Schäbig wie eh und je

08. Februar 2012

„Rückwirkung für Ghetto-Renten abgewiesen
Claims Conference fordert eine politische Lösung

Frankfurt am Main (ots) – Ehemaligen Ghettoarbeitern wird die Rückwirkung von Leistungen bis zum Jahr 1997 verwehrt. Mit den Urteilen vom heutigen Dienstag hat das Bundessozialgericht bei Renten für Arbeit in einem Ghetto der NS-Zeit (ZRBG) eine Rückwirkung bis 1997 abgelehnt.

„Wir appellieren an die Bundesregierung und den Bundestag, für eine politische Lösung Sorge zu tragen“, sagte Greg Schneider, Executive Vice President der Claims Conference. „Es ist die letzte Möglichkeit den hoch betagten Überlebenden ein Mindestmaß an Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Die rückwirkende Leistung würde für sie ein stückweit Sicherheit und Anerkennung bedeuten, deren sie während der Verfolgung beraubt wurden.“

„Die Ghettoarbeiter haben unter schrecklichen Bedingungen gearbeitet und erhielten dafür im wahrsten Sinne einen Hungerlohn. Die Tatsache, dass sie arbeiten konnten und dafür einen zusätzlichen Teller dünner Suppe erhielten, entschied über Leben und Tod“, erklärte der Vorsitzende der Claims Conference, Julius Berman.

Noch am Vorabend des Internationalen Holocaust Gedenktages hatte der Deutsche Bundestag über die Rückwirkung der Rentenansprüche für Arbeit in einem Ghetto bis zum Jahr 1997 diskutiert. Dabei hatten Vertreter alle Parteien bekundet, dass eine rasche Lösung zugunsten der hoch betagten Holocaust-Überlebenden gefunden werden müsse.

Die Rückwirkung der Rentenzahlungen bis 1997 gründet auf einem 2002 erlassenen Gesetz (ZRBG), wonach die Arbeit im Ghetto zu Leistungsansprüchen auf eine deutsche Alterrente berechtigt.

[…]“

[source]

Dazu passend, von letzter Woche:

„Fehlentscheidung aus Den Haag: Ein Urteil gegen die NS-Opfer

Heute, am Freitag, den 3.2.2012, verkündete der Internationale Gerichtshof in Den Haag seine Entscheidung im Fall Deutschland ./. Italien. Er gab der Klage Deutschlands statt, mit der die Bundesrepublik Immunität gegenüber Klagen von NS-Opfern in Italien beansprucht. Deutschland klagte vor dem IGH, weil italienische Gerichte vielfach zu Gunsten der Opfer entschieden und eine Klagemöglichkeit in Italien anerkannt haben. Mit diesem Urteil ist nun der Klageweg für NS-Opfer in Italien versperrt.

Dieses Urteil bedeutet eine Kapitulation des Rechts vor der Macht. Das Ergebnis ist eine faktische Beseitigung des Individualrechtsschutzes für die Opfer von Kriegs- und Menschheitsverbrechen, der in den letzten Jahren eine Stärkung erfahren hatte. Selbst schwerste Staatsverbrechen sollen keine Ausnahme mehr vom Prinzip der Staatenimmunität erlauben.

Für die Überlebenden des Massakers in Distomo und die ehemaligen italienischen Militärinternierten ist dies ein sehr trauriger Tag, weil die Ideologie des Stärkeren und die Norm der Mächtigen über die Anerkennung des Unrechts gegenüber den einzelnen Machtlosen obsiegt hat. Die NS-Verbrechen und das Leid der Menschen spielten für den Ausgang des Prozesses keine Rolle. Der Internationale Gerichtshof hat sich der Macht Deutschlands und der Staatsräson gebeugt und die Grundlagen der Nürnberger Prozesse faktisch beseitigt.

Eine leise Kritik des Gerichts an der Praxis Deutschlands, ganze Opfergruppen wie die ehemaligen italienischen Militärinternierten von finanziellen Leistungen der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“ auszuschließen, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Gericht deren Rechtsansprüche faktisch beseitigt hat. Ohne eine gerichtliche Durchsetzbarkeit ihrer individuellen Ansprüche sind die Opfer darauf angewiesen, um Wohltaten zu betteln.

In Berlin dürften heute die Sektkorken knallen. Für die Sache des Menschenrechts hingegen ist es ein schwarzer Tag. Deutschland als Rechtsnachfolgestaat des Deutschen Reichs hat vorerst nicht mehr zu befürchten, für die Verbrechen Nazi-Deutschlands Verantwortung übernehmen zu müssen und die Opfer zu entschädigen.

Wir werden nicht aufhören, die demütigende Haltung Deutschlands gegenüber den Opfern der NS-Verbrechen zu kritisieren und weiterhin fordern, dass alle NS-Opfern entschädigt werden.

Der AK-Distomo hat die Hoffung, dass der Internationale Gerichtshof die perfide Strategie Deutschlands durchschaut hat und diese vereiteln wird.

AK Distomo, Hamburg, den 3.2.2012″


Dessau im Rückspiegel

23. Januar 2012

indymedia linksunten mit einem kurzen (und etwas konfus geschriebenen) Statement zur politischen Lage in Dessau:

„Am 21.01.2012 gab es wieder einen zuvor im Internet von einer Initiative „Pro Dessau“ und vom Kreisverband Wittenberg der NPD beworbenen, „spontanen“ Protestmarsch in Dessau. Das Motto lt. Facbeookaufruf „Gegen Gewalt“, bei der Anmeldung vor Ort hieß es dann, die Proteste richten sich „Gegen Messerstecherei“. Der Marsch wurde von militanten Rechten angeführt, von einem kriminellen Inländer „spontan“ angemeldet und 200-300 Dessauer und Dessauerinnen latschten ihrem Freizeitführer unkritisch hinterher. Also alles wie befürchtet.“

Die Mitteldeutsche Zeitung gibt Einblicke in die Geschehnisse vom Samstag, beleuchtet den Anmelder, einen verurteilten Nazi und kriminellen Inländer, und führt die Passivität der Lokalregierung vor:

„Es ist eine Sache weniger Minuten, die die Lage auf die Spitze treibt. Im Dessauer Rathaus-Center läuft die Eröffnung der Kurt-Weill-Lounge – Bücher und Hörstationen laden ein, sich mit dem berühmten Sohn der Stadt zu befassen, dem Komponisten mit jüdischen Wurzeln. Mitten in die Eröffnung aber, berichten Zeugen, platzen am Samstagabend 20 bis 30 Rechtsextreme, die im Eilschritt durch das Center laufen und ausländerfeindliche Parolen brüllen. „Ausländer raus, Deutschland den Deutschen“ und „Hier marschiert der nationale Widerstand“ ist zu hören. Es könnte, heißt es später, auch „Sieg heil“ darunter gewesen sein. Weil gerade eine Sängerin auftritt und nicht jeder Besucher die Parolen genau versteht, ist das bislang aber noch nicht verbürgt.

