Die letztwöchige Stürmung und temporäre Besetzung der Humboldt-Uni zu Berlin, in deren Verlauf eine Ausstellung über die Arisierung jüdischer Unternehmer_innen partiell zerstört wurde, erregte bundesweit die Gemüter – ein Aufschrei, der noch immer seinen Nachklang in der Blogosphäre findet. Dabei scheinen sich in idealtypischer Sichtweise zwei Positionen gegenüberzustehen: Zum Einen die prinzipielle Rechtfertigung der Besetzung und des damit einher gegangenen Vandalismus bei Verurteilung der Zerstörungen an der Ausstellung, die jedoch als unintendierter Kollateralschaden gewertet wird. Zum Anderen eine Position, die ausgehend von den Zerstörungen einen antisemitischen Mob am Werke sieht und in dieser Formation eines quasi barbarischen Mobs das wesentliche Charakteristikum der ganzen Aktion erkennt.
Ich möchte in aller Kürze eine alternative Überlegung in den Raum stellen:
Zunächst wäre weniger der reale Umgang mit der Ausstellung, sondern der Diskurs über die Zerstörung von Interesse. Die HU versucht sich in Form ihres Präsidenten, der wahrheitswidrig als Grund der Besetzung die angeblich so guten Beziehungen der HU zu israelischen Unis heranzieht, als eigentliches Opfer eines Angriffs, der den „jüdischen Mitbürgern“ gegolten habe, in Szene zu setzen. Die HU umarmt die sonst wenig beachteten „Mitbürger“ offensiv, setzt sich an deren Stelle und besetzt die Rolle der reinen Unschuld. Sie entzieht sich somit der kritischen Debatte über Bildung und deren Verwertung, und verschweigt ebenso ihre eigene Geschichte wie Gegenwart, die mit einschließt, dass vor dem Senatssaal Porträts von NSDAP-Mitgliedern und SA-Männern hängen, der prospektive Bubis- und Reich-Ranicki-Killer Martin Walser in der HU liest oder sich renommierte HU-Profs wie Christina von Braun im Vorstand des Deutschen Orient-Instituts engagieren, dessen Mutterorganisation sich seiner Gründung im Jahr 1934 bis heute rühmt, ohne dass jemand diese Verhältnisse problematisieren würde.
Stattdessen werden die jugendlichen Besetzer_innen als rasende, unkontrollierbare, außer Rand und Band geratene Masse gezeichnet, die in Zaum gehalten werden müsse. Dieses ideologische Zaumzeug bildet die demonstrative, wohlfeile da kostenlos zu habende Abgrenzung vom Radau-Antisemitismus der Jugend, immerhin dem eigenen Nachwuchs. Die Botschaft des medialen Diskurses des bürgerlichen Spektrums ist die altbekannte Totalitarismustheorie, nach der alle Gewalt, ob von rechts oder links kommend, letzten Endes den selben Motivationen entspringe und die selben Konsequenzen zeitige. Resultat ist die Belegung jeder gewaltförmigen Normabweichung und damit potentiell jeden effektiven Widerstandes mit dem NS-Tabu. Der Pseudo-Antifaschismus der Berliner Republik, der die Aufarbeitungsweltmeisterschaft für sich reklamiert, eignet sich somit nicht allein als Legitimation für Angriffskriege nach außen, sondern auch als ideologisches Tool der präventiven Aufstandsbekämpfung.
Zum Anderen, um noch einmal auf den Ausgangspunkt der Debatte zurückzukommen, lässt sich die Zerstörung einer Ausstellung über arisierte jüdische Unternehmen nicht als marginale Begleiterscheinung einer ansonsten vollkommen gerechten Besetzung abtun. Die Bilder befremden, die Aktion irritiert, so wie das Phänomen das Wesen in Frage stellt. Denn auch wenn diese Ausstellung lediglich der Inszenierung der wieder gut gewordenen Nation dient, die leider kaum materielle Mittel für sogenannte Wiedergutmachungszahlungen an die Opfer aufwenden vermochte (von Rettungspaketen über 500 Mrd. Euro nichts zu sehen), so bleibt ihre Zerstörung doch objektiv ein revisionistischer Akt, ein Akt wider das Gedenken, der die Jüdische Gemeinde zurecht besorgt (wenn auch, etwa vom Zentralrats-Sprecher Kramer, vor vorschnellen Urteilen gewarnt wurde).
