Kommunisten, Feministen, Kindermörder!

25. Februar 2008

An Statements von CDU-Politiker_innen aus der B-Klasse, die wie O-Töne aus den Hochzeiten des Kalten Krieges klingen – man denke etwa an Kochs Hatz nach dem kommunistischen Phantom oder die Aufregung über eine ostalgische DKP-Mumie –, hat man sich mittlerweile gewöhnt. Der sachsen-anhaltinische Ministerpräsident Böhmer sorgt nun für den bisherigen Höhepunkt einer grotesken Kampagne:

„Die Serie von Kindstötungen in Ostdeutschland hat für Wolfgang Böhmer tiefere Gründe – er sieht eine Ursache in nachwirkender DDR-Mentalität der Eltern […]: „Ich erkläre mir das vor allem mit einer leichtfertigeren Einstellung zu werdendem Leben in den neuen Ländern.“ Ihm komme es so vor, als ob Kindstötungen von Neugeborenen – die es aber schon immer gegeben habe – „für manche ein Mittel der Familienplanung seien“. Diese Einstellung halte er für eine Folge der DDR-Abtreibungspolitik. Frauen durften in der DDR ab 1972 bis zur zwölften Woche ohne jede Begründung abtreiben. „Das wirkt bis heute nach“, sagte der 71-Jährige, der bis 1990 Chefarzt der Gynäkologie in Wittenberg war. „Als Gynäkologe habe ich selbst Frauen erlebt, die ihre Schwangerschaft bis zur Entbindung erfolgreich verheimlichten.“ Um zu verhindern, dass Mütter ihre Schwangerschaft verheimlichen und ihr Kind dann töten, müssten die Menschen wachsamer werden.“

Mal ganz abgesehen von der Unverschämtheit, Abtreibung und Kindesmord gleichzusetzen: Böhmers Respekt vor dem „werdenden Leben“ bedeutet nicht nur die Verfügbarmachung des weiblichen Körpers für die Reproduktion des nationalen Kollektivs – deutsche Kinder werden nicht abgetrieben, außer die Mongos – sondern harmoniert auch wunderbar mit der Verächtlichmachung des gewordenen Lebens, für dessen Vergänglichmachung mit Hartz IV und Massenverarmung gesorgt wird. In diesem Geiste kommen Böhmert denn auch keine Reformen in den Sinn, welche die Zahl solcher Tötungen verringern könnten – z. B. die vermehrte Einrichtung anonymer Babyklappen oder die Liberalisierung des ungewöhnlich restriktiven deutschen Adoptionsrechts – sondern allein der Aufruf an die „Wachsamkeit“ der Nachbarn, die bekannte Blockwart-Nummer also.

Böhmers sexistische Phantasie von Frauen, die ohne staatliche Kontrolle zu Mörderinnen ihrer eigenen Kinder und damit der Nation geraten, fügt sich ein in einen anschwellenden Diskurs gegen angeblich liberale Abtreibungsregelungen. Dabei besteht in der BRD formal, im Gegensatz zur DDR, nicht einmal das Recht auf Schwangerschaftsabbruch, Abtreibung wird immer noch als – nur unter bestimmten Bedingungen wie Pflichtberatung straffreie – Rechtswidrigkeit gewertet. Sarah Diehl, Herausgeberin des Sammelbandes „Deproduktion – Schwangerschaftsabbruch im internationalen Kontext“, berichtet im „dieStandard“-Interview von einer zunehmenden Erosion des freien Zugangs zur Abtreibung:

„In manchen europäischen Städten wie Salzburg oder Passau haben sich ÄrztInnen bereits kollektiv geweigert Abtreibungen durchzuführen. Das Argument der „moralischen Bedenken“ weitet sich in einigen Ländern paradoxerweise sogar auf Verhütungsmittel aus – das Mittel, mit dem man ungewollte Schwangerschaften und somit Abbrüche am besten vermeiden kann.“

Diehl schlägt vor, mit den dekonstruktiven Errungenschaften des 90erJahre-Feminismus eine neue Bewegung zu begründen:

„Die Institution der Heterosexualität bezieht ihre natürliche Legitimation vor allem aus der zweigeschlechtlichen Reproduktion. Diese zu unterlaufen, die gesellschaftliche Konstruktion von Mütterlichkeit und Väterlichkeit zu hinterfragen und sich dem „natürlichen“ Schicksal und der heterosexistischen Arbeitsteilung durch einen Schwangerschaftsabbruch zu verweigern, sind für die Dekonstruktion der Kategorie Gender sehr hilfreiche Tools. Ein biologistisches Konstrukt wie der „Mutterinstinkt“ kann angesichts der Abbruchzahlen nicht aufrechterhalten werden. Die Einforderung einer geschlechtergerechten Arbeitsteilung in der Pflege und Erziehungsarbeit kann durch die selbstverständliche und nicht moralisch verklärte Einforderung des Abbruchs unterstützt werden, da sie Frau emotional weniger erpressbar macht. „

Solange eine solche Bewegung nicht sichtbar ist, droht eine weitere Verschärfung der Tonlage und schlussendlich wohl auch der Praxis – schließlich gilt es, das Aussterben einer großen Kulturnation zu verhindern. Wo die Reise hingehen könnte, zeigt ein Vorfall aus Italien, wo die Polizei kürzlich ein Krankenhaus stürmte, um die Rechtmäßigkeit einer Abtreibung zu überprüfen.


4 Kommentare

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  1. […] Waiting schreibt über die “sexistische Phantasie von Frauen, die ohne staatliche Kontrolle zu Mörderinnen ihrer eigenen Kinder und damit der Nation geraten” und darüber, was Abtreibung mit Genderdekonstruktion zu tun hat. “Kann es so etwas wie einen herrschafts- und hierarchiefreien Porno geben?” – dieser Frage geht Martin Büsser in der aktuellen Jungle nach, und macht eine Art kritische Bestandsaufnahme von Hetero-, Bi- und Homopornos: “Das viel beschworene »Alles ist möglich« kommt im Porno nur selten ohne identitäre Zuschreibungen aus.” Yeahpopes Erzählung von erzwungener Trennung und freiwilligem Loslassen schliessslich sei allen ans Herz gelegt, die sich selbiges wieder wärmen wollen, nach all dem andern harten Zeugs. […]

    Pingback von Mixed picks #2 | bikepunk 089 — 3. März 2008 @ 13:29

  2. Der öffentlich-rechtliche Videotext wusste passenderweise heute von einem Rückgang der Abtreibungen zu berichten. Kinderfreundlichkeit (inklusive Materialzeugung) hat sich gegen gutes Leben bereits durchgesetzt, sozusagen.

    Comment von crull — 5. März 2008 @ 17:53

  3. sowohl absolute als auch relativ sinkt die zahl der abtreibungen seit 2004:
    http://www.rp-online.de/public/article/aktuelles/panorama/deutschland/540625

    Comment von waiting — 6. März 2008 @ 20:45

  4. Dein Vorgehen gegen diesen reaktionären Antikommmunismus finde ich schonmal gut, doch denke ich, dass man versuchen sollte ,allerdings durch soziale Vergünstigungen und nicht durch Gebärungszwang, dass eine gewisse Geburtenrate erhalten bleibt, denn sonst weiss ich nicht, wer die Gebrauchswerte, welche ich als Rentner genießen will, produzieren soll.

    Comment von Blickpunkt — 9. April 2008 @ 18:27

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