Die Polizei, nach einer Demo ohne Zwischenfälle von diesem Marsch durch die Einkaufspassage offensichtlich überrascht, spricht später von 50 Neonazis
[…]
Auf Facebook hatte eine anonyme Gruppe „Steht auf! Gegen Gewalt!“ mobilisiert. Auch vor diesem Hintergrund ist bemerkenswert, wer den Protestmarsch von der Kavalierstraße bis zum Bahnhof und zurück letztlich angemeldet hat: Laut Stadt war es Ronny B., der später von Szenekennern auch als Redner identifiziert wird. Der Blick in die Vergangenheit des 33-Jährigen offenbart einiges. B. wurde 2001 wegen gefährlicher Körperverletzung zu fünf Jahren Haft verurteilt. Ende Oktober 2000 hatte er mit zwei Kumpanen aus der rechten Szene vor einem linksalternativen Jugendtreff vier junge Leute überfallen. B. war es laut Urteil, der das Opfer A. viermal mit Springerstiefeln ins Gesicht trat. Mehrere Knochen brachen, A.’s Sehkraft auf einem Auge ist dauerhaft geschwächt. Richter Manfred Steinhoff nannte die Täter damals eine „feige und widerwärtige Bande“.

Angriff auf Polizistin

In einer kurzen Ansprache am Dessauer Bahnhof fordert B. an diesem Samstag, dass sich auch Polizisten der Demo anschließen müssten, sie würden schließlich von „Dahergelaufenen“ angegriffen. Oder von B.: 1999 schlug er einer Polizistin mit der Faust ins Gesicht.

[…]
Dessau-Roßlaus Oberbürgermeister Klemens Koschig (parteilos) ist am Ende entsetzt. „Das war genau das, was wir nicht wollten: dass die Situation von den Nazis für ihre Zwecke ausgenutzt wird“. Im Vorfeld sei es gelungen, durch Gespräche das Netzwerk „Gelebte Demokratie“ und die Initiative Oury Jalloh zu einem Verzicht auf Demos zu bewegen, um die Lage nicht eskalieren zu lassen. „Aber eine anonyme Facebook-Gemeinde kriegt man nicht gegriffen“, so Koschig. Auf die Frage, wie sich verhindern lässt, dass Dessau in den nächsten Wochen doch noch eine Eskalation bevorsteht, „habe ich momentan keine Antwort“, sagt er.“

Die Zeit zeigt, wie in der Demo die Unterschiede zwischen Nazis und Bürger_innen verschwinden:

„Die Vierhundert treffen am Samstag auf keine Gegendemo, keine Blockade, keine „Nazis raus“-Rufe. Am Straßenrand steht stattdessen viel Gleichmut mit Einkaufstaschen. In der Menge der Demonstranten sind zwar ausgemachte Neonazis zu sehen, aber auch Teenagergruppen und ältere Bürger. Die Stimmung im Zug ist entspannt – „Nimm Dir keinen Ausländer zum Freund“, rät ein Mädchen seiner Freundin.

Den sogenannten Spontanaufzug hat nach Angaben des Ordnungsamtes Ronny Besch angemeldet. Er hat mehrere Jahre Haft wegen eines lebensgefährlichen Angriffs auf zwei linksalternative Jugendliche hinter sich. Als der Zug am Bahnhof ankommt, spricht ein halbvermummter Mann ins Mikrofon. Er redet feurig und benutzt Worte, die nicht recht zu einer Demonstration gegen Gewalt passen wollen. „Schnauze voll“, „Medienhetze“. Er sagt auch, dass die Demo gegen Gewalt jetzt alle zwei Wochen stattfinden soll.

Die Polizei und Bürgerinitiativen geben später bekannt, dass unter den Demonstranten etwa 50 bekannte Neonazis waren, hauptsächlich aus dem Umland. Und der Rest? Der begeisterte Beifall, den der Redner erhielt, erlaubt zwei Schlüsse: Entweder waren das auch Rechtsextreme. Oder der Ton des Mannes gefällt auch den anwesenden normalen Bürgern.“

Netzwerk IT kommentiert das Verhalten der Polizei:

„In der Bauhausstadt Dessau scheinen Neonazis nach den Prügeln auf die Oury Jalloh Gedenkdemonstration freie Bahn zu haben. Im Gegensatz zu der Gedenkdemo schreitet die Polizei bei Demos mit Ausländer feindlichen Parolen nicht ein und bestätigt ihre Einseitigkeit.“

Ungewöhnlich: ein Kommentar auf indymedia, der Sinn macht, und wohl daher laut indymedia-Mods „keine inhaltliche Ergänzung“ darstellt:

„an die antifa dessau und die oury jalloh: bitte veröffentlicht eine erklärung, wie es zu der demobilisierung gekommen ist!! ich kann mir nicht erklären, wie es zu so einer massiven fehleinschätzung kommen kann. immerhin wurde bis zuletzt über facebook vom deutschen mob mobilisiert und dass sich nazis so eine gute grundlage für ihr auftreten nicht entgehen lassen, nur weil sich andre schubert distanziert, sollte wohl hoffentlich klar sein.
ich kann verstehen, dass eine demo eventuell abgesagt wird, um die lage nicht weiter eskalieren zu lassen, zumal die strukturen eines antirassistischen selbstschutzes vor ort auch nicht die besten zu sein scheinen. aber warum wird dann nicht angesagt, dass leute trotzdem nach dessau kommen sollen, um die leute vor ort zu supporten? ich hab das gefühl, als würde sich hier mal wieder viel zu lange existierende probleme zeigen: 1. mangelnde zusammenarbeit und vernetzung zwischen aktivist_innen in der „provinz“ und den städten 2. vor allem mangelnde zusammenarbeit und vernetzung zwischen antira-gruppen (von people of colour) und (weißen) antifagruppen und autonomen. würde hier eine bessere zusammenarbeit und kommunikation und vor allem auch mehr gegenseitiger support und vertrauen bestehen, wären folgenreiche entscheidungen am wochenende eventuell anders gelaufen.“

Last but not least: Antideutsche Kotze von starblog.


