Die Wahl zwischen Not und Elend
24. April 2008Schon seit Tagen schlummerte in mir der Plan, die Berliner Kampagnen Pro und Contra Flughafen Tempelhof zu bebloggen. Justamente als ich zur Realisierung dieser genialen Idee ansetze, sehe ich nun, dass dissidenz mir bereits zuvorkam. Nun gut, man muss das Rad nicht zwei Mal erfinden, deswegen sei an dieser Stelle ein Link platziert.
Dennoch einige Ergänzungen meinerseits:
Den populistischen Charakter einer wesentlich von CDU-Kräften und Kapital getragenen Kampagne zu beklagen, ist tautologisch. Der verzweifelte Versuch der Tempelhofretter, den Flughafen als unabdingbaren Bestandteil der Berliner Identität und notwendigen Baustein dieser angeblichen Metropole zu platzieren sowie über Luftbrücken-Parolen das kollektive Gedächtnis der Stadt-als-Notgemeinschaft zu beschwören, ist denn auch so lächerlich, dass es kaum einer Kritik bedarf. Auf die Aporien der Kampagne, die von den Resten des Atlantiker-Flügels der Konservativen unter Appell an die längst verblichene BRD-Westbindung gefahren wird, und zugleich peinlich ihre Konstitutionsbedingungen – nämlich den Bau des gigantisch großen Flughafens durch die Nationalsozialist_innen – verschweigen muss, wurde ebenfalls bereits hingewiesen.
Ein eher unterbelichteter Aspekt der ganzen Debatte scheint mir der Law+Order-Diskurs zu sein, mit dem gegen den Park, welchen die Flughafengegner auf Tempelhof einzurichten planen, agitiert wird. Der Park, meines Wissens ursprünglich traditioneller Ort bürgerlicher Öffentlichkeit – Sonntagsspaziergang und Naturerfahrung auch für Städter – gilt, sofern in bestimmten Gegenden gelegen, schon seit Langem als Ort des Chaos, des Schmutzes, von Graffiti, Hurerei und Drogenhandel, quasi als InnerCity-Slum. Speziell die konservativen Berliner Recken befürchten wohl eine Schnittstelle zwischen ihrer weiß-deutsch-spießigen Bürgerwelt Tempelhof und dem gefürchteten Multikulti-Terrorkiez Neukölln, zwei Bezirke, die bisher eben durch den Flughafen getrennt existieren. So prohezeite die Welt Online laut jungle world für das angedachte Naherholungsgebiet, „dass es verslumen könnte. Berlins größter Drogenmarkt im Volkspark Hasenheide liegt nur wenig entfernt.«
Und auf einem neuen Plakat der Tempelhof-Ini findet sich unter dem Slogan „Wir lassen uns den Mund nicht verbieten“ das Gesicht einer Weißen, deren Mund von einer Schwarzen Hand zugehalten wird. Mal abgesehen davon, dass das Bekenntnis zu diesem Flughafen laut Umfragen von 56% der Berliner_innen geleistet wird und alltägliche Forderung in den Massenmedien ist, somit die Behauptung eines Tabus nur der Ruf an die Bürger zur konformen Revolte in Form des via Wahlzettels zu leistenden Schein-Aufbegehrens ist, impliziert das Plakat eine Unterdrückung dieser explizit Weißen Mehrheit durch eine als Schwarz gezeichnete Minderheit. Vielleicht sind es ja die Drogenhändler_innen aus der Hasenheide, die bekanntlich mit der mächtigen, international verzweigten Mafia im Bunde stehen, welche dem armen Berliner Gartenzwerg an der freien Meinungsäußerung hindern wollen? Oder doch die von der NPD beschworenen „Politbonzen“, die ein „riesiges Immobiliengeschäft“ wittern, das zum Ausverkauf des in NPD-Logik kulturellen Erbes – da Nazibau – Berlins führen würde, und welche die drogenvertickenden Migrant_innen aufgrund ihrer eigenen Entwurzelung vom Volke mit einem Ausweitung ihres Aktionsradius‘ beschenken?
