Locker gelogen: Das Erlebnis Deutschland

07. Juni 2008

einestages, die „Zeitgeschichten auf SpiegelOnline“, bedienen sich zur Geschichtsvermittlung des Web2.0-typischen user generated contents. Das spart Kosten, simuliert Nutzernähe und erzeugt den Anschein von Authentizität: statt staubtrockenener Historiker_innen, deren Ergüsse sich wie in Fließtext umgewandelte Formularauszügee lesen, berichten „Zeitzeugen“ ihre eigenen Erlebnisse: sie „waren selbst dabei, sie haben es mit eigenen Augen gesehen“. Der oral history-Turn, in die Breite des Volkes gebracht durch die Produktionen von Guido Knopp, hält im Internet Einzug. Da darf denn nun auch der Sohn des Wehrmachtssoldaten endlich die Geschichte seines Vaters („der Kessel war die Hölle auf Erden“) und damit des „größten Desasters der Weltgeschichte“ – der militärischen Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg – erzählen, die üblichen Phrasen von all den soldatischen „Tugenden“ und zugleich „hochtraumatischen Erlebnisse“ an der Front inklusive – alles übergossen mit einer klebrig-menschelnden Soße aus Sentimentalität, falscher Empathie und Selbstmitleid.

Wo Zeugnisablegen als Methode der Wahrheitsfindung in ihr Gegenteil, die Lüge, verkehrt wird, da lauert der Nationalismus als größte Lüge überhaupt schon um die Ecke. In Zeiten der fussballinitiierten Normalitätseuphorie drängt sich diese Lüge feist ins Rampenlicht. Bei einestages tritt Monique Bienge – eine 17jährige schwarz-rot-blonde Brandenburgerin, die durch ein zufällig entstandenes Bild beim PublicViewing 2006 auf die Titelblätter der Presse geriet – als Charaktermaske der nationalistischen Lüge auf. Auf dem Foto sieht man ein für Mainstream-Verhältnisse recht attraktives, doch nicht überdurchschnittlich schönes Mädchen mit blonden Haaren, rasierten Achseln, einem unschuldig-weißen Top und den üblichen Insignien des Party-Patriotismus (bemalte Wangen, Schal usw.). Inmitten eines Fahnemeeres schreit sie auf den Schultern eines Freundes sitzend ihre Begeisterung für ihr Team, ihr Volk, ihr Vaterland heraus. Die massenhafte Verbreitung des Bildes war wohl kein Zufall, symbolisiert sie als jugendlich-poppige, nett-unaggressive (die süßen Zähnchen!) und weibliche Person inmitten nationaler Farben doch genau das Bild, welches die Deutschen damals sich selbst und der Welt präsentieren wollten: harmlos wie ‚kleine Mädchen‘, doch geschlossen wie eine Division von Elite-Soldaten.

Dieser Widerspruch zwischen hedonistischem Feierwillen und unbedingter Uniformität findet sich auch im „Zeitzeugenbericht“ von Bienge wieder. Zunächst versucht sie die Genese ihres Fantums zu erkunden, muss aber selbst die Waffen strecken („kann ich eigentlich gar nicht genau sagen“) und verweist auf ein ominöses, in ihr lange „schlummerndes Fussball-Gen“. Der Gen-Mythos wird schon im nächsten Satz wieder dementiert, erweist sich hier doch das unreflektierte Mitmachen als Movens der Fussballbegeisterung: „Wenn jeder deiner Freunde selbst Fußball spielt und ständig zu Spielen fährt, dann findest du das auch toll und rutscht da einfach so hinein.“
Am Spieltag selbst waren selbstverständlich alle „in bester Laune“, angekommen am Brandenburger Tor schließlich tauchte man ein in die „riesige Menschenmenge in Schwarz-Rot-Gold“. Beeindruckend sind die Parolen wie „Deutschland vor, noch ein Tor“, die „einstimmig“ erschallen. Die sonst selbsverständliche Trennung von den Mit- bzw. Gegenmenschen scheint aufgehoben in einer vorher unbekannten Kollektivität: „So ein Gefühl hatte ich noch nie erlebt, ein solches Miteinander! Jegliche Scheu und Distanz war verflogen.“ Selbst das typische Nörglertum der Deutschen, die sich sonst bei jedem Ast des Nachbarn, der über den eigenen Gartenzaun ragt, zum Gerichtstermin verabreden, war verflogen, was Bienge ungläubig festhält: „Ein Mann hinter mir regte sich nicht etwa darüber auf, dass ich ihm die Sicht versperrte, nein, er fragte mich gutgelaunt, woher ich denn die coole Sonnenbrille hätte. Prompt bot ich ihm ein Tauschgeschäft an: seinen famosen Deutschland-Schal gegen meine Sonnenbrille. […] Ohne zu zögern, schlug er ein.“

