Adamczak liest „Gestern Morgen“

29. April 2008

„Gestern Morgen“.
Lesung mit Bini Adamczak

„Nein, das war nicht der Kommunismus. Aber es war gleichzeitig nicht nicht der Kommunismus.“ Ausgehend von der Re-Konstruktion eines kommunistischen Begehrens bürstet Bini Adamczak die Geschichte des Kommunismus in einer gegenläufigen Chronologie gegen den Strich: Von 1939 bis 1917. Geleitet von der Trauer um die vergangenen KommunistInnen und AntifaschstInnen, die verraten und deren revolutionäre Hoffnungen enttäuscht wurden, richtet Adamczak ihren Blick auf die vergangene Zukunft, die Gegenwart hätte sein können und unsere eigene Zukunft sein kann: Gestern Morgen.

Montag, 05.05.2008
20.00 Uhr
Café Morgenrot // Kastanienallee 85 // Berlin


Die Wahl zwischen Not und Elend

24. April 2008

Schon seit Tagen schlummerte in mir der Plan, die Berliner Kampagnen Pro und Contra Flughafen Tempelhof zu bebloggen. Justamente als ich zur Realisierung dieser genialen Idee ansetze, sehe ich nun, dass dissidenz mir bereits zuvorkam. Nun gut, man muss das Rad nicht zwei Mal erfinden, deswegen sei an dieser Stelle ein Link platziert.

Dennoch einige Ergänzungen meinerseits:
Den populistischen Charakter einer wesentlich von CDU-Kräften und Kapital getragenen Kampagne zu beklagen, ist tautologisch. Der verzweifelte Versuch der Tempelhofretter, den Flughafen als unabdingbaren Bestandteil der Berliner Identität und notwendigen Baustein dieser angeblichen Metropole zu platzieren sowie über Luftbrücken-Parolen das kollektive Gedächtnis der Stadt-als-Notgemeinschaft zu beschwören, ist denn auch so lächerlich, dass es kaum einer Kritik bedarf. Auf die Aporien der Kampagne, die von den Resten des Atlantiker-Flügels der Konservativen unter Appell an die längst verblichene BRD-Westbindung gefahren wird, und zugleich peinlich ihre Konstitutionsbedingungen – nämlich den Bau des gigantisch großen Flughafens durch die Nationalsozialist_innen – verschweigen muss, wurde ebenfalls bereits hingewiesen.

Ein eher unterbelichteter Aspekt der ganzen Debatte scheint mir der Law+Order-Diskurs zu sein, mit dem gegen den Park, welchen die Flughafengegner auf Tempelhof einzurichten planen, agitiert wird. Der Park, meines Wissens ursprünglich traditioneller Ort bürgerlicher Öffentlichkeit – Sonntagsspaziergang und Naturerfahrung auch für Städter – gilt, sofern in bestimmten Gegenden gelegen, schon seit Langem als Ort des Chaos, des Schmutzes, von Graffiti, Hurerei und Drogenhandel, quasi als InnerCity-Slum. Speziell die konservativen Berliner Recken befürchten wohl eine Schnittstelle zwischen ihrer weiß-deutsch-spießigen Bürgerwelt Tempelhof und dem gefürchteten Multikulti-Terrorkiez Neukölln, zwei Bezirke, die bisher eben durch den Flughafen getrennt existieren. So prohezeite die Welt Online laut jungle world für das angedachte Naherholungsgebiet, „dass es verslumen könnte. Berlins größter Drogenmarkt im Volkspark Hasenheide liegt nur wenig entfernt.«

Und auf einem neuen Plakat der Tempelhof-Ini findet sich unter dem Slogan „Wir lassen uns den Mund nicht verbieten“ das Gesicht einer Weißen, deren Mund von einer Schwarzen Hand zugehalten wird. Mal abgesehen davon, dass das Bekenntnis zu diesem Flughafen laut Umfragen von 56% der Berliner_innen geleistet wird und alltägliche Forderung in den Massenmedien ist, somit die Behauptung eines Tabus nur der Ruf an die Bürger zur konformen Revolte in Form des via Wahlzettels zu leistenden Schein-Aufbegehrens ist, impliziert das Plakat eine Unterdrückung dieser explizit Weißen Mehrheit durch eine als Schwarz gezeichnete Minderheit. Vielleicht sind es ja die Drogenhändler_innen aus der Hasenheide, die bekanntlich mit der mächtigen, international verzweigten Mafia im Bunde stehen, welche dem armen Berliner Gartenzwerg an der freien Meinungsäußerung hindern wollen? Oder doch die von der NPD beschworenen „Politbonzen“, die ein „riesiges Immobiliengeschäft“ wittern, das zum Ausverkauf des in NPD-Logik kulturellen Erbes – da Nazibau – Berlins führen würde, und welche die drogenvertickenden Migrant_innen aufgrund ihrer eigenen Entwurzelung vom Volke mit einem Ausweitung ihres Aktionsradius‘ beschenken?

Wer jedoch denkt, die an sich vernünftige Konversion eines abgewrackten Nazi-Flughafens in eine große und kostenlos zu nutzende Grünfläche werde von ihren Initiator_innen mit ebensolchen rationalen Argumenten unterfütter, irrt. Der Kampagne der Flughafengegner_innen geht zwar der rassistische Unterton ab, ebenso fehlt ein der Luftbrücke adäquater historischer Bezugspunkt, um sich als authentische Traditionalisten, verpflichtet einzig der Berliner Stadtgeschichte, aufzuplustern. Doch gerade deshalb gerieren sich die Gegner_innen – SPD, DGB, AWO, BUND usw. – als Schutzmacht der/s kleinen Mann-/Fraues, die/der ins Recht gesetzt werden soll. Hier wird mit den primitivsten Mitteln des ressentimentbeladenen Antikapitalismus gearbeitet – eine Plakatreihe der Kampagne bildete etwa eine Mutter (!) mit kleinem Kind (süß!), einen kernigen männlichen Bauarbeiter (anpackende ehrliche Haut) sowie eine rüstige Rentnerin (Kontinuität und Authentizität) mit Berliner Schnauze ab, die gegen die „VIPs“ und „Superreichen“ als ganz normale Deutschmichels herhalten sollen. Zwecks Lokalkolorisierung wurde der Oma der Satz „Ick fliege auf Berlin – aba nich von Tempelhof“ in den Mund gelegt. Die Oberen 10.000 werden von den Flughafenhatern als verdorbene, nur am Geschäft interessierte Kapitalhuren gezeichnet, die sich von der gemeinen Bevölkerung längst entfremdet haben.

