Kein Dancefloor in Auschwitz – Zum 8. Mai

09. Mai 2008

Eine Rede von monochrom.at [via] zum 08.05.05, die sich aus österreichischer Perspektive mit dem Tag der militärischen Niederschlagung des Nationalsozialismus beschäftigt und sich nicht der in der Antifa und der angeschlossenen Blogosphere virulenten Abziehbilder eines heroischen Triumphes bedient:

„Gedenken wir der je 20 Russen und Russinnen, die in einem kaum vorstellbaren Vernichtungskrieg auf einen gefallenen Deutschen oder Österreicher kamen, und was sonst noch auf deren Seite mitlief.
Gedenken wir aber nicht des Opfers, das unsere russischen Brüder und Schwestern brachten, um die entfesselte deutsch-österreichische Nazi-Bestie zu überwinden.
Gedenken wir ihrer vielmehr als Menschen, als Brüdern und Schwestern, indem wir ihnen nicht in der Diktion des europäischen Militarismus gedenken, der die Nazis mit ihren alliierten Gegnern im Sinne einer Kontinuität verbindet. Ehren wir sie, indem wir ihnen nicht den militaristischen Krampf einer Ehrung antun. Glorifizieren wir nicht ihr Leiden, ihre Schmerzen und die Gewalt, in der sie umkamen, indem wir sie zur militärischen Leistung verkitschen.
Täuschen wir uns nicht durch gut geöltes und alteingesessenes Militärvokabular darüber hinweg: Die meisten von ihnen starben nicht freiwillig. Sie starben nicht für ihr Vaterland, ihr Volk oder ähnlichen Müll. Sie starben auch nicht für Stalin und sein Regime, wie sie nicht für den österreichischen Nationalstaat, die Ehre der österreichischen Nation oder das jetzt errichtete pluralistische Regime starben. Ihr Sterben war kein Opfer, sondern Sterben.
Sie kämpften und starben, weil ihnen keine Wahl blieb.
Sie kämpften und starben, weil sie die faschistische Vernichtungsmaschine bedrohte.
Sie kämpften und starben, weil zu kämpfen und dadurch vielleicht zu überleben, ihre einzige Chance war, vielleicht zu überleben.
Und sie starben, weil sie eben keine Soldaten und Soldatinnen waren, will sagen: keine gut ausgebildeten und gut ausgerüsteten Kampfmaschinen, sondern Menschen, die sich in äußerster Notwehr gegen den Faschismus warfen. Oder von Stalin geworfen wurden.
Menschen, die den Faschismus nicht dank soldatischer Tugenden mit Mut, Tapferkeit und Umsicht im Morden bezwangen, sondern nur durch die schier unvorstellbare Masse, als die sie sich der deutsch-österreichischen Vernichtungsmaschine entgegen warfen, um sie zu stoppen. Und dabei hier zu Hunderttausenden starben.
Denn wir sollten nicht so feige sein, sie aus durchsichtigen Gründen zu lauter kleinen John Waynes zu verkitschen, um darüber zu vergessen, dass die ethnischen Konsequenzen der faschistischen Theorie und Praxis große Teile der BewohnerInnen der Sowjetrepublik ganz unmittelbar betrafen. Sie wurden als Untermenschen geführt, betrachtet, behandelt und in kaum fassbarem Ausmaß ermordet.
Ich möchte heute all dieser Russen und Russinnen gedenken und ihnen danken, ohne dabei in den soldatischen, den militaristischen Tonfall und seine Phrasen zu verfallen, der schon viele tausend Jahre hindurch Leid und Elend in die Welt gebracht hat.
Ich möchte ihrer nicht in markigen Phrasen von Pflicht und Ehre, von Einsatz und Heldenmut gedenken. Ich will keine Kampfmaschinen, keine Körperpanzer aus ihnen machen, und was dergleichen mehr das Patriarchat an Leitbildern erfunden hat, um seine ständige Interessenvertretung namens Krieg und Expansion in die Menschen zu betonieren.
Ich möchte sie nicht noch einmal als Menschen ermorden, indem ich als Soldaten und Soldatinnen von ihnen spreche. Ich möchte ihnen danken und ihrer gedenken auf die einzige Weise, die mir dem Grauen angemessen erscheint, das unsere Großväter und Großmütter und mancher vielleicht noch, der heute hier unter uns steht, sie durchleben ließen.
Ich möchte von ihnen sprechen, nicht in der Sprache der Gewalt und der Männlichkeit, der Sprache der Herrschaft und der Ausbeutung.
Wir danken ihnen und gedenken dieser Menschen, nicht weil sie uns befreit haben – denn wir haben das nicht verdient.
Wir danken diesen Menschen, dass ihr millionenfacher, schlecht ausgerüsteter, ihr unvorbereiteter oder bürokratisch organisierter Tod die Welt befreit hat, jedenfalls vom deutsch-österreichischen Faschismus.“