Mit dem Schal bestückt, stimmt die sonst stille Bienge einen Schlachtgesang an und animiniert die Umstehenden zum Mitsingen: „Irgendwie kam ich mir stark und selbstbewusst vor. Dabei schlottern mir bei Referaten in der Schule gewöhnlich vor lauter Angst die Knie“

Die eigene Stärke hängt direkt am Erfolg der 11 Repräsentanten der Nation auf dem Platz: „Als das erste Tor fiel, lief es mir kalt den Rücken runter – so überwältigte mich die Stimmung. Alle jubelten und lagen sich in den Armen, obwohl man sich gar nicht kannte. So hatte ich Deutschland noch nie erlebt und ich war in dem Moment richtig stolz, dazuzugehören. Gemeinsam zog man die Luft durch die Zähne, sobald sich die Situation vorm Gegnertor zuspitzte und raunte zusammen bei jeder knapp verpassten Torchance. Nirgendwo gab es schlechte Laune oder Aggressionen. Man fühlte sich wie eine große Familie. Ein berauschendes Gefühl.“

Die Menge verschmilzt, schaltet sich selbst gleich, die Differenzen zwischen den Stilen, Geschlechtern, Klassen treten in den Hintergrund zugunsten einer Einheit, die bis in die kleinsten Bewegungen reicht. Deutschland ist kein Ideal mehr, keine geschichtliche Verpflichtung oder eine normative, in Verfassungsform gegossene Ordnung, sondern ein Erlebnis, ein Gefühl, eine fast vorbegriffliche, unfassbare, mytische Atmosphäre. Von der Qualität des Spiels, überhaupt vom Sport, ist an keiner Stelle die Rede, auch der Gegner wird mit keinem Wort erwähnt – von Bedeutung ist allein die Stimmung, welche die Masse zusammenschweißt.

In all der Beschwörung von guter Laune und Feierei aber ist schon die Aggression als Option aufbewahrt:
„Der Abpfiff tat der Stimmung keinen Abbruch. Klar, wir hatten ja auch gewonnen! Euphorisch grölten sich die Menschen auf der Straße zu, während sie den Heimweg antraten.“

Glück gehabt, Deutschland hat gewonnen – ansonsten wäre das Grölen wohl weniger euphorisch, mehr bedrohlich ausgefallen. Wie jede Party zu ihrem Schluss kommt, so auch die WM, deren Ende Bienge folgendermaßen rationalisiert:

„Nach der WM war dann allerdings wieder alles wie vorher. Die Leute waren nicht mehr so aufgeschlossen; von dem Miteinander war nichts mehr zu spüren. Das stimmte mich ein wenig traurig. Trotzdem: Ich habe den „Ausnahmezustand WM“ sehr genossen und möchte ihn niemals missen. Für mich war es ein Märchensommer“

Das „Miteinander“ war also lediglich ein „Märchen“ – dass es ein wahres Miteinander aller Menschen geben könnte, wird so als naive Mär abgetan. Die identische Masse zerfällt, dem Viewing-Erlebnis beraubt, wieder in ihre mikrosozialen Einheiten – Dorf, Familie, Schulklasse, Clique, RZB, Subjekt. Das Erleben des und die Erinnerung an den „Ausnahmezustand“ stabilisiert jedoch den von jeglicher Träumerei gesäuberten Normalzustand – die Traurigkeit, die Abkapselung, die Ignoranz und die mörderische Konkurrenz. Einerseits scheint der Nationalismus damit über die isolierten, spektakulär begangenen Eruptionen hinaus an Bindungskraft zu verlieren – andererseits besteht mittlerweile keine wahrnehmbare, öffentlich formulierte Opposition gegen die nationale Unterwerfung mehr. Die Jugend und die Linke, zeitweise Horte von zumindest selbstbezüglichem Desinteresse (Grunge, z.B.) oder politischem Antagonismus, sind über das Party-Ticket beinahe total integriert. So blieb es denn 2006 Kleingrüppchen wie der auf Autobeflaggung spezialisierten autonomen Müllabfuhr oder einer Kampagne der Naturfreundejugend vorbehalten, einige Sandkörnchen ins Getriebe der neuesten deutschen Einheit zu streuen.

