Gestern Morgen morgen

30. März 2008

[montagsPraxis] präsentiert

Montag | 31.03 | 21:00 | Bini Adamczak: Gestern Morgen

Über die Einsamkeit kommunistischer Gespenster und die Rekonstruktion der Zukunft
Diskussion + Lesung zur Geschichte und Gegenwart des Stalinismus

„In jeder Generation muss es welche geben, die so leben, als ob ihre Zeit nicht ein Anfang und ein Ende, sondern ein Ende und ein Anfang wäre.“ Manès Sperber

Die Rekonstruktion eines kommunistischen Begehrens führt Bini Adamczak zurück in die Geschichte des Kommunismus, die sie gegen die Laufrichtung liest: von 1939 bis 1917. Der Weg zu den revolutionären Wünschen führt über ihre Enttäuschung, über das doppelte Scheitern der russischen Revolution, das unbewältigt anhält.
Während der totalitarismustheoretische Diskurs den Stalinismus als historischen Beweis nimmt, um zu zeigen, dass radikale Veränderungsversuche in Gewaltherrschaft münden, versucht Bini Adamczak, an der Frage der Partei, der Klasse, der Revolution und des revolutionären Versprechens zu rekonstruieren, entlang welcher historischer Bruchkanten der Stalinismus nicht als Wahrheit, sondern als katastrophale Möglichkeit des kommunistischen Projektes entstanden ist. Damit stellt sie sich der Forderung, den Stalinismus nicht in den Begriffen des Irrtums, sondern in denen der Realität zu analysieren, also zu untersuchen, was in den kommunistischen Praktiken, in den politischen Strategien und theoretischen Ansätzen, die Politik der Lager möglich gemacht hat.
Gleichzeitig versucht sie, Kommunismus zum universalen Namen für das Politische zu machen, um an das zu erinnern, was nicht eingetreten ist. Das Buch birgt eine vergangene Zukunft, die Gegenwart hätte sein können und Zukunft sein kann: gestern Morgen.

Bini Adamczak: Gestern Morgen. Über die Einsamkeit kommunistischer Gespenster und die Rekonstruktion der Zukunft, Münster: Unrast Verlag 2007 12.00 EUR

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Wesentlich besser als der b_books-Pomo-Promo ist der Text auf dem Backcover des Buches:

Die lang erwartete Fortsetzung von Bini Adamczaks „Kommunismus“ nimmt einen unerwarteten Verlauf. Hatte die „kleine Geschichte wie endlich alles anders wird“ den heimlichen Untertitel „Kommunismus für Kinder“, so wird der zweite Teil den unausgesprochenen Namen „Kommunismus für Kommunistinnen“ tragen. Pünktlich zum Jahrestag der russischen Revolution führt die Re-Konstruktion eines kommunistischen Begehrens in die Geschichte des Kommunismus und bürstet diese gegen den Strich: von 1939 bis 1917. Vom Hitler-Stalin Pakt bis zur Oktoberrevolution kreisen die Überlegungen Adamczaks um die Figuren von Partei und Klasse von Verrat und Versprechen, um sie in ihrer Logik, aber vor allem als Erfahrungen zu rekonstruieren. Die Autorin sucht das Trümmerfeld der Geschichte nach den revolutionären Wünschen ab, die darunter begraben liegen. Aber es gibt keinen unbeschadeten Zugriff auf die vergessenen Träume. Der Weg zu den vergangenen Hoffnungen führt über deren Enttäuschung, über das doppelte Scheitern der russischen Revolution, das unbewältigt immer noch anhält. Die bergende Arbeit an der Geschichte ist somit eine Arbeit der Trauer, eine Trauerarbeit, die das Buch einfordert und zugleich performativ vollzieht. Es birgt eine vergangene Zukunft, die Gegenwart hätte sein können und Zukunft sein kann: „gestern morgen“.