Der Volksfetisch der Flughafengegner wird wiederum von den Tempelhof-Befürwortern mit der auf überdimensionale Plakate gedruckten Parole „Alle Macht geht vom Volke aus“ beantwortet. Im Sport würde man angesichts eines solch erbärmlichen Schauspiels wohl von Not gegen Elend sprechen. Die Provinzposse, die immer weiter an Fahrt zu gewinnen scheint, wird jedoch hoffentlich am Sonntag jäh ihr verdientes Ende finden: dann findet das Volksbegehren über die Zukunft Tempelhofs statt. Trotz der ekligen Kampa der Tempelhofgegner_innen möchte ich alle Leser_innen dieses Blogs aufrufen, für den Park zu stimmen, um mir damit zukünftig sonnige Stunden ungetrübt von Fliegerlärm zu verschaffen. Die Stimmen meines Publikums sollten ausreichen, um die Träume der Tempelhofretter platzen zu lassen.


Zubringer nach Teheran

22. April 2008

Vor gut einer Woche hatte ich auf die drohende Abschiebung eines Asylbewerbers aus Rostock nach Iran hingewiesen. Zwischenzeitlich fand die Gerichtsverhandlung gegen Hamid statt, die Antifa A3 berichtet:

„Nachdem Hamid von der Hinrichtung seines Vaters durch das Mullah-Regime erfahren hatte, begann er politisch aktiv zu werden und verteilte kritische Flugblätter. Für diese Tat wurde er von der Polizei verhaftet und anschließend zu 80 Peitschenhieben und drei Jahren Gefängnis verurteilt. An diesen Schilderungen hegte die Richterin Wessel vor Gericht von Beginn an erhebliche Zweifel: „Die Motivation für die politische Arbeit, ja der Tod des Vaters, ist auch alles ein bisschen sehr dünn.“ Schon im ersten Ablehnungsbescheid wird die persönliche Verfolgungsgeschichte als ständig wiederkehrendes „Repertoire vieler Asylbewerber“ abgetan. […]

Weiterhin stellte die Richterin in Frage, dass sich Hamid unmittelbar nach seiner Haftentlassung erneut politisch betätigte: „[…] was mir auch nicht so ganz einleuchtet, wenn man erst einmal erwischt worden ist und sogar zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden war, dann acht Monate sogar in Haft und fängt dann sofort nach der Entlassung wieder an. […]“ Hamid hatte jedoch während des Prozesses keine Möglichkeit die Bedenken auszuräumen, da seine Aussagen auf Grund von Verständigungsproblemen weder korrekt übersetzt wurden, noch die Richterin an genaueren Nachfragen Interesse zeigte.

Für Hamid heisst es jetzt, auf sein Urteil zu warten. Innerhalb der nächsten zwei Wochen wird er den endgültigen Bescheid erhalten. Falls sein Asylantrag abgelehnt wird, bedeutet dies für ihn eine monatlich befristete Duldung. Das heisst für Hamid, dass er nicht arbeiten darf, somit seine gymnasiale Ausbildung nicht finanzieren kann und wie viele andere geduldete Flüchtlinge permanent von der Abschiebung bedroht ist. Kommt er seiner Mitwirkungspflicht nicht nach, sich um seinen Pass zu bemühen, werden seine Leistungen von monatlich 195 Euro sanktioniert. Hilft er bei der Beschaffung des Passes, kann und wird er unmittelbar in den Iran abgeschoben.“

Die wenigen Zitate der Richterin zeugen von einem unglaublichen Desinteresse an menschlichem Leben, einer totalen Absenz von Empathie und einem Untertanendenken, das in Deutschland durch die formale Demokratie hindurch konserviert wurde.

Cosmoproletarian Solidarity beschrieb Mitte März einen ähnlichen Fall – ein 19-jähriger Flüchtling, wegen homosexueller Handlungen mit dem Tod bedroht, sollte aus den Niederlanden über Großbritannien nach Iran zwangsverbracht werden – und stellte in diesem Zuge einige Überlegungen zu den „Zuliefererdiensten des europäischen Abschiebeapparates für das faschistische Mullah-Regime“ an:

„Der 19jährige Mehdi befindet sich derzeit in einem niederländischen Abschiebknast. In den nächsten Tagen oder Wochen soll er nach Großbritannien ausgeflogen werden, wo sein Asylantrag bereits zuvor abgelehnt worden war. Von dort aus wird er voraussichtlich nach Teheran abgeschoben werden. Das britische Innenministerium hatte zuvor erklärt, dass Schwule bedenkenlos in den Iran abgeschoben werden können, da sie nicht die Todesstrafe erwarten müssen, wenn sie sich „diskret“ verhalten, also ihre Sexualität unterdrücken. Diesen zynischen Rat kennt man von deutschen Gerichten zu Genüge. Mehdi war 2004 nach Großbritannien geflüchtet mit der Hoffnung dort studieren zu können und nicht allein aufgrund seines sexuellen Andersseins sein Lebensrecht verwirkt zu haben. Im Exil erfuhr Medhi, dass sein Freund wegen Homosexualität verhaftet und hingerichtet wurde. Auch gegen Mehdi liege nun ein Haftbefehl vor, erklärte sein in Teheran lebender Onkel

[…]

Der Umgang mit Mehdi Kazemi macht wieder einmal deutlich, dass der europäische Bürokratieapparat zur Regulierung der erwünschten beziehungsweise unerwünschten Importierung von Humankapital den Menschen außerhalb der Festung Europa kein Recht auf Individualität und Autonomie zugesteht. Dass ein Flüchtling aus dem Iran nicht bärtig und fromm sein muss, sondern wohlmöglich schwul und ungläubig sein könnte, nehmen die deutschen, britischen oder niederländischen Bürokraten ebenso wenig wahr wie die islamverteidigenden Kulturrelativisten, die die Menschen aus dem Iran, der Türkei oder Afghanistan nur als eine homogene Masse begreifen können und eben nicht als ein Mosaik aus Unglücklichen und zwangsläufig das Recht auf Wahn und Unterwerfung verteidigen und nicht das auf Selbstbestimmung und Freiheit.