Gerade diese quantitativ absolut vernachlässigenswerte Minorität einiger Tausender wurde medial äußerst misstrauisch beäugt und mit Sonderberichterstattung belegt – man denke nur an die Hetze gegen den Verfasser der Broschüre gegen das Deutschlandlied, Benjamin Ortmeyer. Das Aufbauschen der Wirkmächtigkeit des Anti-Nationalismus und das zwanghafte Schielen auf das Ausland – erst vor wenigen Tagen fragte gmx.de „Mag UNS denn niemand?“ – indiziert die nicht nur zeitliche Beschränktheit von „Stärke“ und „Selbstbewusstsein“. Schließlich fundiert der Stolz auf die Nation schon rein begriffsmäßig auf dem Nichts, der leeren Abstraktion der nationalen Identität, für die keine allgemeingültige Definition gefunden werden kann. Zusätzlich aber wissen die deutschen Bienges, dass sie im Gegensatz zur Population manch anderer Länder im Grunde nichts miteinander anfangen, ohne nationalen Anlass nicht einmal ein ordentliches Fest auf die Beine stellen können.

Die Brüchigkeit der Verbindung zwischen den isolierten Subjekten evoziert eine Aggression, die sich 2006 vor allem nach der Niederlage gegen Italien in Schmährufen, Boykottaufrufen und Angriffen auf italienische Fans und Einrichtungen Bahn brach. Der „Focus“ wärmt für die EM nun wieder die Mär von den linken Nestbeschmutzern auf und lügt unter dem Titel „Aufwärmphase für Deutschland-Hasser“: „Die Linke würde Fußballfans am liebsten aussperren.“ Zum Zwecke der Denunziation wird das Leipziger „Conne Island“ zum Linkspartei-Projekt, dessen „anonymes ‚Kollektiv‘ […] Fans der Ballack-Elf praktisch Hausverbot“ erteile. (Man stelle sich bloß das Gesicht der süßen Monique Bienge vor, die von Anonymen Linksradikalen mit quasi-faschistischen Methoden am Besuch einer Veranstaltung, die sie sowieso nicht interessiert, gehindert wird.)

Als Sturmgeschütz der demokratischen Rechten weiß der „Focus“, dass es sich dabei um keinen Einzelfall handelt, sondern um eine linke Marotte, die – sich rapide ausbreitend – eine wahre Gefahr für 80 Millionen Bürger_innen darstellt:

„Für die Partei, die immerhin gerade zum Sturm auf die West-Parlamente ansetzt, dient der Deutschland-Hass nicht zum ersten Mal als Kitt fürs Linke Wirr-Gefühl. […] Der merkwürdige Hass auf das eigene Land scheint auch auf andere linkslastige Organisationen überzuschwappen.“

Während „Millionen Deutsche zur WM 2006 plötzlich ein lockeres und europataugliches Verhältnis zu ihrem eigenen Land entdeckt[en]“, steht die Linke als regierungsuntauglich, verkrampft, verschlossen und irrational-wirr da. Dass die Lockerheit in millionenfacher Person es nötig hat, sich in Denunzierungen und Pathologisierungen völlig jenseits journalistischer Sorgfalt gegen eine Veranstaltung mit einem Teilnehmerkreis im zwei- oder dreistelligen Bereich oder drei pubertierende Mitglieder der Grünen Jugend zu ergehen, zeigt die dunkle Seite der Lockerheit an. Locker sitzt bei den Mehrheitsdeutschen vor allem eines – die Bereitschaft, Abweichler aus den eigenen Reihen oder Gegner aus dem Ausland mit Häme, Spott und, im Ernstfall, Schlägen zu überziehen. Leider deutet nichts auf eine Trendwende hin zu einer nationalen Verkrampfung hin.


5 Kommentare

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  1. wie der angeblich hass der ‚linken‘ auf deutschland zur hetze gegen ‚fremdarbeiter‘ passt, kann der schreiberling bei focus wahrscheinlich nicht erklären.

    mich würde interessieren, ob es arbeiten zur ‚netzbeschmutzung‘ gibt, also zum ‚vaterlandsverräter‘-vorwurf. wäre interessant, kennst du da was?
    in ö spielte die fpö in den 1990ern ja ständig auf dieser klaviatur, jelinek war dabei feindbild#1.

    nur am rande: dass der knopp mit der tv-gerechten oral history begonnen hat, und dabei – denn ist der punkt – täter wie opfer gleichberechtigt herumlabern konnten (wobei täter idr nicht als solche gekennzeichnet wurde bzw. ihr geschwätz nicht kommentiert), stimmt mmn nicht. gab’s schon zuvor, ist eher ‚normal‘. hab er letztens wieder mal ne doku gesehen, ca. 18 jahre alt, nicht von knopp. da durfte, zwischen szenen mit opfern, der lächelnde von oven erzählen, dass goebbels ein ganz ein lieber war. es wurde natürlich nicht erwähnt, dass von oven in argentinien die ns-postlille la plata ruf gründete. etc.

