Moderner Michael, mittelalterlicher Mustafa

17. Februar 2008

In „Produktionsweisen des Anderen im Wettstreit von Männlichkeiten“ stellt Olaf Stuve von Pat Ex einige Überlegungen zur Genese ethnisierter Männlichkeitskonzepte an:

„Augenblicklich kommt es innerhalb einer globalisierten Dienstleistungsökonomie neben einer Dequalifizierung von Frauen zu einer Feminisierung von männlichen (Arbeits)Biographien bzw.
immer häufiger Nicht-Arbeitsbiographien. Diese Dequalifizierung oder auch eine Form des Überschüssig-Werdens geht wiederum eine enge Verbindung mit Migration ein.
Beispielsweise stellt die globale Dienstleistungsgesellschaft einen immer größer werdenden Bedarf an schlecht bezahlten Dienstleistungen her: Putzen, Babysitten oder private Altenpflege sind nur die prominentesten Beispiele. Sie werden überwiegend von Frauen ausgeführt, die wiederum schlecht bezahlt und häufig illegalisiert werden.
Dieser Umstand könnte mit eine Erklärung dafür sein, dass im November 2005 vornehmlich männliche Jugendliche aus den Banlieus an den Unruhen in Frankreich beteiligt waren. Während viele jungen Frauen Tag für Tag ins Zentrum der Stadt fahren, um dort in den benannten, schlecht bezahlten Dienstleistungen zu arbeiten, machen die jungen Männer das nicht. Diese Jobs gelten als unmännlich, darüber hinaus würden sie diese Jobs auch gar nicht bekommen. Diese Arbeit gilt als weiblich und mittlerweile auch als migrantisch. Die jungen Männer haben demnach immer weniger die Möglichkeit, dem Bild des Mannes als Ernährer der Familie nachzukommen. Unabhängig von anderen Männlichkeitsinszenierungen sehen sie
sich in Bezug auf Arbeit an den Rand gedrängt und erleben sich möglicherweise nicht nur gegenüber anderen Männlichkeiten, sondern auch gegenüber Frauen, die Arbeit haben, untergeordnet.
[…]
Die Konkurrenz unter den Männlichkeiten erweist sich als Motor der Reproduktion der hierarchischen Geschlechterverhältnisse, da durch sie immer wieder der eine oder andere Typus von Männlichkeit eine Art männliche Leitfigur darstellen kann. Um diese Konkurrenz soll es im Folgenden gehen.

Konkurrierende Männlichkeiten und Andersheit
Männlichkeit stellt sich u.a. in Abgrenzung zur Weiblichkeit her. Der Ort der Männlichkeits- konstruktion ist allerdings die homosoziale Gruppe von Männern. Hier wird die Männlichkeit stilisiert, und Männlichkeiten werden untereinander abgestuft. Man könnte sagen, verschiedene Männlichkeiten konkurrieren miteinander um den Status der „hegemonialen Männlichkeit“. Das Nebeneinander von Männlichkeiten lässt das Männlichkeitsideal eher als ein „generatives Prinzip der Konstruktion von Männlichkeiten“ verstehen. Die Konkurrenz um das Männlichkeitsideal treibt die Männlichkeit insgesamt immer wieder von neuem zur Rekonstruktion der hierarchischen Zweigeschlechtlichkeit. Konkurrenz belebt das Geschäft.
Meines Erachtens ist die permanente Erneuerung und die damit einhergehende Flexibilität selbst das entscheidende Charakteristikum von hegemonialer Männlichkeit. Die flexible Männlichkeit zeichnet sich darin aus, dass sie variabel auf unterschiedliche Anforderungen reagieren kann. Und sie vereinigt alle möglichen Eigenschaften – von hart und durchsetzungsfähig bis sozial und emotional verständnisvoll. Die gesamte Palette ist im Idealfall jederzeit abrufbar. Das Motto lautet mittlerweile nicht Macho oder Softie, Sportler oder Computerfreak, partnerschaftlich oder autoritär, sondern: mal so, mal so oder „die Mischung macht’s“. Demgegenüber wird meines Erachtens in den vereinfachten, reduzierten Männlichkeitsbildern über den Migranten das Bild eines unflexiblen, seinen Traditionen verhafteten Mannes, eines Patriarchen und Machos hergestellt. Er ist einer quasi „naturgemäßen“ Kultur verhaftet, anstatt dass er sie selbst herstellt, verändert, anpasst,
flexibel macht.“


2 Kommentare

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    Pingback von Media Districts Entertainment Blog » Moderner Michael, mittelalterlicher Mustafa — 17. Februar 2008 @ 17:14

  2. der pingback ist verkleideter spam.

    Comment von lysis — 21. Februar 2008 @ 02:36

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