Allerdings sollte mal jemand mit größerer diskursiver Autorität als meine Wenigkeit für einen generellen, also weltweiten, Austausch des 68er-Begriffs der Trauerarbeit (analog zu: Beziehungsarbeit usw.) durch den weniger zwanghaften der Trauertätigkeit plädieren. Danke.

Btw:
Welche sich am Montag nicht mehr erfolgreich in die engen Räume von b_books zwängen kann, wird Anfang Mai erneut die Gelegenheit finden, eine Lesung mit Bini Adamczak in Berlin live und in Farbe zu erleben. Wartezeit überbrücken hält euch auf dem Laufenden.


Auswertungsrunde

26. März 2008

Organisation schafft Kontinuität. Und Bloggen Verbindlichkeit. Mit diesen guten Vorsätzen gehe ich in die letzte Märzwoche. Im vorliegenden Eintrag materialisiert sich dieser neue Geist zum ersten Mal: einige Beiträge der letzten Wochen werden in diesem Sammelposting noch einmal aufgegriffen und jeweils nachfolgende Entwicklungen in aller Kürze verlinkt oder kommentiert.

-> Hier hatte ich auf eine Veranstaltung zur antipsychiatrischen Theorie hingewiesen. Leider konnte ich nicht anwesend sein, aber sowohl scheckkartenpunk als auch dissidenz haben im Anschluss an den Veranstaltungsbesuch ihre Gedanken protokolliert. Bei Letzterem in der Kommentarspalte auch eine lesenswerte Auseinandersetzung mit dem Referenten, David Wichera, der von salty fies von der Seite angeprollt wird.

-> Hier hatte ich auf den Protestbrief der Flüchtlinge des in Thüringen gelegenen Lagers Katzhütte aufmerksam gemacht. Mittlerweile waren Vertreter von Gemeindeverwaltung und Landratsamt zu Besuch. Zudem hatten die Bewohner_innen zu einer Pressekonferenz und Lagerbesichtigung geladen, ein Termin, der wohl trotz Sabotageversuche der Lagerleitung und der uniformierten Menschenjäger_innen sowie mangelnder Solidarität von (links-)deutsccher Seite recht erfolgreich verlief.

-> Hier hatte ich auf einen Fall von Rollophobie bei der Hedonistischen Internationale hingewiesen. Die Hannoveraner Sektion der Hedonistischen Internationale hatte nun kürzlich zu einer unangemeldeten Straßenbahnparty aufgerufen, in deren Verlauf es wohl zu harmlosen Gesetzesübertretungen in Form von Sachbeschädigungen und Böllerwürfen kam, die von der Polizei mit Knüppeleinsatz und Ingewahrsamnahmen beantwortet wurden. In einer ganz im Juso-Slang gehaltenen Pressemitteilung (!) werfen die Hedonisten aus Hannover nun einen „differenzierten Blick auf die Ereignisse“. Neben einer pflichtschuldigen Verurteilung der polizeilichen Repressionsmaßnahmen wird auch die eigene Klientel gemaßregelt:
„Dennoch müssen wir deutlich klarstellen, dass wir lieber ohne jene Leute gefeiert hätten, die die Menschenansammlung als Raum für aggressives Verhalten genutzt haben. Wir distanzieren uns auch von Sachbeschädigungen und dem Abbrennen von Feuerwerk im Zusammenhang mit der Party. Der darauf folgende Polizeieinsatz, bei dem es zu zahlreichen Verletzungen durch Hundebisse, Schlagstöcke und andere üble Behandlungen kam, war jedoch zu keiner Zeit gerechtfertigt. Insbesondere ist zu kritisieren, dass alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer undifferenziert und ohne jedes Augenmaß betroffen waren.“