[…]

Es ist eben nicht der Islam der täglich von Bürokraten, Polizisten und Politikern mit Füssen getreten wird, sondern die Sehnsüchte der Migranten/innen nach einem würdigen Leben und das Recht auf Autonomie über ihren Körper, Geist und ihre Lebensentscheidungen. Es waren islamische Organisationen, die die Arbeitsimmigranten/innen aus der Türkei oder arabischen Staaten in muffigen Hinterhofmoscheen „fesselten“ und ihnen das Niederknien lehrten, während säkulare Organisationen wie die „Föderation der Demokratischen Arbeitervereine“ (DIDF) oder die „Konföderation der Arbeiter aus der Türkei in Europa“ (ATIK) sie aufforderten für ihre Rechte aufzustehen. Die deutsche Politik griff islamistische Mordsorganisationen wie Milli Görüş und den nationalreligiös-faschistischen Grauen Wölfen mütterlich unter die Arme, um die Organisierung von demokratischen, klassenbewussten Migranten/innen zu verhindern. Bis heute werden shariabeschwörende Reaktionäre wie der „Islamrat“ und die von Ankara aus gesteuerte „Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion“ (DITIB) als Geschäftspartner von der deutschen Politik hofiert.“

1

Die gute Zusammenarbeit zwischen dem iranischen und dem deutschen Geheimdienst bei der Repression der exil-iranischen Opposition ist bekannt. So ist die Beobachtung iranischer Linker in Deutschland durch den Mullah-Geheimdienst mit Wissen der hiesigen Behörden keine Seltenheit. Während der WM 2006 wurde auf Antrag Ahmadinedjads gar ein Verbot von politischen Manifestationen iranischer Oppositioneller in Deutschland verhängt.

In Iran selbst wird derzeit neben der Arbeiter- auch die staatliche Unterdrückung der Frauenbewegung forciert. In den letzten Wochen wurden die Frauenrechtlerinnen Nasrin Afzali und Marsieh Mortasi zu 6 Monaten Gefängnis und 10 Peitschenhieben auf Bewährung verurteilt. Gegen die Festnahme der Ökologin und Feministin Kadidsheh Moghadam regt sich derweil Protest: 600 Frauen forderten in einem Offenen Brief ihre sofortige Freilassung.

Bonustrack:
Der Mann der oben erwähnten Nasrin Afzali, Nima Namdari, über die Einführung des Schleiers in Iran nach der Islamischen Revolution

  1. Offenbar wurde Mehdi Kazemis Abschiebung ausgesetzt. Er wurde zurück nach Großbritannien geflogen und wohnt derzeit bei seinem Onkel. [1, 2][zurück]

Original und Kopie

21. April 2008

Dass gewendete Linken, die sich dem Spät-Bürgertum andienen, indem sie sich in besonders schriller Weise gegen ihre ehemaligen Genoss_innen und gegen ihre eigene Geschichte wenden, in ihrem Eifer, ihre Unterwerfung unter Staat und Kapital den alteingessenen Machtträgern glaubhaft zu zelebrieren, immer noch eine Spur widerlicher, verfolgungssüchtiger und extremistischer (hihi) als die die authentischen Bürgerlichen daherkommen, bewiesen schon zahllose Revolutionäre der ’68er Garde. In jüngster Zeit knüpften die lächerlichen Vollhorste der FdOG an diese Tradition an, als sie ventilierten, ihre ehemaligen Bekannten von der Antifa hätten Ex-Bahamas-Autor Michael Holmes auf eine Todesliste gesetzt, eine Absurdität, die nicht einmal durchschnittlich aufgeklärte Schreiberlinge eines Piefkeblattes wie dem Tagesspiegel ernst nehmen würden. Zur Untermauerung der eigenen Credibility wurde von der FdOG denn noch der sicher stets objektiv berichtende und von Interessen ungetrübte Verfassungsschutz, dieser allseitig informierte Wächter über den Erhalt des Ganzen, herangezogen.

Heute stieß ich zufällig über einen Text von Alan Posener im rechten Drecksblatt Welt Online, der die Regel von der intellektuellen und moralischen Überlegenheit der Bürger gegenüber den Post-Linken in invertierter Weise belegt. Posener, ein für die Westbindung argumentierender Erzliberaler, reagiert hier auf einen Beitrag von Hannes Stein, der vor einem angeblich drohenden Neo-Totalitarismus in Form einer Renaissance des Sozialismus warnt. Posener beteiligt sich an der von Stein ausgeschriebenen Fahndung nach extremistischen Feinden der offenen Gesellschaft, verortet diese jedoch am anderen Ende des politischen Spektrums, bei der radikalen Rechten. Obwohl Posener als liberaler Ideologe von materialistischer Kritik gänzlich unbeleckt daherkommt und außenpolitisch wohl die selben Ziele wie die gruppe morgenthau (Bombardierung islamischer Zentren usw) verfolgt, kann er, dessen Denken noch nicht völlig von der angeblich drohenden Gefahr einer links-islamistischen Querfront der Barbarei gelähmt ist, in ungewöhnlicher Klarheit benennen, dass die rechten Islamhasser keineswegs den bewahrenswerten Status Quo verteidigen, ergo die Dinosauriern gleich letzten Wahlverwandten revolutionärer Konservativer sind. Vielmehr prophezeit er eine Faschisisierung Europas, die er als drängendere Gefahr denn die immer wieder beschworene Transformation des Kontinents hin zu ‚Eurabien‘ sieht.

Dass dieser eindrückliche Hinweis nicht von Antideutschen, sondern vom Kommentarchef der WELT am SONNTAG geschrieben werden musste, ist die Schande schlechthin. Die darin manifest gewordene blinde Stelle offenbart die identitären Reflexe distinktionssüchter (Ex-)Linker, die selbst eliminatorischen Rassisten wie Geert Wilders hinterherschafen, solange es nur gegen den Moslemmob geht.

