Ein Abend in der Diskurshölle

21. Februar 2009

unkultur war für einen Abend zu Gast in der Diskurshölle:

„Otto Karl Werckmeister redet ohne Vorlage und auch ohne Verstand. Er schwadroniert bei den Skinheads in Dresden los, die eine „nationalistische Kultur“ mit Thor Steinar und Musik hätten (Kultur wird hier mit Jugendsubkultur von „Skinheads“ gleichgesetzt), demzufolge müsse man fragen, ob „wir“ eine Gegenkultur dagegen aufzubieten hätten. Internationalistisch seien wir, aber Lafontaine hätte mit der Abschottung Deutschlands gegen das Kapital nicht unrecht.

Es war schon grotesk. „Was bleibt ihnen auch anderes, außer ihre Waren national zu vermarkten“ nahm Werckmeister alle national denkenden Kapitalisten in Schutz. Die Dresden-Nazis seien das Problem (als ob das nicht auch inzwischen von Tagesschau, FAZ und SPD verkündet wird, stören die Nazis doch das offizielle Gedenkprojekt).

Über die 3. Internationale, die ein Arm der SU gewesen sei geht es weiter zur Weltbevölkerung, die nicht multinational sei. Das zerfallene Wissen aus dem unaufmerksamen Lesen von Feuilletondebatten, die 10 Jahre zurückliegen, wurde ausgebreitet.
Als weltfremder Herr outet sich Werckmeister, als er die Band Kraftwerk als „Heavy Metal Gruppe“ bezeichnete und sich belustige über Marx-Lesezirkel der 70er Jahre äußerte, wo die Leute Bücher gelesen hätten, teils mit ikonenhafter Verehrung. Sowas wie Bücher bräuchte man heute gar nicht mehr. Klar, Werckmeister schon gar nicht, der auch ohne jegliche Ahnung einfach daherschwatzt, wie ihm das Vorurteil gewachsen ist.
Widerwärtig war die Selbstgewissheit und die autoritäre Geste, mit der hier eine vermeintlich antiautoritäre Botschaft verkündete wurde: erst sollen alle auf Befehl die Hand heben – zack-zack – und dann auf Kommando „frei denken“. Onkel Otto erklärt die Welt und wie die Dinge so laufen. Wie man mit solcher Ahnungslosigkeit gepaart mit Dummdreistigkeit eine Uniprofessur bekommt – eine gute Frage. Ebenso, was sich die veranstaltende Gruppe dabei gedacht hat, so eine Knalltüte auf ein Podium zu setzen […]. Gekrönt wurden seine Ressentiment-getriebenen Ausführungen durch die dümmlichsten Ausfälle gegenüber der kritischen Theorie. Hat man alles schon zig-mal gehört und auch bei der x-ten Wiederholung wird kein Argument daraus: Adorno hätte Jazz als „Sklavenmusik“ bezeichnet.
Außerdem hätte er sich im sonnigen Kalifornien die Zeit vertrieben mit dem Schreiben von Büchern. Die Infamie dieses Arguments besteht darin, geflüchteten Jüdinnen und Juden vorzuwerfen, dass sie den Holocaust überlebt hätten und sich einen faulen Lenz gemacht hätten.“

Zum Staunen luden auch Werckmeisters Ausführungen über eine „alternative Staatsform“, eine „demokratische Kultur“, die von ihm bedauerte „Zerstörung harmonischer Familienverhältnisse“ und das andauernde Einfordern von „Werten“ ein, ebenso seine Bemerkung, „nicht deutsch sein zu wollen“ – wie es angeblich die Kritiker der HeavyMetal-Combo Kraftwerk verlangten – sei „totalität“, denn dann sei man „nichts“. Bleibt die Frage, „was sich die veranstaltende Gruppe dabei gedacht hat, so eine Knalltüte auf ein Podium zu setzen“ – und ihr nicht einmal ins Wort zu fallen bei ihrem gruseligen Gemisch aus DKP-Nostalgie, Pfaffen-Predigt und antiautoritärem Nationalismus.


5 Kommentare

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  1. […] waiting und unkultur berichten über die in teilen unerträgliche top-veranstaltung am vergagenen donnerstag. bleibt zu hoffen, das die anderen sachen deutlich besser werden… […]

    Pingback von diskurshölle basso? « im*moment*vorbei — 21. Februar 2009 @ 05:29

  2. In den Berichten von dir und unkultur wird Roger Behrens gar nicht erwähnt. Hat der nicht dagegen gehalten? Kann ich mir kaum vorstellen…

    Comment von aergernis — 21. Februar 2009 @ 18:03

  3. bei unkultur wird er doch erwähnt.
    sein referat ging aus von einem pfanni-werbespot für kartoffelmus („100% heimat“) und stellte darauf aufbauend überlegungen zum charakter des gegenwärtigen nationalismus an, der weniger vom staat in szene gesetzt werde, sondern ausschließlich als ironischer antinazistischer party-nationalismus betätige, dem die synthetisierung der einzelnen zur masse nur selten (zb wm06) gelinge.

    gegen werckmeister hatte er zwar einspruch angemeldet, der fiel ihm dann aber in seiner paternalistischen großvater-art ins wort und ich verließ den saal.

    gegen behrens wurde aus dem publikum m.e. zurecht eingewandt, dass er die ironische wendung des nationalismus fälschlicherweise pars pro toto nähme und andere erscheinungen ausblende (vgl. umfragen, wonach 80% ihren „stolz auf deutschland“ äußern, rüstungsexporte und auslandseinsätze, stammtisch usw.).

    Comment von waiting — 21. Februar 2009 @ 18:49

  4. […] nachdem die erste veranstaltung der top-reihe zu “kultur. ideologie. nation.” hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier teilweise zu recht kritisiert und diskutiert wurde, gibts bei der top nun einen neuen lesenswerten text zum thema: “Gegen die Herrschaft der falschen Freiheit! […]

    Pingback von gegen die herrschaft der falschen freiheit! « im*moment*vorbei — 24. Februar 2009 @ 01:14

  5. […] hoffentlich wirds besser als beim letzten mal – wobei das auch echt nicht schwer ist… „Keine Nation in meinem Namen – Vom Kampf gegen die nationale Repräsentation […]

    Pingback von morgen: basso teil zwei « im*moment*vorbei — 22. April 2009 @ 17:05

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