Massenproteste in Teheran

13. Juni 2009

„Ich kann es nicht glauben, seit der Iranischen Revolution vor 30 Jahren haben wir nicht so frei demonstriert“, sagt eine Frau, die im Protestzug mitmarschiert. In ihren Sprechchören setzen die Teheraner den verhassten ehemaligen Monarchen und Präsident Ahmadinedschad gleich: „Egal ob Schah oder Arzt, Diktatoren sind sie beide.“ Dutzende Demonstranten filmen mit ihren Handys: Dieser historische Moment soll festgehalten werden.

Doch dann laufen die Menschen plötzlich auseinander: Die gefürchtete Revolutionsgarde fährt mit Motocross-Rädern in die Menge, rammt Menschen, die Männer treten um sich. Polizei zu Fuß knüppelt wahllos auf Unbewaffnete ein. Eine alte Frau wird von Uniformierten zu Boden geschlagen. Journalisten werden mit Schlagstöcken bearbeitet und getreten, auch das SPIEGEL-ONLINE-Team.

Die Polizisten greifen sich junge Männer aus der Menge, zerren sie unter Schlägen zu ihren Bussen. Geheimpolizisten haben die Hand am Gürtel: Jeden Moment können Schüsse fallen.

Die Masse weicht in Seitenstraßen aus, für einen kurzen Moment stehen die Menschen unter Schock. Dann passiert das Unerhörte: Die Demonstranten setzen zum Gegenangriff an. Junge Männer greifen sich Holzlatten, Wahlplakate und schlagen zurück. Alte Frauen hängen sich an die Beine Gefangengenommener, reißen sie der Polizei buchstäblich aus den Händen.

Viele in Iran haben die Gängelei satt

Treibjagden auf Geheimdienstler in Zivil beginnen: „Ihr Verbrecher“, schreien Frauen auf sie ein, während Männer sie zusammentreten. Ein alter Straßenfeger hebt einen Ziegelstein auf, er sieht den Tag der Abrechnung gekommen. Nur mit Mühe halten ihn Umstehende davon ab, sich in die Schlacht zu stürzen.“

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Videos von den Demos und Ausschreitungen in Teheran bei youtube: 1, 2

Der angebliche Reformer Moussavi ist jedoch eine mehr als zwielichtige Figur. Bei wikipedia heißt es:

„Mussawi war zuerst Chefredakteur der IRP-Zeitung, dann nach der Absetzung von Bani Sadr ab 5. Juli 1981 Außenminister, schließlich am 29. Oktober 1981 während des Krieges mit Irak bis zur Verfassungsänderung am 3. August 1989 Premierminister des Iran. Zu seinen Leistungen zählt man die Organisation der Wirtschaft während des Krieges mit einem strengen Rationalisierungsprogramm.

Aktuell hat Mussawi einen Sitz im Schlichtungsrat des Iran inne, der unter Vorsitz des ehemaligen Präsidenten Haschemi Rafsandschani versucht, Konflikte zwischen den Entscheidungsinstanzen der Islamischen Republik beizulegen. Mussawi ist auch als Maler bekannt und leitet die iranische Kunst-Akademie.

Mussawi kündigte Anfang März 2009 an, im Juni 2009 bei den Präsidentschaftswahlen im Iran anzutreten. Er gilt als Gegner Mahmud Ahmadinedschads, den er bei seiner Kandidatur mit den Worten: „Wir müssen damit aufhören, unsere Ressourcen für kurzfristige Interessen und wertlose politische Ziele zu vergeuden“, kritisierte. „Ich werde die Korruption ausrotten“, versprach er gleich bei seinem ersten öffentlichen Auftritt. In der Frage des Holocaust distanzierte sich Mussawi sehr deutlich vom Amtsinhaber Ahmadinedschad, „er stellte klar, dass er den Völkermord an den Juden in Nazi-Deutschland verurteilt“.Hinsichtlich des Streits um das iranische Atomprogramm bemerkte Mussawi am 14. April 2009: Niemand im Iran würde die Aussetzung der Urananreicherung billigen, der „Iran werde jedoch nachweisen, dass es nur zivile Zwecke mit seinem Atomprogramm verfolge“.

