Dessau im Rückspiegel

23. Januar 2012

indymedia linksunten mit einem kurzen (und etwas konfus geschriebenen) Statement zur politischen Lage in Dessau:

„Am 21.01.2012 gab es wieder einen zuvor im Internet von einer Initiative „Pro Dessau“ und vom Kreisverband Wittenberg der NPD beworbenen, „spontanen“ Protestmarsch in Dessau. Das Motto lt. Facbeookaufruf „Gegen Gewalt“, bei der Anmeldung vor Ort hieß es dann, die Proteste richten sich „Gegen Messerstecherei“. Der Marsch wurde von militanten Rechten angeführt, von einem kriminellen Inländer „spontan“ angemeldet und 200-300 Dessauer und Dessauerinnen latschten ihrem Freizeitführer unkritisch hinterher. Also alles wie befürchtet.“

Die Mitteldeutsche Zeitung gibt Einblicke in die Geschehnisse vom Samstag, beleuchtet den Anmelder, einen verurteilten Nazi und kriminellen Inländer, und führt die Passivität der Lokalregierung vor:

„Es ist eine Sache weniger Minuten, die die Lage auf die Spitze treibt. Im Dessauer Rathaus-Center läuft die Eröffnung der Kurt-Weill-Lounge – Bücher und Hörstationen laden ein, sich mit dem berühmten Sohn der Stadt zu befassen, dem Komponisten mit jüdischen Wurzeln. Mitten in die Eröffnung aber, berichten Zeugen, platzen am Samstagabend 20 bis 30 Rechtsextreme, die im Eilschritt durch das Center laufen und ausländerfeindliche Parolen brüllen. „Ausländer raus, Deutschland den Deutschen“ und „Hier marschiert der nationale Widerstand“ ist zu hören. Es könnte, heißt es später, auch „Sieg heil“ darunter gewesen sein. Weil gerade eine Sängerin auftritt und nicht jeder Besucher die Parolen genau versteht, ist das bislang aber noch nicht verbürgt.

Die Polizei, nach einer Demo ohne Zwischenfälle von diesem Marsch durch die Einkaufspassage offensichtlich überrascht, spricht später von 50 Neonazis
[…]
Auf Facebook hatte eine anonyme Gruppe „Steht auf! Gegen Gewalt!“ mobilisiert. Auch vor diesem Hintergrund ist bemerkenswert, wer den Protestmarsch von der Kavalierstraße bis zum Bahnhof und zurück letztlich angemeldet hat: Laut Stadt war es Ronny B., der später von Szenekennern auch als Redner identifiziert wird. Der Blick in die Vergangenheit des 33-Jährigen offenbart einiges. B. wurde 2001 wegen gefährlicher Körperverletzung zu fünf Jahren Haft verurteilt. Ende Oktober 2000 hatte er mit zwei Kumpanen aus der rechten Szene vor einem linksalternativen Jugendtreff vier junge Leute überfallen. B. war es laut Urteil, der das Opfer A. viermal mit Springerstiefeln ins Gesicht trat. Mehrere Knochen brachen, A.’s Sehkraft auf einem Auge ist dauerhaft geschwächt. Richter Manfred Steinhoff nannte die Täter damals eine „feige und widerwärtige Bande“.

Angriff auf Polizistin

In einer kurzen Ansprache am Dessauer Bahnhof fordert B. an diesem Samstag, dass sich auch Polizisten der Demo anschließen müssten, sie würden schließlich von „Dahergelaufenen“ angegriffen. Oder von B.: 1999 schlug er einer Polizistin mit der Faust ins Gesicht.

[…]
Dessau-Roßlaus Oberbürgermeister Klemens Koschig (parteilos) ist am Ende entsetzt. „Das war genau das, was wir nicht wollten: dass die Situation von den Nazis für ihre Zwecke ausgenutzt wird“. Im Vorfeld sei es gelungen, durch Gespräche das Netzwerk „Gelebte Demokratie“ und die Initiative Oury Jalloh zu einem Verzicht auf Demos zu bewegen, um die Lage nicht eskalieren zu lassen. „Aber eine anonyme Facebook-Gemeinde kriegt man nicht gegriffen“, so Koschig. Auf die Frage, wie sich verhindern lässt, dass Dessau in den nächsten Wochen doch noch eine Eskalation bevorsteht, „habe ich momentan keine Antwort“, sagt er.“

