Arbeiter, Studenten, Comics gegen Mullahs und Kapital

14. April 2008

Über entdinglichung stieß ich auf die Meldung des Iranian Workers Solidarity Network, dass eine Spezialeinheit in eine iranische Reifenfabrik einbrach, wobei nicht nur etliche Arbeiter_innen zusammengeschlagen wurden, sondern innerhalb weniger Minuten 1.000 Menschen auf Busse verladen und an einen noch unbekannten Ort verschleppt wurden. Grund für den brutalen Überfall war der Protest der Arbeiter_innen für die Auszahlung ihrer seit 5 Monaten ausstehenden Löhne. Nur 5 oder 6 Augenzeugen konnten entkommen und berichteten einem Radio, dass sie als derzeitigen Aufenthaltsort der Verschleppten eine Stadt nähe Teheran vermuten.
Um die Freilassung der Arbeiter_innen zu erreichen, organisiert das IWSN eine Briefkampagne an den allseit bekannten iranischen Präsidenten, eine entsprechende Vorlage findet ihr auf den Seiten des Netzwerks.
Vor wenigen Tagen erst kam Mahmoud Salehi, ein Aktivist der Vereinigung der Bäckereiarbeiter_innen, der im Gefängnis trotz massiven Nierenleidens einen Hungerstreik begonnen hatte, gegen Kaution frei. U. A. eine Demo von 200 Genoss_innen vor dem Gefängnis sowie amnesty international hatten sich für seine Freilassung eingesetzt.

In einem Leserbrief in der 26. Ausgabe der Arbeiternews, einem monatlich erscheinenden, von mehreren Komitees in Deutschland herausgegebenen Blättchen zur Lage der iranischen Arbeiterbewegung, wird ein Erstarken des Klassenkampfes in Iran konstatiert. Die einstmals, in den 1960ern starke und international vernetzte Studierendenbewegung, sei als politische Kraft von einer Arbeiterbewegung abgelöst worden, die ebenso der weltweiten Vernetzung und Solidarität bedürfe:

„Die Koordinaten im politischen Geschehen haben sich aber gewaltig verschoben. Hatte die Studentenbewegung unter Schah eine zentrale Rolle in der gesellschaftlichen Kritik gespielt, so ist es dies im heutigen Iran zunehmend die Arbeiterbewegung, die als Herzstück des sozialen Protests das Denken und Handeln anderer Bewegungen prägt. Die Ursachen dieser Entwicklung sind vielfältig. Vor allem bildet die Entwicklung eines brutalen Akkumulationregimes des Kapitals unter dem Deckmantel des Islams die Basis für die Neugewichtung sozialer Bewegungen im Iran und für die zunehmende zentrale Rolle der Arbeiterbewegung. Die völlige Entrechtung einer Arbeiterklasse, die sich noch an besseren Tagen erinnern kann, und deren revolutionären Traditionen der 70er Jahre noch nicht ausgelöscht sind, musste geradezu eine solche Entwicklung hinauf beschwören. Und dies ist genau das, was wir seit ca. 4 Jahren im Iran erleben. Für die Linke im Ausland, war und ist das Erstarken einer unabhängigen Arbeiterbewegung sowohl ein wiederbelebender, frischer Wind, eine Quelle der Inspiration, als auch eine Herausforderung zugleich. Das unmittelbare Ergebnis dieser neuerlichen Entwicklung ist nun in der Herausbildung von Solidaritätsinitiativen in mehreren Ländern zu beobachten.“

Ob die aufflammenden Auseinandersetzungen eine Schwächung bzw. auf lange Sicht gar einen Sturz des der Mullahs von innen befördern können oder ob sich das Regime mittels seines vielfältig ausdifferenzierten, enthemmt agierenden Repressionsapparates stabilisieren kann, bleibt abzuwarten.

So lange heißt es Graphic Novels von Exil-Iraner_innen (kritisch) lesen und die iranische Opposition nach Kräften supporten.

UPDATE:
AG Integration (scheiß Name, btw) über die drohende Abschiebung eines iranischen Jugendlichen


7 Kommentare »

Der URI für den TrackBack dieses Eintrags ist: http://waiting.blogsport.de/2008/04/14/arbeiter-studenten-comics-gegen-mullahs-und-kapital/trackback/

  1. wie es scheint, führen die vom iwsn die repression im iran u.a. auf den us-imperialismus und internationale konzerne zurück. es fehlt auch nicht die anbiederung an chavez. ne distanzierung von antisemitismus finde ich auch nicht (was übersehen?).

    das macht die anliegen natürlich nicht weniger berechtigt, aber … schade.

    Comment von Laura — 15. April 2008 @ 08:06

  2. beziehst du dich auf diesen brief an chavez:

    http://www.iwsn.org/deutsch/brief-chavez-13marz08.htm

    „Wir sind davon überzeugt, dass das iranische Regime mit solchen Schritten die Arbeiter einschüchtern und zur Unterwerfung zwingen will, weil immer mehr öffentliche Betriebe privatisiert und Subventionen und Sozialleistungen abgebaut werden; so will man internationale Konzerne ins Land holen. Die Elite des Regimes denkt, dass die Ausbeutung der Arbeiterklasse so für Exxon Mobil and ähnliche Konzerne attraktiv wird. Die böse Logik hinter diesem Schritt nach hinten soll eine Art Hi-Tec-„Barbarei des 21. Jahrhunderts“ schaffen.

