Der Text …
Kürzlich hatte ich Gelegenheit, anlässlich einer Podiumsdiskussion Jürgen „Heuschreckenschreck“ Elsässer live und in Farbe/Fahrt zu erleben. Eine Kurzzusammenfassung seiner Auslassungen: 1990 war „Nie wieder Deutschland“ richtig, doch wie sich zeigte, haben ab Mitte der 1990er Jahre wieder die USA die Hegemonie errungen und bereiten jetzt den 3. Weltkrieg vor. Gegen den Angriff der Neoliberalen/Neokonservativen gilt es, von der linken Minderheitenfixiertheit abzurücken und qua Regierungsbeteiligung Elemente direkter Demokratie wie Volksentscheide zu ermöglichen. Damit soll der Staat Schritt für Schritt nach dem Vorbild Chavez’ in Venezuela umgebaut werden. Gegen den außenpolitischen Durchmarsch der USA gilt es, eine Volksfront in Deutschland zu installieren, die z.B. den Rückzug der Bundeswehr aus Afghanistan bewerkstelligt sowie US-Flüge über deutsches Terrain verbietet. Höhepunkte waren seine explizite Verteidigung der Chemnitzer ‚Fremdarbeiter’-Rede Lafontaines sowie seine Distanzierung von Al-Quaida: „Ich habe nie Al-Quaida unterstützt. Al-Quaida ist ein Produkt der CIA. Sehr wohl dagegen unterstütze ich die Hisbollah“, die ihm zufolge links ist, ohne es zu wissen („kryptolinks“). Auch für den Osten fand Elsässer warme Worte: die dortigen NPD-Wähler seien keine Rassist_innen, sondern „verzweifelt“, weil sie in der Luft hängengelassen würden und die Linke ihnen keine Angebote mache. Dieses große Potential gälte es, zu organisieren, „nutzbar zu machen“.
So weit, so würg.
Interessant finde ich nun weniger die von Elsässer vertretenen Inhalte, deren stockaffirmativer bis barbarischer Gehalt unter jeder Kritik liegt. Interessant finde ich mehr den Zusammenhang von manipulativer Politik, manipulativer Taktik, manipulativer Rhetorik und manipulativer Persönlichkeit.

Die Sprache und ihr Zweck …
Elsässers Zug zur Manipulation scheint schon in seiner Sprachwahl auf: er möchte die angeblich brachliegenden, orientierungslosen Massen „nutzbar machen“. Nicht ihren subjektiven oder objektiven Interessen soll zu ihrem Recht verholfen werden, nein, sie sollen, wie Elsässer in ökonomischer Sprache fordert, genutzt werden. Wer intendiert, Menschen zu (be-/ver-) nutzen, reduziert sie aber zu Mitteln, zu Instrumenten, die gebraucht und wieder entsorgt werden können. Der Zweck liegt außerhalb der Menschen. Instrumente bedürfen nicht der Reflektion, sondern sind zuzurichten, um sie fungibel für ihren Einsatzzweck zu machen. Deswegen will Elsässer nicht aufklären, die Menschen bilden oder zu einem Prozess der Selbstbildung anregen, sondern vorhandene Ängste aufgreifen und schüren. Weder hinterfragt er die Unterteilung der Welt in voneinander separierte, konkurrierende Staaten und Nationen, noch stellt er, was das Mindeste wäre, Überlegungen an, wie den von dieser Separation am meisten Geschädigten – Migrant_innen, Illegalisierte, Staatenlose – geholfen werden könnte, etwa mittels einer Liberalisierung des Asylrechts. Stattdessen koppelt er die Angst vor Arbeitsplatzverlust und damit verbundener sozialer wie ökonomischer Deklassierung an die Angst vor den Fremden, den ‚Ausländer_innen’. Als Scheinlösung des Problems suggeriert er dann die Sabotage des EU-Beitritts der Türkei, die Bewehrung der Grenze zu Polen, kurz: die Abschottung in der Festung Deutsch-Europa.
