Antizigan – damals und heute

19. Mai 2009

Im Mai vor 72 Jahren wurde das Zwangslager für Sinti und Roma in Berlin-Marzahn errichtet. Über das Lager berichtet eine Broschüre des Antifaschistischen Bündnis Marzahn-Hellersdorf:

„Viele Sinti- und Romafamilien, die in festen Häusern gelebt hatten, mussten ihren Wohnsitz aufgeben und in das Zwangslager übersiedeln. Einige rasch aufgestellte, abgewrackte ehemalige Baracken des Reichsarbeitsdienstes, für die die Wehrmacht keine Verwendung mehr hatte, und die zum Teil nach Marzahn verbrachten Wohnwagen dienten ihnen dort als Behausung. Da oftmals nicht für alle Angehörigen in den Wagen Platz war, mussten sie unter den Wagen, wo mit Decken und Lumpen ein Windschutz hergerichtet wurde, nächtigen.
[…]
Am 16.7.1936 meldete der „Berliner-Lokal-Anzeiger“ den Abschluss der Polizeiaktion bei der die Wohnwagenstellplätze
von über 600 Sinti und Roma geräumt wurden: „Berlin ohne Zigeuner!“.
[…]
Den Lagerinsassen drohte ständig die Deportation in ein Konzentrationslager“, welche dann auch in mehreren Schüben erfolgte.
Seit dem „Asozialenerlass“ vom 14. Dezember1937 galt jede/r „ZigeunerIn“ als „asozial“ und konnte daher in „Vorbeugungshaft“ genommen werden, das heißt in KZ-Haft. Viele sind diesem Erlass zum Opfer gefallen und in die Konzentrationslager Sachsenhausen und Buchenwald deportiert worden. Von nun an mussten die Sinti und Roma des Lagers täglich mit dem Abtransport ins KZ rechnen. Immer wieder wurden einzelne „abgeholt“.
[…]
Die Sinti und Roma galten als asozial, da sie zum Teil nomadisch lebten und damit – wie aus diversen ethnologischen
Betrachtungen der Zeit hervorgeht – auch als kriminell galten.
[…]
Obwohl das Lager von keinem Zaun o.ä. umgeben und nur spärlich bewacht war, schloss sich eine Flucht und das Untertauchen
wegen der Denunziationsbereitschaft der Bevölkerung nahezu von selbst aus. Außerdem befand sich alles an dem die Lagerinsassen hingen, ihr Besitz, ihre Familienangehörigen an diesem Ort. Den Internierten war die gängige Praxis der Misshandlung von Familienangehörigen durch die Polizisten im Falle der Lagerregelverletzung (zum Beispiel Fluchtversuche) bekannt. Die wenigen Fluchtversuche endeten alle in Konzentrations- und Vernichtungslagern.
Zur Bewachung des „Zigeunerlagers“ waren ständig drei bis vier Polizeibeamte mit Hunden eingesetzt. Dass es sich um Kriminalpolizisten handelte, drückte das Verständnis gegenüber den Sinti und Roma, sie seien Kriminelle, die eine entsprechende Behandlung verdienten, nochmals aus.
[…]
Widersetzte sich ein Sinto den Anweisungen der Bewacher, oder wurde das Lager ohne Erlaubnis verlassen, kamen die Wachhunde zum Einsatz, die oft schwere Bissverletzungen verursachten. So gibt es Berichte über abgebissene Genitalien.“

Das Lager wurde 1943 aufgelöst, die meisten Internierten zur Vernichtung deportiert. Nur etwa zwei Dutzend Sinti überlebten auf dem Platz des ehemaligen Lagers, wo sie noch bis 1949 zwangsweise vegetieren mussten.

Auch heute wendet die Berliner Polizei wieder Zwangsmaßnahmen an, um die nicht sesshaften Sinti und Roma von öffentlichen Plätzen zu vertreiben, räumlich und sozial zu marginalisieren und in Außenbezirken der Stadt – aktuell im Marzahner Nachbarbezirk Hellersdorf – zu konzentrieren. In einem Indymedia-Bericht heißt es:

„Seit mehreren Tagen führt die Polizei Vertreibungs- und Einschüchterungsaktionen gegen mehrere Romafamilien, die seit einiger Zeit im Görlitzer Park campen, durch. Dazu gehörten nach Angaben der Roma massive nächtliche Störungen, bei denen PolizistInnen mit Taschenlampen nachts fast stündlich in das Lager kamen um alle, einschließlich der vielen kleinen Kinder, aufzuwecken.

