Elend des Kapitalismus – Elend der Linken

18. März 2009

Vor Kurzem warf ich einen Blick in die Betriebsordnung der Klitsche, in der ich doppelt frei lohnarbeite. Dabei fiel mir ins Auge, dass neben dem Artikulieren von Aggressionen aller Art – somit auch gegen die Vorgesetzten – ebenso gemeinsame Raucherpausen, für Dritte irritierendes (sic!) Essen am Arbeitsplatz sowie das Hören von zimmerlauter Musik untersagt wird. Im Vergleich zu dem ach so offenen, antihierarchischen und vordergründig toleranten Klima im Betrieb kommt die vor Jahren gegebene Ordnung sehr repressiv daher. Da die Ordnung seit meinem Arbeitsantritt nicht mehr als eine Datei unter Zigtausenden auf dem Betriebsserver darstellt – mithin derzeit totes Papier ist – hat sie wohl mehr die Funktion eines Dekrets, auf das im Ausnahmezustand – wenn ein_e Proletarier_in nicht a priori spurt und von der Chefetage zur Raison gerufen werden muss – zurückgegriffen werden kann.

Diese Verinnerlichung von Disziplin, Gehorsam, Leistungswille und Unterwerfungsbereitschaft ist eine Errungenschaft des Zivilisationsprozesses. Wurde die ursprüngliche Akkumulation des Kapitals bekanntermaßen noch mit brutaler körperlicher Gewalt, Vertreibung und Mord durchgesetzt und griff das Kapital im 19. Jahrhundert noch regelmäßig auf offene Repression – darunter als ein Mittel das Anschlagen der Fabrikordnungen – zurück, so ist die Subjektivierung der Arbeit zu Beginn des 21. Jahrhunderts in den kapitalistischen Zentren soweit fortgeschritten, dass die Proleten die Regeln nicht nur kennen und akzeptieren, sondern meist gar affirmieren und an sich selbst und den Kolleg_innen überwachen.

Eine Ahnung, welcher weitgehend unbewussten Zurichtung die modernen Proleten ausgesetzt sind, geben Fabrikordnungen aus dem vorletzten Jahrhundert, in denen Geschlechtsverkehr am Arbeitsplatz – heute nur noch feuchter Traum in schlechten Pornos („Wilde Büro-Stute Gina Teil 3″) – noch explizit untersagt werden musste. Ein offenbar relativ neues Verbotsschild aus Polen illustriert dieses früher gängige Verbot – und wird konsequenterweise im Internet als Scherzbild gehandelt.

Ob das Kapital und der mit ihm gleichsam organisch verbundene Staat angesichts der um sich greifenden ökonomischen Krise in Zukunft wieder vermehrt auf blanke Repression setzen werden (müssen)? Im streikarmen Deutschland steht dies – anders als vielleicht in Großbritannien – kaum zu befürchten. Hier werden maximal nach monatelanger Vorbereitungszeit kreuzbrave bundesweite Demonstrationen ausgerichtet, auf denen dann Linkspartei, attac und die Post-Autonomen im Bündnis mit den schlimmsten Antisemit_innen1 der Linken den Anschluss an das Volk suchen – und, wie stets, verpassen.

Da hilft es dann auch nur wenig, dass die üblichen Verdächtigen, die dieses Mal sogar einen sehr nett zu lesenden Aufruf verfasst haben, sich wieder der unversöhnlichen Negation verpflichtet mit dem Abfackeln einiger Mülltonnen einbringen möchten. Leider wird das Grillgut nicht die Aufmärsche stoppen, sondern nur das aufregend-kritische Wegleuchten am Rande des Demozuges liefern.