Dem Mob die Straße frei

22. Januar 2012

Wie man eine antifaschistische Mobilisierung sabotiert und einem Mob die Straße frei macht, haben Teile (?) der Dessauer Linken in den letzten Tagen formvollendet vorgeführt. Trotz hoher Wahrscheinlichkeit, dass es nach der spontanen Mobbildung vom Montag erneut zur Verbrüderung von Spießbürgertum und organisierten Nazis kommen würde, verkündete die Gruppe „NoNazisDessau“ am Freitag:

„Für den morgigen Samstag, den 21.01.2012, sind uns im Moment keine Anmeldungen oder Bestrebungen bekannt aus denen sich eine ähnliche Situation entwickeln könnte, wie sie sich am Montag in Dessau ereignet hat. […] Aufrufe eine Nazidemo oder eine rassistischen „Bürgermob“-Demo in Dessau stoppen zu wollen oder zu müssen, entbehren somit jeglicher derzeit realistischer Analysen.
Maßgebliche Multiplikatoren der Mobilisierung zu Montag, waren der Verein ASG Vorwärts Dessau dessen Spieler Andre Schubert, der der Verletzte und damit eigentlicher Inhalt dieses „Volksmobs“ war. Sowohl Andre Schubert als auch sein Verein distanzieren sich von einer möglichen Demonstration am 21.01.2012 und mehr noch, Andre Schubert ließ über den ASG erklären, dass er weiterhin nicht möchte , „dass dieses Vorkommnis für politische Zwecke und rassistische Anfeindungen missbraucht“ werde. Nachzulesen unter vorwaerts-dessau. Die Motive für diese Aussage seien dahingestellt, jedoch gibt es somit derzeit keinen ernstzunehmenden Aufruf eine solche Demonstration rassistischer Eintracht von Nazis, Hooligans und ganz „normalen“ Rassisten morgen zu wiederholen.“

Nur um am Sonntag vermelden zu müssen:
Nachdem in den vergangenen Tagen sämtliche Demonstrationsanmeldungen in Dessau abgesagt wurden und viele beteiligte Gruppen beschlossen hatten heute nicht nach Dessau zu fahren, fand am frühen Abend erneut eine Demonstration mit großer Neonazibeteiligung statt.
Ca. 250 Demoteilnehmer_innen die sich aus Nazis, Althooligans und rassistisch motivierten Bürgen zusammensetzten, liefen von McDonalds bis zum Bahnhof und zurück.


Später versuchte eine 30-50 köpfige Gruppe noch, eine Gedenkveranstaltung der Kurt-Weill-Gesellschaft anzugreifen. Offenbar ist durch Glück und das Einschreiten der staatlichen Ordnungsmacht ist am Samstag in Dessau niemand körperlich zu Schaden gekommen.

Es stellt sich nun die Frage, ob das Verhalten von „NoNazis Dessau“ und Genoss_innen durch reine Naivität oder schlichte Fehleinschätzung bestimmt, oder ob sich hier ein Gemisch aus Verharmlosung, Lokalpatriotismus und Volksnähe offenbart. Die rein formal und realitätsfern begründete Absage der Dessau-Mobilisierung korrespondiert zudem mit der Tatsache , dass die seit mehreren Monaten stattfindenden Proteste gegen zwei ehemals Sicherheitsverwahrte im sachsen-anhaltinischen Kaff Insel, wo Nazis und Bürger_innen Hand in Hand auf die Straße gehen, ebenfalls auf keinerlei antifaschistischen Widerstand stoßen.

Wo Nazis als Nazis demonstrieren, schlägt ihnen mal bescheidener, mal entschiedener linker Widerstand entgegen – vgl. Magdeburg am letzten Wochenende. Ebenso – meist – wenn sich Nazis in scheinbar linke Bewegungen wie die Friedens- oder Öko-Bewegung einzuklinken suchen – siehe das jüngste Beispiel aus Berlin.

Wo sich jedoch – wie in zahlreichen Regionen in der Schule und im Betrieb, im Jugendclub und Sportverein, in Familie und Freundeskreis, bereits Alltag – organisierte Nazis und Bürger_innen auch in einer politischen Bewegung organisch mischen, da versagt die Linke regelmäßig. Da werden dann Mobilisierungen widerrufen, die „vernünftig denkenden Menschen in Dessau“ entdeckt oder – wie vor zwanzig Jahren in Hoyerswerda – „wechselseitige Lernprozesse“ initiiert, wie es in einer „Interim“ vom Oktober 1991 heißt:

„Einige AnwohnerInnen ließen von den Balkons Körbe mit Getränken und Fressalien herab, einige kamen herunter, es begannen Gespräche untereinander und dann wollten etwa 30 junge Leute aus Hoyerswerda die Spitze der Demo übernehmen. Sogar das Leittransparent haben sie etwas später übernommen und Durchsagen durch Megafone und den Lautsprecher gemacht: Aufforderungen an die AnwohnerInnen, mitzulaufen, wenn sie ihren Protest gegen die rassistischen Angriffe artikulieren wollen, und Aufforderungen an die DemonstrantInnen aus Hoyerswerda und von außerhalb, sich am 3. Oktober zu einer Gegendemo gegen die Nazis zu treffen. Die mitdemonstrierenden Leute aus Hoyerswerda brachten eine neue Dynamik in die Demo. Tatsächlich hat die Demo für alle sichtbar da etwas in Hoyerswerda angeschoben, eine mutige Sache war es, sich dort in den ersten Reihen zu zeigen. Und es entstand ein wechselseitiger Lernprozess: Wir waren nicht mehr die von außen Eingefallenen, nicht mehr ein Störfaktor, sondern kriegten Bedeutung für manche Leute in Hoyerswerda. Und unser Bild von Hoyerswerda veränderte sich. Zu unserer Wut kam nun die Wahrnehmung konkreter Brüche in der Bevölkerung in Hoyerswerda“.

