USA hilf uns doch – SpiegelOnline gibt es immer noch

03. Mai 2011

Darf man einen Massenmörder umbringen – und dann noch seine Freude darüber öffentlich bekunden? Der deutsche Diskurs über die gezielte Tötung Bin Ladens wimmelt von den altbekannten selbstgefälligen, legalistischen und pseudopazifistischen Rhetoriken. Die in den letzten Jahren in die Latenz abgesunkenen Ressentiments, welche 2001 ff. so virulent waren, finden sich mit einem Schlag wieder in den Leitartikeln und Kommentaren des Mainstreams.

Im Folgenden eine kleine Auswahl:

„Für Fischer-Lescano bezieht sich der US-Präsident damit auf ein „alttestamentarisches Gerechtigkeitsempfinden“, also Auge um Auge, Zahn um Zahn. Dies käme einem „Racheakt“ gleich, sei aber „kein völkerrechtlicher Legitimationsgrund“.

„Auge um Auge, Zahn um Zahn“, das hat noch Gewicht in einer Nation, zu deren identitätsstiftenden Mythen die Eroberung des Wilden Westens gehört, jener rechtlosen Gegend, in der die Siedler auf sich selbst angewiesen waren.“

„Dass dem alttestamentarischen „Auge-um-Auge“-Prinzip Genugtuung bedeutsamer ist als Gerechtigkeit, zeigen die unschönen „Siegesfeiern“, die solchen von Terroristen zuneigenden Sympathisanten beschämend ähneln.“

„Wenn es jedoch einfach darum ging zu sagen: Wir revanchieren uns jetzt an demjenigen, der uns vor zehn Jahren so viel Leid gebracht hat, und bringen ihn um, weil er andere umgebracht hat, dann hätte man klassisch „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ vollzogen. Das ist aber eigentlich in den meisten Ländern dieser Erde nicht mehr das Rechtsprinzip, das hinter Verurteilungen steht.“

Die verschiedenen Ressentiments schießen in einem SpiegelOnline-Artikel zusammen:

„Viel bildet sich der christlich geprägte Westen ein auf seine zivilisatorische Überlegenheit den islamischen Ländern gegenüber. Doch das, was gerade in den USA geschieht, vermittelt einen anderen Eindruck. Wenn US-Amerikaner den Tod Bin Ladens mit Tänzen und Sprechchören feiern, graust es den hiesigen Betrachter – der Jubel wirkt befremdlich, weil er uns zeigt, dass die US-Gesellschaft uns fremder ist, als es scheinen mag.

„In God we trust“ steht auf jeder US-Dollar-Note, doch dieser Gott ist nicht der verzeihende, neutestamentarische Gott – sondern der rachsüchtige aus dem Alten Testament. Hierzulande gilt Resozialisierung als Ziel von staatlicher Strafe – in den USA ist es die Vergeltung, bis hin zur Todesstrafe.

Dass die Todesstrafe, wie bei Bin Laden, auch ohne Prozess verhängt werden darf, wenn nur das Verbrechen und der Zorn darüber groß genug sind, und dass ihr Vollzug euphorisch gefeiert wird, belegt, wie tief die „Auge um Auge“-Ideologie in der US-amerikanischen Gesellschaft verwurzelt ist. Die Rachsucht mag mächtig sein – moralisch überlegen ist sie nicht.

[…]

Es sind wohl letztlich leider nicht „die Kräfte des Friedens“, die hier gesiegt haben, wie Merkel meint, sondern die Anhänger einer archaischen Blutrache-Moral. Dass sich die Spitzen unserer Regierungsparteien dieser Ideologie unterwerfen, bedeutet einen zivilisatorischen Rückfall. Die Erleichterung über den Tod Bin Ladens ist nachvollziehbar, der Applaus für seine Hinrichtung ist es nicht.“

Die USA als fremde, rückständige und unzivilisierte Macht, beherrscht vom Dollar und einem Gott, der sich nicht durch Jesus‘ pädagogischen Eros, sondern durch seine Rache-Ideologie auszeichnet. In diesem Sittenbilde wird mit einer Zielsicherheit auf anti-judaistische Begriffe und Stereotype rekurriert, dass man zumindest von einer antisemitischen Grundierung, wenn nicht von einer teilweisen Fusion von Antiamerikanismus und Antisemitismus sprechen muss. Umgekehrt war und ist der mörderische Antisemitismus, der die zum Teil aus Deutschland entsandten Attentäter des 11.9. nach New York als proijiziertes „Zentrum des Weltjudentums“ leitete, hierzulande natürlich keine Rede wert.

Nachtrag:
Einen längeren Vortrag von 2005 zu Historie, Begriff und Funktion des Antiamerikanismus hier.


2 Kommentare

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  1. „… verhöhnt werden all die Liberalen, Rechtsidealisten, Verfassungs- und Gesellschaftstheoretiker, kurzum: all die ‚Gutmenschen‘, die nicht in die Jubelgesänge über das Todeskommando der us-amerikanischen Militärs einstimmen wollen. […] Man kann [das] als antibürgerliche Bügerpolitik bezeichnen, als Ideologie der Selbstzersetzung bürgerlicher Ordnung. Es ist offensichtlich, dass sein Fluchtpunkt der Ausnahmezustand ‚von oben‘ ist, der eintritt, nachdem der genusssüchtige Bourgeois den nüchtern-pedantischen Citoyen mit in den Abgrund gezogen hat.“

    http://ofenschlot.blogsport.de/2011/05/02/eine-verhoehnung-der-regeln/

    Comment von hans rixdorf — 4. Mai 2011 @ 07:40

  2. Chomsky to Osama bin Laden’s Death: „We might ask ourselves how we would be reacting if Iraqi commandos landed at George W. Bush’s compound, assassinated him, and dumped his body in the Atlantic.“

    Comment von hans rixdorf — 8. Mai 2011 @ 11:08

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