[abschlussparole]Es bleibt dabei:
Mülltonnen sprechen auch am Samstag nicht – den kapitalistischen Normalbetrieb von Montag bis Sonntag angreifen![/abschlussparole]

  1. Beliebiges Zitat der Gruppe Arbeitermacht: „Der zionistische Staat ist ein Hindernis auf dem Weg zur Befreiung und muss zerschlagen und durch einen gemeinsamen, bi-nationalen Arbeiterstaat ersetzt werden.“
    Beliebiges Zitat des Jugendverbandes Revolution: „Unsere Partei heißt nicht HAMAS, heißt nicht IDF, unsere Partei heißt Proletariat. Unsere Taktik muss dem Ziel dienen es zu stärken. Wenn das die militärische Zusammenarbeit, bei gleichzeitig politischer Unabhängigkeit, mit einer reaktionären Partei erfordert, dann sollten wir dies tun.“ Auf der Demo in Frankfurt wird zudem der berüchtigte Fremdenfeind und Judenhasser Lafontaine als Redner auftreten. [zurück]

14 Kommentare

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  1. „Unsere Partei heißt nicht HAMAS, heißt nicht IDF, unsere Partei heißt Proletariat. Unsere Taktik muss dem Ziel dienen es zu stärken. Wenn das die militärische Zusammenarbeit, bei gleichzeitig politischer Unabhängigkeit, mit einer reaktionären Partei erfordert, dann sollten wir dies tun.“
    heißt das die arbeiten mit der idf zusammen? :-)

    Comment von israel — 18. März 2009 @ 03:06

  2. „Diese Verinnerlichung von Disziplin, Gehorsam, Leistungswille und Unterwerfungsbereitschaft ist eine Errungenschaft des Zivilisationsprozesses.“

    Wie jetzt – Errungenschaft? Wie vermittelt ist das zu verstehen?

    Comment von classless — 18. März 2009 @ 12:56

  3. Ja, Arbeit und so. Hmm. Weiß nicht, ob die Beobachtung ein bißchen zu eng gefasst ist, schließlich hauen sich Menschen i.d.R. auf der Straße auch dann nicht auf die Nase, wenn keine Polizei daneben steht. Jeder überwacht sich selbst und die anderen noch mit. Ehrlich gesagt bin ich auch ganz froh, nicht noch das Onanieren von Arbeitskollegen sehen zu müssen. Dass man mit fremden Menschen die meiste Zeit seines Lebens in dunklen Räumen weggesperrt ist, ist schon schlimm genug (nein, draußen Blumenbeete zu säubern ist auch nicht nicht besser).

    Comment von unkultur — 18. März 2009 @ 22:42

  4. Lesetippppp:

    Edward P. Thomson/John Holloway: Blauer Montag. Über Zeit und Arbeitsdisziplin.

    Comment von lesetip — 18. März 2009 @ 23:35

  5. „Wie jetzt – Errungenschaft? Wie vermittelt ist das zu verstehen?“

    vermittelt durch ironie

    „Ehrlich gesagt bin ich auch ganz froh, nicht noch das Onanieren von Arbeitskollegen sehen zu müssen.“

    wieso eigentlich (ernsthafte frage)? weil man die leute halt eklig findet, aber eklig werden sie ja erst durch die arbeit (hier synonym für die gesellschaft).

    Comment von waiting — 19. März 2009 @ 01:14

  6. wieso eigentlich (ernsthafte frage)? weil man die leute halt eklig findet, aber eklig werden sie ja erst durch die arbeit (hier synonym für die gesellschaft).

    ja, waity, aber das ist doch was, da kann man kaum aus. das war mmn auch einer der fehler mancher 68er, dass sie meinten, man könne und v.a. man MÜSSE das ändern in dieser gesellschaft, was dann z.t. in psychoterror (gruppensitzungen, „bürgerlich-autoritären charakter zerbrechen“) mündete. weil, das ist das problem, eben weil versucht wurde, das in dieser gesellschaft zu bewerkstelligen, es wohl großteils nur ein war mit all den zu bietenden härten. wer ist der, der schon am meisten vom autöritären panzer zerbrochen hat?