Der folgende Text sei darum ausdrücklich der Nachwuchssektion des Roland Koch-Fanclubs1 zwecks Lektüre ans Herz gelegt.

Was kommt nach dem Islamismus?
von Alan Posener, Kommentarchef der WELT am SONNTAG

[…]
Welche Entwicklung verschlafen wir gerade? Welche Ungeheuer gebiert unser Schlaf? Werden wir eines Tages aufwachen und entdecken, dass der Kampf gegen den Islamismus gewonnen wurde, dass aber unter der Hand eine neue, vielleicht noch gefährlichere Bedrohung für die offene Gesellschaft entstanden ist? Hannes Stein stellt eine sehr wichtige Frage. Ich glaube, er gibt die falsche Antwort. Nicht der Sozialismus kommt wieder, sondern der Faschismus.

Hannes hat natürlich völlig Recht mit allem, was er über den unheroischen Charakter des Kapitalismus und über die Verführungskraft des Sozialismus schreibt. Seit der deutschen Romantik hat es immer wieder kollektivistische Reaktionen gegen die vom Kapitalismus forcierte Entwicklung von der Gemeinschaft zur Gesellschaft gegeben. Sie sind sozusagen eine
Konstante der Moderne, der Schatten, den die Moderne wirft.

[…]

Wenn wir uns fragen, welche Herausforderung auf den Islamismus folgen wird, dann können wir sicher sein: sie wird eine soziale Botschaft haben, eine Spielart des Sozialismus sein. In so fern hat Hannes Stein Recht. Aber damit ist noch lange nicht die Frage beantwortet, ob wir es mit einem sich internationalistisch gebenden Sozialismus Marx’scher Prägung oder einem
nationalen oder rassistischen Sozialismus zu tun haben werden.
[…]
Eins kann man also zwar nicht mit Sicherheit, aber doch mit einiger Wahrscheinlichkeit prognostizieren: unsere Feinde von morgen sind diejenigen, die sich heute als Verbündete gegen den Islamismus anbieten.

Das sind nicht die Sozialisten.

Auf der internationalen Bühne sind es Autokraten wie Russlands Wladimir Putin und Chinas Hu Jintao, die vorgeben, in Tschetschenien oder Sinkiang gegen den Islamismus zu kämpfen, während sie gleichzeitig einen großrussischen beziehungsweise Han-Chauvinismus pflegen. Innerhalb Europas sind es rechtspopulistische Parteien, Gruppierungen und Personen, die
gegen den Bau von Moscheen und das Tragen von Kopftüchern agitieren, einem Stopp
islamischer Einwanderung und der mehr oder weniger groben Zwangsassimilierung hier lebender Muslime das Wort reden. Zu ihnen gesellen sich fundamentalistische Christen aller Konfessionen und ihre nützlichen Idioten in der Publizistik, die in einer Rechristianisierung Europas die einzige Möglichkeit sehen, der islamischen Herausforderung Herr zu werden.

In den USA verbünden sich radikale Endzeit-Christen, die davon ausgehen, dass Gott die Welt in sechs Tagen erschaffen (und die Bibel auf Englisch geschrieben) hat, mit israelischen Lobbygruppen zur Abwehr der islamischen Gefahr für das Heilige Land. Nichts dagegen. Besser, sie sind für Israel als gegen Israel. Aber ihnen geht es nicht um Israel. Ihnen geht es um die Apokalypse.

Wenn der Papst in der Osternacht höchstpersönlich einen ägyptischstämmigen Islam-Kritiker tauft, so ist es natürlich sein gutes Recht; über dieses Zeichen des Widerstands gegen den Islam und seinen aberwitzigen Terror gegen Apostasie aber wird sich derjenige weniger freuen, der sich daran erinnert, dass derselbe Papst in die Karfreitagsfürbitte für die Juden den Wunsch
hineinschrieb, sie mögen endlich Jesus von Nazareth als ihren Messias anerkennen, und zu dessen „Schülerkreis“ Kardinal Schönborn gehört, der sich öffentlich zur antidarwinistischen Theorie des „Intelligent Design“ bekennt.
[…]
Europa, so schrieb ich in meinem Buch „Imperium der Zukunft“ über diejenigen Publizisten, die ein künftiges „Eurabien“, ein islamisiertes Europa, heraufdämmern sehen, werde faschistisch, bevor es islamisch wird. Das ist freilich keine besonders beruhigende Aussicht.

  1. Koch […] wäre im aktuellen Fall und gerade dann, wenn man schon wie die hiesigen Linken im Wahlzirkus den Pausenclown macht, zum Burka-Verbot nicht vorzuwerfen, dass er ein solches fordert, sondern, dass er die Forderung nicht präzisierend erweitert und statt von islamischer Alltagskultur von „ausländischen Jugendlichen“ spricht, womit er islamische Realitäten verharmlost [zurück]

Neues vom Spargelkrieg: Geordneter Rückzug

19. April 2008

Stell dir vor, es ist Spargelkrieg – und waity geht nicht hin.

Nachdem das allseitige Hauen und Stechen um den neuen Hauptwiderspruch Spargel in vollem Gange ist, sage ich zum Abschied leise Servus und wende mich bisher völlig unbedeutend scheinenden Nebenwidersprüchen zu, die morgen schon weitere Spaltungen der bereits hochgradig atomisierten Blogosphäre provozieren könnten.

Mein Rückzug von der Spargel-Front gründet nicht zuletzt in dem Gebaren Bozics, der in einem erneuten Hetzeintrag am heutigen Tage mündet. Bozic führt dort allerlei Belege angeblich ausländischer Beobachter deutscher Spargel-Selbstherrlichkeit aus dem anonymen web2.0 an, die näherer Überprüfung (IP-Nummer der Bergmannstraße rausrücken!) kaum standhalten würden. Hinter diesem pseudo-kritischen Mummenschanz verbirgt er verzweifelt seine innige Nähe zum nationalsozialistischen Totalitarismus: Hitler setzte ja keineswegs einen 5-Jahresplan zur Spargel-Expansion („Spargel ohne Raum“) auf die Agenda, sondern vielmehr ein komplettes Anbauverbot für den lukullischen Genuss in Stangenform – eine repressive Entsublimierung, die ganz nach dem Gusto des GRÖRAZ (Größten Redakteurs aller Zeiten) ist.

