Offener Brief: Palästina-Soli @ TCSD Berlin 2011

08. September 2011

Anlässlich eines anti-israelischen Redebeitrags auf dem Berliner Transgenialen CSD, der im Juni 2011 stattfand, hat die Lobby for the Good Life vor einigen Wochen einen sehr schönen Offenen Brief verfasst. Der Brief findet sich untenstehend unformatiert und ohne Fußnoten oder hier als besser lesbares PDF-Dokument incl. eines ausführlichen Fußnotenapparates.

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Offener Brief anlässlich des ‚Redebeitrags palästinensischer Queers‘ und des darin
erfolgten Aufrufs zum Israel-Boykott auf dem diesjährigen ‚Transgenialen CSD‘ in Berlin

Sehr geehrte Organisator_innen des Berliner Transgenialen CSD 2011,
sehr geehrte Vorleser_innen und Verfasser_innen des ‚Redebeitrags palästinensischer Queers’,
sehr geehrte Interessierte,
vorweg: wir haben den diesjährigen TCSD im Ganzen genossen – der Spaßfaktor war hoch, und auch inhaltlich haben uns viele Beiträge gut gefallen. Wir begrüßen insbesondere den Fokus auf Mehrfachdiskriminierung sowie die Kritik an rassistischen Strukturen. Die Freude wurde allerdings getrübt – das ist der Anlass für diesen offenen Brief. Wir sind irritiert und empört über den Beitrag zweier Gruppen queerer palästinensischer Aktivist_innen, der auf der Bühne am Heinrichplatz verlesen wurde.
Über die Ankündigung des Redebeitrags waren wir zunächst erfreut. Wir erwarteten, Informationen aus erster Hand über die Lebensbedingungen und vielfältigen Diskriminierungswiderfahrnisse palästinensischer LGBTQI-Menschen (ein in Deutschland
wenig diskutiertes Thema) zu erhalten. Leider lagen wir mit dieser Annahme weitgehend falsch. Ein Videomitschnitt des Redebeitrags steht online. Wir haben vor Ort bedauerlicherweise akustisch nicht verstehen können, um welche queeren palästinensischen Organisationen es sich handelt; ebensowenig, wer die Vortragenden waren. Im Videomitschnitt fehlt genau die Stelle zu Beginn, die hierüber hätte Aufschluss geben können. Da sich eine in weiten Teilen identische,englischsprachige Textversion des Redebeitrags auf der Website der Gruppe ‘Berlin Queers for International Solidarity with Palestine’ findet und dieselbe Gruppe auf der Website des TCSD verlinkt ist, gehen wir jedoch davon aus, dass es Aktivist_innen dieser Gruppe waren, die den Redebeitrag hielten. Wer genau die Verfasser_innen des Beitrags sind, ist leider auch der besagten Online-Textversion nicht zu entnehmen. Im Abspann des Videomitschnitts wird auf die Gruppe ‘alQaws for Sexual & Gender Diversity in Palestinian Society’ verwiesen, die ebenfalls auf der Website des TCSD verlinkt ist. Das bedeutet allerdings nicht zwingend, dass alQaws den Beitrag verfasst haben. Die folgende Kritik bezieht sich jedoch ohnehin auf Inhalt und
Konnotationen des Beitrags, nicht auf Fragen der Autor_innenschaft.

