Ole Frahm und Friedrich Tietjen geben in der Phase 2 eine kleine diskursive und realhistorische Abhandlung der Mülltrennung in Deutschland zum Besten:
„Das DSD [Duale System Deutschland] durfte bis 1998 keine Gewinne erwirtschaften. Da aber alle Verpackungen einen Grünen Punkt tragen mussten, gab es enorme Summen, die in die Entwicklung von Recycling-Technik investiert werden konnten. Deutschland, seit langem international für Maschinenbau bekannt, wurde in diesem Sektor innerhalb weniger Jahre führend und konnte die gewonnenen Maschinen, Verfahren und Industrien exportieren. Es gab selbstverständlich keinen Sturm der Entrüstung unter den KonsumentInnen, die staatlich verordnet einen Wirtschaftszweig und damit direkt private Profite finanzierten, sondern im Gegenteil wurde die schon bei Glas und Papier noch etwas mühsam eingeübte Praxis der Mülltrennung zur ersten Bürgerpflicht. Mitmachen find ich gut! lautete der konformistische und an politischer Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassende Slogan, mit dem sich das neue System zu etablieren suchte. Heute ist das DSD nach einer Zeit als Aktiengesellschaft (1998–2004) eine GmbH. […] Die Zukunft des Dualen Systems Deutschlands scheint […] ungewiss; dass Deutschland durch das Kartell der Müllentsorger europaweit führend ist, gilt auch in Zukunft.
[…]
Die Debatte um den anfallenden Müll durch Verpackungen begann nicht erst 1991, sie war einiges älter. In Deutschland lässt sie sich spätestens ab dem Dritten Reich mühelos als hartnäckige Abwehr der Distributionssphäre identifizieren. Die Verpackung gilt in dieser Perspektive als etwas dem Gebrauchswert der Ware fremdes, sie tritt erst – parasitär – hinzu. Die davon abgeleitete Minderwertigkeit der Verpackung führte nicht zuletzt dazu, dass die als minderwertig Angesehenen in den Gefängnissen dazu gezwungen wurden, diese herzustellen. Dieser Diskurs setzt sich mühelos bis Anfang der neunziger Jahre fort, wenn er auch seine antisemitische Ausdrücklichkeit abstreift. Doch Slogans wie Jute statt Plastik atmen noch diese Abwertung des Flüchtigen, und es ist kein Zufall, dass 1971 nicht die Industrie oder das Auto, sondern die alle anderen Verpackungen verpackende Plastiktüte als Umweltverschmutzerin Nummer Eins galt. Das Duale System Deutschland hat mit seinem Grünen Punkt diesen Diskurs nicht unterbrochen, wohl aber verschoben. Die Verpackung, die in den Jahren zuvor durchaus auch als das Verdrängte oder schlechte Gewissen der Waren erscheinen konnte, wird durch das Warenzeichen Der grüne Punkt sichtbar und an eine Praxis angeschlossen, in der sie besondere Aufmerksamkeit erfährt und vom übrigen Müll selektiert wird. Der Verpackungsmüll wird gemäß dieser Ideologie nicht mehr als nutzlose Materie vernichtet, sondern wiederverwertbar neuen Bestimmungen zugeführt. Die deutsche Vergangenheitsbewältigung hat viele und oft nicht die sichtbarsten Wege genommen.
Ideologie und Alltag
Immer wieder wird behauptet, dass das DSD zur Müllvermeidung beigetragen habe. Das ist pure Ideologie. Alle Praktiken und Techniken, die seit 1991 entwickelt wurden, haben nichts vermieden. Sie haben nur einen weiteren Bereich des privaten Lebens ökonomisiert und dabei ein weiteres Feld unbezahlter Arbeit geschaffen. Denn indem die KonsumentInnen bei jeder Verpackung mitwirken müssen, indem sie das Zeichen des Grünen Punktes lesen und als Handlungsaufforderung verstehen müssen, werden sie für die Recyclingindustrie tätig, ohne selbst irgendetwas davon zu haben. Sie werden zu Müllvorsortierern wider Willen. Eine Anekdote aus der Zeit der Einführung des Grünen Punktes erzählt davon. Rentnerinnen und Rentner sind mit Einkaufstaschen voll ausgeschnittener Grüner Punkte zu Sozialamtsstuben, Filialleitungsbüros und Informationsständen des DSD gekommen, um den erkauften Rabatt nun auch einzulösen. Sie hatten nicht vergessen, dass sie für etwas bezahlten, das ihnen kein Bedürfnis befriedigte, nicht einmal ein moralisches.“
Die ansonsten merkwürdige österreichische Seite repeller macht auf die geschlechtliche und klassistische Komponente der müllvermittelten Ausbeutung aufmerksam:
„[D]ieses sparsame System […] kommt einfach dadurch zustande, dass die privaten Haushalte – vorwiegend natürlich die Frauen – den Müll sammeln, waschen, sortieren und lagern. Kostenlose Arbeit, kostenlose Bereitstellung von Reinigung und Reinungsmitteln, oft kostenlose wochenlange bis zu einem Monat dauernde Lagerung (etwa beim Plastikmüll) und kostenloser Transport zu den Sammelstellen. Beim Neubau von Eigenheimen setzt man mittlerweile einen bis zwei Quadratmeter mehr „Wohnraum“ für die Lagerung und Sammlung des Mülles an. Dort wo man dies noch nicht berücksichtigen konnte, wird der Balkon zum Mülllagerplatz. Diejenigen Bevölkerungsgruppen, die ihren Urlaub nur auf „Balkonien“ verbringen können, werden schon wegen der Geruchsbelästigung und aus Hygiene- und Gesundheitsgründen ihren Wert(!)-Müll säuberlich waschen.“
Auf die geschichtlichen Kontinuitäten des Verhältnisses der Deutschen zum Müll und dessen Aufbereitung und In-Wert-Setzung hatte bereits einst Café Morgenland verwiesen:
„„Kampf dem Verderb“, unter diesem Motto stand die „Sammelaktion für Altmaterial“, die mit deutscher Gründlichkeit in die Tat umgesetzt wurde. Metalle, Lumpen, Papier, Staniolpapier, Zahnpastatuben und Jute – alles wurde in den Haushalten, den Schulen, den Betrieben (Sammeltonnen wurden bei den Pförtnern und auf dem Weg zur Kantine aufgestellt) getrennt gesammelt und dem Kreislauf der deutschen Kriegswirtschaft wieder zugeführt.
