Ökonomie der Panik (Short Edit)
27. Januar 2009„“Man ist optimistisch und man denkt, man hat wieder etwas zu tun. Aber im Endeffekt bringt es einem überhaupt nichts. Man wird nur immer von einem Ein-Euro-Job in den anderen gesteckt.“
Auch die Bundesagentur für Arbeit kommt in einer wissenschaftlichen Untersuchung zu dem Ergebnis, dass Ein-Euro-Jobs kein Weg aus der Arbeitslosigkeit sind. Ganz im Gegenteil: „Die Wahrscheinlichkeit, Arbeitslosigkeit zu beenden, ist sogar geringer als bei vergleichbaren Arbeitslosen ohne Ein-Euro-Job.“ Doch es kommt noch schlimmer: Ein-Euro-Jobs bringen nicht nur den Betroffenen nichts. Sie vernichten sogar zehntausende von regulären Arbeitsplätzen in Nordrhein-Westfalen. Zu diesem Urteil kommt der Bundesrechnungshof. Ein volkswirtschaftlicher Schaden in Milliardenhöhe, denn längst verrichten die Billig-Arbeiter ganz reguläre Aufgaben von Wohlfahrtsverbänden und Kommunen. „Im Garten- und Landschaftsbau haben in den meisten Städten vor 15 Jahren noch zehnmal so viel Menschen fest angestellt gearbeitet als heute. Die Arbeit ist natürlich nicht weniger geworden, es ist aber nur noch ein Drittel Stammbelegschaft, der Rest wird heute dann durch die Ein-Euro-Jobber erledigt“, so die Sozialrechts-Expertin Helga Spindler.“
[WDR 2008]
„‚Hartz IV‘ ist nur vordergründig Ökonomie, und die “Agenda 2010” bezweckt vielmehr, aus Staatsräson und von Staats wegen, die Produktion der Panik im Subjekt. […] Der Souverän nimmt die Probe auf den Körper und das Leben, d.h. auf die Loyalität, das Kapital die Probe auf die Arbeitskraft, d.h. auf die Produktivität; und beide setzen darin das Individuum als Stück Natur.“
[ISF 2005]
„Projektleiter Gnauck nennt die Ein-Euro-Jobber gern seine „Ameisenheger“. 15 sind es insgesamt. Ihre Mission: die flächendeckende Kartierung der Waldameise. Genauer gesagt: der Hügel bauenden Waldameise. Mit detektivischem Eifer spüren sie ihr nach, im Wald rund um Bautzen. Heute ist Sektor 55 dran.
„Er ist unser Sucher. Er sucht die Ameisen und sammelt sie ein. Das ist der Haubitz Andreas.“
Der Haubitz Andreas ist für das Aufspüren und Vermessen der Hügel zuständig. Wie die anderen von „Ameise 1″ ist der arbeitslose Lokführer schon das zweite Jahr auf der Ameisenschiene.
[…]
O-Ton: Dr. Anton Hammer, Deutscher Forstverein
„Es erinnert mich eigentlich an die Anfänge, wie man früher im Wald eben alles Mögliche aufgenommen hat. Da ist man auch zunächst mal davon ausgegangen, wir erfassen alles flächendeckend. Moderne Verfahren erfassen eigentlich nicht mehr flächendeckend, sondern gehen über diese Stichprobenverfahren. Und das beste Verfahren, das wir bundesweit im Moment haben, ist die Bundeswaldinventur.“Heißt: Alle zehn Jahre wird sowieso von richtigen Experten der gesamte deutsche Wald genau erfasst. Den drei von „Ameise 1″ ist egal, wie sinnvoll ihr Job ist. Sie müssen machen, was das Amt sagt. Auch wenn andere die Köpfe schütteln und man zuweilen mit eigenen Bedenken zu kämpfen hat.
Frage: „Wie war Ihre erste Reaktion?“
„Also meine war gewesen, sag ich ganz ehrlich: Ich hab gesagt: ‚Lasst die Tiere im Wald in Ruhe.‘ Und ich bin eigentlich immer noch der Meinung: Man soll sie eigentlich nicht stören. Aber wenn’s zur Erfassung jetzt gemacht wird, da müssen wir’s so machen.“[…]
Und es gibt noch ein Problem: Was die drei akribisch per Lageskizze festhalten, ist unter Umständen nur für den Moment. Denn die Millionen von Ameisen, weiß Annett Sehlert, haben leider ihren eigenen Kopf.O-Ton: Annett Sehlert
„Es kann ja auch sein, dass die Ameisen sagen, wir machen woanders einen Haufen. Wir verlassen den jetzt. Verlassene Haufen gibt’s ja auch. Die haben wir auch schon gefunden. Auch in dieser Größe gibt’s verlassene Haufen.“"
[MDR 2008]