Café Morgenland schrieb dazu retrospektiv vor einigen Monaten:

„Schon bei der Gründung von Café Morgenland – immerhin war gerade Hoyerswerda der Anstoß für unsere Gründung – , schrieben wir vor 20 Jahren, um die Sympathie der Linksdeutschen zum Volk und Heimat etwas einzudämmen: „Deutsche, die sich »verhalten«, wie z.B. die BürgerInnen aus Hoyerswerda, die sich anderthalb Wochen nach der endgültigen Vertreibung der Flüchtlinge einer autonomen Demo anschließen, nennt ihr mutig. Dass wir aber diese »mutigen BürgerInnen« einzig und allein nach ihrem Verhalten während der »Belagerungszeit« beurteilen, nennt ihr sektiererisch“.
Im Laufe der Jahre, wurden aus den „Brüchen“, welche man in Hoyerswerda gesehen haben wollte, solide Brücken. Unerschütterliche Brücken, die bis heute anhalten. Aus dem lästigen „Störfaktor“ und „von außen Eingefallenen“, welche die Linken gerne gewesen wären, wurden integrative Elemente, die der „neuen Dynamik“ nachlechzen, bis heute. Dazu wurden die dort während der antirassistischen Demo in Hoyerswerda stattgefundenen handgreiflichen (und zum Teil blutigen) Auseinandersetzungen zwischen überwiegend migrantischen Gruppen und ihren Unterstützern auf der einen und den autonomen Wiedervereinigungsgewinnlern auf der anderen Seite in die Archive der deutschen Verschwiegenheitsakten geschoben. Die deutsch-autonome Geschichtsschreibung sorgte erfolgreich dafür, daß kaum jemand mehr heute darüber spricht, obwohl dies und gerade dies – also die Frage „wie hältst du es mit deinem Volk“ – bis heute aktueller denn je bleibt.“

Auch wenn durch die Diskurse des letzten Jahrzehnts eine zumindest oberflächlich antinationale Positionierung keine Randerscheinung mehr ist, so scheinen viele Linke doch heimlich immer noch dem Volk anzuhängen – oder ihm zumindest nicht alles Schlechte zuzutrauen, wie es einzig vernünftig wäre.


Dessau

19. Januar 2012

UPDATE:
Die Demo wurde abgesagt, es gibt aber einen Anlaufpunkt für Alle, die dennoch nach Dessau kommen.

Die Initiative in Gedenken an Oury Jalloh ruft zur Demo am Samstag, den 21. Januar 2012, auf. Wir treffen uns um 15 Uhr in Dessau am Hauptbahnhof.

Am Montag, den 16. Januar 2012, kam es zu einer Spontandemonstration von in Sachsen-Anhalt bekannten Nazis, die zusammen mit Dessauer Bürger_innen ihre Wut gegenüber Migrationsanderen mit Sprüchen wie „Ausländer raus“ und „Deutschland den Deutschen“ ausdrückten. Innerhalb weniger Stunden kamen circa 400 Leute, hauptsächlich aus der rechten Szene, zusammen. Ihre Route führte zum Polizei-Revier Dessau, vor dem sie ihre Abschlusskundgebung hielten.

Dass die Demonstrant_innen sich direkt vor dem Polizeirevier in Dessau positionierten, in dem Oury Jalloh umgebracht wurde, ist Beweis genug dafür, dass die Anhänger_innen der Rechten Szene mit den rassitischen Taten der Polizei sympatisieren.

Am Samstag, den 21. Januar 2012, planen Bürger_innen und Nazis nun eine weitere Demonstration, die vor dem MC Donald in der Kavalierstraße um 18 Uhr starten soll. Auf Facebook schreiben sie schon von einer „lustigen Stadtrundfahrt durch Dessau“.

Die Situation in Dessau ist derzeit sehr zugespitzt und wir sehen für die Menschen, die dort leben, Migrationsandere und andere Linke, eine große Gefahr.

Kommt zahlreich zusammen, um Menschen vor dem rassistischen Nazi-Bürger-Mob zu schützen!!!

Wann: Samstag, den 21. Januar 2012 um 15 Uhr
Wo: Dessau (Hauptbahnhof)

Mehr Infos in Kürze…

http://initiativeouryjalloh.wordpress.com/

this saturday there will be a demo in dessau. the situation in dessau is pretty fucked up right now. after a confrontation between a german white nazi and a person of colour last week about 400 nazis and citizens demonstrated this week against „criminal migrants“ and showed their solidartity with the nazi. their demonstration ended in front of the police
station, where oury jalloh died. there is a really tensed atmosphere in the city, people of colour are afraid that every minute the situation can turn into a pogrome.

so the demonstration on saturday will not only show solidarity and the existence of a strong antiracist defense in dessau, also people are asked to stay there as long as possible, to prevent racist attacks.

here the call out from the oury jalloh initiative in german: http://initiativeouryjalloh.wordpress.com/

here a 8 minute documentary about the pogrom 1992 in rostock: http://www.youtube.com/watch?v=zhNoRWPrj9g
antifascist defense support and the position of the police: http://www.youtube.com/watch?v=2RSsTMIyXAg

IT HAPPENED – SO IT CAN HAPPEN AGAIN.
JOIN THE DEMONSTRATION THIS SATURDAY IN DESSAU AND SUPPORT THE ANTIRACIST
STRUGGLES!

Weiterer Beitrag: Rassismus, Volksmob und falsch verstandener Aktionismus? – Die Dessauer Realität!


Offener Brief: Palästina-Soli @ TCSD Berlin 2011

08. September 2011

Anlässlich eines anti-israelischen Redebeitrags auf dem Berliner Transgenialen CSD, der im Juni 2011 stattfand, hat die Lobby for the Good Life vor einigen Wochen einen sehr schönen Offenen Brief verfasst. Der Brief findet sich untenstehend unformatiert und ohne Fußnoten oder hier als besser lesbares PDF-Dokument incl. eines ausführlichen Fußnotenapparates.

Recommended reading!

