Die gruppe morgenthau veröffentlicht einen Text zur Frankfurter Antifa und deren (Nicht-)Verhältnis zum Islam. En passant legt sie dabei die Menschheit auf die Couch („Das aufgeblähte aber leere Ich ist, daran gemessen, was sein könnte, witzloser Gag.“). Das morgenthau-Pamphlet benennt einige wichtige Punkte – die Antifa als Abenteuerspielplatz in objektiver Sinnlosigkeit, die naive Zivilgesellschafterei und Demokratieverfechterei der Anti-Nazi-Koordination und ihres Bandenchefs H.-C. Stoodt, das Getöse über organisierte NPD-Strukturen, welches sich als beredtes Schweigen über Genese und Gegenwart der deutschen Nation wie der islamistischen Gefahr erweist. Die gruppe morgenthau bedient sich jedoch einer Überzeichnung, die nicht mehr bloßes Stilmittel der Polemik ist, sondern ihre Ausführungen in ein schiefes Verhältnis zur Realität stellt. Die identitäre Fixierung auf die Linke und den Islam gebiert Widersprüche, die nicht mehr reflektiert werden, und schließlich die Kritiker_innen dort im wahrsten Sinne ankommen lassen, wo sie die Kritisierten verorten.
Der Reihe nach:
Zunächst fällt bei morgenthau die Verharmlosung der Nazi-Bedrohung auf, die als „Gruppe abgehalfterter Vereinsnazis“ und „Haufen politisch marginalisierter Trottel“ abgetan werden. „[I]n Frankfurt, wo das ostdeutsche Argument, gegen militante Nazis den Selbstschutz zu organisieren, nicht überzeugend“ sei, sei Antifaschismus – verstanden als Angriff auf Nazi-Strukturen – überflüssig. Dass es jedoch nicht allein glückliche Fügung, sondern auch die in Frankfurt bis in die 80er Jahre reichende Tradition militanter Angriffe auf offen auftretende Nazis war und teilweise ist, die ein größer dimensioniertes Nazi-Problem gar nicht erst entstehen ließ, wird verschwiegen. Ebenso die Rolle Frankfurts als Metropole in provinzieller Umgebung, in der, wie in den Dörfern des Taunus und der Wetterau etwa, Nazis und rechter Dorfmob mancherorts bereits die Hegemonie erringen konnten.
Konstatiert wird stattdessen eine bundesweite „allgemeine Wachsamkeit gegenüber beschmutzendem ‚Rechtsextremismus‘“, als ob der ‚Antifa-Sommer 2000′ ungebrochen bis heute fortdauern würde – was übrigens dann die Frage aufwirft, wieso selbst laut morgenthau weiterhin das „ostdeutsche Argument“ zieht.
Das Wissen um die Ambivalenz des Anti-Nazi-Kampfes, der ja nicht nur der Beförderung des modernisierten Images und dem WM-Patriotismus Deutschlands zugute kommt, sondern eben auch konkret einer Verhinderung von (mörderischen) Angriffen auf Migrant_innen, Jüd_innen und andere ‚Volksfeinde‘ dienlich ist, wird abgewehrt. Zurecht wird das Betteln der Anti-Nazi-Koordination um Wohlverhalten von Politik und Justiz als Missverstehen des „Staat[es] als schützende Instanz“ interpretiert. Empirisch schwach belegt, wird die Analyse jedoch unzulässigerweise auf jeden Antifaschismus – auch jenen, der sich allein aus taktischen Gründen in Pressemitteilungen über Polizeiübergriffe und Demoverbote empört – ausgedehnt.
Damit ist der (realexistierende) Antifaschismus in den Augen der gruppe morgenthau zur Gänze diskreditiert. An diese Delegitimation schließt sich die nächste Delegitimierung an: „Der generelle Hang zur Übertreibung endete in der absolut realitätsresistenten Rede von einem „way out “ – natürlich aus dem Kapitalismus“, denn „von Revolution zu reden [ist] bloß noch peinlich“. Gründe für dieses Diktum werden nicht angeführt – solche Generalurteile wirken ja offenbar desto imposanter, je weniger sie argumentativ unterfüttert werden. Andere, bei der gruppe morgenthau recht angesehene Denker, hätten gegen solch autoritäre Setzung vermutlich eingewandt, dass es umso verzweifelter für den Kommunismus einzutreten gelte, je unmöglicher seine Realisierung erscheine.
