsmaßnahme anzutreten.
Neu ist auch die schwammige Formulierung, Sanktionen seien möglich, wenn Arbeitslose die „Anbahnung“ einer zumutbaren Arbeit, Ausbildung oder Arbeitsgelegenheit „durch ihr Verhalten behindern“. Als „eines Rechtsstaates unwürdig“ bezeichnet Markus Kurth, sozialpolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, zudem die Vorgabe, dass Arbeitslose künftig nicht mehr schriftlich über mögliche Sanktionen informiert werden müssen. Es soll schlichtweg ausreichen, dass der Betroffene „Kenntnis“ davon hat. Wie er diese „Kenntnis“ erwirbt – ob durch eigenständige Recherche oder weil der Jobcentermitarbeiter es in einem Halbsatz erwähnt –, bleibt der individuellen Interpretation überlassen.“
[taz]
Mini-Konferenzen sind en vogue – nach Bremen jetzt Frankfurt:
Access denied. Zur Kritik der Gesellschaft und ihrer SoziologieIm Herbst dieses Jahres lädt die Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS) zum Jubiläumskongress an der Goethe-Uni (GU) Frankfurt. Exakt ein Jahrhundert ist vergangen, seit der erste Kongress der DGS in Frankfurt abgehalten wurde – nun ist er zurückgekehrt und jubiliert unter dem thematischen Dach der transnationalen Vergesellschaftung, deren Analyse mit einer Reflexion über die Entwicklung des Fachs verbunden werden soll. Bei dieser Gelegenheit versäumt es die GU natürlich nicht auf die „Bedeutung des Veranstaltungsorts für die akademische Disziplin“ und auf die prägende Rolle nicht etwa der Kritischen Theorie, sondern – standortförderlich – der „Frankfurter Schule“ hinzuweisen, um sie sogleich und in bereits gewohnter Manier in einer „groß angelegte(n) Ausstellung über ‚100 Jahre Soziologie in Frankfurt’“ zu musealisieren.
Mit dem Gegensymposium, das am 16. Oktober im „Institut für vergleichende Irrelevanz“ ebenfalls in Frankfurt stattfinden soll, wollen wir demgegenüber versuchen, die von der kritischen Theorie erreichte Stufe gesellschaftstheoretischer Reflexion und der Selbstreflexion „wissenschaftlichen“ Arbeitens aufzunehmen und einen eigenständigen, kritischen Blick auf die Entwicklung der Soziologie zu werfen. Prägend und bedeutsam scheint in dieser Entwicklung neben der Verfachlichung und fachinternen Differenzierung vor allem die Entsorgung und Entschärfung eines kritischen Denkens und Forschens, das sich nicht von der Frage nach der unmittelbar praktischen Nützlichkeit in die Schranken weisen lässt. Die im Programmheft des diesjährigen Kongresses der DGS – immerhin – konstatierte „Permanenz der Krise“ verleitet nur noch zu der Einsicht in die „Notwendigkeit einer soziologischen Zeitdiagnose“ (Programmheft, S. 14), mit deren Hilfe praktische „Problemlösungsstrategien“ entworfen werden sollen, in denen die Vergesellschaftungsformen von „Markt“ und „Staat“ (Programmheft, S. 11) zur unhinterfragten Voraussetzung gerinnen. In dieser Soziologie als einer universellen Beratungsagentur scheint kaum mehr ein Raum für die notwendige Kritik der Gesellschaft als Krise in Permanenz zu existieren, eine Kritik, durch die negativ der Gedanke an die Möglichkeit einer vernünftigen gesellschaftlichen Einrichtung bewahrt bleiben könnte. Diejenigen, die sich noch auszusprechen wagen, dass die Möglichkeit erstickt zu werden droht, finden sich innerhalb der soziologischen Zunft in der Regel marginalisiert.
Vor diesem Hintergrund soll das Gegensymposium einen Raum für die Diskussion von Positionen und Reflexionen bieten, die sich dem Diktat der unbedingten Effizienz verweigern und (selbst-)kritisch an dem Programm der Verwirklichung der Vernunft festhalten. Mit Vorträgen von Gerhard Stapelfeldt, Nadja Rakowitz, Roswitha Scholz und der Vorbereitungsgruppe des Symposiums.
[via/more]