Gestern Morgen morgen

30. März 2008

[montagsPraxis] präsentiert

Montag | 31.03 | 21:00 | Bini Adamczak: Gestern Morgen

Über die Einsamkeit kommunistischer Gespenster und die Rekonstruktion der Zukunft
Diskussion + Lesung zur Geschichte und Gegenwart des Stalinismus

„In jeder Generation muss es welche geben, die so leben, als ob ihre Zeit nicht ein Anfang und ein Ende, sondern ein Ende und ein Anfang wäre.“ Manès Sperber

Die Rekonstruktion eines kommunistischen Begehrens führt Bini Adamczak zurück in die Geschichte des Kommunismus, die sie gegen die Laufrichtung liest: von 1939 bis 1917. Der Weg zu den revolutionären Wünschen führt über ihre Enttäuschung, über das doppelte Scheitern der russischen Revolution, das unbewältigt anhält.
Während der totalitarismustheoretische Diskurs den Stalinismus als historischen Beweis nimmt, um zu zeigen, dass radikale Veränderungsversuche in Gewaltherrschaft münden, versucht Bini Adamczak, an der Frage der Partei, der Klasse, der Revolution und des revolutionären Versprechens zu rekonstruieren, entlang welcher historischer Bruchkanten der Stalinismus nicht als Wahrheit, sondern als katastrophale Möglichkeit des kommunistischen Projektes entstanden ist. Damit stellt sie sich der Forderung, den Stalinismus nicht in den Begriffen des Irrtums, sondern in denen der Realität zu analysieren, also zu untersuchen, was in den kommunistischen Praktiken, in den politischen Strategien und theoretischen Ansätzen, die Politik der Lager möglich gemacht hat.
Gleichzeitig versucht sie, Kommunismus zum universalen Namen für das Politische zu machen, um an das zu erinnern, was nicht eingetreten ist. Das Buch birgt eine vergangene Zukunft, die Gegenwart hätte sein können und Zukunft sein kann: gestern Morgen.

Bini Adamczak: Gestern Morgen. Über die Einsamkeit kommunistischer Gespenster und die Rekonstruktion der Zukunft, Münster: Unrast Verlag 2007 12.00 EUR

b_books # montagsPraxis
luebbener strasse 14 #10999 Berlin
www. bbooks.de

Wesentlich besser als der b_books-Pomo-Promo ist der Text auf dem Backcover des Buches:

Die lang erwartete Fortsetzung von Bini Adamczaks „Kommunismus“ nimmt einen unerwarteten Verlauf. Hatte die „kleine Geschichte wie endlich alles anders wird“ den heimlichen Untertitel „Kommunismus für Kinder“, so wird der zweite Teil den unausgesprochenen Namen „Kommunismus für Kommunistinnen“ tragen. Pünktlich zum Jahrestag der russischen Revolution führt die Re-Konstruktion eines kommunistischen Begehrens in die Geschichte des Kommunismus und bürstet diese gegen den Strich: von 1939 bis 1917. Vom Hitler-Stalin Pakt bis zur Oktoberrevolution kreisen die Überlegungen Adamczaks um die Figuren von Partei und Klasse von Verrat und Versprechen, um sie in ihrer Logik, aber vor allem als Erfahrungen zu rekonstruieren. Die Autorin sucht das Trümmerfeld der Geschichte nach den revolutionären Wünschen ab, die darunter begraben liegen. Aber es gibt keinen unbeschadeten Zugriff auf die vergessenen Träume. Der Weg zu den vergangenen Hoffnungen führt über deren Enttäuschung, über das doppelte Scheitern der russischen Revolution, das unbewältigt immer noch anhält. Die bergende Arbeit an der Geschichte ist somit eine Arbeit der Trauer, eine Trauerarbeit, die das Buch einfordert und zugleich performativ vollzieht. Es birgt eine vergangene Zukunft, die Gegenwart hätte sein können und Zukunft sein kann: „gestern morgen“.

Allerdings sollte mal jemand mit größerer diskursiver Autorität als meine Wenigkeit für einen generellen, also weltweiten, Austausch des 68er-Begriffs der Trauerarbeit (analog zu: Beziehungsarbeit usw.) durch den weniger zwanghaften der Trauertätigkeit plädieren. Danke.

Btw:
Welche sich am Montag nicht mehr erfolgreich in die engen Räume von b_books zwängen kann, wird Anfang Mai erneut die Gelegenheit finden, eine Lesung mit Bini Adamczak in Berlin live und in Farbe zu erleben. Wartezeit überbrücken hält euch auf dem Laufenden.


5 Kommentare

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  1. rezension von daniel kulla:

    http://conne-island.de/nf/153/20.html

    Comment von sakuska — 30. März 2008 @ 18:40

  2. […] Waiting wies auf die Lesung von Bini Adamczak bei b_books am 31.3. hin. Katja Diefenbach hielt eine kurze Einführung und Bini Adamczak las einige Seiten aus ihrem Buch „Gestern Morgen“ vor. Nicht wissenschaftliche Geschichtsschreibung noch objektiven Kriterien, sondern Bezugnahme auf die ermordeten AntifaschistInnen und KommunistInnen war das Anliegen von Adamczak. In der Lesung wurden ausgehend von einer literarischen Beschreibung vornehmlich die Ereignisse der späten 1930er Jahre in der SU unter der „großen Säuberung“ thematisiert. Allerdings wollte Adamczak ihre Sichtweise nicht auf diesen Zeitraum, einen konkreten „Punkt des Umschlags“ reduziert wissen – gerade die Suche nach einem bestimmten Zeitpunkt, ab dem alles schlecht geworden sein soll, hielt sie für illusionär. Die Diskussion anschließend drehte sich u.a. um religiöse Elemente in kommunistischer Utopie, insbesondere den Begriff des Messianismus. […]

    Pingback von unkultur » Blog Archive » Bini Adamczak liest in b_books — 1. April 2008 @ 14:05

  3. Hm, irgendwie verstehe ich nicht, warum ich das nicht mitbekommen habe. Hätte ich mir gern angesehen…

    Comment von classless — 1. April 2008 @ 19:18

  4. du musst meinen blog täglich lesen, dort findest du alle wichtigen daten auf einen blick!

    naja, abgesehen davon war es die ankündigungspolitik eher undergroundig. nächster termin ist m.e. nach der 05.05. im morgenrot.

    Comment von waiting — 1. April 2008 @ 19:40

  5. […] Bei unkultur wird über die Veranstaltung mit Bini Adamczak zu ihrem Buch “Gestern morgen” nachgedacht, von der ich leider nichts wußte: […]

    Pingback von classless Kulla » Blog Archive » Kommunistische Erinnerungspolitik? — 2. April 2008 @ 11:42

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