Unsere Kritikpunkte:
1.) Queere Anliegen sind nicht wirklich das Thema des Redebeitrags. Stattdessen wird das Label ‚queer’ für andere Zwecke instrumentalisiert. Thematisch hat der Redebeitrag auf dem TCSD genau so wenig verloren wie z.B. ein Vortrag über die Atomkatastrophe in Fukushima oder die Benachteiligung von Kabyl_innen in Algerien – es sei denn, es könnte (wie es den
meisten anderen Redebeiträgen beim diesjährigen TCSD problemlos gelang) gezeigt werden, welche spezifische Rolle Queerness in den jeweiligen Settings spielt. In diesem Fall wird jedoch im Gegenteil explizit behauptet, Queerness habe keinerlei Relevanz für den Hauptgegenstand des Redebeitrags – nämlich die Diskriminierung von Palästinenser_innen durch den Staat Israel: „Die Unterdrückung durch den Staat Israel unterscheidet nicht zwischen queeren und nicht-queeren
Palästinenser_innen.“ Seinen eigenen Anspruch, die Queerbewegung sollte die „Intersektionen zwischen verschiedenen Kämpfen“ analysieren, erfüllt der Beitrag so in keinster Weise. Es geht darin nämlich nur um einen Kampf, den Israel-Palästina-Konflikt, und auch der wird extrem eindimensional betrachtet. Der einzige queere Bezug des Beitrags ist die These, queere Namen und Kämpfe würden im Zuge einer internationalen Kampagne Israels „aufs massivste missbraucht und zweckentfremdet, um Israel ein demokratischen, homofreundliches Image zu verpassen und um seine kontinuierlichen Verbrechen gegen die palästinensische Bevölkerung pink zu waschen“. Diese Kampagne versuche, „Israel als die einzige Demokratie und als Schwulenparadies des Nahen Ostens zu präsentieren, während es ironischerweise Palästinenser_innen, die täglich unter Israels Rassismus und Terror leiden müssen, als barbarisch und homophob darstellt“. Ob es sich tatsächlich um eine systematische, „fein abgestimmte Pinkwashing-Kampagne“ handelt, sei hier einmal dahingestellt. Selbst wenn jedoch die
vergleichsweise homofreundliche und demokratische Situation in Israel propagandistisch genutzt wird – wie in den meisten anderen Ländern mit parlamentarischer Demokratie und und relativ homofreundlicher Politik –, erscheint uns die Relevanz dieses Vorgangs ziemlich gering. Denn dass ausgerechnet ein Diskurs, der einen positiven Umgang mit Queerness oder Homosexualität propagiert, für den Fortgang des Israel-Palästina-Konfliktes entscheidend sein wird, darf getrost bezweifelt werden. Nach wie vor ist ein queeres Image sicherlich nicht die effektivste aller Möglichkeiten eines Staates, sich international Anerkennung zu verschaffen. Vor allem jedoch ist die Instrumentalisierung für Werbezwecke unserer Wahrnehmung nach sicherlich nicht das größte Problem, das queere Menschen in Palästina und anderswo derzeit haben. Ironischerweise wird im Redebeitag genau das praktiziert, was Israel vorgeworfen wird: Queerness wird als Label für andere Zwecke missbraucht. Damit kommen wir zum nächsten Kritikpunkt.

2.) Der Hauptzweck, zu dem das Label ‚queer’ in dem Redebeitrag instrumentalisiert wird, besteht offenbar in der Dämonisierung Israels. Es wird der Eindruck erweckt, die israelische Besatzung und der israelische Rassismus seien die einzigen Probleme, unter denen queere (und nicht-queere) Palästinenser_innen überhaupt zu leiden haben; bzw. für jedes einzelne Problem queerer (und nicht-queerer) Palästinenser_innen sei ausschließlich Israel verantwortlich. Palästinensische Menschen kommen einzig als Opfer vor, israelische Menschen – geschweige denn Opfer – gibt es in dem Beitrag überhaupt nicht. Stattdessen wird permanent auf Israel als unpersönliches Gebilde Bezug genommen, dem ausschließlich eine Aggressorenrolle zugeschrieben wird. Israel wird terminologisch mit dem rassistischen Apartheidsregime gleichgesetzt, das von 1948 bis 1994 in Südafrika herrschte – ohne ein einziges Argument, das eine solche Gleichsetzung rechtfertigen könnte. Anschläge palästinensischer Organisationen auf israelische Zivilist_innen bleiben im Redebeitrag ebenso unerwähnt wie die Tatsache, dass die Hamas, die seit 2007 den Gazastreifen regiert, in ihrer Charta explizit die Vernichtung aller jüdischen Menschen ankündigt. Der Gazastreifen wird im Redebeitrag als „Open-Air-Gefängnis“ bezeichnet; dass es einigen der ‚Häftlinge’ dieses ‚Gefängnisses’ immerhin gelungen ist, alleine zwischen 2001 und Januar 2009 über 8600 Raketen auf israelisches Gebiet zu feuern, darüber schweigt sich der Beitrag aus. Es scheint sich um einen extrem schlecht gesicherten Knast zu handeln. Damit wollen wir keinesfalls die Lebensbedingungen der palästinensischen Bevölkerung schönreden, wohl aber darauf aufmerksam machen, dass wir über diese Lebensbedingungen im hier diskutierten Redebeitrag eigentlich kaum Informationen erhalten, außer dass sie irgendwie schlecht sind; ebenso wenig wie wir darin viel über Israel erfahren, außer dass es irgendwie extrem böse ist. Wir werden mit einem suggestiven, ideologischen Vokabular abgespeist, das hauptsächlich geeignet ist, Emotionen zu schüren, Konnotationen und Assoziationen herzustellen; auf sachliche Informationen und Begründungen wird hingegen weitgehend verzichtet.
Mit einer solchen Art der Darstellung wird der Eindruck erweckt, Israel sei schlicht das größte Problem, das queere Menschen überhaupt haben. Mehr noch: Diese Botschaft wird tatsächlich nicht ‚nur‘ unbewusst als Subtext generiert, sondern stellt offenbar die explizite Meinung der vortragenden Gruppe dar. Das zeigt folgender Satz, der an prominenter Stelle auf der Website der ‘Berlin Queers for International Solidarity with Palestine’ zu lesen ist: “We believe that without liberation from Israeli occupation, sexual liberation for queers in the Middle East and all over the world will remain an impossibility.” In der ganzen Welt? Ob die israelische Besatzung die größte aller Bedrohungen darstellt, denen palästinensische Queers ausgesetzt sind, darüber ließe sich diskutieren. Die im oben zitierten Satz transportierte Vorstellung, dass sich die Lebensbedingungen brandenburgischer Lesben, schwuler Kids in Alabama oder südguatemaltekischer Transfrauen nicht signifikant verbessern können, solange nicht die letzten israelischen Siedlungen im Westjordanland geräumt sind, ist jedoch – zum Glück – völlig absurd.