Die getrennte Müllsammlung ist nicht nur eine Erfindung der Nazis: Sie ist inzwischen heute das umfassendste und erfolgreichste Erziehungsprogramm für die Nachkriegsdeutschen. Es ist heute eine Tatsache und keine Denunziation, daß ALLE – ob Linksradikal oder Rechtsnormal – diesem Sport eifrig nachgehen. In den besetzten Häusern, in Szene-Treffpunkten oder privat.
[…]
Woher kommt diese massenhafte Bereitwilligkeit fast aller – auch der „Staatsfeinde“ – da mitzumachen?“
Sogar Gunnar Sohn, ehemaliger Sprecher des Duales Systems, diagnostiziert:
„Das scheint eine deutsche Krankheit zu sein, denn in keinem einzigen Land außerhalb Deutschlands wird so ein Mülltrennungsterror betrieben, wie wir ihn hier praktizieren.“
Henryk M. Broder wird in dem oben angeführten Morgenland-Pamphlet folgendermaßen zitiert:
„Die Lust an der Entsorgung gilt in Deutschland der Geschichte ebenso wie dem gewöhnlichen Haushaltsmüll.“
Broder trifft damit offenbar einen realen Kern, ablesbar an solchen nur noch zynisch nennenden Assoziationsketten wie in dieser Überschrift einer Pressemitteilung der Universität Oldenburg, die voll Stolz verkündet:
„60 Jahre nach dem deutschen Überfall -Ehemalige Sowjetbürger bewundern die deutsche Mülltrennung“
Die Lust an der Mülltrennung und -entsorgung entspringt einer analen Fixierung – man will im Schmutz (der Vergangenheit) wühlen, phantasiert sich Berge von verdreckten Joghurtbechern und verkrusteten Senfgläsern – und gleichzeitig soll dieser Dreck weg, will man putzen, reinigen, wienern und das sonst so schnöde Weggeworfene einem neuen Daseinszweck zuführen. Sauberkeit, Ordnung, Trennung, Gemeinschaft und Sinnstiftung sind zentrale Kategorien des Diskurses der Mülltrennung: jede Verpackung, jedes Subjekt, soll, rein und fein, seinen Platz finden, im Grün-, Weiß- oder Braunglascontainer.
Aus Scheisse soll Gold werden: das ist hier durchaus wörtlich zu nehmen. Aus den faszinierenden, doch unverstandenen Ausscheidungen des eigenen Körpers, des Haushalts und der Nation soll Sinn erwachsen. Die deutsche Nation, die gründlich verkackt hat, will sich von diesem Makel befreien, indem sie ihn nutzt, in Wert setzt – „nicht trotz, sondern wegen Auschwitz“. Der dauernde Prozess der Volks- und Konsumhygiene wird als moralische Tat in Szene gesetzt – für die Bewahrung der Umwelt, gegen die zerstörerischen Auswüchse der Globalisierung und der hemmungslosen Kommerzialisierung, wie es von NPD über CSU und BUND bis Attac und Linkspartei heißt. Ganz anders als die Amis, die mit ihren Protzautos und ihrer Wegwerfkultur kein Morgen kennen, oder auch die Franzosen mit ihrer Kultur der Plastikflaschen. Das einig Volk der Mülltrenner_innen geriert sich als antikapitalistisch-ökologische Avantgarde, wo es doch gerade noch das Letzte, den Überfluss, das bisher Wert-Lose, in den kapitalen Kreislauf einspeist und damit zur Vollendung des alles verwertenden Unheils schreitet.