Auf dem watchblog islamophobie fragt sich aktuell Autorin khadijakiel in einem
Beitrag „warum Juden so eine große Lobby haben dürfen und z.B. Muslime nicht? […] es ist mir unbegreiflich, warum einem der Mund verboten werden soll, wenn man die leiseste Kritik an Juden oder der Politik Israels übt“. Außerdem bedauert sie, dass man sich „nach 70 Jahren immer noch schuldig fühlen [soll], auch wenn ich damals noch gar nicht gelebt habe, aber mich einschalten, wenn sich sowas wieder anbahnt, darf ich nicht; das ist für mich zweierlei Maß. Und dagegen wehre ich mich.“ (ob sie mit ’sich wehren‘ auf das von ihm als Notwehrparagraphen eingestufte Koran-Zitat „Tötet die Götzenanbeter wo immer ihr sie findet!“ anspielt?).
Khadija hat es beileibe nicht leicht, die Welt stellt sich ihr als eine einzige große Frage dar, eine Ansammlung von Irrtümern und Ungerechtigkeiten:
„Warum darf ich z.B. die Politik von Israel nicht kritisieren? Nur [sic!] weil ein paar Deutsche lange vor meiner Zeit Juden umgebracht haben? Und warum darf ich nicht genauso wie der Zentralrat der Juden den moralischen Zeigefinger heben, wenn gegen Muslime gehetzt wird und man Atombomben für Mekka und Medina fordert? Warum darf ich das nicht??? […]
Warum soll eine Gruppe mehr Rechte haben als eine andere? […] Warum sollte ich schweigen? Schweigen ist feige. So wie damals. Ich will keinen zweiten Holocaust, egal ob für Muslime, Rothaarige, Raucher oder sonst wen….“
Fragen, die die Welt bewegen.
Antworten zur Art und Weise sowie zu den Gründen der Übermacht einer kleinen, noch dazu vor 60 Jahren an sich erfolgreich dezimierten Gruppe findet khadijakiel beim watchblog-Kollegen Arne Hoffmann, der weiß: „[M]an braucht nur von einem Juden abzurücken, selbst wenn es dafür einen noch so guten Grund gäbe, schon ist man mit dem Ruch des Antisemitismus behaftet.” Doch weder Arne noch seine Volksgenoss_innen lassen sich ein X für ein U vormachen: „Da sich unsere Bürger aber nicht für blöd verkaufen lassen, merken sie schon, dass in Israel schlimme Dinge passieren, man sie hierzulande aber nicht entsprechend benennen darf, weil man sonst als Antisemit etikettiert wird. Die Folge ist, dass der Groll und die Verbitterung in ihnen nur noch wachsen – genauso wie das Vorurteil, dass ‚die Juden’ darüber bestimmen dürften, was man hierzulande sagen darf und was nicht.“
Laut Hoffmann ist also nicht nur öffentliche Kritik an der israelischen Regierungspolitik, sondern bereits das Abrücken (!) von einem (!) Juden Anlass genug für falsche, diskreditierende Antisemitismusvorwürfe. Hoffmann und Co. müssen in ständiger Angst vor falscher Beschuldigung leben, obwohl sie doch um die Wahrheit, nämlich die „schlimmen Dinge“ in Israel wissen. Weil diese Wahrheiten nun offenbar auf obskuren Kanälen nach Deutschland durchgesickert ist, lebt man nun also in dem dauernden Paradoxon, eigentlich humanitär intervenieren zu müssen, dafür aber mit gesellschaftlicher Ächtung bedroht zu sein. Doch halt – wer setzt diese Ächtung eigentlich durch, wo „wir“ doch eine wunderbar „freiheitliche Demokratie“ aufgebaut haben, eine Demokratie, in der Offenheit und Meinungsfreiehit gilt? Es sind die „Politiker [und] Journalisten“, die sich „freiwillig gleich schalten“, um „ein Meinungstabu durchzusetzen“. Wer sich einer freiwilligen Gleichschaltung unterzieht – soviel haben wir aus der Geschichte gelernt – tut dies vor dem Hintergrund einer unfreiwilligen, erzwungenen Gleichschaltung. Doch wer droht mit dieser Gleichschaltung und hat offenbar die Macht, diese potentiell durchzusetzen? Hoffmann gibt uns leider keine eindeutige Antwort auf diese drängende Frage, doch vielleicht bringt uns ein Exkurs zu Hoffmanns zweitem Lieblingsgegner, der Frauenbewegung, auf die richtige Spur.