Offener Brief anlässlich des ‚Redebeitrags palästinensischer Queers‘ und des darin
erfolgten Aufrufs zum Israel-Boykott auf dem diesjährigen ‚Transgenialen CSD‘ in Berlin

Sehr geehrte Organisator_innen des Berliner Transgenialen CSD 2011,
sehr geehrte Vorleser_innen und Verfasser_innen des ‚Redebeitrags palästinensischer Queers’,
sehr geehrte Interessierte,
vorweg: wir haben den diesjährigen TCSD im Ganzen genossen – der Spaßfaktor war hoch, und auch inhaltlich haben uns viele Beiträge gut gefallen. Wir begrüßen insbesondere den Fokus auf Mehrfachdiskriminierung sowie die Kritik an rassistischen Strukturen. Die Freude wurde allerdings getrübt – das ist der Anlass für diesen offenen Brief. Wir sind irritiert und empört über den Beitrag zweier Gruppen queerer palästinensischer Aktivist_innen, der auf der Bühne am Heinrichplatz verlesen wurde.
Über die Ankündigung des Redebeitrags waren wir zunächst erfreut. Wir erwarteten, Informationen aus erster Hand über die Lebensbedingungen und vielfältigen Diskriminierungswiderfahrnisse palästinensischer LGBTQI-Menschen (ein in Deutschland
wenig diskutiertes Thema) zu erhalten. Leider lagen wir mit dieser Annahme weitgehend falsch. Ein Videomitschnitt des Redebeitrags steht online. Wir haben vor Ort bedauerlicherweise akustisch nicht verstehen können, um welche queeren palästinensischen Organisationen es sich handelt; ebensowenig, wer die Vortragenden waren. Im Videomitschnitt fehlt genau die Stelle zu Beginn, die hierüber hätte Aufschluss geben können. Da sich eine in weiten Teilen identische,englischsprachige Textversion des Redebeitrags auf der Website der Gruppe ‘Berlin Queers for International Solidarity with Palestine’ findet und dieselbe Gruppe auf der Website des TCSD verlinkt ist, gehen wir jedoch davon aus, dass es Aktivist_innen dieser Gruppe waren, die den Redebeitrag hielten. Wer genau die Verfasser_innen des Beitrags sind, ist leider auch der besagten Online-Textversion nicht zu entnehmen. Im Abspann des Videomitschnitts wird auf die Gruppe ‘alQaws for Sexual & Gender Diversity in Palestinian Society’ verwiesen, die ebenfalls auf der Website des TCSD verlinkt ist. Das bedeutet allerdings nicht zwingend, dass alQaws den Beitrag verfasst haben. Die folgende Kritik bezieht sich jedoch ohnehin auf Inhalt und
Konnotationen des Beitrags, nicht auf Fragen der Autor_innenschaft.

Unsere Kritikpunkte:
1.) Queere Anliegen sind nicht wirklich das Thema des Redebeitrags. Stattdessen wird das Label ‚queer’ für andere Zwecke instrumentalisiert. Thematisch hat der Redebeitrag auf dem TCSD genau so wenig verloren wie z.B. ein Vortrag über die Atomkatastrophe in Fukushima oder die Benachteiligung von Kabyl_innen in Algerien – es sei denn, es könnte (wie es den
meisten anderen Redebeiträgen beim diesjährigen TCSD problemlos gelang) gezeigt werden, welche spezifische Rolle Queerness in den jeweiligen Settings spielt. In diesem Fall wird jedoch im Gegenteil explizit behauptet, Queerness habe keinerlei Relevanz für den Hauptgegenstand des Redebeitrags – nämlich die Diskriminierung von Palästinenser_innen durch den Staat Israel: „Die Unterdrückung durch den Staat Israel unterscheidet nicht zwischen queeren und nicht-queeren
Palästinenser_innen.“ Seinen eigenen Anspruch, die Queerbewegung sollte die „Intersektionen zwischen verschiedenen Kämpfen“ analysieren, erfüllt der Beitrag so in keinster Weise. Es geht darin nämlich nur um einen Kampf, den Israel-Palästina-Konflikt, und auch der wird extrem eindimensional betrachtet. Der einzige queere Bezug des Beitrags ist die These, queere Namen und Kämpfe würden im Zuge einer internationalen Kampagne Israels „aufs massivste missbraucht und zweckentfremdet, um Israel ein demokratischen, homofreundliches Image zu verpassen und um seine kontinuierlichen Verbrechen gegen die palästinensische Bevölkerung pink zu waschen“. Diese Kampagne versuche, „Israel als die einzige Demokratie und als Schwulenparadies des Nahen Ostens zu präsentieren, während es ironischerweise Palästinenser_innen, die täglich unter Israels Rassismus und Terror leiden müssen, als barbarisch und homophob darstellt“. Ob es sich tatsächlich um eine systematische, „fein abgestimmte Pinkwashing-Kampagne“ handelt, sei hier einmal dahingestellt. Selbst wenn jedoch die
vergleichsweise homofreundliche und demokratische Situation in Israel propagandistisch genutzt wird – wie in den meisten anderen Ländern mit parlamentarischer Demokratie und und relativ homofreundlicher Politik –, erscheint uns die Relevanz dieses Vorgangs ziemlich gering. Denn dass ausgerechnet ein Diskurs, der einen positiven Umgang mit Queerness oder Homosexualität propagiert, für den Fortgang des Israel-Palästina-Konfliktes entscheidend sein wird, darf getrost bezweifelt werden. Nach wie vor ist ein queeres Image sicherlich nicht die effektivste aller Möglichkeiten eines Staates, sich international Anerkennung zu verschaffen. Vor allem jedoch ist die Instrumentalisierung für Werbezwecke unserer Wahrnehmung nach sicherlich nicht das größte Problem, das queere Menschen in Palästina und anderswo derzeit haben. Ironischerweise wird im Redebeitag genau das praktiziert, was Israel vorgeworfen wird: Queerness wird als Label für andere Zwecke missbraucht. Damit kommen wir zum nächsten Kritikpunkt.