3.) Obwohl der Redebeitrag angeblich von queeren palästinensischen Aktivist_innen verfasst wurde, verstehen wir nicht, wie er den Anliegen palästinensischer Queers – oder überhaupt irgendwelcher Queers – dienen soll. Wir gehen davon aus, dass queere Palästinenser_innen teilweise größere und vor allem spezifischere, teilweise auch ganz andere Probleme haben, als der Beitrag suggeriert. Durch die im Redebeitrag stark gemachte Behauptung, die israelische Unterdrückung der Palästinenser_innen mache keinen Unterschied zwischen Queers und Nicht-Queers, und die Ausblendung jeglicher anderer
Unterdrückungsverhältnisse wird fatalerweise der Eindruck erweckt, dass queere Palästinenser_innen in keiner Weise spezifisch als Queers, sondern ausschließlich als Palästinenser_innen diskriminiert würden. Allzu bereitwillig wird so die sexuelle Identität der ethnisch-nationalen untergeordnet. Die von den Verfasser_innen selbst geforderte intersektionale
Perspektive auf Kämpfe und Machtverhältnisse lassen sie wiederum gänzlich vermissen. Wir fühlen uns unangenehm daran erinnert, wie sozialistische Organisationen einst versuchten (und teilweise heute noch versuchen), die ‚Frauenfrage’ dem ‚Hauptwiderspruch’ zwischen Proletariat und Bourgeoisie unterzuordnen. Die Verleugnung einer spezifischen Diskriminierung von Queers im Redebeitrag geht so weit, dass wir nicht einmal etwas darüber erfahren, inwieweit palästinensische Queers von israelischer Seite spezifischen Formen von Diskriminierungen im Zusammenhang mit ihrer sexuellen Identität ausgesetzt sind – obwohl der Beitrag doch sonst kein gutes Haar an Israel lässt. Gegen die im Redebeitrag transportierte Vorstellung, palästinensische Queers würden zwar als Palästinenser_innen, nicht aber als Queers diskriminiert, spricht zunächst
einmal das Wissen, dass queere Menschen in nahezu allen heute bekannten Gesellschaften Erfahrungen von Unterdrückung und Ausgrenzung im Zusammenhang mit ihrer sexuellen Identität machen. Dass nun gerade die israelische und die palästinensische Gesellschaft diesbezüglich eine Ausnahme darstellen könnten, erscheint besonders unwahrscheinlich vor dem
Hintergrund der uralten Erfahrung, dass Militarisierung und Krieg rigide Geschlechterverhältnisse und -stereotype – und damit Homophobie, Sexismus und Transphobie – begünstigen. Mittels der im Redebeitrag verfolgten Strategie, die Schuld für sämtliche Probleme queerer (und nicht-queerer) Palästinenser_innen der böswilligen Politik Israels in die Schule zu schieben, wird der Eindruck erweckt, Homophobie oder Transphobie spielten innerhalb der palästinensischen Gesellschaft keine Rolle. Das ist in etwa so emanzipatorisch und glaubwürdig wie zu behaupten, Frauen würden immer nur vom Kriegsgegner vergewaltigt und nicht etwas von ihren eigenen Ehemännern oder Verwandten. Unseres Wissens wurzeln Unterdrückung und Ausgrenzung queerer Menschen in aller Regel zumindest teilweise in den Gesellschaften und Communities, denen die Betroffenen selbst angehören: in ihren Familien, Bekanntenkreisen, Vereinen, Schulen, am Arbeitsplatz, auf der Straße, in der Polizei usw. Wir glauben, dass dies auch für die palästinensische Gesellschaft gilt. Und aus der Tatsache, dass die Rede vom islamischen Fundamentalismus längst zum Legitimationsinstrument für Rassismus und Krieg geworden ist, lässt sich leider nicht schlussfolgern, dass die Hamas im Gazastreifen feuchtfröhliche Queerparties schmeißt.

