Dem Mob die Straße frei

22. Januar 2012

Wie man eine antifaschistische Mobilisierung sabotiert und einem Mob die Straße frei macht, haben Teile (?) der Dessauer Linken in den letzten Tagen formvollendet vorgeführt. Trotz hoher Wahrscheinlichkeit, dass es nach der spontanen Mobbildung vom Montag erneut zur Verbrüderung von Spießbürgertum und organisierten Nazis kommen würde, verkündete die Gruppe „NoNazisDessau“ am Freitag:

„Für den morgigen Samstag, den 21.01.2012, sind uns im Moment keine Anmeldungen oder Bestrebungen bekannt aus denen sich eine ähnliche Situation entwickeln könnte, wie sie sich am Montag in Dessau ereignet hat. […] Aufrufe eine Nazidemo oder eine rassistischen „Bürgermob“-Demo in Dessau stoppen zu wollen oder zu müssen, entbehren somit jeglicher derzeit realistischer Analysen.
Maßgebliche Multiplikatoren der Mobilisierung zu Montag, waren der Verein ASG Vorwärts Dessau dessen Spieler Andre Schubert, der der Verletzte und damit eigentlicher Inhalt dieses „Volksmobs“ war. Sowohl Andre Schubert als auch sein Verein distanzieren sich von einer möglichen Demonstration am 21.01.2012 und mehr noch, Andre Schubert ließ über den ASG erklären, dass er weiterhin nicht möchte , „dass dieses Vorkommnis für politische Zwecke und rassistische Anfeindungen missbraucht“ werde. Nachzulesen unter vorwaerts-dessau. Die Motive für diese Aussage seien dahingestellt, jedoch gibt es somit derzeit keinen ernstzunehmenden Aufruf eine solche Demonstration rassistischer Eintracht von Nazis, Hooligans und ganz „normalen“ Rassisten morgen zu wiederholen.“

Nur um am Sonntag vermelden zu müssen:
Nachdem in den vergangenen Tagen sämtliche Demonstrationsanmeldungen in Dessau abgesagt wurden und viele beteiligte Gruppen beschlossen hatten heute nicht nach Dessau zu fahren, fand am frühen Abend erneut eine Demonstration mit großer Neonazibeteiligung statt.
Ca. 250 Demoteilnehmer_innen die sich aus Nazis, Althooligans und rassistisch motivierten Bürgen zusammensetzten, liefen von McDonalds bis zum Bahnhof und zurück.


Später versuchte eine 30-50 köpfige Gruppe noch, eine Gedenkveranstaltung der Kurt-Weill-Gesellschaft anzugreifen. Offenbar ist durch Glück und das Einschreiten der staatlichen Ordnungsmacht ist am Samstag in Dessau niemand körperlich zu Schaden gekommen.

Es stellt sich nun die Frage, ob das Verhalten von „NoNazis Dessau“ und Genoss_innen durch reine Naivität oder schlichte Fehleinschätzung bestimmt, oder ob sich hier ein Gemisch aus Verharmlosung, Lokalpatriotismus und Volksnähe offenbart. Die rein formal und realitätsfern begründete Absage der Dessau-Mobilisierung korrespondiert zudem mit der Tatsache , dass die seit mehreren Monaten stattfindenden Proteste gegen zwei ehemals Sicherheitsverwahrte im sachsen-anhaltinischen Kaff Insel, wo Nazis und Bürger_innen Hand in Hand auf die Straße gehen, ebenfalls auf keinerlei antifaschistischen Widerstand stoßen.

Wo Nazis als Nazis demonstrieren, schlägt ihnen mal bescheidener, mal entschiedener linker Widerstand entgegen – vgl. Magdeburg am letzten Wochenende. Ebenso – meist – wenn sich Nazis in scheinbar linke Bewegungen wie die Friedens- oder Öko-Bewegung einzuklinken suchen – siehe das jüngste Beispiel aus Berlin.