Statt der – tatsächlich vom umsGanze-Bündnis im peinlich-omnipotenten Post-Antifa-Gestus aufgeworfenen – Frage der Revolution und der sie vorantreibenden materialistischen Kritik sollten laut morgenthau angeblich (sic!) gänzlich davon divergierende Fragen diskutiert werden:
„Bei so viel Wichtigkeit stehen Fragen, die mit begründetem Recht als welche ums Ganze zu sein hätten, etwa der, wie antisemitischen Mordkollektiven im Iran oder anderswo entgegenzutreten wäre, erst gar nicht erst zur Diskussion.“
Wieder wird hier einesteils unbegründet eine Hierarchisierung der wünschenswerten Agenda der Linken und damit ein Hauptwiderspruchsdenken etabliert, anderenteils eine Dichotomie zwischen „antisemitischen Mordkollektiven“ und Antikapitalismus aufgemacht, die keine sein müsste, würde man sich auf eine materialistische Kritik des Kapitalismus und seiner diversen, zwischen Demokratie, Diktatur und islamistischem Regime changierenden Spielarten orientieren.
Hat man sich nun aber erstmal der lästigen Beschäftigung mit den Nazis und anderen deutschen Übeln sowie der communistischen Bewegung entledigt, kann man den Islam – ohne sich noch den Zwängen der Analyse auf dessen Konstitutionsbedingungen und Fraktionierungen hingeben zu müssen – zum neuen, alles überragenden Hauptfeind stilisieren. So schreibt morgenthau denn im Weiteren:
„Die NPD werde, so die Anti-Nazi-Koordination, stark gemacht von den Regierungsparteien, speziell von Roland Koch, der […] ein Burka-Verbot an hessischen Schulen forderte. Zweifellos, Roland Koch ist deutscher Politiker. Das genügt, um zu wissen: der Mann ist Ideologe. Statt den politischen Jargon […] zu kritisieren, kommen dem landläufig beschimpften Koch die linkesten seiner Kritiker skandalisierend […] und tun im Eifer des realpolitischen Einmischens so, als seien perennierende Gewalt und Verrohung der Sprache, des Verhaltens und der Ästhetik, dort, wo islamisch sozialisierte Jungmänner unter sich bleiben, kein wirkliches Problem. Koch, der abscheulicherweise von „Ausländern“ spricht und vielen, wenn auch längst nicht mehr den allermeisten Deutschen, wenn er die widerwärtige Praxis des Abschiebens befeuert, sagt, was sie hören wollen, wäre im aktuellen Fall […] zum Burka-Verbot nicht vorzuwerfen, dass er ein solches fordert, sondern, dass er die Forderung nicht präzisierend erweitert und statt von islamischer Alltagskultur von „ausländischen Jugendlichen“ spricht, womit er islamische Realitäten verharmlost und dazu beiträgt, dass Leute, die als nichtdeutsch Gebrandmarkte hier einfach nur leben wollen, genau dabei gestört werden. Eben weil er weiß, dass der Islam den Deutschen, gerade denjenigen, die neonationale und produktive Zukunftsarbeit für das Neue Deutschland leisten, ans Herz am wachsen ist, verzichtet er auf eine klare Sprache gegen die repressive „Scham –und Schuldkultur“ (A. Hirsi Ali) in islamischen Milieus.“
Zwar wird das rassistische Regime der BRD von morgenthau noch pflichtschuldig als „widerwärtig“ und „abscheulich“ gebrandmarkt, doch erscheinen diese pejorativen Adjektive wie Reminiszenzen an die eigene politische Sozialisation, die kaum noch mit der eigenen Fixierung auf den Islam kompatibel sind. Denn wie ist es zu erklären, dass Koch einerseits als „deutscher Ideologe“ aufgefasst wird, andererseits seine Forderung nach einem Burka-Verbot verteidigt wird? morgenthau tut hier so, als ob der eine Koch in zwei Kochs zerfalle: den bösen Koch-gegen-Ausländer und den guten Koch-gegen-Islam, dem nicht nur beizustehen, sondern dessen Anliegen sogar noch expliziter gefasst werden müsste. Dabei ist offensichtlich, dass eine solche Trennung ein Produkt der Phantasie – vermutlich des latenten Wunsches nach einer politisch korrekten Islamkritik durch die deutschen Eliten – ist, die der Prüfung durch die Realität nicht standhält: bildet für Koch der Kampf gegen die ausländische Jugendgewalt und sein Kampf gegen die fremde Kultur des Islam, symbolisiert durch Burka und Schächten, eine untrennbare Einheit. Der Islam gerät Koch zur Triebfeder und zum Statthalter des Dunklen, des Bösen, der Gewalt, die doch das innere Wesen des Kapitals und seiner bewaffneten Staatsorgane ist.
