Original und Kopie

21. April 2008

Dass gewendete Linken, die sich dem Spät-Bürgertum andienen, indem sie sich in besonders schriller Weise gegen ihre ehemaligen Genoss_innen und gegen ihre eigene Geschichte wenden, in ihrem Eifer, ihre Unterwerfung unter Staat und Kapital den alteingessenen Machtträgern glaubhaft zu zelebrieren, immer noch eine Spur widerlicher, verfolgungssüchtiger und extremistischer (hihi) als die die authentischen Bürgerlichen daherkommen, bewiesen schon zahllose Revolutionäre der ’68er Garde. In jüngster Zeit knüpften die lächerlichen Vollhorste der FdOG an diese Tradition an, als sie ventilierten, ihre ehemaligen Bekannten von der Antifa hätten Ex-Bahamas-Autor Michael Holmes auf eine Todesliste gesetzt, eine Absurdität, die nicht einmal durchschnittlich aufgeklärte Schreiberlinge eines Piefkeblattes wie dem Tagesspiegel ernst nehmen würden. Zur Untermauerung der eigenen Credibility wurde von der FdOG denn noch der sicher stets objektiv berichtende und von Interessen ungetrübte Verfassungsschutz, dieser allseitig informierte Wächter über den Erhalt des Ganzen, herangezogen.

Heute stieß ich zufällig über einen Text von Alan Posener im rechten Drecksblatt Welt Online, der die Regel von der intellektuellen und moralischen Überlegenheit der Bürger gegenüber den Post-Linken in invertierter Weise belegt. Posener, ein für die Westbindung argumentierender Erzliberaler, reagiert hier auf einen Beitrag von Hannes Stein, der vor einem angeblich drohenden Neo-Totalitarismus in Form einer Renaissance des Sozialismus warnt. Posener beteiligt sich an der von Stein ausgeschriebenen Fahndung nach extremistischen Feinden der offenen Gesellschaft, verortet diese jedoch am anderen Ende des politischen Spektrums, bei der radikalen Rechten. Obwohl Posener als liberaler Ideologe von materialistischer Kritik gänzlich unbeleckt daherkommt und außenpolitisch wohl die selben Ziele wie die gruppe morgenthau (Bombardierung islamischer Zentren usw) verfolgt, kann er, dessen Denken noch nicht völlig von der angeblich drohenden Gefahr einer links-islamistischen Querfront der Barbarei gelähmt ist, in ungewöhnlicher Klarheit benennen, dass die rechten Islamhasser keineswegs den bewahrenswerten Status Quo verteidigen, ergo die Dinosauriern gleich letzten Wahlverwandten revolutionärer Konservativer sind. Vielmehr prophezeit er eine Faschisisierung Europas, die er als drängendere Gefahr denn die immer wieder beschworene Transformation des Kontinents hin zu ‚Eurabien‘ sieht.

Dass dieser eindrückliche Hinweis nicht von Antideutschen, sondern vom Kommentarchef der WELT am SONNTAG geschrieben werden musste, ist die Schande schlechthin. Die darin manifest gewordene blinde Stelle offenbart die identitären Reflexe distinktionssüchter (Ex-)Linker, die selbst eliminatorischen Rassisten wie Geert Wilders hinterherschafen, solange es nur gegen den Moslemmob geht.

Der folgende Text sei darum ausdrücklich der Nachwuchssektion des Roland Koch-Fanclubs1 zwecks Lektüre ans Herz gelegt.

Was kommt nach dem Islamismus?
von Alan Posener, Kommentarchef der WELT am SONNTAG

[…]
Welche Entwicklung verschlafen wir gerade? Welche Ungeheuer gebiert unser Schlaf? Werden wir eines Tages aufwachen und entdecken, dass der Kampf gegen den Islamismus gewonnen wurde, dass aber unter der Hand eine neue, vielleicht noch gefährlichere Bedrohung für die offene Gesellschaft entstanden ist? Hannes Stein stellt eine sehr wichtige Frage. Ich glaube, er gibt die falsche Antwort. Nicht der Sozialismus kommt wieder, sondern der Faschismus.