Die Begegnung mit solchen Prachtexemplare an Aufklärungsresistenz und Genussfeindschaft wie Bozic hinterlässt mich stets fragend und traurig – doch weiterhin gilt für mich und auch für euch, Genoss_innen, Horkheimers berühmtes Diktum:

„Je unmöglicher der Spargelgenuss ist1, desto verzweifelter gilt es ihn zuzubereiten.“

  1. Aufgrund der gesellschaftlichen Umstände (spargelophober Diskurs, Abschiebung von Spargelstecher_innen usw) [zurück]

P.S.
Heute gibts Spargelpizza (Abbildung ähnlich, natürlich ohne ekliges Meeresgetier wie Krabben)


Materialien gegen Bozic

18. April 2008

Als kleine Handreichung zur Spargel-Petition im Folgenden eine Materialsammlung, damit jede und jede_ selbst die Mündigkeit erlangen kann, um sich für ein Ja oder Nein zu entscheiden.

Der Spargel, in Bozics strukturell antisemitischem Weltbild als „Edel-Gemüse“ verhöhnt und als „Delikates[se]“ verspottet, zählt historisch gesehen zu den erniedrigten, geknechteten, verächtlichen Wesen. Dies besonders in Zeiten der Krise, wo der Kapitalsouverän seinen Untertanen diktiert, den Gürtel enger zu schnallen und zugunsten des Vaterlandes auf sogenannten unnötigen Luxus zu verzichten:


„Im 20. Jahrhundert kam es beim Spargelanbau vor allem in Zeiten des allgemeinen Wohlstandes zu einem Aufschwung, während in den großen Krisen (1. und 2. WK) die Herstellung von Grundnahrungsmittel der Vorrang galt. Der Grund für die Reduzierung des Spargelanbaus in den Kriegen liegt im niedrigen Kaloriengehalt des Spargels.“

Die Marginalisierung des Spargels hat ihre besondere deutsche Seite: nicht nur wurde er dem Moral Bomber Churchill bei einem Besuch im Niederrhein vorenthalten, schließlich wurde sein Anbau im Gebiet des ‚Deutschen Reiches‘ gänzlich verboten:

„Winston Churchill hat ihn damals bei seinem Besuch im Haus Deckers nicht probieren können – den selbst angebauten und zubereiteten Spargel der Familie Deckers in Walbeck. Zu nationalsozialistischen Zeiten war der Anbau des „weißen Goldes“ verboten.“

Wie Bozic die Existenz ausländischen Spargels verschweigt, so leugnet er auch diese dunklen Seiten der inländischen Spargel-Historie und erweist sich damit als Gemüse-Arisierer vor dem Herrn. Die widerständische Geschichte des Spargels, wie sie etwa in Eugen Gerstenmaiers berühmten Zitat – “Spargeln und Menschen haben ein gemeinsames Schicksal: sobald einer den Kopf hochreckt wird er abgestochen“ – verschwindet hinter den von Bozic in Anschlag gebrachten harten, knackigen, fitten Gemüsearten wie der Paprika, die sich im kapitalen Alltag gegen ihre Konkurrenten mit brutaler Selbst- (Pestizide etc.) und Fremddisziplinierung (Ausschlagen etc.) durchsetzen.

Wie der Insasse der bürgerlichen Gesellschaft es zwar tut, aber nicht weiß, was er tut, so vollzieht Bozic seinen prä-justierten Abwehrreflex gegen Luxus, Ausschweifung und gegrillten grünen Spargel ideologisch-unbewusst nach. Die tautologische Rationalisierung des Ressentiments gegen die schmackhaften Stangen brachte der englische Schriftsteller Lewis Caroll bereits im 19. Jahrhundert auf den Punkt:

„Ich bin froh, dass ich keinen Spargel mag“, sagte Alice zu ihrer Freundin, „denn würde ich Spargel mögen, müßte ich ihn auch essen – und ich kann Spargel einfach nicht ausstehen!“

Bozics Intifada gegen den Spargel ist jedoch trotz ihrer inhaltlichen Widersprüchlichkeit weniger Zufall denn logische Folge seines Weltbildes, das sich dem individuellen Genuss a priori verschließt. Leser_in kati macht auf TelAvivos Intervention in der Jungle World gegen Sekt und französischen Champagner aufmerksam:


„Ansonsten spricht alles gegen Schaumwein. Er verursacht Sodbrennen und Kopfschmerzen, verträgt sich nicht mit Jägermeister und Wodka, kostet zu viel, man kann ihn nur schwer aus der Flasche trinken, und er hat doppelt so viele Kalorien wie Bier.“

„Kalorienwahn – geh doch zur Bundesregierung!“, möchte man Bozic entgegen halten. Und: Jägermeister, des Nazis Lieblings-Drink! Doch die Sprache versagt im Kampf gegen diesen gedanklichen Hybrid aus Protestantismus und Islamismus. Ein letztes Zitat aus Bozic‘ Predigt an die Bier-Umma:


„Eines hat der Schaum­wein dem Bier sicherlich voraus, er prickelt besser in deine Bauchnabel, doch dies kann ja wohl kaum ein ernst zu nehmendes Argument für ein Lebensmittel sein.“

Der Anti-Hedonist Bozic zieht hier eine rigide Trennung zwischen Lebens- und Genussmittel, zwischen dem guten Nutzen und dem als überflüssig gewerteten, bösen Überschuss. Doch gerade dies Extra, der kleine Bonus im grauen Einerlei ist der Vorschein auf die befreite Gesellschaf. Wenn nicht prickelnd, was soll der Communismus dann sein – rülpsend?

Ich denke, es ist klar geworden, wie der Hase läuft. Der Indizien, besser: der Beweise für den Irrgang des Jungle World-Redakteurs sind genug zusammengetragen. Bitte signieren darum auch Sie die Petition und sichern Sie so durch revolutionäre Umerziehung von Ivo Bozic und universalistische Spargel-Solidarität die Bedingung der Möglichkeit der befreiten Gesellschaft!


Den Fetisch wegboxen!