Mit anderen Worten: ein differenzierter Knüppeleinsatz mit Augenmaß, bei dem nur die wahren Übeltäter, also die Tagger und Krachmacher, den ein oder anderen Schlag oder Biss abbekommen hätten – vielleicht netterweise beaufsichtigt von einem OLiBa-losen Einsatzleiter mit 68er-Vergangenheit – wäre so recht nach dem Geschmack der Hedonisten gewesen. Ganz in diesem Sozialarbeitergeiste kündigt man an, zukünftig „in einen Diskussionsprozess mit denjenigen [zu] treten, die den Sinn der Party fehlinterpretiert haben und darauf ein[zu]wirken, dass zukünftige Aktionen einen erfreulicheren Verlauf nehmen. Definitiv wird die HI Hannover auch weiterhin auf ihre Art soziale Missstände anprangern und zum Nachdenken anregen.“

Da die H.I. sich dermaßen schlafwandlerisch des kommunikationstheoretisch gepimpten Sozen-Vokabulars bedient, sei ihr eine Namensänderung in Habermas Initiative-Hannover ans Herz gelegt. Praktischerweise könnte die etablierte Abkürzung beibehalten und so der erfolgreich begonnene Social Branding-Prozess fortgeführt werden.


Wanted [dead or alive]: Beilage

18. März 2008

Gerade habe ich eine super-leckere Hühnerbrust im Blätterteigmantel zubereitet. Dabei habe ich mich an diesem Rezept orientiert, allerdings die ekligen Oliven weggelassen, den Schinken zu Parmaschinken konkretisiert und statt Ziegen- billigeren Schafskäse verwendet. Soweit, sogut. Anstelle des dort vorgeschlagenen gemischten Salates habe ich aufgrund meiner gefühlten Salatallergie Zucchini in Sahnesoße als Beilage ausgewählt. War auch ganz lecker, aber nicht der Oberknaller, daher die Frage an das werte Publikum nach seinen Empfehlungen. Grundsätzlich könnte ich mir ja Spargel als gute Alternative vorstellen, aber bin mir nicht sicher ob der mit dem Blätterteig harmoniert. Außerdem ist man ja nicht aller Tage in Schällaune.
Also Vorschläge, bitteschön!


Fascho-Mord X-Berg 1980

16. März 2008

Cosmoproletarian Solidarity berichtet über den Mord an einem Kommunisten durch Islamisten und türkei-stämmige Faschisten vom Januar 1980 am Kottbusser Tor.

Zum selben Fall siehe auch Deniz Yücel 2002 in der Jungle World.


Deutschlandradio goes Hörspiel-Kommunismus

16. März 2008

Heute nacht, 5 nach 12, auf DLR:

little red (play): herstory

Produktion: DLR 2008 stereo ~ 55 Min. – Originalhörspiel dt.

Inhaltsangabe:
Was tun Kommunisten und Kommunistinnen nach dem Ende der Geschichte? Nikola Nord sammelte Dokumente und Materialien von Anhängern der letzten großen Utopie des 20. Jahrhunderts und formt daraus das Doku-Märchen einer Vergangenheit, die unsere Zukunft hätte sein können.
Aus der interstellaren Perspektive des 3. Jahrtausends blickt sie zurück auf die Zeit der großen politischen Utopien. Sie schafft Raum im Hier und Jetzt für das, was dem Schweigen nach dem Scheitern gesellschaftlicher Alternativen folgt: Der Beginn neuer Geschichten …

Mit:
Bini Adamczak, Alexander Karschnia, Sascha Sulimma, Nicola Nord

[via]

Mehr zum Stück auf der Seite der andcompany.


Ver.di knickt ein

15. März 2008

Aus der Reihe „Wie fährt man einen Streik systematisch an die Wand“, heute ver.di:

Bereits am Freitag wurden von ver.di Gerüchte gestreut, bei derzeitiger Witterung seien die langen Zeiten an den Streikposten und das gegenüber dem regulären Lohn verminderte Streikgeld den Mitgliedern nicht mehr lange zuzumuten – schlecht bezahlte Arbeit auf Jahre hinaus offenbar schon.