Hannes hat natürlich völlig Recht mit allem, was er über den unheroischen Charakter des Kapitalismus und über die Verführungskraft des Sozialismus schreibt. Seit der deutschen Romantik hat es immer wieder kollektivistische Reaktionen gegen die vom Kapitalismus forcierte Entwicklung von der Gemeinschaft zur Gesellschaft gegeben. Sie sind sozusagen eine
Konstante der Moderne, der Schatten, den die Moderne wirft.

[…]

Wenn wir uns fragen, welche Herausforderung auf den Islamismus folgen wird, dann können wir sicher sein: sie wird eine soziale Botschaft haben, eine Spielart des Sozialismus sein. In so fern hat Hannes Stein Recht. Aber damit ist noch lange nicht die Frage beantwortet, ob wir es mit einem sich internationalistisch gebenden Sozialismus Marx’scher Prägung oder einem
nationalen oder rassistischen Sozialismus zu tun haben werden.
[…]
Eins kann man also zwar nicht mit Sicherheit, aber doch mit einiger Wahrscheinlichkeit prognostizieren: unsere Feinde von morgen sind diejenigen, die sich heute als Verbündete gegen den Islamismus anbieten.

Das sind nicht die Sozialisten.

Auf der internationalen Bühne sind es Autokraten wie Russlands Wladimir Putin und Chinas Hu Jintao, die vorgeben, in Tschetschenien oder Sinkiang gegen den Islamismus zu kämpfen, während sie gleichzeitig einen großrussischen beziehungsweise Han-Chauvinismus pflegen. Innerhalb Europas sind es rechtspopulistische Parteien, Gruppierungen und Personen, die
gegen den Bau von Moscheen und das Tragen von Kopftüchern agitieren, einem Stopp
islamischer Einwanderung und der mehr oder weniger groben Zwangsassimilierung hier lebender Muslime das Wort reden. Zu ihnen gesellen sich fundamentalistische Christen aller Konfessionen und ihre nützlichen Idioten in der Publizistik, die in einer Rechristianisierung Europas die einzige Möglichkeit sehen, der islamischen Herausforderung Herr zu werden.

In den USA verbünden sich radikale Endzeit-Christen, die davon ausgehen, dass Gott die Welt in sechs Tagen erschaffen (und die Bibel auf Englisch geschrieben) hat, mit israelischen Lobbygruppen zur Abwehr der islamischen Gefahr für das Heilige Land. Nichts dagegen. Besser, sie sind für Israel als gegen Israel. Aber ihnen geht es nicht um Israel. Ihnen geht es um die Apokalypse.

Wenn der Papst in der Osternacht höchstpersönlich einen ägyptischstämmigen Islam-Kritiker tauft, so ist es natürlich sein gutes Recht; über dieses Zeichen des Widerstands gegen den Islam und seinen aberwitzigen Terror gegen Apostasie aber wird sich derjenige weniger freuen, der sich daran erinnert, dass derselbe Papst in die Karfreitagsfürbitte für die Juden den Wunsch
hineinschrieb, sie mögen endlich Jesus von Nazareth als ihren Messias anerkennen, und zu dessen „Schülerkreis“ Kardinal Schönborn gehört, der sich öffentlich zur antidarwinistischen Theorie des „Intelligent Design“ bekennt.
[…]
Europa, so schrieb ich in meinem Buch „Imperium der Zukunft“ über diejenigen Publizisten, die ein künftiges „Eurabien“, ein islamisiertes Europa, heraufdämmern sehen, werde faschistisch, bevor es islamisch wird. Das ist freilich keine besonders beruhigende Aussicht.