Es ist offensichtlich, dass diese ‚Lösung’, von links und vor allem von Rechts seit Jahrzehnten gepredigt, das ‚Problem’ nicht beseitigen wird – ist doch schon die Problemstellung hoch ideologisch formuliert. Elsässer muss das als langjähriger Marxist und Mitglied des ‚Kommunistischen Bundes’ wissen – vielleicht hat er aber auch schon wieder interessiert vergessen. Auffällig ist, dass er kein konkretes Programm zur ‚Ausländerpolitik’ vorstellt – er wirft lediglich einige Statements in den Raum, ohne sich etwa zu Fragen des Asylrechts, der Aufenhalts- und Arbeitserlaubnis zu äußern. Auf vorgebrachte Fakten, die seine Argumentation auf einer realpolitischen Ebene widerlegen – etwa der hohe Gewinn, den Spanien durch die Legalisierung des Aufenthaltsstatus von 1,5 Millionen Migrant_innen einstrich – geht Elsässer auch in der Podiumsdiskussion nicht ein. Er lässt einfach die Realität an sich abprallen.

Der Habitus …
Diese Ignoranz übertüncht er mit einem manipulativen Habitus: laute, sichere, Klarheit und Eindeutigkeit suggerierende Stimme, ausholende und einnehmende Handbewegungen im Stile von Spitzenpolitiker_innen, wohlklingende und simple Wortspiele („die Anderen wollen Recht haben, ich will Recht bekommen“), Abqualifizieren der politischen Gegner_in durch verbale („Schwachsinn“, „Schwachmathen“) und nonverbale (an die Stirn tippen) Pathologisierung. Ebenso manipulativ gestaltet sich sein Umgang mit den anderen Diskussionsteilnehmer_innen, die er in paternalistischer Manier abfeiert (Bernard Schmid sei schon Ende der 1980er Jahre eines der größten Politiktalente gewesen, es sei ihm unerklärlich wieso jener nicht mittlerweile an der Spitze der französischen KP stehe) und als „Genossen“ vereinnahmt, die stets an einer solidarischen Debatte interessiert seien – das alles, ohne jemals mehr als unbedingt nötig auf deren Argumente einzugehen, wohl eine Grundbedingung von ‚Solidarität’. In anderen Fällen lobt Elsässer die Einwände seiner Gegenüber als „gutes Argument“, nur um dann zu langen Ausführungen anzusetzen, die auf das genaue Gegenteil des angeblich „guten Argumentes“ abzielen.
Die Vergangenheit und die Gegenwart …
Besonders offenbar wird seine manipulative Herangehensweise im Umgang mit seiner eigenen Vergangenheit. Die Wahl von Marlene Dietrich für das Plakat zur von ihm mit initiierten „Nie wieder Deutschland“-Kampagne im Jahr 1990 interpretiert er heute im Einklang mit seiner aktuellen Strategie als „Populismus“ (ohne einen Grund für diese Einstufung zu nennen), obwohl es der sich im Zuge dieser Kampagne formierenden Radikalen Linken gerade um eine Absage an das Volk als revolutionäres Subjekt ging. Ebenso versucht er, seine politische Biographie der letzten zwanzig Jahre als Kontinuum verkaufend, alles Irritierende und Paradoxe, alles seinem heutigen Standort Widersprechende, auszulassen oder durch Uminterpretation in eine logische Folge von Entscheidungen zu integrieren. So erhielt Schmid denn auch keine Antwort auf die an Elsässer gerichtete Nachfrage, wie er denn heute seine 1998 getätigten Auslassungen über die damals 13% der Brandenburger ausmachende DVU-Wählerschaft, denen die Sozialhilfe zu entziehen sei, sehe – eine Argumentation, die recht offensichtlich Elsässers heutiger Parteinahme für die HartzIV-Opfer anstelle der von der Linken angeblich gehätschelten Minderheiten und exzessiv betriebenen „Nazi-Jagerei“ entgegensteht. Auch zu seinem bevorstehenden Auftritt bei der ‚Preussen-Gesellschaft’ fiel ihm nur ein, diese Vereinigung sei als „konservativ“, keinesfalls nazistisch zu bewerten, obwohl in einem Redebeitrag aus dem Publikum klar gestellt wurde, dass dort Auschwitzleugner_innen u.ä. Gestalten verkehren.