Wer jedoch denkt, die an sich vernünftige Konversion eines abgewrackten Nazi-Flughafens in eine große und kostenlos zu nutzende Grünfläche werde von ihren Initiator_innen mit ebensolchen rationalen Argumenten unterfütter, irrt. Der Kampagne der Flughafengegner_innen geht zwar der rassistische Unterton ab, ebenso fehlt ein der Luftbrücke adäquater historischer Bezugspunkt, um sich als authentische Traditionalisten, verpflichtet einzig der Berliner Stadtgeschichte, aufzuplustern. Doch gerade deshalb gerieren sich die Gegner_innen – SPD, DGB, AWO, BUND usw. – als Schutzmacht der/s kleinen Mann-/Fraues, die/der ins Recht gesetzt werden soll. Hier wird mit den primitivsten Mitteln des ressentimentbeladenen Antikapitalismus gearbeitet – eine Plakatreihe der Kampagne bildete etwa eine Mutter (!) mit kleinem Kind (süß!), einen kernigen männlichen Bauarbeiter (anpackende ehrliche Haut) sowie eine rüstige Rentnerin (Kontinuität und Authentizität) mit Berliner Schnauze ab, die gegen die „VIPs“ und „Superreichen“ als ganz normale Deutschmichels herhalten sollen. Zwecks Lokalkolorisierung wurde der Oma der Satz „Ick fliege auf Berlin – aba nich von Tempelhof“ in den Mund gelegt. Die Oberen 10.000 werden von den Flughafenhatern als verdorbene, nur am Geschäft interessierte Kapitalhuren gezeichnet, die sich von der gemeinen Bevölkerung längst entfremdet haben.
Der Volksfetisch der Flughafengegner wird wiederum von den Tempelhof-Befürwortern mit der auf überdimensionale Plakate gedruckten Parole „Alle Macht geht vom Volke aus“ beantwortet. Im Sport würde man angesichts eines solch erbärmlichen Schauspiels wohl von Not gegen Elend sprechen. Die Provinzposse, die immer weiter an Fahrt zu gewinnen scheint, wird jedoch hoffentlich am Sonntag jäh ihr verdientes Ende finden: dann findet das Volksbegehren über die Zukunft Tempelhofs statt. Trotz der ekligen Kampa der Tempelhofgegner_innen möchte ich alle Leser_innen dieses Blogs aufrufen, für den Park zu stimmen, um mir damit zukünftig sonnige Stunden ungetrübt von Fliegerlärm zu verschaffen. Die Stimmen meines Publikums sollten ausreichen, um die Träume der Tempelhofretter platzen zu lassen.

Damit wären eigentlich die meisten Überlegungen erfasst, die auch mir in den letzten Wochen und Monaten zum Thema durch den Kopf gingen. Einzig noch: wo kommt das Geld für die unglaublich penetrante und breitflächige Kampagne der „Ja“-Seite her? Die müssen ja Fundraising ohne Ende betrieben haben. Und zum anderen: die Kampagne der Gegenseite sieht (abgesehen von der dubiosen Aussage= mit ihren 3 Motiven aus, als wäre sie vom Praktikanten in der Mittagspause konzipiert worden.
Comment von unkultur — 24. April 2008 @ 11:33
die kleinen piefigen pro-plakate sind ja direkt von der cdu, die auch sonst in der initiative (icat) drinhängt. daneben wird die m.w. nach v.a. von einigen privaten fluglinien getragen, die wohl in t‘hof selbst landen, und deswegen gerne fett budget in die kampa buttern. dass diese unverhüllte instrumentalisierung nicht kritisiert wird, wundert mich doch sehr, gerade bei der populistischen bonzen-rhetorik der linken.
interessantes aus der welt online:
http://debatte.welt.de/kontroverse/70364/eine+stadt+hebt+ab/kontra
„1975, als der Flugbetrieb schon mal eingestellt wurde und als noch um ein Vielfaches mehr Zeitgenossen der Luftbrücke lebten, bedauerten die Berliner kein bisschen, dort nicht mehr ein- oder aussteigen zu können. Sie atmeten nach all dem Lärm in der Innenstadt erst mal auf. „Tempelhof macht dicht: Bier in Strömen und Hammel am Spieß“, titelte die „Bild“-Zeitung am 1.September 1975 frohlockend. Hildegard Knef war die letzte Prominente, die ankam. Kein Wort des Bedauerns, dass sie ab sofort in Tegel ankommen würde, nur ein „Hoffentlich habe ich Zeit zum Bummeln“.
Comment von waiting — 25. April 2008 @ 00:16
nur schweine können fliegen:
http://lilapapierschwein.blogsport.de/2008/04/19/i-wanna-fly-to-the-moooooooooooon/
Comment von waiting — 25. April 2008 @ 20:43
tempelhof hat verloren:
http://www.wahlen-berlin.de/
Comment von waiting — 27. April 2008 @ 20:40