Jacques Attali: Politische Ökonomie der Musik
07. März 2008Purer Zufall ließ mich über ein Interview in Heft 60, Dezember 2005, der Zeitschrift ‚Texte zur Kunst‘ stolpern. Der Interviewer, Christoph Gurk, befragt dort den mir zuvor völlig unbekannten Jacques Attali. Attali fungierte in den 1980er Jahren als Berater des französischen Präsidenten fungierte und leitete in den 1990ern bis zu seinem erzwungenen Rücktritt aufgrund eines Finanzskandals die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (Osteuropas). Entgegen allem, was solche biographischen Lowlights versprechen, verfasste er nicht nur 1977 ein vielversprechend klingendes Buch – betitelt „Bruits : essai sur l‘économie politique de la musique“ –, sogar hat sogar heute noch erstaunliche Einsichten zum Thema vorzutragen, die einer kritischen Würdigung bzw. Bürstung-gegen-den-Strich bedürfen.
Da besagtes Interview ärgerlicherweise nicht online steht, im Folgenden einige abgetippte Auszüge aus den Antworten Attalis:
„‚Noise‘ ist Gewalt. Musik ist ‚Noise‘ mit ästhetischer Bedeutung. Es war immer ihre Rolle, Gewalt zu zähmen, indem sie der Gewalt einen Sinn verleiht und den Menschen die Illusion von Ordnung gibt. Darin liegt auch die Affinität zur Macht, […] die konstitutiv in sie eingeschrieben ist. Bereits in der präkapitalistischen Welt hat man durch Musik zu akzeptieren gelernt, dass das Gewaltmonopol in der Hand von Priestern, Prinzen oder Soldaten liegt. Musik war zu dieser Zeit eine Begleiterscheinung sakraler, feudaler und militärischer Macht.
[…]
‚Noise‘ ist für das System nicht lesbar. Er kann es an den Rand der Katastrophe bringen und zwingt es auf diese Weise, sich auf einer höheren Ebene neu zu organisieren. ‚Noise‘ selber trägt zwar keine Bedeutung, aber indem er den Code dazu treibt, sich zu verändern, produziert er Bedeutung. Insofern kann Musik als Träger eines sozialen Codes durch ‚Noise‘ überhaupt erst entstehen. Sie stellt Ordnung her, indem sie dem ‚Noise‘ eine Struktur gibt.
[…]
Zu Zeiten der religiösen Weltordnung hat man bereits sehr genau gewusst, dass die beste Weise, Gewalt zu organisieren, darin besteht, ihr eine Bedeutung zu verleihen. Die allgemeine Gewalt kann nur besiegt werden, indem man ihr ein Opfer bringt.
[…]
Selbst wenn wir heute zu Hause ein Musikstück hören oder ins Konzert gehen, wohnen wir in säkularisierter Form einem solchen Opfer bei. Musik ist eine Metapher des Ritualmordes, eine rituelle Technik, mit der eine Gesellschaft ihre sozialen Beziehungen symbolisch verhandelt, indem sie Gewalt einen Sinn gibt.
[…]
Mit jedem weiteren Schritt hin zur Kommodifikation haben sich die Organisationsformen der arbeitsteiligen Gesellschaft in die politische Ökonomie der Musik eingeschrieben und die Spähren der Produktion, der Distribution und der Konsumtion voneinander isoliert. Dieser Prozess der Ausdifferenzierung begann, als sich die Aufführung von Musik in den Konzertsaal zu verlegen begann. Musik wurde den Gesetzen des Marktes durch den Verkauf von Eintrittskarten unterworfen und trat damit in den Verwendungszusammenhang des ‚Repräsentierens‘ ein. Seitdem es mit der Erfindung des Tonträgers möglich wurde, Klanginformationen zu speichern, sie an einen physischen Körper zu binden und mit den Mitteln industrieller Produktion in beliebiger Stückzahl zu vervielfältigen und zu archivieren, befinden wir uns im Paradigma des ‚Wiederholens‘. Wer Musik unter diesen Bedingungen hört, bleibt auf seine Rolle im Hinblick auf den Gebrauchswert von Musik festgelegt. Der Konsum von Musik ist eine Tätigkeit, in der die Rezipienten eine nur noch individualisierte Beziehung zum warenförmigen Objekt unterhalten. Musik ist hier nichts als ein Simulakrum des rituellen Opfers. Ein blindes Spektakel.“
Attali führt seine These, dass in der Musik gesamtgesellschaftliche Transformationsprozesse früher als anderswo angezeigt würden, weiter aus. Diesen Part werde ich bei Gelegenheit noch abtippen. Im weiteren Verlauf geht er auf die Entwicklungen der Musik/-industrie im Postfordismus ein, die er unter dem Vorzeichen der Bewegung weg vom Paradigma des Wiederholens hin zum Komponieren fasst:
„Die Musikindustrie wird sterben.