Heute, am frühen Dienstagmorgen den 19.5.09, kam die Polizei mit einem größeren Aufgebot unter dem Vorwand, gegen die „Verwahrlosung“ der Kinder einschreiten zu müssen. Ein Mann wurde für mehrere Stunden festgenommen und ein Fahrzeug mit dem Großteil der Sachen der Gruppe wurde beschlagnahmt. Es wurde gedroht, den Familien ihre Kinder wegzunehmen, wenn sie keine feste Unterkunft vorweisen können. Die Polizei unternahm den Versuch, einen Teil der Gruppe in Polizeifahrzeuge zu drängen.

Aufmerksame PassantInnen griffen ein und alarmierten weitere Organisationen und AktivistInnen. Es kam zu mehrstündigen Verhandlungen mit der Polizei und einem Vertreter des Jugendamtes. Die ersten Stunden fanden diese an der Straße statt, während die Leute von der Polizei umstellt waren und keine Gelegenheit hatten, Essen für ihre Kinder zu holen, Toiletten aufzusuchen oder ähnliches. Erst auf Drängen der UnterstützerInnen war es schließlich möglich, auf das Gelände von Cabuwazi Kinderzirkus auszuweichen. Eine Verteilung auf mehrere Obdachlosenheime oder die Unterbringung in einer Sammelnotunterkunft in Hellersdorf lehnten die Romafamilien ab – es ist ihnen wichtig, zusammen zubleiben und nicht aus dem Innenstadtbereich abgeschoben zu werden. Es gibt die –nach dem bisherigem Vorgehen der Polizei sehr verständliche – Befürchtung, dass, sobald sie getrennt und aus dem Blick der Öffentlichkeit sind, doch noch Repressionsmaßnahmen gegen sie durchgeführt werden.“

Das Antifaschistische Bündnis Marzahn-Hellersdorf organisiert anlässlich der Veröffentlichung des Sammelbands „Antiziganistische Zustände“ in der kommenden Woche zwei Veranstaltungen zu diesem von der Linken sträflich vernachlässigten Thema, die der werten Leserschaft wärmstens empfohlen seien:

„Antiziganistische Zustände.
Zur Kritik eines allgegenwärtigen Ressentiments.
25. Mai 2009 // 19.00 Uhr // Audimax der Alice-Salomon-Hochschule

Szenarien des Erinnerns.
Die gedenkpolitische Fortschreibung von Antiziganismen.
27. Mai 2009 // 19.00 Uhr // Audimax der Alice-Salomon-Hochschule“


2 Kommentare

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  1. […] Die Kommentatoren des im letzten Posting verlinkten Indy-Beitrag s sprechen sich u.a. „für eine entzigeunerisierung von Sinti und Roma“ aus und schlaumeiern, „das ein nicht gerader kleiner Teil dieser netten Leute einfach nur verkackte Kriminelle sind, die Ihre Kinder zu Straftaten anleiten bzw. sie dazu zwingen“. […]

    Pingback von Wartezeit überbrücken … :: Der antiziganistische Konsens :: Mai :: 2009 — 19. Mai 2009 @ 23:34

  2. […] Waiting schreibt über Antizganismus im NS und heute, sowie über den kaum thematisierten antiziganistischen Konsens in der deutschen Gesellschaft. Ein Artikel in der aktuellen Hinterland berichtet, am Beispiel der Familie Höllenreiner, über die Verfolgung von Roma und Sinti in München durch den NS-Faschismus und die antiziganistische Kontinuität in der bayerischen Polizei, die z.B. in der 1999 bekannt gewordenen „Zigeunerkartei“ sichtbar wurde. […]

    Pingback von antiziganismus « bikepunk 089 — 25. Mai 2009 @ 15:30

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