Heute nun heißt es, „die Gespräche mit den Arbeitgebern über eine Rahmenvereinbarung für weitere Tarifgespräche seien ohne nennenswerte Annäherung beendet worden“, doch: „Mit Rücksicht auf die Fahrgäste sollten mit Fahrplanbeginn am Montag Bahnen und Busse eingeschränkt wieder rollen. Dies sei als «Zeichen guten Willens» gedacht, sagte ein Sprecher.“

[Quelle]


Scharfer Blick nach links

15. März 2008

Es ist amüsant, tragisch, asozial und elitär zugleich.

Ich fordere: Inhaltliche, reflektierte, revolutionäre und antifaschistische POLITIK.

Wenn ich Fleisch essen WILL, tue ich dies, denn mein emanzipierter Wille ist, was mich vom unterjochten Volk unterscheidet.

Wenn zwanzig Leute fünf Polizisten gegenüber stehen, und diese einen zu verhaften versuchen, wäre es klug, wenn die anderen neunzehn diesem helfen, denn das würden sich sich ja auch wünschen, wenn sie der mit der Arschkarte sind.

Und wenn eine Frau oder ein Mann einen geilen Arsch hat, dann sage ich das, wenn ich diese Person vögeln will, dann sage ich das, und wenn ich sonst nichts mit dieser Person zu tun haben will, dann sage ich das, und es ist auch ok.

Sie ist gegen den Klassenkampf, weil sie die Eigenschaft des Proletariats als revolutionäres Subjekt leugnet, und somit nicht im Stande den Faschismus in seiner Wurzel zu bekämpfen.

Der antideutschen Verblendunng ist Einhalt zu gebieten.

Reduzierter Drogenkonsum und (Kampf-)Sport sind daher anzuraten.

Maulhelden und Plappertaschen kann keiner brauchen. Aussagen werden verweigert, auch wenn Beugehaft droht.

Verwandte, Bekannte, Freunde, Klassenkameraden oder die/der unpolitische Partner, sind keine Genossen, müssen/dürfen nichts wissen.

Es ist an der Zeit praktizierten Faschismus tolerierenden Politikern den feigen ,kapitaltreuen Arsch zu gerben.

Ein Antifaschist, ein deutscher Antifaschist im besonderen, muss ihn bekämpfen wo er auch auftritt.

Es ist an der Zeit dafür zu sorgen, dass deutsche Straßen wieder sicher werden.

ACHTUNG: ER sagt ,,vergaß”, bestimmt ein antisemitischer Mehrheitsdeutscher!!

PS: Militanter Antifaschismus ist durch die Verfassung legitimiert….legt das Bürgertum natürlich anders aus.

P[P]S: Wenn es Rassenkampf gibt, dann heißt es wir gegen die Delfine, denn Äthiopier und Deutscher haben die gleiche Rasse.

[Copyright für sämtlichen scharfen Worte bei Scharfer Blick]


Mixed Pt. 27

15. März 2008

Da noch semi-krank, keine großen Worte, weil der Aufprall nach Gedankensprüngen zu sehr schmerzt. Stattdessen ein Link-Sammelsurium.

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gruenundgrau kritisiert den wohl am Besten als dämlich zu charakterisierenden Artikel „Hitlers Kinder“ aus der aktuellen jungle, der wohl die Entgegnung auf die von Klaus Behnken verfasste, inhalts- wie lesevergnügungstechnisch ebenfalls nicht sonderlich ruhmreiche Rezension von Götz Alys neuer Revisionisten-Operette „Unser Kampf“ darstellt. Solche Texte sind so platt und stecken voller Widersprüche (der ach so gute Staat vs. das faschistische Volk), weil sie die realen, von grünundgrau z. T. bereits benannten Widersprüche, nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Schlimm immer wieder zu sehen, wie die berechtigte Kritik an der linken Variante des Postnazismus genutzt wird, um sich dem postnazistischen Souverän um den Hals zu werfen. Da wird der Habermas im Zeitraffer performt: von der Kritischen Theorie über den Linksfaschismus-Vorwurf hin zur Total-Affirmation innerhalb weniger Jahre (2001-2008?).