  1. Koch […] wäre im aktuellen Fall und gerade dann, wenn man schon wie die hiesigen Linken im Wahlzirkus den Pausenclown macht, zum Burka-Verbot nicht vorzuwerfen, dass er ein solches fordert, sondern, dass er die Forderung nicht präzisierend erweitert und statt von islamischer Alltagskultur von „ausländischen Jugendlichen“ spricht, womit er islamische Realitäten verharmlost [zurück]

19 Kommentare »

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  1. soso, die liste des todes. was es doch alles gibt.

    Comment von saltzundessick — 21. April 2008 @ 23:40

  2. „mit israelischen Lobbygruppen zur Abwehr der islamischen Gefahr für das Heilige Land.“

    lustig, waity.

    Comment von dissi — 21. April 2008 @ 23:49

  3. @ saltz:
    spotte nicht, du bist der nächste, der gesparglt wird! wir jagen dir einen beelitzer pflock mitten durchs herz.

    @ dissi:
    und, das ist halt eine zustandsbeschreibung.
    wobei der lobby-begriff natürlich ein geschmäckle hat.

    Comment von waiting — 22. April 2008 @ 00:00

  4. bestimmt. ich mach mir schon ins hemdchen.
    iss aber vorher noch eine stulle, spargeltarzan.

    Comment von saltzundessick — 22. April 2008 @ 00:18

  5. ok, guter tipp.

    Comment von waiting — 22. April 2008 @ 00:23

  6. warum gibt es hier keine kontaktierungsoption? sende evtl. mal eine email rüber.

    Comment von tpl — 22. April 2008 @ 01:20

  7. ja, werde dich anmailen.

    kontaktformular für fanpost sollte schon länger eingebaut werden, wie geht das denn?

    Comment von waiting — 22. April 2008 @ 08:20

  8. du müsstest erstmal das plugin „intouch“ aktivieren. dann ne neue seite (kein beitrag) erstellen und per quicktag „intouch“ einfach den code reinsetzen und speichern.

    Comment von Difficult is Easy — 22. April 2008 @ 10:25

  9. Posener ist übrigens so ein ex-linksradikaler und alt-68er. insofern widerlegst du deine these direkt selbst *g*

    Comment von bigmouth — 22. April 2008 @ 12:14

  10. das Schöne an dem Hannes Stein-Artikel ist, dass zur Bebilderung auch ein Foto verwendet wurden, welches u.a. Menschen mit dem Transpi eines griechischen sozialdemokratischen Vereins zeigt … offenbar sind auch die für Stein GegnerInnen (was im Anbetracht der um 1968 in Griechenland herrschenden Zustände/Regierenden auch eine Positionierung ist) … btw, Posener war Mitglied der nationalmaoistischen KPD/AO bzw. ihrer Studiorganisation KSV …

    Comment von Entdinglichung — 22. April 2008 @ 13:39

  11. bigmouth:
    du verwendest einen biologistischen linken-begriff! poseners rebellische kommunistenjahre sind lange her, er ist längst naturalisiert und kann daher als authentischer bürger gelten.

    oder so.

    Comment von w — 22. April 2008 @ 15:40

  12. ich hätte die auslassung […] nicht gemacht. da steht nämlich: „Nichts dagegen. Besser, sie sind für Israel als gegen Israel. Aber ihnen geht es nicht um Israel. Ihnen geht es um die Apokalypse.“

    mit der auslassung kommt’s schiefer rüber als es ist.

    Comment von Laura — 22. April 2008 @ 15:59

  13. aber ich finde, man muss nicht mal christliche fundis ins visier nehmen, es reicht eigentlich der eine oder andere blick auf pi. da wünscht man sich in den kommentarspalten ab und an auch arbeitslager zurück.

    Comment von Laura — 22. April 2008 @ 16:10

  14. @laura: aber zumindest die ursprünglichen macher von pi gehören doch auch zum faschistoid-freikirchlichen umfeld, oder?

    Comment von subwave — 22. April 2008 @ 20:41

  15. keine ahnung, gut möglich. tun sie? mit „christl. fundis“ bezog ich mich auf den artikel – und der sich wiederum auf endzeit-christen aus den usa.