morgenthau, denen nicht einmal die offenkundige Wahnhaftigkeit eines solchen Burka-Verbotes auffällt – laut Landesausländerbeirat trägt keine Schülerin in Hessen dieses Kleidungsstück – verteidigt jedoch nicht nur Koch, sondern will ihn in seiner rassistischen Propaganda weiter anfeuern, spricht er doch noch „zu wenig“ vom Islam. Entgegen sonstiger, psychoanalytisch inspirierter Selbstreflektivität, verschwindet hinter dem morgenthau’schen Popanz des „Islam“ Ort wie auch Gegenstand ihrer Rede. Der Islam wird in seiner Praxis und seiner Verbreitung nicht näher beschrieben, erklärt, stattdessen werden recht beliebige Phänomene – Jungmänner, Burka, Verrohung der Sprache und Ahmadinedjad – angeführt und ein logischer Gesamtzusammenhang suggeriert. Der Popanz eines überall drängenden, alles bedrohenden Islam liqudiert die spezifische Differenz, ohne die Kritik keine Kritik mehr ist, sondern zur Ressentimentschleuder herabsinkt. Gemeint ist der bestimmte Unterschied zwischen dem Iran, wo der vernichtungswütige Islamismus sich mittels staatlichem Terror die gesamte Gesellschaft unterworfen hat, jede oppositionelle Regung mit Folter oder Tod bestraft und den jüdischen Staat mit Auslöschung bedroht – und Deutschland, dem postnazistischen Volksstaat, in dem der Islam von einer prozentual geringen, subalternen, teils patriarchal strukturierten und antisemitischen Community gelebt wird, die von der Mehrheitsgesellschaft ein Mal exotistisch-kulturalistisch verklärt, ein anderes Mal als barbarisch-fremd diskreditiert wird.
Wer diese Differenz einebnet bzw. auf das Wirken „eingeschworener, längst nicht mehr diskursleitender aber hüben und drüben real existierenden Rassistenkreise“ reduziert, lügt mit der Wahrheit. Und so ist es denn auch kaum noch verwunderlich, wenn der Staat – zuvor noch heftig gescholten – plötzlich als die bergende Institution erscheint, in der ein immerhin halb-rationaler Roland Koch drängende Probleme anspricht, die auch laut morgenthau mittels Verboten zu lösen seien. Genau jene Haltung, die dem zivilgesellschaftlichen Antifaschismus zu Recht attestiert wird – die autoritäre Sehnsucht, den Staat als Instrument gegen eine missliebige Minderheit zu gebrauchen – wird nun selbst eingenommen, in dem der Staat als Appellationsinstanz zur Einhegung des offenbar pars pro toto enthemmt-barbarisch auf den Boden rotzenden, Frauen unterdrückenden und Juden vernichtenden Islams angerufen wird.
Die gruppe morgenthau, angetreten gegen die „Kumpanei mit Staat und Volk“, erweist sich so gesehen als Verein freier Bürger_innen, der im deutschen Staat nicht den aufgepimpten Nachlassverwalter des Nationalsozialismus, sondern den bräsig-irregeleiteten, an sich jedoch guten Onkel, den man gegen ästhetisch defizitäre und politisch inkorrekte Minoritäten aufhetzen kann, erkennen mag.
Nachtrag:
subwave zu morgenthau
Bessere Texte zum hiesigen Islamdiskurs und zur materialistischen Islamkritik