Auf Hoffmanns genderama-Blog widmet er sich akribisch dem Thema des Geschlechterkampfes. Auch hier benennt er allerlei Missstände, die bisher noch kaum in der Gesellschaft auf Kritik stoßen. Wer hätte etwa gewusst, dass
„[d]er Feminismus […] inzwischen alle Parteien bis hin zur CSU (!) [durchsickert], und das millardenschwere Gender Mainstreaming beim Durchwuchern sämtlicher staatlicher Stellen auch schon bedenklich weit vorangekommen [ist] . Da müsste es auf feministischer Seite eigentlich Grund zu Triumphgeheul geben. Stattdessen kommt man dort aus der Opferrolle immer noch nicht raus.“ Doch es besteht Grund zur Erleichterung: „Mit Feminismus verbindet die Öffentlichkeit heute nur schlechte Attribute: unattraktiv, unsexy, verkrampft.“ Bedenklich stimmt aber weiterhin die großangelegte Werbekampagne der feministischen Drahtzieher: „[D]iese zutreffende Diagnose ist um so erstaunlicher, als es zu jedem neuen feministischen Buch […] mindestens einen reaklameträchtigen Artikel in einer großen deutschen Zeitung gibt. Währenddessen werden antifeministische Bücher entweder totgeschwiegen, oder es wird, wenn die Autorin zu prominent dazu ist, wie wild von allen Seiten auf sie eingedroschen […]. Insofern kommt man sich wirklich vor wie zu Zeiten des real existierenden Sozialismus: Werbeveranstaltungen auf allen Kanälen und die breite Bevölkerung findet ihn trotzdem doof.“
Die „breite Bevölkerung“ steht also bereits hinter dem wackeren Recken Hoffmann, der „die Männerrechtsbewegung“ mit seinen „Mitstreiter[n] bereits vor einigen Jahren in diesem Land begründete“. Doch es finden sich noch einige Querulanten, die seinem Durchmarsch im Wege stehen. So etwa frauenhörige Richter, deren Urteile die Konsequenz haben, „dass Väter, die ihre Kinder weiterhin sehen wollen, gegenüber ihrer Ex-Partnerin besser brav und gefügig bleiben sollten.“ Das bedingt psychische Schäden, die eine ganze Generation von Hoffmanns Geschlechtsgenossen als „männlich, jung – und tief verunsichert“ hinterlassen. Ganz zu schweigen von der strukturellen Gewalt durch ein „jungenfeindliches Schulsystem, das beides produziert: die Alphamädchen UND die Amokläufer.“
Auch international herrscht der Feminismus noch weitgehend uneingeschränkt. Nicht nur in Mittelamerika, wo Frauen tatsächlich eigene Räume in Bussen als Schutz vor sexualisierten Übergriffen zugestanden werden (ein klarer Fall von “ Geschlechterapartheid in Mexico City“, sondern auch in Osteuropa, wo etwa
„tschechische Männer um Gleichberechtigung [kämpfen]“. Selbst in Norwegen herrscht die „feministische Planwirtschaft“, denn: „Sämtliche Betriebe, in denen nicht 40 Prozent Frauen im Management sitzen, sollen geschlossen werden.“
Als besonders problematisch für die Männerbewegung hat Hoffmann den „lace curtain“ ausfindig gemacht: „[M]it „lace curtain“, also „Spitzenvorhang“, bezeichnet die US-Männerbewegung den Umstand, dass ihre Anliegen und ihre Veröffentlichungen im Gegensatz zu den feministischen Texten von den Medien weit überwiegend ignoriert werden, weil diese den Medienmachern anscheinend nicht ins „frauenfreundliche“ Konzept passen.“
Dieser beeinflusst nicht nur die öffentliche Meinung negativ, sondern demotiviert auch die Männer, die eigentlich für ihre Interessen und gegen den „Geschlechter-Rassismus“
[pdf] aufstehen müssten: „Ein nicht zu vernachlässigender Grund für politische Untätigkeit mag der Eindruck sein, gegen die feministische Übermacht in Politik, Medien, Justiz und dem Rest der Gesellschaft ja doch nichts ausrichten zu können.“