In einem Aufruf zu einer Kundgebung vor der iranischen Botschaft in Berlin, die gestern stattgefunden hat, wird klar gestellt, dass Moussavi ein Massenmörder ist, der zudem offenbar Chomeini nahe steht/stand:

„MirHossein Moussavi, ein Verfechter vom Ajatollah Chomeinis, war bereitsvom 1981bis 1989 Ministerpräsident und stand dem Präsidenten Ali Khamenei unddem Staatspräsident Mohammad Khatami (1997- 2005) als Berater zurSeite. Er war zuständig für die Massenhinrichtungen und Liquidation derOpposition in den80er Jahren.“

Hoffentlich erinnert sich die Bewegung in Iran seiner Taten, anstatt sich an einen neuen Führer zu heften und dafür mit einem lediglich durch den Austausch des Führungspersonals oberflächlich erneuerten Schreckensregime belohn zu werden.


7 Kommentare

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  1. einen Haufen Bilder und Filmberichte von den Protesten gibt es auf Revolutionary Road

    Comment von Entdinglichung — 14. Juni 2009 @ 12:33

  2. […] Waity über die Massenproteste im Iran this day, on my way to work, some revolution happened… […]

    Pingback von Links zum Sonntag « meta.blogsport — 14. Juni 2009 @ 16:18

  3. […] via Spiegel gefunden bei waiting […]

    Pingback von Unruhen im Iran « Momente – Gesellschaftskritik, Aktueller Diskurs und Nachrichten aus der Provinz — 14. Juni 2009 @ 20:48

  4. […] wendy meint, die leute auf den bildern hätten nur eins im kopf: „Für eine andere Herrschaft, bitte!“. wie kommt der idiot nur darauf möchte man rufen. doch die antwort ist garnicht so schwer. er hat irgendwann den GegenStandPunkt gelesen und wiedermal nichts verstanden. da stand nämlich oft und ganz allgemein zu recht drin: „Wichtig an einer Wahl ist also zuerst und vor allem das, was nicht zur Wahl steht, mit der Wahl aber stillschweigend abgehakt wird. Das ist nämlich nichts Geringeres als die gesamte politische Herrschaft: der Apparat; die Aufgaben, denen der sich widmet; die Leistungen, die er erbringt; die „Sache“ der Nation; und dass es Führer braucht, die sich darum kümmern.“ nur das jetzt mit der ganz konkreten situation im iran zusammen zu bekommen, das packt wendy noch nicht. naja, vielleicht ist das ja auch bald thema bei einem der „jour fixe“-abend und er bekommt es von den kadern erklärt. oder noch besser, wir diskutieren es hier. andere beiträge zur aktuellen entwicklung im iran wurden übrigens dort zusammen getragen! und nun los: will jeder der protestler von therans straßen eigentlich nur nen anderen chef, sind das alles kommunistische rebellen oder kann man das so eindeutig nun wirklich nicht sagen? […]

    Pingback von wendy&persepolis « im*moment*vorbei — 15. Juni 2009 @ 12:15

  5. Ich hab bei mir mal ein bisschen Texte und so zusammengetragen. guckt gerne rein.

    Comment von bikepunk 089 — 15. Juni 2009 @ 15:53

  6. „Hoffentlich erinnert sich die Bewegung in Iran seiner Taten“
    guck mal hier:
    http://shooresh1917.blogspot.com/2009/05/students-grill-moussavi-about-1988.html

    keine Ahnung wie repräsentativ das ist, auf alle Fälle interessant.

    Comment von bikepunk 089 — 16. Juni 2009 @ 14:18

  7. […] alle die sich irgendwie mit der aktuellen situation im iran beschäftigen bzw. beschäftigt haben können nun mal was ganz praktisches machen und eventuell bringt das sogar irgendwa… „Heute bekommen. Klingt gut. Wer sich damit auskennt, nur zu! […]

    Pingback von solidarität muß praktisch werden… « im*moment*vorbei — 24. Juni 2009 @ 00:17

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