[…]
Bereits in dem Moment, als Musik zum Teil kapitalistischer Reproduktion wurde, hat eine Bewegung eingesetzt, die ich als eine Dynamik der ‚Proliferation‘, der Wucherung, bezeichnet habe. Die industrielle Herstellung identischer Waren macht es unmöglich, den Prozess der Vervielfältigung unter Kontrolle zu halten.
[…]
Mit der Durchsetzung digitaler Speichermedien hat sich dieses Problem dramatisch verschärft. Wenn die Matrix, die eine Replikation in sich identischer Massenprodukte ermöglicht, selber kopiert und in Umlauf gebracht werden kann, ist die freie Zirkulation von Waren kaum noch aufzuhalten.
[…]
In dieser neuen, virtuellen Ökonomie, die sich durch den Tausch von mp3-Dateien durchgesetzt hat, kündigt sich nichts an als die Zerstörung der Warenform und damit die Entstehung eines neuen Paradigmas in der politischen Ökonomie von Musik an.
[…]
Im Paradigma des ‚Komponierens‘ ist die Trennung der Sphären von Produktion, Distribution und Konsumtion aufgehoben. Der Musiker spielt die Musik zu seinem eigenen Vergnügen, in einem durch und durch egoistischen Akt der Selbstkommunikation und Selbstranszendierung, der keine gesellschaftliche Zweckbestimmung verfolgt und insofern auch keinem kommunikativen Kreislauf mehr unterstellt ist. Diese Form radikaler Autonomie wird in Gesellschaften des rituellen Opfers, des repräsentierenden Sprechens und der wiederholenden Kommunikation massiv unterdrückt.“
Auf der situationistischen Homepage notbored wird er für diese These des quasi-automatischen, technik-angeleiteten Übergangs zu einer Gesellschaft jenseits der Warenform harsch kritisiert:
„Without the presence of self-conscious human agents, this description clearly suggests that the passage from the deadly third stage to the „free“ fourth stage is an inevitable and technological one, not a determined choice, made for dire social reasons, by organized but anti-hierarchical groups of people. For Attali and other „socialist“ technocrats, no human intervention is needed: technological „progress“ itself, if allowed to develop unimpeded, is what will overthrow the society of the spectacle and save us from death.
With the arbitrary addition of this fourth stage, Attali’s three-part cycle suddenly becomes a linear progression, an evolutionary and inevitable course of development, a happy story („Fear, Clarity, Power, and [then] Freedom“) rather than a terrifying paradox.
[…]
For the society of the spectacle to be overthrown, both capitalism and the bureaucratic state must be overthrown as well. No happy „free zone“ is possible within the society created and managed by these institutions, except perhaps for members of their elites. Hear me well, Mr. Eurobank who likes Eric Clapton: these are established facts for every person part of the international current of radical subversion channeled in certain ways by the situationists. We won‘t be satisfied with simple „conquest“ of our own „bodies“ and „potentials“: we want the liberation of all of human society from the shackles of private property, work and the state, and the permanent, unending realization of society’s potentials. Only then can we realize our own potentials as individuals. „
Gänzlich jenseits solcher revolutionstheoretischer Polemik bewegt sich die intro, die in ihrer Ausgabe 02/08 über „Download legal – Im Schatten von Radiohead“ berichtet. Die dort präsentierten Strategien der Musikindustrie, dem schwindenden Tonträgerverkauf zu begegnen, erscheinen weniger als souveräne Antwort auf die von Attali konstatierte Ablösung des Prinzips Wiederholung denn vielmehr als Zeichen wachsender Panik – handelt es sich tatsächlich um eine Industrie im Sterben?

wow, vielen dank fürs abtippen! bin auch gerade zufällig über Attali gestolpert, er hat gestern in Berlin einen Vortrag gehalten im Rahmen von „Dancing with Myself“ politische Ökonomisierung der Musik durch Digitalisierung. War sehr spannend. In den nächsten Tagen mehr auf meinem Blog. Grüße!
Comment von Playpopmobil — 17. Januar 2009 @ 12:03
kann mich hier nur anschließen!
… war auch beim dancingwithmyself vortrag,
fand’s live aber nicht so ganz uptodate / passend
zum thema digitalisierung…
vielen dank!
Comment von diketarak — 20. Januar 2009 @ 23:58