1947/1948 drehte Meyer Levin, der zuvor als us-amerikanischer Korrespondent im Europa des Zweiten Weltkrieges gearbeitet hatte, den Film „The Illegals“. Der Film erzählt die fiktive Geschichte eines jüdischen Paares, Sara und Mika Wilner, die als Displaced Persons den Weg der illegalen Immigration von Warschau quer durch Europa bis nach Palästina gehen.
Allein Sara und Mika werden von Schauspielern – Levins Lebensgefährtin Tereska Torres und Yankel Mikalowitz – gespielt. Alle anderen Beteiligten – Flüchtlinge, Soldaten, Grenzbeamte, Seeleute – sind reale Personen. Die Filmcrew, der neben Levin, Torres und Mikalowitz nur noch ein Kameramann angehörte, hatte es sich zum Ziel gesetzt, einen tatsächlichen Flüchtlingstreck von Polen in das damals noch von Großbritannien verwaltete Palästina zu begleiten.
Der Dreh war von etlichen Problemen überschattet, die von Geldmangel über die unvorstellbar komplizierte Beschaffung der Visa bis hin zu inhaltlichen Konflikten mit den Auftraggebern reichen. In dieser Hinsicht Höhepunkt der Dreharbeiten war wohl die illegale Überfahrt von Rom an die palästinensische Küste auf einem Schiff voller Displaced Persons. Das Schiff wurde bei seiner Ankunft von britischen Truppen unter Zuhilfenahme von Waffengewalt geentert, die Passagiere wurden in ein Lager gepfercht, die Filmcrew inhaftiert. Nur weil Levin die belichteten Filmrollen gegenüber den Gefängnisaufsehern als unbelichtet ausgab, konnte das beschlagnahmte Filmmaterial von der Überfahrt vor dem britischen Zugriff gerettet und der Film überhaupt fertig gestellt werden.
2005 erschien das Buch „Unerschrocken. Auf dem Weg nach Palästina“, das neben zwei Aufsätzen zur jüdischen Flüchtlingsbewegung und zum Hintergrund des Filmprojekts wesentlich das 1947 entstandene Filmtagebuch von Tereska Torres enthält. Torres hält hier einerseits ihre Beobachtungen während der Arbeiten an „The Illegals“ fest, die aufgrund ihrer engen Zusammenarbeit mit dem Subjekt-Objekt des Films, den jüdischen Migrant_innen, eine besondere Qualität haben. Zum Anderen finden sich auch Passagen der Reflektion und der politischen Lageeinschätzung, die sich durch die unbedingte Parteinahme für die von der Shoa gezeichneten Überlebenden auszeichnen.
Im Folgenden einige Auszüge aus Tereska Torres Tagebuch, das – von Ronny Loewy herausgegeben – in der Reihe „Zeitzeugnisse“ des Jüdischen Museums Berlin im Dumont-Verlag erschienen ist.
„Die 70.000 überlebenden Juden [aus Polen], die aus den Konzentrationslagern oder aus Russland zurückkamen, haben bei ihrer Heimkehr nichts als Ruinen und Trümmer vorgefunden. Polen erschien ihnen wie ein großer Friedhof – das sind ihre eigenen Worte.
Ein Dorf wie Strykow, in der Nähe von Lodz, wo wir den Anfang unseres Films gedreht haben, war vor dem Krieg fast vollständig von Juden bewohnt. Heute gibt es dort einen Jude und seine Frau.
[…]
Fast jeden Tag verlassen Gruppen vom Rest der polnischen Juden das Land und reisen nach Deutschland, treffen sich in DP-Lagern wieder und machen sich auf die illegale Reise nach Palästina. Sie sind es, denen wir im Verlauf des Films folgen.