18. April 2008

Overdose macht auf die im Entstehen befindliche Frankfurter Kampagne zur Fetischkritik aufmerksam, die am Samstag, 19.04., zu ihrem ersten offenen Plenum ins ivi einlädt. Ein gelungener Aufruf (ehrlich gesagt habe ich nur Anfang und Schluss gelesen, hihi) hier.
Und jetzt ab ins Bett, morgen verlangt der Götze Arbeit wieder seinen Tribut in Form des allwochentäglichen Gottesdienstes.


Petition gegen Ivo Bozic!

17. April 2008

Ivo Bozic, bekannt als Verfasser ambitionierter Schüleraufsätze im Fachblatt für die orientierungslose Post-Linke, kennt in seinem Amoklauf gegen Vernunft, Aufklärung, Ästhetik und orale Befriedigung kein Halten mehr:

Nachdem er sich bereits für die Entsendung bewaffneter Kartoffeln in den Libanon und die präventive Liquidation iranischer (Atom-)Pilze ins Zeug legte, propagiert er nun einen eliminatorischen Feldzug gegen den whitest boy alive unter den Gemüsen – den Spargel.
Skandalös ist schon allein der politische Gehalt seiner selbsternannten Argumentation: unter dem Deckmantel des Antifaschismus verortet er den Spargel in der „national befreiten märkischen Sandwüste“. Bozic leugnet implizit die Existenz des französischen oder des besonders zarten thailändischen Spargels und ergeht sich zugleich in Fantasien von „blühenden Tomaten[in] vernünftigem Erdreich“ – wahrscheinlich braunem, stinkendem Lehm. Auf gut doitsch: eine Scholle, eine Wurzel, ein Gemüse! Umso mehr lässt der in Adjektiven versteckte, gleichsam codierte Subtext von Bozics Hasspredigt aufhorchen: der blasse, bleiche, fade, delikate, edle, die Sonne scheuende, wurzellose aber phallisch-harte Spargel – wer fühlte sich nicht an das Stereotyp des abstrakten, nicht fassbaren, unverwurzelten und doch omni-präsenten, verwöhnt-schwächlichen und genussfixierten wie zugleich übermenschlich-starken Juden in der Propaganda von „Stürmer“ bis „junge welt“ erinnert!?

Ähnlich durchsichtig, manipulativ und reaktionär sein aufgesetzter Antisexismus, der sich an Marginalien grammatikalischer Natur und physiognomischen Merkmalen – „klar ist er männlich, sehr männlich sogar, dieses phallische urgermanische Bleichgesicht“ – festmacht.
Bozic baut hier einen Popanz vom Sexisten-Spargel auf, anstatt die schmackhafte Stange im Sinne eines gender-bending zu decodieren. So bietet gerade die weiche Spitze Ansatzpunkte zur queeren Umdeutung der zugegebenermaßen hegemonial heteronormativen Spargel-Ess-Praxis: drängt sich doch ausgiebiges Schmecken, Lutschen und anschließendes genussvolles Abbeissen – die Kastration, der Königsmord – geradezu auf.

Die in diesem Rahmen nur kurz skizzierten politischen Argumentationsmuster und die abgrundtiefe Ahnungslosigkeit – so scheint ihm entgangen zu sein, dass nur 40% der Menschheit mit dem Gen, welches den strengen Geruch der Post-Spargel-Pisse hervorbringt, ausgestattet sind – wird nur noch von der geschmacklichen Barbarei des Herrn Ivo „TelavIvo“ Bozic übertroffen. Statt sich den Gaumenfreuden etwa einer Spargellasagne (mit Parmesan UND Gouda überbacken!) hinzugeben, macht er sich für die Lieblingsfreunde eines jeden Kreuzberger Bioladen-Spießers – „saftige Tomaten, knackige Paprika, raffinierte Artischocken“ – stark. Joschka, ick hör dir trapsen! Demnächst kann man Bozic beim Nordic Walking in der Bergmannstraße erleben, seine Nachwuchs-taz wird mit doppelseitigen Anzeigen für Al Natura bestückt.

Wir haben uns zusammengeschlossen, weil wir diese unerträglichen Zustände im Hause Bozic nicht mehr länger schweigend hinnehmen wollen. Resignieren heißt Akzeptieren! Deswegen gehen wir in die Offensive und fordern:

- Grundkurs Kulinarik in der Volkshochschule Friedrichshain-Kreuzberg für den Revisionisten Bozic

- Anschaffung eines Umluftofens für die Redaktionsräume der Jungle World

- 3tägiges kulinaria katastrophalia-Seminar in Beelitz für Bozic

- Produktion der diesjährigen Auslandsnummer der Jungle World im Goldenen Dreieck und
ausschließliche Verköstigung der Belegschaft mit Thai-Spargel in allen Variante

Erst-Unterzeichner_innen:

- Wartezeit überbrücken … bis zur Spargelzeit
- Antikrauts – Emanzipatorischer Zirkel für guten Geschmack
- Initiative Kritischer Lebensmitteljournalismus
- beautybeast (to be confirmed)
- Charles de Gaulle

Unterstützer_innen:
- difficult is easy
- wendy
- subwave
- Karwan’s Paule (Freund des Spargels)
- roi
- besser scheitern
- mr. vain (Blog ist jetzt da)
- scheckkartenpunk
- califax

Ungültige Stimmen:
- fitzcarraldo
- Kulla

Weitere Unterzeichner_innen mögen sich bitte über die Kommentarspalte melden.
Plakate mit der Petition und dem Konterfei Bozics können im Infoladen Daneben abgeholt werden.