2.) Der Hauptzweck, zu dem das Label ‚queer’ in dem Redebeitrag instrumentalisiert wird, besteht offenbar in der Dämonisierung Israels. Es wird der Eindruck erweckt, die israelische Besatzung und der israelische Rassismus seien die einzigen Probleme, unter denen queere (und nicht-queere) Palästinenser_innen überhaupt zu leiden haben; bzw. für jedes einzelne Problem queerer (und nicht-queerer) Palästinenser_innen sei ausschließlich Israel verantwortlich. Palästinensische Menschen kommen einzig als Opfer vor, israelische Menschen – geschweige denn Opfer – gibt es in dem Beitrag überhaupt nicht. Stattdessen wird permanent auf Israel als unpersönliches Gebilde Bezug genommen, dem ausschließlich eine Aggressorenrolle zugeschrieben wird. Israel wird terminologisch mit dem rassistischen Apartheidsregime gleichgesetzt, das von 1948 bis 1994 in Südafrika herrschte – ohne ein einziges Argument, das eine solche Gleichsetzung rechtfertigen könnte. Anschläge palästinensischer Organisationen auf israelische Zivilist_innen bleiben im Redebeitrag ebenso unerwähnt wie die Tatsache, dass die Hamas, die seit 2007 den Gazastreifen regiert, in ihrer Charta explizit die Vernichtung aller jüdischen Menschen ankündigt. Der Gazastreifen wird im Redebeitrag als „Open-Air-Gefängnis“ bezeichnet; dass es einigen der ‚Häftlinge’ dieses ‚Gefängnisses’ immerhin gelungen ist, alleine zwischen 2001 und Januar 2009 über 8600 Raketen auf israelisches Gebiet zu feuern, darüber schweigt sich der Beitrag aus. Es scheint sich um einen extrem schlecht gesicherten Knast zu handeln. Damit wollen wir keinesfalls die Lebensbedingungen der palästinensischen Bevölkerung schönreden, wohl aber darauf aufmerksam machen, dass wir über diese Lebensbedingungen im hier diskutierten Redebeitrag eigentlich kaum Informationen erhalten, außer dass sie irgendwie schlecht sind; ebenso wenig wie wir darin viel über Israel erfahren, außer dass es irgendwie extrem böse ist. Wir werden mit einem suggestiven, ideologischen Vokabular abgespeist, das hauptsächlich geeignet ist, Emotionen zu schüren, Konnotationen und Assoziationen herzustellen; auf sachliche Informationen und Begründungen wird hingegen weitgehend verzichtet.
Mit einer solchen Art der Darstellung wird der Eindruck erweckt, Israel sei schlicht das größte Problem, das queere Menschen überhaupt haben. Mehr noch: Diese Botschaft wird tatsächlich nicht ‚nur‘ unbewusst als Subtext generiert, sondern stellt offenbar die explizite Meinung der vortragenden Gruppe dar. Das zeigt folgender Satz, der an prominenter Stelle auf der Website der ‘Berlin Queers for International Solidarity with Palestine’ zu lesen ist: “We believe that without liberation from Israeli occupation, sexual liberation for queers in the Middle East and all over the world will remain an impossibility.” In der ganzen Welt? Ob die israelische Besatzung die größte aller Bedrohungen darstellt, denen palästinensische Queers ausgesetzt sind, darüber ließe sich diskutieren. Die im oben zitierten Satz transportierte Vorstellung, dass sich die Lebensbedingungen brandenburgischer Lesben, schwuler Kids in Alabama oder südguatemaltekischer Transfrauen nicht signifikant verbessern können, solange nicht die letzten israelischen Siedlungen im Westjordanland geräumt sind, ist jedoch – zum Glück – völlig absurd.

3.) Obwohl der Redebeitrag angeblich von queeren palästinensischen Aktivist_innen verfasst wurde, verstehen wir nicht, wie er den Anliegen palästinensischer Queers – oder überhaupt irgendwelcher Queers – dienen soll. Wir gehen davon aus, dass queere Palästinenser_innen teilweise größere und vor allem spezifischere, teilweise auch ganz andere Probleme haben, als der Beitrag suggeriert. Durch die im Redebeitrag stark gemachte Behauptung, die israelische Unterdrückung der Palästinenser_innen mache keinen Unterschied zwischen Queers und Nicht-Queers, und die Ausblendung jeglicher anderer
Unterdrückungsverhältnisse wird fatalerweise der Eindruck erweckt, dass queere Palästinenser_innen in keiner Weise spezifisch als Queers, sondern ausschließlich als Palästinenser_innen diskriminiert würden. Allzu bereitwillig wird so die sexuelle Identität der ethnisch-nationalen untergeordnet. Die von den Verfasser_innen selbst geforderte intersektionale
Perspektive auf Kämpfe und Machtverhältnisse lassen sie wiederum gänzlich vermissen. Wir fühlen uns unangenehm daran erinnert, wie sozialistische Organisationen einst versuchten (und teilweise heute noch versuchen), die ‚Frauenfrage’ dem ‚Hauptwiderspruch’ zwischen Proletariat und Bourgeoisie unterzuordnen. Die Verleugnung einer spezifischen Diskriminierung von Queers im Redebeitrag geht so weit, dass wir nicht einmal etwas darüber erfahren, inwieweit palästinensische Queers von israelischer Seite spezifischen Formen von Diskriminierungen im Zusammenhang mit ihrer sexuellen Identität ausgesetzt sind – obwohl der Beitrag doch sonst kein gutes Haar an Israel lässt. Gegen die im Redebeitrag transportierte Vorstellung, palästinensische Queers würden zwar als Palästinenser_innen, nicht aber als Queers diskriminiert, spricht zunächst
einmal das Wissen, dass queere Menschen in nahezu allen heute bekannten Gesellschaften Erfahrungen von Unterdrückung und Ausgrenzung im Zusammenhang mit ihrer sexuellen Identität machen. Dass nun gerade die israelische und die palästinensische Gesellschaft diesbezüglich eine Ausnahme darstellen könnten, erscheint besonders unwahrscheinlich vor dem
Hintergrund der uralten Erfahrung, dass Militarisierung und Krieg rigide Geschlechterverhältnisse und -stereotype – und damit Homophobie, Sexismus und Transphobie – begünstigen. Mittels der im Redebeitrag verfolgten Strategie, die Schuld für sämtliche Probleme queerer (und nicht-queerer) Palästinenser_innen der böswilligen Politik Israels in die Schule zu schieben, wird der Eindruck erweckt, Homophobie oder Transphobie spielten innerhalb der palästinensischen Gesellschaft keine Rolle. Das ist in etwa so emanzipatorisch und glaubwürdig wie zu behaupten, Frauen würden immer nur vom Kriegsgegner vergewaltigt und nicht etwas von ihren eigenen Ehemännern oder Verwandten. Unseres Wissens wurzeln Unterdrückung und Ausgrenzung queerer Menschen in aller Regel zumindest teilweise in den Gesellschaften und Communities, denen die Betroffenen selbst angehören: in ihren Familien, Bekanntenkreisen, Vereinen, Schulen, am Arbeitsplatz, auf der Straße, in der Polizei usw. Wir glauben, dass dies auch für die palästinensische Gesellschaft gilt. Und aus der Tatsache, dass die Rede vom islamischen Fundamentalismus längst zum Legitimationsinstrument für Rassismus und Krieg geworden ist, lässt sich leider nicht schlussfolgern, dass die Hamas im Gazastreifen feuchtfröhliche Queerparties schmeißt.