    Comment von lahmacun — 19. März 2009 @ 07:34

  7. zB: ich kenne ne wg, da ist eine person der meinung, wenn man sich „frei-gemacht“ habe, dann könne man, ohne dass es einem unangenehm ist, den halben tag nackig durch die wohnung spazieren. den anderen ist das egal, wenn die person das macht, aber sie selber wollen es nicht machen müssen, weil es ihnen eben unangenehm, was sicherlich mit der gesellschaft, erziehung etc zu tun hat, was sie keinesfalls bestreiten. nun lässt die nackig-person die nicht-nackig-personen aber nicht in ruhe, obwohl das schon oft dargelegt wurde. nützt nichts, das ist ein dauerthema, wobei – und das meine ich mit konkurrenz, also leistung – die nackig-person stets vorwürfe erhebt, dass sie frei sei, die anderen nicht, dass die anderen spießig seien und verklemmt, sich nur keine mühe geben etc. der große wettlauf im der wille muss berge versetzen.
    ich hab das mal miterleben müssen, fand die situation schrecklich, und sah mich dann auch dazu veranlasst, die nackig-person zu fragen, warum sie meine, derart autoritär rumkacken zu müssen.

    „geistige kritik“ (Auflösung ins „Selbstbewußtsein“ oder Verwandlung in „Spuk“, „Gespenster“, „Sparren“ etc.) alleine ist fürn arsch und endet im psychoterror (zwangsläufig? – ich glaube ja).

    Comment von lahmacun — 19. März 2009 @ 07:49

  8. erster kommentar, tippfehler, zweitletzter satz:

    es wohl großteils nur ein KONKKURRENZKAMPF …

    Comment von lahmacun — 19. März 2009 @ 07:51

  9. Danke an waiting, dafür, dass er noch die augenscheinlichsten Banalitäten in so ein großes Blabla kleiden kann.

    Danke an lahmacun für diesen wunderbar wirren Kommentar, der tatsächlich mit „zB: ich kenne ne wg, da ist eine person der meinung, wenn man sich „frei-gemacht“ habe, dann könne man, ohne dass es einem unangenehm ist, den halben tag nackig durch die wohnung spazieren“ begann.

    ?

    Comment von Wendy — 19. März 2009 @ 16:30

  10. was denn? in meiner wg war das nie thema, weil es einfach jedem wurscht war. aber so verfällt es sich eben nicht bei jedem. und den rest vom beispiel (es gab ja auch nen kommentar davor) verstehst du nicht, oder wie? na, dann kann ich dir auch nicht helfen.

    Comment von lahmacun — 19. März 2009 @ 17:23

  11. […] ..aber es machen ja leute was dagegen. waity hat auch schon über die alltägliche scheiße der disziplinierung &#8211 oder dass auf arbeit nicht onaniert werden darf &#8211 geschrieben und eine disko über nackt-in-der-wg-rumlaufen ausgelöst, aber den aufruf dieser jung-dynamischen gruppierung gelobt („sehr nett zu lesen“), aber ihren drang, mülltonnen zweckzuentfremden als nicht sachdienlich kritisiert. […]

    Pingback von überall nur krise… | overdose — 19. März 2009 @ 19:06

  12. @ lahmacun:

    ya, recht hast du, aber mir ging es ja nicht um strategien zur überwindung der enterotisierenden arbeitsteilung, sondern nur um deren qua blog-natur rudimentären kritik.

    no disagreement here.

    Comment von waiting — 20. März 2009 @ 01:11

  13. ich steh ja auch auf einfache weltbilder, aber mit

    „Auf der Demo in Frankfurt wird zudem der berüchtigte Fremdenfeind und Judenhasser Lafontaine als Redner auftreten.“
    machst du dir das wohl ein wenig zu leicht.

    Comment von jamjam — 20. März 2009 @ 15:41

  14. […] Bereits vor einigen Tagen hatte ich mich ja dem oberflächlichen Dissen der 28. März-Demos gewidmet. Der sozialrevolutionäre und antinationale Block aus Frankfurt meldet sich nun mit einer Pressemitteilung zu Wort, in der u.a. der Auftritt Lafontaines als „Provokation“ (?) bezeichnet und dem Nationalsozialdemokraten sein autoritäres Staatsverständnis wie sein Rassismus angekreidet wird. Von Antisemitismus und ressentimentbefrachtetem Antikapitalismus keine Rede, obwohl gerade diese Kategorien zentral für die Lafontainesche Ideologie sind. […]

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