Arbeiter, Studenten, Comics gegen Mullahs und Kapital

14. April 2008

Über entdinglichung stieß ich auf die Meldung des Iranian Workers Solidarity Network, dass eine Spezialeinheit in eine iranische Reifenfabrik einbrach, wobei nicht nur etliche Arbeiter_innen zusammengeschlagen wurden, sondern innerhalb weniger Minuten 1.000 Menschen auf Busse verladen und an einen noch unbekannten Ort verschleppt wurden. Grund für den brutalen Überfall war der Protest der Arbeiter_innen für die Auszahlung ihrer seit 5 Monaten ausstehenden Löhne. Nur 5 oder 6 Augenzeugen konnten entkommen und berichteten einem Radio, dass sie als derzeitigen Aufenthaltsort der Verschleppten eine Stadt nähe Teheran vermuten.
Um die Freilassung der Arbeiter_innen zu erreichen, organisiert das IWSN eine Briefkampagne an den allseit bekannten iranischen Präsidenten, eine entsprechende Vorlage findet ihr auf den Seiten des Netzwerks.
Vor wenigen Tagen erst kam Mahmoud Salehi, ein Aktivist der Vereinigung der Bäckereiarbeiter_innen, der im Gefängnis trotz massiven Nierenleidens einen Hungerstreik begonnen hatte, gegen Kaution frei. U. A. eine Demo von 200 Genoss_innen vor dem Gefängnis sowie amnesty international hatten sich für seine Freilassung eingesetzt.

In einem Leserbrief in der 26. Ausgabe der Arbeiternews, einem monatlich erscheinenden, von mehreren Komitees in Deutschland herausgegebenen Blättchen zur Lage der iranischen Arbeiterbewegung, wird ein Erstarken des Klassenkampfes in Iran konstatiert. Die einstmals, in den 1960ern starke und international vernetzte Studierendenbewegung, sei als politische Kraft von einer Arbeiterbewegung abgelöst worden, die ebenso der weltweiten Vernetzung und Solidarität bedürfe:

„Die Koordinaten im politischen Geschehen haben sich aber gewaltig verschoben. Hatte die Studentenbewegung unter Schah eine zentrale Rolle in der gesellschaftlichen Kritik gespielt, so ist es dies im heutigen Iran zunehmend die Arbeiterbewegung, die als Herzstück des sozialen Protests das Denken und Handeln anderer Bewegungen prägt. Die Ursachen dieser Entwicklung sind vielfältig. Vor allem bildet die Entwicklung eines brutalen Akkumulationregimes des Kapitals unter dem Deckmantel des Islams die Basis für die Neugewichtung sozialer Bewegungen im Iran und für die zunehmende zentrale Rolle der Arbeiterbewegung. Die völlige Entrechtung einer Arbeiterklasse, die sich noch an besseren Tagen erinnern kann, und deren revolutionären Traditionen der 70er Jahre noch nicht ausgelöscht sind, musste geradezu eine solche Entwicklung hinauf beschwören. Und dies ist genau das, was wir seit ca. 4 Jahren im Iran erleben. Für die Linke im Ausland, war und ist das Erstarken einer unabhängigen Arbeiterbewegung sowohl ein wiederbelebender, frischer Wind, eine Quelle der Inspiration, als auch eine Herausforderung zugleich. Das unmittelbare Ergebnis dieser neuerlichen Entwicklung ist nun in der Herausbildung von Solidaritätsinitiativen in mehreren Ländern zu beobachten.“

Ob die aufflammenden Auseinandersetzungen eine Schwächung bzw. auf lange Sicht gar einen Sturz des der Mullahs von innen befördern können oder ob sich das Regime mittels seines vielfältig ausdifferenzierten, enthemmt agierenden Repressionsapparates stabilisieren kann, bleibt abzuwarten.

So lange heißt es Graphic Novels von Exil-Iraner_innen (kritisch) lesen und die iranische Opposition nach Kräften supporten.

UPDATE:
AG Integration (scheiß Name, btw) über die drohende Abschiebung eines iranischen Jugendlichen


Der Kommunismus und Bruhn

13. April 2008

Jede, auch wenn sie sonst nichts weiß, muss wissen, dass Joachim Bruhn ein Kritischer Theoretiker im Zeitalter der Liquidation des Denkens, nichts anderes als einer der letzten verbliebenen Statthalter des Kommunismus im Stande seiner Unmöglichkeit ist. Die Radikalisierung der Kritik zur Krise ist seine Profession. Sein Lebenswerk besteht, wie das der ihm angeschlossenen Initiative Sozialistisches Forum, in der Denunziation jeden Aufklärungsverräters, der sich im Freiburger Exil des antideutsch-adornitisch-militanten Rätekommunismus vor seine Feder verirrt, mit den Mitteln des historisch-polemischen Materialismus‘.

Und auch heuer enttäuscht der große Revolutionär Bruhn nicht und liefert einen Einladungstext zum halbjährlichen JourFixe-Programm, der die örtliche Öko-Schickeria, Multikulti-Gemeinde, Pazifisten-Linke und vernichtungswütige Postmoderne mit den Ohren schlackern lässt. Daraus im Folgenden einige Warnschüsse, die wie Donnerhall in den Ohren der kapitalen Untertanen klingen und sie vor die Entscheidung Affirmation oder Kritik, Konter- oder Pro-Revolution stellen mögen.