Die Zeit zeigt, wie in der Demo die Unterschiede zwischen Nazis und Bürger_innen verschwinden:

„Die Vierhundert treffen am Samstag auf keine Gegendemo, keine Blockade, keine „Nazis raus“-Rufe. Am Straßenrand steht stattdessen viel Gleichmut mit Einkaufstaschen. In der Menge der Demonstranten sind zwar ausgemachte Neonazis zu sehen, aber auch Teenagergruppen und ältere Bürger. Die Stimmung im Zug ist entspannt – „Nimm Dir keinen Ausländer zum Freund“, rät ein Mädchen seiner Freundin.

Den sogenannten Spontanaufzug hat nach Angaben des Ordnungsamtes Ronny Besch angemeldet. Er hat mehrere Jahre Haft wegen eines lebensgefährlichen Angriffs auf zwei linksalternative Jugendliche hinter sich. Als der Zug am Bahnhof ankommt, spricht ein halbvermummter Mann ins Mikrofon. Er redet feurig und benutzt Worte, die nicht recht zu einer Demonstration gegen Gewalt passen wollen. „Schnauze voll“, „Medienhetze“. Er sagt auch, dass die Demo gegen Gewalt jetzt alle zwei Wochen stattfinden soll.

Die Polizei und Bürgerinitiativen geben später bekannt, dass unter den Demonstranten etwa 50 bekannte Neonazis waren, hauptsächlich aus dem Umland. Und der Rest? Der begeisterte Beifall, den der Redner erhielt, erlaubt zwei Schlüsse: Entweder waren das auch Rechtsextreme. Oder der Ton des Mannes gefällt auch den anwesenden normalen Bürgern.“

Netzwerk IT kommentiert das Verhalten der Polizei:

„In der Bauhausstadt Dessau scheinen Neonazis nach den Prügeln auf die Oury Jalloh Gedenkdemonstration freie Bahn zu haben. Im Gegensatz zu der Gedenkdemo schreitet die Polizei bei Demos mit Ausländer feindlichen Parolen nicht ein und bestätigt ihre Einseitigkeit.“

Ungewöhnlich: ein Kommentar auf indymedia, der Sinn macht, und wohl daher laut indymedia-Mods „keine inhaltliche Ergänzung“ darstellt:

„an die antifa dessau und die oury jalloh: bitte veröffentlicht eine erklärung, wie es zu der demobilisierung gekommen ist!! ich kann mir nicht erklären, wie es zu so einer massiven fehleinschätzung kommen kann. immerhin wurde bis zuletzt über facebook vom deutschen mob mobilisiert und dass sich nazis so eine gute grundlage für ihr auftreten nicht entgehen lassen, nur weil sich andre schubert distanziert, sollte wohl hoffentlich klar sein.
ich kann verstehen, dass eine demo eventuell abgesagt wird, um die lage nicht weiter eskalieren zu lassen, zumal die strukturen eines antirassistischen selbstschutzes vor ort auch nicht die besten zu sein scheinen. aber warum wird dann nicht angesagt, dass leute trotzdem nach dessau kommen sollen, um die leute vor ort zu supporten? ich hab das gefühl, als würde sich hier mal wieder viel zu lange existierende probleme zeigen: 1. mangelnde zusammenarbeit und vernetzung zwischen aktivist_innen in der „provinz“ und den städten 2. vor allem mangelnde zusammenarbeit und vernetzung zwischen antira-gruppen (von people of colour) und (weißen) antifagruppen und autonomen. würde hier eine bessere zusammenarbeit und kommunikation und vor allem auch mehr gegenseitiger support und vertrauen bestehen, wären folgenreiche entscheidungen am wochenende eventuell anders gelaufen.“

Last but not least: Antideutsche Kotze von starblog.


Kommentare

Der URI für den TrackBack dieses Eintrags ist: http://waiting.blogsport.de/2012/01/23/dessau-im-rueckspiegel/trackback/

Noch keine Kommentare.

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Eintrag.

Kommentar hinterlassen

Leider ist der Kommentarbereich für dieses Mal geschlossen.

Referer der letzten 24 Stunden:
  1. phex.blogsport.de (3)