    Comment von Laura — 7. Juni 2008 @ 11:00

  2. kenne keine arbeiten zu nestbeschmutzung, evtl. wird das am rande gestreift von diskursanalytischen txten zu antisemitismus, oder bei dietz bering („die intellektuellen“).

    ob knopp begonnen hat, weiß und glaub ich auch nicht, bin mir allerdings sicher, dass knopp der wesentliche katalysator für die popularisierung dieses ansatzes war. in den ersten brd-jahrzehnten war der ns v.a. beschwiegen oder historisiert worden, erst in den 1980er jahren wurde in geschichtswerkstätten und anderen basis-ansätzen „dem volk auf’s maul geschaut“, und knopp brachte diese unverfälschten erzählungen von unten in den 1990er jahren in den mainstream, mit großem erfolg, was die einschaltquoten angeht.

    siehe zb tobias ebrecht:
    http://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/050307_dtn_dossier_5_04.pdf
    oder phase 2 leipzig:
    http://phase2.nadir.org/rechts.php?artikel=151&print=

    der klassiker von günther jacob, „stille post“, ist leider nicht online, könnte ihn aber bei bedarf wohl von meiner konkret-cd ziehen.

    Comment von waiting — 7. Juni 2008 @ 12:35

  3. dass knopp zur popularisierung des ansatzes beigetragen hat, keine frage. die einebnung des unterschieds zw. opfern und täterInnen ist ein lukratives geschäft, da existiert nachfrage ende nie.

    oral history selber ist nicht schlecht, aber halt nur solange kontextualisiert und die position des/der erzählenden nicht verabsolutiert wird, also verdrängung, schuldumkehr etc miteinbezogen werden. dass das lange nicht immer gemacht wird, ist leider fakt.
    habe grad wieder ne abschlussarbeit gelesen, wo in bezug auf die unschöne ustascha-vergangenheit und antisemit. äußerungen (nach 1945) eines wichtigen fachvertreters den netten erzählungen von kollegInnen des antisemiten natürlich glaube geschenkt wurde, statt zu analysieren.

    danke für die links! (konkret-cd hab ich.)

    Comment von Laura — 7. Juni 2008 @ 13:04

  4. […] Auch verschiedene rechte Sturmgeschütze haben den Fahnensport entdeckt: Der Focus beschreibt ihn als Kitt des linken Wirr-Gefühls, Die Bild findet das urinieren auf Schlandfahnen Schwarz-rot-GESCHMACKLOS (via waiting, hier findet sich auch Abriss dazu wie hohl das nattionale Wir-Gefühl faktisch ist.) […]

    Pingback von Rematch im Fahnensport! « bikepunk 089 — 10. Juni 2008 @ 13:41

  5. […] Waiting über deutsche “oral history” und Nationalismus im Kontext des Fußballs. […] Wo Zeugnisablegen als Methode der Wahrheitsfindung in ihr Gegenteil, die Lüge, verkehrt wird, da lauert der Nationalismus als größte Lüge überhaupt schon um die Ecke. In Zeiten der fussballinitiierten Normalitätseuphorie drängt sich diese Lüge feist ins Rampenlicht. Bei einestages tritt Monique Bienge – eine 17jährige schwarz-rot-blonde Brandenburgerin, die durch ein zufällig entstandenes Bild beim PublicViewing 2006 auf die Titelblätter der Presse geriet – als Charaktermaske der nationalistischen Lüge auf. Auf dem Foto sieht man ein für Mainstream-Verhältnisse recht attraktives, doch nicht überdurchschnittlich schönes Mädchen mit blonden Haaren, rasierten Achseln, einem unschuldig-weißen Top und den üblichen Insignien des Party-Patriotismus (bemalte Wangen, Schal usw.). Inmitten eines Fahnemeeres schreit sie auf den Schultern eines Freundes sitzend ihre Begeisterung für ihr Team, ihr Volk, ihr Vaterland heraus. Die massenhafte Verbreitung des Bildes war wohl kein Zufall, symbolisiert sie als jugendlich-poppige, nett-unaggressive (die süßen Zähnchen!) und weibliche Person inmitten nationaler Farben doch genau das Bild, welches die Deutschen damals sich selbst und der Welt präsentieren wollten: harmlos wie ‘kleine Mädchen’, doch geschlossen wie eine Division von Elite-Soldaten. Weiterlesen […]

    Pingback von ‘Here we go again’ oder ‘es ist Fußball’ « riot propaganda — 11. Juni 2008 @ 17:05

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