Der antiziganistische Konsens

19. Mai 2009

Die Kommentatoren des im letzten Posting verlinkten Indy-Beitrag s sprechen sich u.a. „für eine entzigeunerisierung von Sinti und Roma“ aus und schlaumeiern, „das ein nicht gerader kleiner Teil dieser netten Leute einfach nur verkackte Kriminelle sind, die Ihre Kinder zu Straftaten anleiten bzw. sie dazu zwingen“.

Die Repression der Bullen steht also sicher auf dem Boden eines Ressentiments, das so weit verbreitet und so wenig tabuisiert ist wie kaum ein anderes in Deutschland. Als Indiz für dessen unglaubliche Popularität und Durchschlagkraft sei auf einige Vorgänge aus dem Jahr 2001 in Hessen verwiesen. Damals wurde etwa Sinti und Roma in Offenbach der Zutritt in ein Freibad verweigert:

„Gerhard Eidmann, technischer Leiter des EOSC Waldschwimmbads Rosenhöhe meint: „Zigeuner kommen hier nicht mehr rein“. EOSC-Vorstandsmitglied Norbert Bassmann, Jurist, sieht sich mit der praktizierten Gesichtskontrolle sogar vollkommen im Recht und lässt den Kontrolleuren freie Hand, denn „da sieht einer ja aus wie der andere“, wie Herr Eidmann feststellt. Hintergrund der Vorgänge, „Dreck, Ärger“ und Missachtung der Badeordnung.“

Es handelte sich dabei keineswegs um den Alleingang einer reaktionären Gang aus Bademeistern und Blockwärtern, sondern um eine Maßnahme, die von der politischen Elite der Stadt getragen und verteidigt wurde:

„Erstaunlicherweise zeigen sowohl Oberbürgermeister Gerhard Grandke (SPD) als auch Sozialdezernentin Ingrid Borretty Bündnisgrüne) Verständnis für den Club. „Wer permanent die Regeln verletzt, hat auch die Konsequenzen zu tragen“, sagte Grandke. Der Verein habe die volle Unterstützung aus dem Offenbacher Rathaus.“

Einige Kilometer östlicher wurde denen sonst für Lagern und Herumlungern in öffentlichen Plätzen diskreditierten Sinti und Roma das Anmieten von Wohnungen verwehrt:

„In der osthessischen Kleinstadt Bad Hersfeld in mehreren Stadtteilen keine Wohnungen an Sinti und Roma vermietet werden. Das wurde einem Betroffenen von den Behörden mittlerweile sogar schriftlich bestätigt:
»Im Magistrat besteht seit Jahren Einvernehmen, daß im Ortsbezirk Hohe Luft nur noch dann Mietverträge mit Sinti abgeschlossen werden, wenn die jeweils freie Wohnung bereits vorher von Sinti genutzt wurde«.“

Solche eklatanten Verstöße gegen die bürgerlich-kapitalistische Freiheit und Gleichheit würden wohl gegen keine andere soziale Gruppe dauerhaft durchsetzbar sein. Die Sinti und Roma jedoch leben nicht nur am Rande der Gesellschaft, sie haben auch im Gegensatz zu anderen peripheren Gruppen wie Wohnungslosen und Junkies nicht die geringste Lobby. Wie mir ein Mitarbeiter des Frankfurter Fördervereins Roma einmal erzählte, interessierte sich nicht einmal die linksliberale Gutmenschen-Presse für die Mitteilungen des Fördervereins über Polizeiübergriffe und Abschiebungen von Kindern und Jugendlichen, die z.T. direkt aus der von Roma besuchten Kindertagesstätte vollzogen wurden. Während Obdachlose und Drogenkonsumenten noch als arme Opfer, die unverschuldet aus der Spur des Lebens geraten sind, imaginiert werden können, sind die Sinti und Roma den Deutschen nur ihr vermeintliches Gegenbild: dreckig, laut, triebhaft und kriminell – eine ‚verdorbene Sippe‘ von Natur aus.


1 Kommentar

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  1. derweil droht darüber hinaus die Räumung von Dale Farm, der grössten Traveller-Siedlung im UK: http://news.bbc.co.uk/1/hi/england/essex/8055579.stm

    Comment von Entdinglichung — 20. Mai 2009 @ 16:59

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