4.) Den Aufruf zum Boykott, zu Desinvestitionen und Sanktionen gegen Israel halten wir für unangemessen und zynisch. Zunächst einmal ist überhaupt nicht einzusehen, warum ausgerechnet der Staat Israel boykottiert werden sollte – und warum gerade von der Queerbewegung. Unseres Wissens wird heute kein einziger Staat systematisch von der Queerbewegung boykottiert. Der einzige Staat, zu dessen Boykott innerhalb der Bewegung regelmäßig aufgerufen wird, ist Israel. Gibt es hierfür eine naheliegende sachliche Erklärung? Der Redebeitrag bleibt sie schuldig – vermutlich weil es keine gibt. Warum gerade Israel? Warum wird zum Beispiel nicht zu einem internationalen Boykott des deutschen Staates aufrufen wegen seiner rassistischen Abschiebe- und Internierungspolitik oder wegen seiner bis heute unbestraft gebliebenen Beiträge zur Zerschlagung der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien? Warum nicht den mexikanischen Staat boykottieren, dessen Drogenkrieg seit Ende 2006 mehr als 30.000 Todesopfer gefordert hat? Warum nicht die Verantwortlichen für die
andauernde Krise im Kongo boykottieren, im Zuge derer seit 1998 über fünf Millionen Menschen ums Leben gekommen sein sollen? Um Missverständnissen vorzubeugen: Dass wir einen Boykott Israels fragwürdig finden, bedeutet nicht, dass wir uns hier für den Boykott eines anderen Staates aussprechen wollen. Wir wollen vielmehr auf die Dämonisierung Israels und die
doppelten Standards hinweisen, die dem Boykottaufruf gegen Israel ganz offensichtlich zugrunde liegen. Schauen wir uns spezifisch queere Anliegen an, sieht es nicht anders aus: In zahlreichen Ländern der Welt werden z.B. sexuelle Handlungen zwischen Männern oder zwischen Frauen mit drakonischen Strafen belegt – Israel gehört definitiv nicht zu diesen Ländern. Darüber hinaus finden wir die Idee eines Israel-Boykotts insbesondere in Deutschland generell unerträglich. Die Vorstellung, dass die Enkel_innen und Urenkel_innen der Nazis gezielt die Produkte der Enkel_innen und Urenkel_innen der Opfer des Holocaust boykottieren, um diesen eine moralische Lektion in Sachen Menschenrechtskunde zu erteilen, ist eine Horrorvision – und übrigens für so ziemlich jeden aufrechten Nationalsozialisten ein feuchter Traum. Der ‚Judenboykott‘ von 1933 lässt grüßen. Die NPD wäre sofort mit dabei.

Um es kurz zu sagen: Uns erschließt sich kein guter Grund, warum sich gerade die globale
Queerbewegung besonders mit Israel oder dem Nahostkonflikt befassen sollte. Wenn sie sie es
dennoch tut, dann hoffentlich in Zukunft differenzierter und weniger ressentimentgeladen, als es
im hier kritisierten Redebeitrag auf dem TCSD 2011 in Berlin geschehen ist.
Es verbleibt mit freundlichen Grüßen Ihre
Lobby for the Good Life


Hetzjagd usw.

13. Juli 2011

Aus einer Mail:

Seit heute mobilisiert die NPD zu einer Demo am Freitag 18.30 Uhr in Neukölln/U7 Zwickauer Damm, die in zeitlicher und räumlicher Nähe zur Antifa-Demo liegt, welche wiederum um 19 Uhr an der Johannisthaler Chaussee beginnen soll.

Mehr Infos bei Indymedia und der ANA.

Für eine gebührende Antwort!


Hoffnung (1)

10. Mai 2011

„All jenen professionellen, passionierten Antikommunisten, die jetzt feixend und händeringend behaupten: ENDLICH SEID IHR KOMMUNISTEN AM ENDE, müssen wir deutschen Kommunisten, egal ob wir nun hüben oder drüben hausen, erwidern: DAS IST NICHT WAHR: WIR FANGEN GERADE WIEDER EINMAL AN, DEN ANFANG DES ANFANGS DES WEGES ZU SUCHEN, DER UNS MÖGLICHERWEISE ZU UNSEREM ZIEL FÜHREN KANN.

Selbst wenn sich dieser Weg einmal als der falsche Weg erweisen sollte, wird dies wenigstens den Vorteil haben, dass unsere Nachgeborenen wissen, welchen Weg sie keineswegs einschlagen dürfen. Selbst wenn unsere Nachgeborenen ebenfalls einen Weg einschlagen sollten, der sich abermals als ein weiterer falscher Weg erweisen sollte, wird dies ebenfalls wenigstens den Vorteil haben, dass die Nachgeborenen unserer Nachgeborenen wissen, welchen Weg sie keinesfalls einschlagen dürfen.

Irgendwann werden irgendwelche Nachgeborenen der Nachgeborenen unserer Nachgeborenen den richtigen Weg einschlagen, der sich offensichtlich inmitten eines Wirrwarrs von Irrwegen befindet.“

Gisela Elsner: „Stellungnahme“, 1990.


Endlösung in Wuppertal? (2)

06. Mai 2011

Wie die Großen, so die Kleinen: eine breite Koalition von links außen über die Mitte bis nach rechts entdeckt in Wuppertal die Meinungsfreiheit – gegen Israel. Nur bösen Zungen käme hier das Wort von der sekundären Volksgemeinschaft über die Lippen.

Nachtrag:
Position des American Jewish Comitee


Endlösung in Wuppertal?