Demnächst wahrscheinlich mehr dazu.

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Ebenfalls über gruenundgrau bin ich auf „Can Dialectics break bricks?“ gestoßen, einen situationionistisch inspirierten Film von René Viénet, den ich mir am Wochenende zu Gemüte führen werde.

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Ein weiterer Posten auf meiner ToView-Liste:
Herbert’s Hippopotamus: A Story about Revolution in Paradise, eine Doku über die Jahre 1968/69 im Leben von Marcuse.

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Zweimal Abtreibung und disability:

„Tod im Mutterleib – Wird behindertes Leben durch Paragraph 218 noch geschützt?“ (Skript eines Panorama-Beitrags, via irgendeinblogsport-Blog, das mir gerade entfallen ist).
Außerdem zum wdh. Male der Link zu einem Beitrag der phase2, der die panorama-Fakten kritisch rahmt:
„Jede ist ihres Glückes Schmied – Parallelen und Unterschiede in der Diskussion um Sterbehilfe und Reproduktion aus einem feministischem Blickwinkel“.

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Linkliste geupdatet.


Israel Defence Words

09. März 2008

Das israelische Außenministerium erklärt zu dem Anschlag im Mercaz Harav-Priesterseminar in Jerusalem von Donnerstag:

1. Die absichtliche Ermordung von Zivilisten – in diesem Fall rabbinischen Studenten – ist ein abscheuliches, aber hervorstechendes Charakteristikum des extremistischen Lagers, das Gewalt und Terrorismus einsetzt, um sein Ziel, die Vernichtung Israels, voranzutreiben.

2. Die israelischen Sicherheitskräfte tunn, wenn sie dazu gezwungen sind gegen den Terrorismus vorzugehen, alles, um die Verletzung von Zivilisten zu vermeiden, und die israelische Gesellschaft bedauert den beklagenswerten Tod arabischer Unschuldiger. Die Terroristen jedoch greifen bewusst Zivilisten an, und ihre Anhänger preisen die Angriffe und feiern jeden Toten, indem sie auf den Straßen Gazas und in den Hisbollah-Hochburgen im Libanon tanzen.

3. Der andauernde Beschuss mit Kassam- und GRAD-Raketen gegen südisraelische Städte und ein tobender Amokschütze in einem Jerusalemer Rabbinerseminar sind zwei Seite derselben Medaille – des extremistischen Terrorismus, der auf die Ermordung so vieler Israelis wie möglich aus ist.

4. Gestern hat die gemäßigte palästinensische Führung mit Israel die Wiederaufnahme der Verhandlungen über eine Lösung von zwei Staaten für zwei Völker vereinbart. Heute haben die Extremisten uns daran erinnert, dass es für sie nichts zu verhandeln gibt und die einzige Lösung für sie Israels Zerstörung ist.


Jacques Attali: Politische Ökonomie der Musik

07. März 2008

Purer Zufall ließ mich über ein Interview in Heft 60, Dezember 2005, der Zeitschrift ‚Texte zur Kunst‘ stolpern. Der Interviewer, Christoph Gurk, befragt dort den mir zuvor völlig unbekannten Jacques Attali. Attali fungierte in den 1980er Jahren als Berater des französischen Präsidenten fungierte und leitete in den 1990ern bis zu seinem erzwungenen Rücktritt aufgrund eines Finanzskandals die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (Osteuropas). Entgegen allem, was solche biographischen Lowlights versprechen, verfasste er nicht nur 1977 ein vielversprechend klingendes Buch – betitelt „Bruits : essai sur l‘économie politique de la musique“ –, sogar hat sogar heute noch erstaunliche Einsichten zum Thema vorzutragen, die einer kritischen Würdigung bzw. Bürstung-gegen-den-Strich bedürfen.