Doch es besteht Hoffnung. So kann Hoffmann – verwundert, doch freudig erregt – über einen konspirativen Mittelsmann von neuen Entwicklungen aus einem Nachbarland der BRD berichten, wo zunehmend über „die Schönen UND die Biester“ berichtet wird:
„Entweder müssten Außerirdische in der Schweiz gelandet oder irgendwo in der Umgebung ein Atomversuch schief gegangen sein […]. Anders sei die plötzliche Häufung von Artikeln, in denen auch über die Schattenseiten weiblichen Verhaltens gesprochen werde, nicht zu erklären“
Neben den atomgeschädigten Schweizer Antifeministen findet sich jedoch auch in Deutschland ein unerschrockener Kämpfer für die jahrtausendelang außer Geltung gesetzten Rechte der Männer – es handelt es sich um Arne Hoffmann höchstselbst. In der Beschreibung seines Buches „Der Fall Eva Herman“ heißt es:
„Nachdem sie aber im Frühjahr 2006 die Erfolge der feministischen Bewegung infrage stellte, lancierte Emma-Chefin Alice Schwarzer eine Kampagne, um Herman aus der Tagesschau zu entfernen. Anderthalb Jahre später, nach einem inquisitorischen TV-Tribunal bei Johannes B. Kerner, titelt die Bild-Zeitung „Ist Eva Herman braun oder nur doof?“ […]. Wie kam es zu dieser rasanten Hexenjagd? Und was darf man im Deutschland 2007 eigentlich noch sagen, ohne sich in Gefahr zu begeben?“ In dieser „erschütternden Medienanalyse“ hält Hoffmann einen „flammende[n] Appell für mehr Meinungsfreiheit in unserer Gesellschaft“ – so viel Voltaire war selten.
Kommen wir nun zu einer kritischen Analyse von Hoffmanns krudem Geschreibsel:
Hoffmann identifiziert sich mit sich selbst – als Mann sozialisiert, kämpft er für die Männer, zum Demokraten erzogen, verteidigt er die Demokratie, und als Deutscher gibt er selbstverständlich alles für Deutschland. Da er sich mit der Totalität in eins setzt, können die von ihm bemerkten sozialen Missständen nicht aus ihr heraus erwachsen, sondern lediglich Fehlern bzw. der inkonsequenten Anwendung eines an sich richtigen Prinzips entspringen – oder von Externen, Fremden, Feinden und deren Helfershelfern verursacht werden. Das gesunde Volksempfinden der „breiten Bevölkerung“, ihr Gespür für die moralische Verwerflichkeit der israelischen Behandlung der Palästinenser_innen sowie ihr Unwille, den Feminismus weiterhin als cool und sexy hinzunehmen, ist noch intakt. Doch ihre instinktive Wahrnehmung wird durch andauernde Medienmanipulation geschwächt, passiviert, und steht vor allem einer „Übermacht“ „einseitiger politischer Korrektheit“ gegenüber, gegen die es kein Ankommen zu geben scheint. Konstituiert wird diese Übermacht aus Politikern, Journalisten und Wissenschaftlern. Jene üben zwar an sich wichtige Ämter aus – Hoffmann bringt ja auch immer wieder Beispiele von ‚guten’ Medienberichten – dies jedoch momentan im Dienste einer falschen Idee, einer fremden Macht stehen. Sie sind korrumpiert, und manipulieren daher die „breite Bevölkerung“ mittels „Meinungstabus“. Doch wer sind ihre Auftragsgeber, die großen Schurken, die Drahtzieher im Hintergrund, jene, die ein Interesse an der Aufrechterhaltung der Tabus haben? Laut Hoffmann sind es im Falle der unterdrückten Palästinenser_innen die „jüdischen Lobbyisten“, im Falle der unterdrückten Männer die Feminist_innen: Alice Schwarzer und Michel Friedman reichen sich hinter dem Spitzenvorhang die Hand.