04. Mai 2011

tapfer im nirgendwo: Wuppertal packt die Badehose ein:

„In einer deutschen Stadt wird im Jahre 2011 öffentlich über die „Endlösung der Judenfrage“ nachgedacht und niemand macht sich Sorgen. Vielleicht hat sich einfach niemand die Mühe gemacht, die auf englisch verfasste Homepage zu lesen, denn im Original steht dort:

„The issue of Palestinian Refugees (expelled by force and by ethnic cleansing in 1948 from their own lands, farms and properties) is the core of Palestinian cause as a whole. Solving the issue of Palestinian refugees is a key element towards the final solution.“


Stellungnahme der Gruppe FEKA
:

„Die Ausstellung wurde von der Gruppe „Bürger_innen beobachten die Polizei“ nach Wuppertal geholt und sollte mit einem entsprechenden Rahmenprogramm anlässlich zuvor gehäuften Berichten über unverhältnismäßigen Umgang der Wuppertaler Polizei gegenüber Jugendlichen mit Migrationshintergrund und anderen „Randgruppen“ eine öffentliche Diskussion darüber ermöglichen.
Hier reichte dem Wuppertaler OB die Begründung Polizeibeamte würden „verunglimpft“ (obwohl er zugab, die Ausstellung persönlich nicht angesehen zu haben) um die Ausstellung zu schließen. Hetze gegen jüdische Menschen ist für ihn scheinbar kein gleichwertiger Grund. Er oder andere Verantwortliche der Stadtverwaltung müssten sich nur kurze Zeit mit den eingeladenen Redner*innen der Konferenz, den Verlautbarungen der veranstaltenden Gruppen und den vergangenen Konferenzen beschäftigen, um festzustellen, dass in diesem Rahmen massiv nicht nur gegen Israel als Staat, sondern gegen jüdische Menschen an sich gehetzt wird. Angesichts der deutschen Geschichte in der Polizeibeamte wohl häufiger Täter als Opfer waren, ist die Begründung der Stadt sie könne die Veranstaltung nicht absagen obwohl sie 2008 bereits bewiesen hat, dass sie es kann, eine unerträgliche Farce und Verhöhnung der Opfer des eliminatorischen Antisemitismus.“

Mehr Infos und bürgerlicher Protest beim Mideast Freedom Forum.

Update:
Zusätzliche Gegenkundgebung der FEKA


USA hilf uns doch – SpiegelOnline gibt es immer noch

03. Mai 2011

Darf man einen Massenmörder umbringen – und dann noch seine Freude darüber öffentlich bekunden? Der deutsche Diskurs über die gezielte Tötung Bin Ladens wimmelt von den altbekannten selbstgefälligen, legalistischen und pseudopazifistischen Rhetoriken. Die in den letzten Jahren in die Latenz abgesunkenen Ressentiments, welche 2001 ff. so virulent waren, finden sich mit einem Schlag wieder in den Leitartikeln und Kommentaren des Mainstreams.

Im Folgenden eine kleine Auswahl:

„Für Fischer-Lescano bezieht sich der US-Präsident damit auf ein „alttestamentarisches Gerechtigkeitsempfinden“, also Auge um Auge, Zahn um Zahn. Dies käme einem „Racheakt“ gleich, sei aber „kein völkerrechtlicher Legitimationsgrund“.

„Auge um Auge, Zahn um Zahn“, das hat noch Gewicht in einer Nation, zu deren identitätsstiftenden Mythen die Eroberung des Wilden Westens gehört, jener rechtlosen Gegend, in der die Siedler auf sich selbst angewiesen waren.“

„Dass dem alttestamentarischen „Auge-um-Auge“-Prinzip Genugtuung bedeutsamer ist als Gerechtigkeit, zeigen die unschönen „Siegesfeiern“, die solchen von Terroristen zuneigenden Sympathisanten beschämend ähneln.“

„Wenn es jedoch einfach darum ging zu sagen: Wir revanchieren uns jetzt an demjenigen, der uns vor zehn Jahren so viel Leid gebracht hat, und bringen ihn um, weil er andere umgebracht hat, dann hätte man klassisch „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ vollzogen. Das ist aber eigentlich in den meisten Ländern dieser Erde nicht mehr das Rechtsprinzip, das hinter Verurteilungen steht.“

Die verschiedenen Ressentiments schießen in einem SpiegelOnline-Artikel zusammen:

„Viel bildet sich der christlich geprägte Westen ein auf seine zivilisatorische Überlegenheit den islamischen Ländern gegenüber. Doch das, was gerade in den USA geschieht, vermittelt einen anderen Eindruck. Wenn US-Amerikaner den Tod Bin Ladens mit Tänzen und Sprechchören feiern, graust es den hiesigen Betrachter – der Jubel wirkt befremdlich, weil er uns zeigt, dass die US-Gesellschaft uns fremder ist, als es scheinen mag.

„In God we trust“ steht auf jeder US-Dollar-Note, doch dieser Gott ist nicht der verzeihende, neutestamentarische Gott – sondern der rachsüchtige aus dem Alten Testament. Hierzulande gilt Resozialisierung als Ziel von staatlicher Strafe – in den USA ist es die Vergeltung, bis hin zur Todesstrafe.

Dass die Todesstrafe, wie bei Bin Laden, auch ohne Prozess verhängt werden darf, wenn nur das Verbrechen und der Zorn darüber groß genug sind, und dass ihr Vollzug euphorisch gefeiert wird, belegt, wie tief die „Auge um Auge“-Ideologie in der US-amerikanischen Gesellschaft verwurzelt ist. Die Rachsucht mag mächtig sein – moralisch überlegen ist sie nicht.

[…]

Es sind wohl letztlich leider nicht „die Kräfte des Friedens“, die hier gesiegt haben, wie Merkel meint, sondern die Anhänger einer archaischen Blutrache-Moral. Dass sich die Spitzen unserer Regierungsparteien dieser Ideologie unterwerfen, bedeutet einen zivilisatorischen Rückfall. Die Erleichterung über den Tod Bin Ladens ist nachvollziehbar, der Applaus für seine Hinrichtung ist es nicht.“

Die USA als fremde, rückständige und unzivilisierte Macht, beherrscht vom Dollar und einem Gott, der sich nicht durch Jesus‘ pädagogischen Eros, sondern durch seine Rache-Ideologie auszeichnet. In diesem Sittenbilde wird mit einer Zielsicherheit auf anti-judaistische Begriffe und Stereotype rekurriert, dass man zumindest von einer antisemitischen Grundierung, wenn nicht von einer teilweisen Fusion von Antiamerikanismus und Antisemitismus sprechen muss. Umgekehrt war und ist der mörderische Antisemitismus, der die zum Teil aus Deutschland entsandten Attentäter des 11.9. nach New York als proijiziertes „Zentrum des Weltjudentums“ leitete, hierzulande natürlich keine Rede wert.

Nachtrag:
Einen längeren Vortrag von 2005 zu Historie, Begriff und Funktion des Antiamerikanismus hier.