Vergessen- und Versessenheit

22. Januar 2008

Maxim Biller sprach schon vor über einem Jahrzehnt, in einem Zeit-Artikel von 1996, die Gründe für die zwischen Geschichtsvergessenheit und Gedenkversessenheit schwankende Haltung der Deutschen aus:

„Natürlich erklären Deutsche jedesmal, wenn sie zu ihrem Gott Holocaust beten, sie müßten es deshalb tun, damit so etwas kein zweites Mal passiert. Nett gelogen, Land von Mölln, Rostock und Hoyerswerda! Wenn sie dann aber auch noch erklären, sie, die Jungen, Neuen, Anderen, fühlten sich für die Taten ihrer durchgedrehten Omas ‚n‘ Opas verantwortlich, glaube ich ihnen überhaupt kein Wort. Denn das ist genauso absurd, als wenn heute ein Jude sagen würde, er war vor dreitausend Jahren Sklave in Ägypten. Ich weiß, das sagt er ja auch, an Pessach, Jahr für Jahr. Er sagt es aber nicht, weil ihm etwas leid tut, sondern weil er so mit der Geschichte seines Volkes verschmelzen kann – und damit auch mit seinem Volk. Sagen Deutsche also in Wahrheit vielleicht aus dem gleichen Grund immer wieder „Ich war Aufseher in Treblinka“ oder „Ich habe geschwiegen, als die Familie Levi verschwand“? Ich glaube, ja. Aber sie würden es niemals zugeben. Nur ganz selten rutscht es ihnen heraus, so wie dem immer etwas pathetisch auftretenden Soziologen Ulrich Beck, der schon mal ganz verzückt von „Auschwitz als deutscher Identität“ redet, oder dem wesentlich dezenteren ZEIT-Redakteur Gunter Hofmann, der, auf der Suche nach möglichen „nationalen Grundsubstanzen“, herausfindet: „Das Verbindende und Tragfähige muß zuallererst aus einem Verantwortungsgefühl für die eigene Geschichte, zumal auch für die zwischen 33 und 45, erwachsen.“
Das Holocaust-Trauma als Mutter eines endlich gefundenen deutschen Nationalbewußtseins? Was sonst! Was sonst als diese unglaubliche, unerhörte Tat – sowie ein noch nie dagewesener Weltkrieg – schenkte diesem seit Jahrhunderten geographisch, geistig und mental uneinigen, unfertigen Volk von einem Tag auf den andern den großen nationalen Topos, den Schlüsselbegriff, der alle, egal ob Linke oder Rechte, Bayern oder Friesen, Aufklärer oder Romantiker, mit einer solchen Wucht und Gewalt zusammenband wie kein Goethestück, kein Hambacher Fest, keine Bismarckverordnung vorher. Und darum also lieben die Deutschen den Holocaust so – vor allem die, die immer wieder sagen, daß sie von ihm nichts mehr hören wollen.“


2 Kommentare

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  1. War mein Kommentar so unmöglich, das man ihn löschen musste?

    Comment von Serdar — 24. Januar 2008 @ 03:51

  2. Ja.

    Comment von Administrator — 24. Januar 2008 @ 19:14

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