„Nichts anderes ist der Zionismus als die letzte bürgerliche Revolution, die der Gegenwart. Theodor Herzl, dessen staats- und rechtsphilosophisches Buch „Der Judenstaat“ diese Revolution 1896 erst so denkbar machte wie Jean-Jacques Rousseaus „Gesellschaftsvertrag“ 1762 die französische, und David Ben Gurion, der Lenin Israels, stellen nichts anderes dar als die jüdische Ausgabe der großen Revolutionäre des Bürgertums, heißen sie nun Maximilien Robespierre, St. Just, Danton. Eine Revolution jedoch, eine bürgerliche zumal, ist kein Zuckerschlecken, und der Preis der Erklärung der Menschenrechte waren die Guillotine und der revolutionäre Terror, schließlich die napoleonischen Kriege gegen die feudal-absoluten Mächte, die sich weigerten, das Prinzip des neuen Zeitalters, den Code civile, d.h. die Vergesellschaftung nach Maßgabe der zu Subjekten formierten Individuen unter der Aufsicht des kapitalen Souveräns, zu akzeptieren.
[…]
Aber jede große Revolution, die ihren Namen verdient, findet ihre Konterrevolution, ihre Vendée.. Die Vendée der Zionisten heißt Palästina, und das Ancien régime, der Block aus Pfaffen, Bauern und königstreuen Aristokraten, der den Jakobinern den Weg verlegen wollte, heißt heute PLO, Islamischer Djihad, Hamas und Hisbollah
[…]
In Gestalt des Antisemitismus kassierte Deutschland die Erklärung der Menschenrechte. Es tat dies nicht nur hinsichtlich des Antisemitismus als der Verkörperung ökonomischer, sondern zudem politischer Wahnvorstellungen: der Antisemitismus bezweckte nicht allein die ökonomische Wohlfahrt der Volksgemeinschaft, sondern zugleich den Staat des ganzen Volkes, die nationale Selbstbestimmung des in sich homogenen Mordkollektivs, d.h. die Identität der Deutschen als Rasse, als bösartige Natur. Dieser Versuch, durch die Feinderklärung gegen die Juden, nicht nur das Rätsel der Kapitalproduktivität den Deutschen als ihr ursprüngliches Eigentum zuzueignen, sondern zugleich das Geheimnis der Loyalität sich einzuverleiben, d.h. den Grund dafür gleichsam zu essen und zu verdauen, daß das Gewaltmonopol des Souveräns funktioniert, daß das System von Befehl und Gehorsam so fraglos wie spontan wird, daß die Bereitschaft zum Opfer und vor allem zum Töten zur ersten, eingefleischten Natur wird. Dies war der Sinn der Nürnberger Gesetze: jede Bestimmung, die vorgab, das, was jüdisch sein soll, zu definieren, war unmittelbar zugleich der Versuch, „das Deutsche“ zu fabrizieren und im Souverän zu inkarnieren. Der Nazifaschismus ermordete die Juden, um die Volksgemeinschaft herzustellen, d.h. letztlich: die bürgerliche Gesellschaft, aus deren Zusammenbruchskrise er entstand, zum Naturzusammenhang, zu einer Art Ameisenstaat aufzuheben.
[…]
Antizionismus ist der Selbsthaß der bürgerlichen Gesellschaft, der projiziert wird, die Wut der kapitalen Eigentümer darauf, daß sie eine Welt erschaffen haben, die nur die Wahl noch läßt zwischen Sozialismus und Barbarei. Die Juden waren zu Zeiten Theodor Herzls eine auf viele Nationen verstreute Gesellschaft, die sog. „Diaspora“; Nationen, die samt und sonders, die „Affäre Dreyfus“ zeigt es, langsam, aber unerbittlich dazu übergingen, die Aufklärung Lügen zu strafen […] Das Bürgertum verweigerte die objektive Konsequenz seiner Aufklärung, die proletarische Internationale gefiel sich in den Rechtsillusionen und Staatlichkeitswahn, die hinein in den 4. August 1914 führten – so fand sich die internationale jüdische Gesellschaft im Außerhalb jedweder Dialektik von Herr und Knecht als die dritte Partei, der der fanatische Haß von Herr und Knecht gleichermaßen galt. Das „Konzert der Nationen“ fand ohne die Menschen statt, die auch die proletarische Internationale als Kosmopoliten denunzierte.
[…]
Die Bürger hassen den Zionismus dafür, daß er ihnen, in seiner Ungleichzeitigkeit, die immensen menschlichen Unkosten vor Augen führt, die ihr eigener, längst gnädig vergessener Staatswerdungsprozeß im 16./17. Jahrhundert zur Konsequenz hatte. Wer etwa das 24. Kapitel des ersten Bandes des Marxschen „Kapital“ über „Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation“ studieren sollte, der wird unschwer den ökonomischen Prozeß der zionistischen Konstitution wiedererkennen – mit dem Unterschied nur, daß die britischen Landvertriebenen im Lande blieben und zwecks Maloche nach Liverpool und Manchester gehen konnten. Niemand kommt heute auf die Idee, die Legitimität der britischen Staatlichkeit deswegen anzugreifen, während solcherlei im Falle Israel stets nur die „Künstlichkeit“ des israelischen „Gebildes“ demonstrieren soll und seine mangelnde „Verwurzelung“ im „Boden“ sowieso, daher auch die treuherzig aggressive Rede vom „Existenzrecht Israels“.
[…]
Jeder, wenn er auch sonst nichts weiß, muß wissen, daß der Antisemitismus schon immer nur die im engeren Sinne ökonomischen Motive, und d.h. tatsächlich: Rationalisierungen des Judenhasses vertrat, während der Antizionismus seit Hitlers Rede im Bürgerbräu vom August 1920 die eher politisch-staatlichen Vorwände versammelt. Der Antizionismus ist von vorneherein, logisch wie historisch, jene Form des Judenhasses, der am Staat das seelenlos „Mechanische“ vom gefühlig „Organischen“ so abspaltet wie der Antisemitismus im engeren Sinne am Kapital die Spekulation von der Akkumulation des Kapitals. Daher schrieb Alfred Rosenberg, Ideologe en chef des NS, Traktate wie „Der staatsfeindliche Zionismus“ (1943), weil er zwanghaft beweisen wollte, daß die Juden, weil sie zur Arbeit unfähig seien, auch zum Staat: Denn „das Wesen des skrupellosen, zähen, national-übernational verbundenen parasitären Judenvolkes“ reiche nur bis zum Zionismus, und der sei, „bestenfalls, der ohnmächtige Versuch eines zu produktiver Leistung unfähigen Volkes … sich ein neues Aufmarschgebiet für Weltbewucherung zu verschaffen“, jedenfalls aber die „Austreibung und Ausrottung der Araber“ zu bewerkstelligen.“

Serious Talk:
Ich finde es faszinierend, wie Bruhns Denken seit mehr als 20 Jahren um den selben archimedischen Punkt – der Kommunismus nach Auschwitz und seine Stellung zu Israel – kreist und im Stile einer Meditation immer weiter mäandert und durch die Wiederholung hindurch sich immer wieder neue Konstellationen ergeben. Auch wenn man die groben Verallgemeinerungen und die geschichtsphilosophische Logik von der via bürgerlicher Gesellschaft in die Welt gesetzten Vernunft nicht teilt, ist Bruhn doch Garant für Erkenntnisgewinn jenseits der Langeweile standardisierter Israelsolidarität. Außerdem begeistert die Unverschämtheit der apodiktischen Setzungen des „Nichts anderes“ und „Jeder weiß“, die ich in der Einleitung amateurhaft zu kopieren versuchte.