Für sie gibt es auf der Welt nur eine Lösung für die jüdische Frage, und das ist ihr eigenes Land. Sie wollen kein Aufnahmeland, so gut es auch sei. Sie wollen eine normale Nation sein unter den anderen, weil bis jetzt die Welt nicht begriffen hat, dass es „weder Grieche noch Jude“ gibt, sondern nur Menschen, alle gleich in ihrem Unglück, ihren Schwächen und Größen, alle des gleichen Entsetzens fähig wie der gleichen Heldentaten, weil sich die Welt bis jetzt hinter zahllosen Grenzen verschanzt, die immer zahlreicher werden, jeder sich doppelt einschließt, im Misstrauen und Zweifel gegen seine Nachbarn lebt. Weil es Länder gibt, alle verfeindet, die Armeen aufbauen und Zölle erheben, deshalb wollen sie, dass auch sie, die Juden, ein Land haben, um zu sein „wie die anderen“, in der Hoffnung, dass einmal der Tag kommt, an dem es nicht mehr nötig sein wird, sich hinter einer Grenze zu verschanzen, und an dem alle Staaten vereinigte Staaten sein werden.
[…]
Wir waren lange im Rothschild-Hospital in Wien, einem großen schmutzigen und düsteren Gebäude, das als DP-Lager dient.
Dort haben wir ungefähr die gleichen Szenen erlebt wie im Verlauf unserer Reise in den DP-Lagern in Deutschland. Die gleichen Schlafsäle mit Stockbetten aus Holz, die gleichen armen Menschen, die zu zehn oder zwölf Personen in ein winziges Zimmer gequetscht sind. Die gleichen blassen Kinder mit zerrissenen Kleidern. Die gleichen ängstlichen Gesichter mit hohlen Wangen und fiebrigen Augen. Man serviert ihnen eine Suppe, die an die in den Konzentrationslagern erinnert. Sie essen aus Konservendosen, wie Obdachlose. Hier kommen die meisten aus Rumänien und Ungarn. Sie sind vor den Nachkriegspogromen geflüchtet. Viele sind zu Dieben, Lügnern geworden, schlampig, träge. Man schleppt sie seit zwei oder drei Jahren von Lager zu Lager. Alle Grenzen sind ihnen verschlossen, Palästina ist für sie zu einer Obsession geworden. In jedem Fall ist dies ihre einzige Wahl – denn wer sonst will diese armen kranken Menschen. Wer sonst, wenn nicht ihre eigenen Brüder, die ihnen ein gesundes Leben durch Feldarbeit anbieten. Seltsamerweise wissen sie, dass nichts anderes sie retten kann.
[…]
Sie sehen so traurig aus, so niedergeschlagen, so vereint in dem Bild ewigen Unglücks, dass man sich fragt, ob sie nicht schon immer so waren: verlauste Obdachlose.
[…]
Ein Mann kommt zu mir und sagt: „Heute werde ich mit einem Transport abreisen. Ich gehe nach Palästina. Wenn ich einen Tag länger hier bleiben müsste, würde ich verrückt. Sie können sich nicht vorstellen, wie es ist, in diesem Schlafsaal zu schlafen. Um acht Uhr abends wird der Strom abgestellt und dann gehen sofort Schreie und Streitereien los.“
Und wer ist schuld?
Sind diese armen Menschen schuld, dass sie schmutzig, traurig, demoralisiert sind? Oder die Länder, die drei Jahre nach dem Ende des Krieges zulassen, dass es weitere Konzentrationslager gibt, DP-Lager, Opfer des Hitlerismus, die weder Heimat noch Nahrung, noch Kleidung, weder ein Zuhause noch ein menschenwürdiges Leben haben, nur weil sich Amerikaner, Russen, Engländer und Franzosen endlos streiten, ohnmächtig, unfähig sind und jede der Parteien wechselseitig jede „Konferenz“ zum Scheitern bringt.
[…]
Man bringt einen alten Mann zu uns mit einem langen weißen Bart, mit einer langen Redingote und schwarzen Stiefeln bekleidet. Er sieht aus, als sei er mindestens 80 Jahre alt. Der uniformierte Junge, der ihn uns präsentiert, sagt: „Dieser alte Mann ist zu uns gekommen und sagte, er möchte nach Palästina. Ich sagte ihm, wir hätten kein Zertifikat mehr. Er antwortete: ‚Wenn es sein muss, gehe ich zu Fuß.‘ Also verschiffen wir ihn mit den anderen – illegal.“ Der alte Mann lächelte in seinen Bart. […] Er war ganz allein auf der Welt. Seine Frau und seine Kinder, seine Brüder und Schwestern waren in Polen getötet worden. Er wollte nach Palästina, um zu sterben. Falls nötig, hätte er den Weg zu Fuß zurückgelegt.“