4.) Den Aufruf zum Boykott, zu Desinvestitionen und Sanktionen gegen Israel halten wir für unangemessen und zynisch. Zunächst einmal ist überhaupt nicht einzusehen, warum ausgerechnet der Staat Israel boykottiert werden sollte – und warum gerade von der Queerbewegung. Unseres Wissens wird heute kein einziger Staat systematisch von der Queerbewegung boykottiert. Der einzige Staat, zu dessen Boykott innerhalb der Bewegung regelmäßig aufgerufen wird, ist Israel. Gibt es hierfür eine naheliegende sachliche Erklärung? Der Redebeitrag bleibt sie schuldig – vermutlich weil es keine gibt. Warum gerade Israel? Warum wird zum Beispiel nicht zu einem internationalen Boykott des deutschen Staates aufrufen wegen seiner rassistischen Abschiebe- und Internierungspolitik oder wegen seiner bis heute unbestraft gebliebenen Beiträge zur Zerschlagung der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien? Warum nicht den mexikanischen Staat boykottieren, dessen Drogenkrieg seit Ende 2006 mehr als 30.000 Todesopfer gefordert hat? Warum nicht die Verantwortlichen für die
andauernde Krise im Kongo boykottieren, im Zuge derer seit 1998 über fünf Millionen Menschen ums Leben gekommen sein sollen? Um Missverständnissen vorzubeugen: Dass wir einen Boykott Israels fragwürdig finden, bedeutet nicht, dass wir uns hier für den Boykott eines anderen Staates aussprechen wollen. Wir wollen vielmehr auf die Dämonisierung Israels und die
doppelten Standards hinweisen, die dem Boykottaufruf gegen Israel ganz offensichtlich zugrunde liegen. Schauen wir uns spezifisch queere Anliegen an, sieht es nicht anders aus: In zahlreichen Ländern der Welt werden z.B. sexuelle Handlungen zwischen Männern oder zwischen Frauen mit drakonischen Strafen belegt – Israel gehört definitiv nicht zu diesen Ländern. Darüber hinaus finden wir die Idee eines Israel-Boykotts insbesondere in Deutschland generell unerträglich. Die Vorstellung, dass die Enkel_innen und Urenkel_innen der Nazis gezielt die Produkte der Enkel_innen und Urenkel_innen der Opfer des Holocaust boykottieren, um diesen eine moralische Lektion in Sachen Menschenrechtskunde zu erteilen, ist eine Horrorvision – und übrigens für so ziemlich jeden aufrechten Nationalsozialisten ein feuchter Traum. Der ‚Judenboykott‘ von 1933 lässt grüßen. Die NPD wäre sofort mit dabei.

Um es kurz zu sagen: Uns erschließt sich kein guter Grund, warum sich gerade die globale
Queerbewegung besonders mit Israel oder dem Nahostkonflikt befassen sollte. Wenn sie sie es
dennoch tut, dann hoffentlich in Zukunft differenzierter und weniger ressentimentgeladen, als es
im hier kritisierten Redebeitrag auf dem TCSD 2011 in Berlin geschehen ist.
Es verbleibt mit freundlichen Grüßen Ihre
Lobby for the Good Life