    Comment von Laura — 22. April 2008 @ 20:57

  16. @ laura:

    jau, gebe dir bzgl. der auslassung recht. werde das gleich nachholen.
    zu pi:
    kenne deren roots nicht, aber mittlerweile versammelt sich dort wirklich ein unglaublich aggressiver pöbel zwischen neo-con auf deutsch, cdu-dregger-flügel und neonazi. siehe zb folgende disko zu einer reclaim the streets in köln, wo die härtesten sado- und ausrottungswünsche ausgepackt werden:
    http://www.pi-news.net/2008/04/koeln-wem-gehoert-die-stadt/

    btw, to whom it may concern:
    dissidenz hat auf seinem blog eine langweilige und an der sache vorbeigehende polemik zu diesem posting eingestellt
    http://dissidenz.olifani.de/?p=1392

    Comment von waiting — 22. April 2008 @ 21:08

  17. auch hier wird pi kritisch gesehen:
    http://www.hagalil.com/01/de/Antisemitismus.php?itemid=1026

    ja, pi ist einfach nur grauslig. und „fitna“ war mMn auch unterirdisch, v.a. wegen der bevölkerungsstatistik. aber das dürfte dir eh schon bekannt sein, hast ja den adf-thread ausgepackt.

    Comment von Laura — 22. April 2008 @ 21:23

  18. aus dem hagalil-verriss von pi:

    „Auch der dezidierte Kampf gegen das von Muslimen und Juden praktizierte Schächten irritiert. Beate Klein, Autorin bei politicallyincorrect.de, forderte in einem Beitrag, dass man „diesen barbarischen Brauch ohne Wenn und Aber verbieten“ sollte, und: „Wem das nicht passt, der soll eben vegetarisch leben!“ Eine Argumentation, die man sonst eher von Antisemiten wie dem Präsidenten des Schweizer Vereins gegen Tierfabriken, Erwin Kessler, kennt. Auch auf akte-islam.de wird zuweilen heftig gegen die rituellen Schlachtungen Stimmung gemacht. Angefragt, ob er damit nicht Argumente aus antisemitischen Kreisen aufgreife, erklärt Ulfkotte, dass er „aus Tierschutzgründen“ das Schächten grundsätzlich ablehne. Jedoch unterscheide er zwischen dem Schächten bei Juden und dem Schächten bei Muslimen. Juden würden „nicht tonnenweise geschächtetes Fleisch einführen“ und auch nicht „undeklariert in Dönerbuden verkaufen“. Da stellt sich die Frage, wie Ulfkotte reagieren würde, sollte die Zahl koscher essender Juden in Deutschland anwachsen und mehr koscheres Fleisch importiert werden.

    Auch der Umstand, dass der Holocaust von den meisten selbsternannten Kämpfern gegen Antisemitismus zumeist nur dann thematisiert wird, wenn er in den Zusammenhang mit einer muslimischen Mitschuld gebracht werden kann, stimmt nachdenklich. Schliesslich erinnert dies an altbekannte Formen von Schuldabwehr: Wer mit dem Finger auf andere zeigt, muss sich nicht mit der eigenen Vergangenheit beschäftigen. Dass nicht nur Ulfkotte, sondern auch der Gründer von politicallyincorrect.de Stefan Herre in neorechten Postillen wie „Junge Freiheit“ publiziert, erstaunt daher nicht.“

    Comment von waiting — 22. April 2008 @ 22:41

  19. achtung, jetzt kommt gleicht die gruppe morgenthau – und erhebt wg des zweiten absatzes aus dem hagalil-beitrag den sinistra-vorwurf. muhaha

    es scheint auch menschen zu geben, die gesinnungsjustiz ok finden, solange sie sich gegen den feind richtet. durfte ich heute erahnen. lecker. manchmal fällt es mir schwer, jene, die (meist begründet) gegen linksfaschistInnen wettern, von (links)faschistInnen zu unterscheiden. peinlich? vielleicht. vielleicht auch nicht.

    Comment von Laura — 23. April 2008 @ 14:06

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