Da besagtes Interview ärgerlicherweise nicht online steht, im Folgenden einige abgetippte Auszüge aus den Antworten Attalis:

„‚Noise‘ ist Gewalt. Musik ist ‚Noise‘ mit ästhetischer Bedeutung. Es war immer ihre Rolle, Gewalt zu zähmen, indem sie der Gewalt einen Sinn verleiht und den Menschen die Illusion von Ordnung gibt. Darin liegt auch die Affinität zur Macht, […] die konstitutiv in sie eingeschrieben ist. Bereits in der präkapitalistischen Welt hat man durch Musik zu akzeptieren gelernt, dass das Gewaltmonopol in der Hand von Priestern, Prinzen oder Soldaten liegt. Musik war zu dieser Zeit eine Begleiterscheinung sakraler, feudaler und militärischer Macht.
[…]
‚Noise‘ ist für das System nicht lesbar. Er kann es an den Rand der Katastrophe bringen und zwingt es auf diese Weise, sich auf einer höheren Ebene neu zu organisieren. ‚Noise‘ selber trägt zwar keine Bedeutung, aber indem er den Code dazu treibt, sich zu verändern, produziert er Bedeutung. Insofern kann Musik als Träger eines sozialen Codes durch ‚Noise‘ überhaupt erst entstehen. Sie stellt Ordnung her, indem sie dem ‚Noise‘ eine Struktur gibt.
[…]
Zu Zeiten der religiösen Weltordnung hat man bereits sehr genau gewusst, dass die beste Weise, Gewalt zu organisieren, darin besteht, ihr eine Bedeutung zu verleihen. Die allgemeine Gewalt kann nur besiegt werden, indem man ihr ein Opfer bringt.
[…]
Selbst wenn wir heute zu Hause ein Musikstück hören oder ins Konzert gehen, wohnen wir in säkularisierter Form einem solchen Opfer bei. Musik ist eine Metapher des Ritualmordes, eine rituelle Technik, mit der eine Gesellschaft ihre sozialen Beziehungen symbolisch verhandelt, indem sie Gewalt einen Sinn gibt.
[…]
Mit jedem weiteren Schritt hin zur Kommodifikation haben sich die Organisationsformen der arbeitsteiligen Gesellschaft in die politische Ökonomie der Musik eingeschrieben und die Spähren der Produktion, der Distribution und der Konsumtion voneinander isoliert. Dieser Prozess der Ausdifferenzierung begann, als sich die Aufführung von Musik in den Konzertsaal zu verlegen begann. Musik wurde den Gesetzen des Marktes durch den Verkauf von Eintrittskarten unterworfen und trat damit in den Verwendungszusammenhang des ‚Repräsentierens‘ ein. Seitdem es mit der Erfindung des Tonträgers möglich wurde, Klanginformationen zu speichern, sie an einen physischen Körper zu binden und mit den Mitteln industrieller Produktion in beliebiger Stückzahl zu vervielfältigen und zu archivieren, befinden wir uns im Paradigma des ‚Wiederholens‘. Wer Musik unter diesen Bedingungen hört, bleibt auf seine Rolle im Hinblick auf den Gebrauchswert von Musik festgelegt. Der Konsum von Musik ist eine Tätigkeit, in der die Rezipienten eine nur noch individualisierte Beziehung zum warenförmigen Objekt unterhalten. Musik ist hier nichts als ein Simulakrum des rituellen Opfers. Ein blindes Spektakel.“

Attali führt seine These, dass in der Musik gesamtgesellschaftliche Transformationsprozesse früher als anderswo angezeigt würden, weiter aus. Diesen Part werde ich bei Gelegenheit noch abtippen. Im weiteren Verlauf geht er auf die Entwicklungen der Musik/-industrie im Postfordismus ein, die er unter dem Vorzeichen der Bewegung weg vom Paradigma des Wiederholens hin zum Komponieren fasst:

„Die Musikindustrie wird sterben.
[…]
Bereits in dem Moment, als Musik zum Teil kapitalistischer Reproduktion wurde, hat eine Bewegung eingesetzt, die ich als eine Dynamik der ‚Proliferation‘, der Wucherung, bezeichnet habe. Die industrielle Herstellung identischer Waren macht es unmöglich, den Prozess der Vervielfältigung unter Kontrolle zu halten.
[…]
Mit der Durchsetzung digitaler Speichermedien hat sich dieses Problem dramatisch verschärft. Wenn die Matrix, die eine Replikation in sich identischer Massenprodukte ermöglicht, selber kopiert und in Umlauf gebracht werden kann, ist die freie Zirkulation von Waren kaum noch aufzuhalten.
[…]
In dieser neuen, virtuellen Ökonomie, die sich durch den Tausch von mp3-Dateien durchgesetzt hat, kündigt sich nichts an als die Zerstörung der Warenform und damit die Entstehung eines neuen Paradigmas in der politischen Ökonomie von Musik an.
[…]
Im Paradigma des ‚Komponierens‘ ist die Trennung der Sphären von Produktion, Distribution und Konsumtion aufgehoben. Der Musiker spielt die Musik zu seinem eigenen Vergnügen, in einem durch und durch egoistischen Akt der Selbstkommunikation und Selbstranszendierung, der keine gesellschaftliche Zweckbestimmung verfolgt und insofern auch keinem kommunikativen Kreislauf mehr unterstellt ist. Diese Form radikaler Autonomie wird in Gesellschaften des rituellen Opfers, des repräsentierenden Sprechens und der wiederholenden Kommunikation massiv unterdrückt.“

Auf der situationistischen Homepage notbored wird er für diese These des quasi-automatischen, technik-angeleiteten Übergangs zu einer Gesellschaft jenseits der Warenform harsch kritisiert:

„Without the presence of self-conscious human agents, this description clearly suggests that the passage from the deadly third stage to the „free“ fourth stage is an inevitable and technological one, not a determined choice, made for dire social reasons, by organized but anti-hierarchical groups of people. For Attali and other „socialist“ technocrats, no human intervention is needed: technological „progress“ itself, if allowed to develop unimpeded, is what will overthrow the society of the spectacle and save us from death.

With the arbitrary addition of this fourth stage, Attali’s three-part cycle suddenly becomes a linear progression, an evolutionary and inevitable course of development, a happy story („Fear, Clarity, Power, and [then] Freedom“) rather than a terrifying paradox.
[…]
For the society of the spectacle to be overthrown, both capitalism and the bureaucratic state must be overthrown as well. No happy „free zone“ is possible within the society created and managed by these institutions, except perhaps for members of their elites. Hear me well, Mr. Eurobank who likes Eric Clapton: these are established facts for every person part of the international current of radical subversion channeled in certain ways by the situationists. We won‘t be satisfied with simple „conquest“ of our own „bodies“ and „potentials“: we want the liberation of all of human society from the shackles of private property, work and the state, and the permanent, unending realization of society’s potentials. Only then can we realize our own potentials as individuals. „

Gänzlich jenseits solcher revolutionstheoretischer Polemik bewegt sich die intro, die in ihrer Ausgabe 02/08 über „Download legal – Im Schatten von Radiohead“ berichtet. Die dort präsentierten Strategien der Musikindustrie, dem schwindenden Tonträgerverkauf zu begegnen, erscheinen weniger als souveräne Antwort auf die von Attali konstatierte Ablösung des Prinzips Wiederholung denn vielmehr als Zeichen wachsender Panik – handelt es sich tatsächlich um eine Industrie im Sterben?