Vor Kurzem warf ich einen Blick in die Betriebsordnung der Klitsche, in der ich doppelt frei lohnarbeite. Dabei fiel mir ins Auge, dass neben dem Artikulieren von Aggressionen aller Art – somit auch gegen die Vorgesetzten – ebenso gemeinsame Raucherpausen, für Dritte irritierendes (sic!) Essen am Arbeitsplatz sowie das Hören von zimmerlauter Musik untersagt wird. Im Vergleich zu dem ach so offenen, antihierarchischen und vordergründig toleranten Klima im Betrieb kommt die vor Jahren gegebene Ordnung sehr repressiv daher. Da die Ordnung seit meinem Arbeitsantritt nicht mehr als eine Datei unter Zigtausenden auf dem Betriebsserver darstellt – mithin derzeit totes Papier ist – hat sie wohl mehr die Funktion eines Dekrets, auf das im Ausnahmezustand – wenn ein_e Proletarier_in nicht a priori spurt und von der Chefetage zur Raison gerufen werden muss – zurückgegriffen werden kann.
Diese Verinnerlichung von Disziplin, Gehorsam, Leistungswille und Unterwerfungsbereitschaft ist eine Errungenschaft des Zivilisationsprozesses. Wurde die ursprüngliche Akkumulation des Kapitals bekanntermaßen noch mit brutaler körperlicher Gewalt, Vertreibung und Mord durchgesetzt und griff das Kapital im 19. Jahrhundert noch regelmäßig auf offene Repression – darunter als ein Mittel das Anschlagen der Fabrikordnungen – zurück, so ist die Subjektivierung der Arbeit zu Beginn des 21. Jahrhunderts in den kapitalistischen Zentren soweit fortgeschritten, dass die Proleten die Regeln nicht nur kennen und akzeptieren, sondern meist gar affirmieren und an sich selbst und den Kolleg_innen überwachen.
Eine Ahnung, welcher weitgehend unbewussten Zurichtung die modernen Proleten ausgesetzt sind, geben Fabrikordnungen aus dem vorletzten Jahrhundert, in denen Geschlechtsverkehr am Arbeitsplatz – heute nur noch feuchter Traum in schlechten Pornos („Wilde Büro-Stute Gina Teil 3″) – noch explizit untersagt werden musste. Ein offenbar relativ neues Verbotsschild aus Polen illustriert dieses früher gängige Verbot – und wird konsequenterweise im Internet als Scherzbild gehandelt.
Ob das Kapital und der mit ihm gleichsam organisch verbundene Staat angesichts der um sich greifenden ökonomischen Krise in Zukunft wieder vermehrt auf blanke Repression setzen werden (müssen)? Im streikarmen Deutschland steht dies – anders als vielleicht in Großbritannien – kaum zu befürchten. Hier werden maximal nach monatelanger Vorbereitungszeit kreuzbrave bundesweite Demonstrationen ausgerichtet, auf denen dann Linkspartei, attac und die Post-Autonomen im Bündnis mit den schlimmsten Antisemit_innen der Linken den Anschluss an das Volk suchen – und, wie stets, verpassen.
Da hilft es dann auch nur wenig, dass die üblichen Verdächtigen, die dieses Mal sogar einen sehr nett zu lesenden Aufruf verfasst haben, sich wieder der unversöhnlichen Negation verpflichtet mit dem Abfackeln einiger Mülltonnen einbringen möchten. Leider wird das Grillgut nicht die Aufmärsche stoppen, sondern nur das aufregend-kritische Wegleuchten am Rande des Demozuges liefern.
[abschlussparole]Es bleibt dabei:
Mülltonnen sprechen auch am Samstag nicht – den kapitalistischen Normalbetrieb von Montag bis Sonntag angreifen![/abschlussparole]