Wo sich jedoch – wie in zahlreichen Regionen in der Schule und im Betrieb, im Jugendclub und Sportverein, in Familie und Freundeskreis, bereits Alltag – organisierte Nazis und Bürger_innen auch in einer politischen Bewegung organisch mischen, da versagt die Linke regelmäßig. Da werden dann Mobilisierungen widerrufen, die „vernünftig denkenden Menschen in Dessau“ entdeckt oder – wie vor zwanzig Jahren in Hoyerswerda – „wechselseitige Lernprozesse“ initiiert, wie es in einer „Interim“ vom Oktober 1991 heißt:

„Einige AnwohnerInnen ließen von den Balkons Körbe mit Getränken und Fressalien herab, einige kamen herunter, es begannen Gespräche untereinander und dann wollten etwa 30 junge Leute aus Hoyerswerda die Spitze der Demo übernehmen. Sogar das Leittransparent haben sie etwas später übernommen und Durchsagen durch Megafone und den Lautsprecher gemacht: Aufforderungen an die AnwohnerInnen, mitzulaufen, wenn sie ihren Protest gegen die rassistischen Angriffe artikulieren wollen, und Aufforderungen an die DemonstrantInnen aus Hoyerswerda und von außerhalb, sich am 3. Oktober zu einer Gegendemo gegen die Nazis zu treffen. Die mitdemonstrierenden Leute aus Hoyerswerda brachten eine neue Dynamik in die Demo. Tatsächlich hat die Demo für alle sichtbar da etwas in Hoyerswerda angeschoben, eine mutige Sache war es, sich dort in den ersten Reihen zu zeigen. Und es entstand ein wechselseitiger Lernprozess: Wir waren nicht mehr die von außen Eingefallenen, nicht mehr ein Störfaktor, sondern kriegten Bedeutung für manche Leute in Hoyerswerda. Und unser Bild von Hoyerswerda veränderte sich. Zu unserer Wut kam nun die Wahrnehmung konkreter Brüche in der Bevölkerung in Hoyerswerda“.

Café Morgenland schrieb dazu retrospektiv vor einigen Monaten:

„Schon bei der Gründung von Café Morgenland – immerhin war gerade Hoyerswerda der Anstoß für unsere Gründung – , schrieben wir vor 20 Jahren, um die Sympathie der Linksdeutschen zum Volk und Heimat etwas einzudämmen: „Deutsche, die sich »verhalten«, wie z.B. die BürgerInnen aus Hoyerswerda, die sich anderthalb Wochen nach der endgültigen Vertreibung der Flüchtlinge einer autonomen Demo anschließen, nennt ihr mutig. Dass wir aber diese »mutigen BürgerInnen« einzig und allein nach ihrem Verhalten während der »Belagerungszeit« beurteilen, nennt ihr sektiererisch“.
Im Laufe der Jahre, wurden aus den „Brüchen“, welche man in Hoyerswerda gesehen haben wollte, solide Brücken. Unerschütterliche Brücken, die bis heute anhalten. Aus dem lästigen „Störfaktor“ und „von außen Eingefallenen“, welche die Linken gerne gewesen wären, wurden integrative Elemente, die der „neuen Dynamik“ nachlechzen, bis heute. Dazu wurden die dort während der antirassistischen Demo in Hoyerswerda stattgefundenen handgreiflichen (und zum Teil blutigen) Auseinandersetzungen zwischen überwiegend migrantischen Gruppen und ihren Unterstützern auf der einen und den autonomen Wiedervereinigungsgewinnlern auf der anderen Seite in die Archive der deutschen Verschwiegenheitsakten geschoben. Die deutsch-autonome Geschichtsschreibung sorgte erfolgreich dafür, daß kaum jemand mehr heute darüber spricht, obwohl dies und gerade dies – also die Frage „wie hältst du es mit deinem Volk“ – bis heute aktueller denn je bleibt.“

Auch wenn durch die Diskurse des letzten Jahrzehnts eine zumindest oberflächlich antinationale Positionierung keine Randerscheinung mehr ist, so scheinen viele Linke doch heimlich immer noch dem Volk anzuhängen – oder ihm zumindest nicht alles Schlechte zuzutrauen, wie es einzig vernünftig wäre.


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