Die Wahrheit und die Macht …
Elsässer irrt sich nicht, begeht keine Fehler, überzeichnet nicht oder lässt hier und da einige Fakten aus. Elsässer verzerrt, stellt systematisch falsch dar, sagt nicht die Wahrheit, obwohl er es besser wissen müsste, kurzum: er lügt. Inwieweit er nur die Objekte seiner Propaganda oder gar sich selbst zwecks Erhaltung seines narzisstischen Stolzes belügt, vermag ich nicht einzuschätzen.
Der Grund für seine Lüge-in-Permanenz, seine systematisch betriebene Ideologieproduktion ist seine Abkehr vom Communismus. Communist_innen sagen, was ist, um zu erreichen, was nicht ist. Elsässer strebt nicht an, was nicht ist, sondern strebt an die Macht. Wie er selbst sagt, geht es ihm darum, die im Volke virulente Frustration zu nutzen, um Mehrheiten zu organisieren und die „Machtfrage zu stellen“. Über die Macht hinaus ist ihm jedoch jede Perspektive abhanden gekommen, sein Tellerrand ist auf die Übernahme der zentralen Positionen im Staat, deren strategisch-militärische Absicherung und den sozialen Umbau des Staates nach Maßgabe des „rheinischen Kapitalismus“ zusammengeschrumpft. Weil einerseits weder dies ein linkes Projekt ist, noch andererseits das deutsche Volk ein linkes Projekt avisiert, muss Elsässer den Widerspruch zwischen reaktionärer Verfasstheit des eigenen Projekts wie der hiesigen Population und seinem eigenen, als links postulierten Anspruch gleich zweifach mit Manipulation und Ideologie überdecken: zum Einen muss er die Deutschen schönreden („NPD-Wähler_innen sind keine Rassisten“), zum Anderen den Linken sein Realo-Projekt mittels revolutionärer Folklore (Chavez, Sozialismus des 21. Jahrhunderts) verkaufen. Es steht zu erwarten, dass sich Elsässer zukünftig weiter in das aufgezeigte Dilemma manövrieren wird. Die Widersprüche werden immer klaffender, und die zur Gewinnung von Macht eingesetzten Mittel (Ressentiments, Verschwörungstheorien, Bündnisse mit Rechten) werden immer drastischer werden.
Die Politik und die Kohärenz …
Der oben beschriebene manipulative Habitus und die ebenso gelagerte Vorgehensweise Elsässers sind integraler Bestandteil seines Projekts, das Politik statt Kritik betreibt. Wer sich an der Macht und nicht an der Wahrheit, am Machbaren und nicht am Möglichen orientiert, operiert notwendig auf einem widersprüchlichen Ganzen – der kapitalistischen Gesellschaft –, deren Widersprüchlichkeit aber zwecks Mehrheitsgewinnung überdeckt werden muss. Die Beschwörung des Wir geht einher mit der Suggestion einer zweifachen Kohärenz: nach der einen Seite soll das beschwörende Subjekt aka Elsässer als eins mit sich selbst dastehen, muss also seine Vergangenheit und seine Gegenwart diskursiv fusionieren („ich war schon immer der, der ich jetzt bin“), nach der anderen Seite muss die Spaltung zwischen dem Politiker-Ich und der akklamierenden Masse übertüncht werden, indem Ersteres sich als identisch mit dem Sein oder den Interessen Letzterer behauptet, um sich an die Spitze des so formierten Kollektivs zu setzen. Die solchermaßen erzeugte Homogenität ist eine falsche, eine virtuelle, die sich wie ein Zuckerguss über die realen Brüche und Verwerfungen des Kapitalismus legt, in dem es realiter weder individuelle noch kollektive Subjekte geben kann, die dermaßen mit sich selbst identisch sind, wie Elsässer dies prätendiert. Die Elsässersche Homogenitätsfiktion ist logische Konsequenz seines Politikmachens, das anstelle bestimmter Negation die unbestimmte Orientierung an der Macht setzt. Elsässer wird weiter an dieser manipulativ erzeugten Kohärenz werkeln, so lange bis er dem einst in Bezug auf seinen Auftritt bei einer serbischen Großdemonstration gegen den Nato-Angriff auf Jugoslawien scherzhaft geprägten Begriff des „Volkstribuns“ auch in Bezug auf das deutsche Volk gerecht wird – und damit die größte Lüge wahr macht.