Ob dieser jüdisch-feministische Handschlag von Hoffmann expliziert wird, ist mir unbekannt – ein Blick in sein Buch über Eva Hermann könnte hier Aufschluss geben – die inhaltlichen und strukturellen Parallelen, die sich beides Mal über eine unglaublich große Medienmacht organisieren, sind unübersehbar.
Hoffmanns Denke läuft letzten Endes darauf hinaus, die de facto bisher nicht realisierte bürgerliche Emanzipation von Frauen und Jüd_innen wieder gänzlich rückgängig zu machen. Jüd_innen sollen sich nicht mehr – in einem eigenen Staat – selbst verteidigen können, Frauen soll der Anspruch auf ungehinderten Zugang zur öffentlichen Sphäre und Unverletzbarkeit des eigenen Körpers bestritten werden. Ziel ist die Re-Installierung der Souveränität des omnipotenten, nicht-jüdischen Mannes, der seine „tiefe Unsicherheit“ überwindet, um wieder zur Gänze Alleinherrscher zu sein.
Zur Erreichung dieses Ziels spielt Hoffmann recht virtuos auf der Klaviatur der gängigen antifaschistischen und feministischen Diskurse. Wie alle modernen Deutschen präsentiert er sich als derjenige, der aus der Geschichte gelernt hat, dessen Denken und Handeln auf die Prämisse „Nie wieder Auschwitz“ hin ausgerichtet ist. Mit der moralischen Emphase des „Ist es schon wieder soweit?“ kann er die Israelis und ihre jüdischen Komplizen in der Diaspora als die Neo-Nazis ausmachen, die – im Gegensatz zu Hoffmann unbeleckt von historischen Lernerfolgen – einen erneuten „Völkermord“ planen. Bösen Willen will Hoffmann nicht zwingend unterstellen, schließlich liegt ihm Israel „am Herzen“ und die Jüd_innen will er vor dem neuen, aus dem von den seitens Spiegel, Friedman und Konsorten errichteten Meinungstabus resultierendem Antisemitismus bewahren.
Hoffmann verhängt das schlimmste Urteil, das für Jüd_innen denkbar ist – ihre Identifizierung mit dem Nationalsozialismus – und gibt andererseits doch den paternalistischen Papa, der sie nur vor dem Schlimmsten behüten möchte. So wie er die Jüd_innen unter Rückgriff auf ihre eigenen Maßstäbe, denen sie nicht gerecht würden, entmündigen und sich selbst als Vormund, der mit moralischer Autorität ihr Schicksal dirigiert, einsetzen möchte, so auch die Frauen bzw. Feministinnen: deren Kampf gegen Diskriminierung, für soziale Anerkennung und Gleichberechtigung diskreditiert er einerseits, indem er ihn als totalitär darstellt („Planwirtschaft“), andererseits hijackt er ihn für seine antifeministische Mission. Dabei entlehnt er schlicht die Vokabeln von „Geschlechterapartheid“, „Frauenrechten“ und andere Kampfbegriffe, um sie auf die Männer umzumünzen. Er entleert – und verhöhnt – diese Begriffe und das korrespondierende Anliegen, und zugleich inszeniert er sich dadurch als legitimer Kämpfer für Gleichheit und Autonomie. Die räuberische Aneignung des historischen und aktuellen Opfer-Status von Frauen und Jüd_innen bedeutet eine umfassende Viktimisierung des nicht-jüdischen Mannes, dessen national codierte Männlichkeit als unterlegen, unsicher, bedroht dasteht. Zwischen dieser ernüchternden, für den MannMann eigentlich peinlichen (Pseudo-)Realität und dem Ideal von nicht manipulierbarer Stärke und Souveränität klafft eine Lücke, die Hoffmann nur mittels seiner Verschwörungsideologie – der Erzählung vom Lobbyismus, der hinterrücks „lanciert“ anstatt mit offenem Visier zu kämpfen – überbrücken kann.
Es steht zu hoffen, dass Hoffmann und Gesinnungsgenossin khadijakiel in ihrem Online-Djihad gegen die Emanzipation baldestmöglich von mächtigen Drahtziehern Einhalt geboten wird – oder sollte die so machtvolle judäofeministischen Lobby noch nicht im Zeitalter von web 2.0 angekommen sein?