Es wäre eh zu fragen, ob die mittlerweile als Standard etablierte Parole „Wer nicht feiert, hat verloren“ nicht ziemlich dumm ist. Einerseits, wo man (als Commie) andauernd gegen Staat, Volk und Kapital verliert, und darum keinen Anlass hat, sich über vermeintliche Loser zu mokieren – mal abgesehen von der fragwürdigen Suggestion, das nach 1949 ökonomisch prosperierende (West)Deutschland habe unterm Strich ein klares Minus eingefahren. Andererseits, wo bis zum 8. Mai 1945 (und selbst darüber hinaus, man denke an jene Unglücklichen, die noch nach der Befreiung an den vorher zugefügten Verletzungen starben oder schlicht weil sie sich an der ersten vernünftigen Mahlzeit überfraßen) soviel verloren ging, deutscherseits vernichtet wurde, dass eine Befreiungsfeier entgegen ihrer Intention auch immer die Leichenberge von Auschwitz zur Tanzfläche deklariert. Dass die Alliierten für 6 Millionen Ermordete zu spät kamen, sollte die Lust an der Feierei doch eigentlich stark trüben.

Naja, dank Lohnarbeit und praktischem Antifaschismus sowie der für morgen zu erwartenden Wiederkehr des Immergleichen keine Zeit, diese steile These auszuführen. Denkt halt mal selbst nach!

P.S.
Die Reduktion der Befreier_innen auf die Rote Armee in der monochrom-Rede finde ich zu platt.


6 Kommentare

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  1. Es müßte vielleicht mehr darauf zugespitzt werden, daß es – wenn überhaupt – nur diesen kurzen geschichtlichen Augenblick zu feiern gibt. So hab ich das auch immer verstanden.

    Comment von classless — 9. Mai 2008 @ 09:11

  2. am 8. mai feiert niemand auschwitz, sondern die befreiung davon. dass schliesst gedenken gar nicht aus. die parole ‚wer nicht feiert, hat verloren‘ ist natuerlich nicht besonders schlau. suggeriert es doch, dass jeder deutsche, der diesen tag einfach nur feiert, auch kein verlierer mehr sein muss.
    den tag der kapitulation deutschlands nicht feiern zu wollen, weil du dich als commie sowieso jeden tag als loser fuehlen moechtest, ist allerdings auch keine intellektuelle meisterleistung.

    Comment von saltzundessick — 9. Mai 2008 @ 09:53

  3. […] recommended reading an dieser stelle: schorsch über den blogosphärischen 8. mai und im kontext dazu eine betrachtung der nachkriegszeit und der fehler nach der niederschlagung deutschlands. waity erläutert warum feierei am 8. mai immer auch “auschwitz zur tanzfläche degradiert”. […]

    Pingback von subwave - exakt neutral :: 63 jahre bedingungsslose kapitulation - blogospärische störungen. :: Mai :: 2008 — 9. Mai 2008 @ 16:23

  4. @ classless:
    ja, ok.

    @ mpunkt:
    stop spamming.

    @ saltzundessick:

    „am 8. mai feiert niemand auschwitz, sondern die befreiung davon.“

    daher ja:

    „dass eine Befreiungsfeier entgegen ihrer Intention (!) auch immer die Leichenberge von Auschwitz zur Tanzfläche deklariert“

    „dass schliesst gedenken gar nicht aus.“

    nicht zwingend, es verlangt mir auch nicht analog nach einem feier- analog zum bilderverbot. aber es ist schon auffällig, dass gerade dieses jahr kaum ein guter text oder mit entsprechender praxis auf den ns und dessen fortwirken eingegangen ist/wurde. z.b. wäre der 8. mai der optimale tag, die immer noch nicht und wohl niemals realisierten zwangsarbeiterzahlungen anzumahnen.

    „den tag der kapitulation deutschlands nicht feiern zu wollen, weil du dich als commie sowieso jeden tag als loser fuehlen moechtest, ist allerdings auch keine intellektuelle meisterleistung.“

    ?
    mit einem subjektiven willen hat das wenig zu tun, es geht darum dass die geschichte ziemlich durchgängig eine geschichte der siege der konterrevolution ist und das bedürfnis, auch mal auf der seite der sieger stehen zu wollen, zwar nachvollziehbar, aber dennoch implizit eine verächtlichmachung von verlierern, opfern – also auch ‚uns selbst‘ – generell beinhaltet.

    Comment von waiting — 9. Mai 2008 @ 19:14

  5. ja. aber zumindest fuer diesen kurzen moment gehoerte deutschland am 8. mai 1945 zu den verlierern. und wenn das kein ausgezeichneter grund zum feiern und meinetwegen auch zum nachtreten ist, dann weiss ich auch nicht. mir wuerde es natuerlich auch besser gefallen, wenn wir das schon im kommunismus machen koennten.

    ps. schade, der comment des m(ultiplen)punkt ist leider weg, wo wir doch gerade freunde werden wollten :-)

    Comment von saltzundessick — 10. Mai 2008 @ 12:04

  6. „Die Reduktion der Befreier_innen auf die Rote Armee in der monochrom-Rede finde ich zu platt.“

    Ich finde es eher zu spitz.

    Comment von Ehre — 12. Mai 2008 @ 13:19

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