Geht man nun also weder von einem antisemitischen Mob noch von einem bedauerlichen Zufall aus, bleibt folgende Überlegung, die vielleicht eher eine vage Lehre darstellt:
Die Jugendlichen sind, wie ihre Umgebung, zutiefst von einer ihnen gewaltförmig gegenübertretenden Gesellschaft geprägt. Diese Gewalt zeigt sich spezifisch in der Institution Schule, die ihre Insassen kaum mehr denn als zu bevormundende Objekte kennt, die mit Trichtern voller Wissen befüllt – oder einfach nur noch verwahrt – werden sollen. In den letzten Jahren hat sich hier einerseits eine zunehmende Straffung und Rationalisierung (G8 usw) durchgesetzt, die sich in vermehrtem Leistungs- und Normendruck niederschlägt, andererseits die Aussicht auf Aussichtslosigkeit auf dem Arbeitsmarkt und eine Ahnung, es (noch) schlechter als die Eltern zu haben im Leben. Diese Gemengelage begünstigt nicht nur einen praktischen Sozialdarwinismus in Form von Cliquenbildung, Mobbing usw, sondern auch eine entsprechende Ideologiebildung, die sich an den beliebtesten Dissen unter Schüler_innen – „Schwuchtel“, „Opfer“, „Jude“ – erahnen lässt.
Wenn diese Subjekte, die noch mehr als Erwachsene Spielball der Geselllschaft sind – da sie noch nicht einmal doppelt freigesetzt sind – sich gegen die alltäglichen Zumutungen der Bildungsanstalten zu wehren beginnen, ist das erst einmal positiv. Jedoch kann diese Rebellion zunächst nur entweder in gänzlich affirmativen Bahnen verlaufen – man macht ‚bunte Aktionen‘, trägt die Bildung zu Grabe, appelliert an entsprechende Politiker_innen usw – oder sich in blinder, unspezifischer Aggression äußern. Diese Aggression ist nicht unpolitisch, sie ist ja direktes Produkt der Verhältnisse, und genau das macht sie so problematisch. Wie die Gesellschaft ihnen gegenübertritt, als anonyme, respektlose Dampfwalze, so treten sie nun für einen kurzen Augenblick der Gesellschaft gegenüber. In der temporären Umkehrung der Machtverhältnisse könnte ein positiver Moment liegen, eine Ahnung davon, wie es wäre, wenn alles anders wäre. Es setzt sich jedoch in der Regel eine Verlängerung des kapitalistischen Sozialdarwinismus durch, eine Erfahrungs- und Erbarmungslosigkeit, die nicht mehr die individuellen Folgen des eigenen Tuns bedenkt. Weil dem Allgemeinen spontan, unreflektiert gegenübergetreten wird, weil man eben auch das Arschloch sein will, zu dem man zugerichtet wird, verbleibt man bei der Wahl der Waffen im Rahmen des Allgemeinen und walzt somit über das Besondere – die Ausstellung zu einem vernichtenden Bestandteil deutsch-jüdischer Geschichte – hinweg.
Die unbestimmte Revolte, die blind im Bestehenden verhaftet bleibt, ist somit nicht, wie vom linken Euphemismus und vom rechten Totalitarismus nahe gelegt, das je nachdem zu begrüßende oder zu verdammende Gegenbild zur herrschenden Ordnung. Das kurzatmige Wüten der konformen Rebell_innen in die dauerhafte Zersetzungsarbeit der bestimmten Negation zu transformieren, um das Ende der Gewalt herbeizuführen, wäre die Aufgabe einer communistischen Bewegung. Oder so.
Was die anderen schreiben:
Die Sache im HU-Foyer
Scheiß HU! Scheiß Studenten!
Das Elend des post-antideutschen Milieus
Wieder nichts gelernt
Widerlich
Schooligans für den Frieden