    Als ein politischer Vordenker, der sich für den Sozialismus des 21. Jahrhunderts einsetzt, bitten wir Sie darum, Ihren Einfluss und Ihre Beziehungen zu diesem Regime geltend zu machen, um ein Auspeitschen von Arbeitern zu beenden und eine Freilassung aller inhaftierten Arbeiter-Aktivisten, eine Legalisierung der Gewerkschaften und Arbeiterorganisationen und Versammlungsfreiheit, Streikrecht und das Recht auf Maikundgebungen durchzusetzen.“

    das ist schon eine peinliche anbiederung, allerdings kenne ich das inws zuwenig, um entscheiden zu können, wie weit das aus verzweiflung geschieht, also taktisch motiviert ist.
    wo liest du den us-imp raus?

    generell sind die meisten iranischen kommies halt orthodoxe anhänger eines arbeiter- und bauernstaates säkularer prägung. obwohl sicher in der jetzigen lage immer unterstützenswert, not my cup of tea, und eine auseinandersetzung über andere ansätze (westl. marxismus/wertkritik etc) dort hineinzutragen wäre sicher wichtig. mach mal!

    Comment von waiting — 15. April 2008 @ 19:57

  3. laura, was ist denn an der bestandsaufnahme verkehrt? die sagen doch eigentlich nur, dass die mullahs (wie das südkorea usw vor jahrzehnten ja genau so taten) die gewerkschaften schwächen, um auslandsinvestitionen zu kriegen. das ist doch überhaupt nicht weit hergeholt, vielmehr ist das rationales nationales interesse

    Comment von bigmouth — 15. April 2008 @ 20:23

  4. ach, da gibt’s diesen nie-wieder-krieg-aufruf, indem enthüllt wird, dass der us-imperialismus hinter allem steckt, schon lange. nicht, dass ich mir der der feind meines feindes ist mein freund taktik der usa nicht bewusst wäre. aber so simpel ist es dann doch auch nicht.
    so wie auch nicht alles übel auf die globalisierung geschoben werden kann. als würden die verhältnisse von außen übergestülpt.

    was mich generell stört, auch bei der pwo zB – dass sich keinerlei äußerungen zu den antisemitischen ausfällen findet. da ist einfach ne leerstelle.

    Comment von Laura — 15. April 2008 @ 23:50

  5. der aufruf:
    http://www.iwsn.org/deutsch/Nie-wieder-Krieg.htm

    schon schlechte einopferung des iran/irak und die immer wiederkehrende freisprechung des guten werktätigen volkes von jedem bösen.
    andererseits haben gerade die iranischen linken nach der unterstützung des shah durch die usa im gegensatz zur hiesigen linken guten grund, eine kritische distanz zum letzten verbliebenen weltpolizist zu halten.

    Comment von waiting — 17. April 2008 @ 00:14

  6. […] Vor gut einer Woche hatte ich auf die drohende Abschiebung eines Asylbewerbers aus Rostock nach Iran hingewiesen. Zwischenzeitlich fand die Gerichtsverhandlung gegen Hamid statt, die Antifa A3 berichtet: “Nachdem Hamid von der Hinrichtung seines Vaters durch das Mullah-Regime erfahren hatte, begann er politisch aktiv zu werden und verteilte kritische Flugblätter. Für diese Tat wurde er von der Polizei verhaftet und anschließend zu 80 Peitschenhieben und drei Jahren Gefängnis verurteilt. An diesen Schilderungen hegte die Richterin Wessel vor Gericht von Beginn an erhebliche Zweifel: „Die Motivation für die politische Arbeit, ja der Tod des Vaters, ist auch alles ein bisschen sehr dünn.“ Schon im ersten Ablehnungsbescheid wird die persönliche Verfolgungsgeschichte als ständig wiederkehrendes „Repertoire vieler Asylbewerber“ abgetan. […] […]

    Pingback von Wartezeit überbrücken … :: Zubringer nach Teheran :: April :: 2008 — 22. April 2008 @ 23:16

  7. […] Wo wir gerade schon dabei sind: in Iran, wo das Gesundheitsrisiko bei Streiks über einen verdorbenen Magen durch den Verzehr ranziger Bratwürste hinausgeht, bedient sich die Belegschaft einer Schifffabrik im südlichen Landesteil erstaunlich militanter Methoden bei der Durchsetzung ihrer Forderung nach Lohnauszahlung. Das IWSN berichtet: “Sadra workers go on strike and cut off the shipyard’s electricity […]

    Pingback von Wartezeit überbrücken … :: Sabotage in Iran :: Mai :: 2008 — 21. Mai 2008 @ 00:08

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Eintrag.

Kommentar hinterlassen

Zeilen und Absätze werden automatisch umgebrochen; die E-Mail-Adresse wird nie angezeigt; erlaubte HTML-Tags: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


Referer der letzten 24 Stunden:
  1. google.com (13)
  2. dasgrossethier.wordpress.com (4)