Im Visier des Staates

21. Oktober 2007

Was es bedeutet, mit einem Stadtsoziologen, in dessen Texten google zufolge partiell ähnliches Vokabular wie in den Kommandoerklärungen der Militanten Gruppe (MG) verwandt wird, und der aus diesem Grund – und weil er sein Handy dann und wann abschaltet –, unter Terrorismusverdacht steht, was es also bedeutet, mit einer solch gefährlichen Person, einem Extremisten sondersgleichen, zusammenzuleben – dankenswerterweise vom BKA mit den Methoden des modernen Rechtsstaates unter Kontrolle gehalten – das dokumentiert die Lebensgefährtin von Andrej H. in ihrem Blog.

Im Folgenden einige Auszüge aus den dortigen Postings:

„Vor fast genau zwei Monaten brach das Berliner LKA morgens um sieben in unsere Wohnung ein, schmiss meinen Liebsten auf den Boden, stürmte unser Schlafzimmer und die Zimmer unserer Kinder mit gezogenen Waffen und seitdem steht unser Leben Kopf. Ich kann nicht sagen, dass ich mich daran gewöhnt hätte, insbesondere, weil weiterhin die Behörden alles tun, keine Normalität aufkommen zu lassen (das ist ja vielleicht auch Sinn der Sache). Deswegen und weil ich nicht mehr ganz so fassungslos bin wie am Anfang, habe ich beschlossen, den alltäglichen Wahnsinn zu dokumentieren. Mehr dazu bei einstellung.so36.net.“

„Gegen Ende dieses Treffens, einige Stunden später, klingelt bei Andrejs Eltern das Telefon. Sie werden von Andrej angerufen, genauer, von seinem Handy. Sagt der Display ihres Telefons. Sie nehmen ab. Und hören das Gespräch mit, dass Andrej bei seinem Termin mit dem Arbeitskreis Stadt gerade führt. Sie verstehen erst nicht, was vor sich geht und gehen von einem Versehen aus; es kommt ja vor, dass die Tastensperre vergessen und die Wiederholungstaste gedrückt wird. Erst später rekonstruieren wir, dass das nicht sein konnte, weil sich die Tastensperre automatisch einstellt und ja nicht er seine Eltern, sondern umgekehrt sie ihn angerufen hatten. Wahlwiederholung fällt damit aus. Weil es ihnen unangenehm ist, das Gespräch mitzuhören, vielmehr aber noch, dass die bekanntermassen ebenfalls mithörenden Behörden so klar das Gespräch verfolgen können, rufen sie mich an. Ob ich wisse, wer alles bei dem Treffen dabei sei und vielleicht Handy-Nummern der betreffenden Leute habe. Habe ich nicht. Stattdessen rufe ich Andrejs Handy an, aus quasi wissenschaftlicher Neugier: um zu hören, was passiert. Ein Freizeichen, fünf-, sechsmal. Dann: „Der gewünschte Gesprächspartner antwortet nicht. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.“. Ich versuche es nochmal, das Gleiche. Noch eine Stunde später rufe ich ihn wieder an und komme durch. Andrej ist inzwischen unterwegs und berichtet, dass es seinen Eltern mittlerweile – von einem anderen Telefon aus – gelungen ist, ihn anzurufen. Ganz ‚normal‘: sein Handy klingelt, sieht so aus wie immer, wenn die Tastensperre eingeschaltet ist und es dann klingelt. Er nimmt ab und telefoniert. Ganz normal eben.

Heute war alles wie immer, allerdings dauerte die Phase, in der sich mein Handy angeblich in gar keiner Zone befand und damit auch nicht zum Telefonieren zu gebrauchen war, und in der gleichzeitig Anrufe an Andrej auf meiner Mailbox landeten, mehrere Stunden. Immerhin konnten wir etwa mittags fünf Minuten direkt miteinander telefonieren, bis das Gespräch plötzlich abbrach. Danach erreichte ich wieder nur meine Mailbox. Den größeren Teil des Tages dachte mein Handy, es sei außerhalb Berlins – weder City noch Home Zone. Ob grundsätzlich möglich ist, die zusätzlichen Kosten, die das verursacht, vom BKA rückerstattet zu bekommen?“


„Außerdem kommen unsere E-Mails teilweise nicht an. Nachweislich, mehrmals überprüft. Es ist mir ein Rätsel, wie das überhaupt passieren kann, aber es passiert.“

„Aus den Akten ergibt sich, dass die Eingänge, des Hauses, in dem wir wohnen, mit Videokameras überwacht wurden – ich würde mich sehr wundern, wenn das jetzt nicht mehr so wäre. Eine vorn, eine hinten. Wir wohnen in einem Berliner Mietshaus, und bei weitem nicht alleine. Zur Kamera hinten gibt es die schriftliche Anmerkung, dass sie so aufgebaut war, dass sie im Frühjahr mit zunehmender Belaubung der Bäume ihren Zweck nicht mehr erfüllte, weil außer Grünzeug nichts mehr zu sehen war und also wieder abgebaut wurde. Schön, könnte man denken. Tatsächlich führt das dazu, dass das BKA nun erst recht annimmt, dass Andrej an allerhand terroristischem Zeitvertreib beteiligt gewesen sein soll, einfach weil es ja nicht auszuschließen ist, dass er das Haus zu bestimmten Zeiten durch den Hinterausgang verlassen hat. Ich habe mich noch nicht dazu durchringen können, zu fordern, dass er permanent von einer Kamera begleitet werden soll.“


„Ich kann nicht sagen, dass wir uns daran gewöhnt hätten, aber finde bemerkenswert, wie schnell es Alltag wird, eben hinzunehmen, dass da immer diese Männer herumstehen. Die nicht zu tun haben, als 10 Minuten abends auf der Straße einen Aufkleber an einem Laternenpfahl zu studieren, weil wir spazieren gehen und diskutierend einen Moment stehen bleiben. Als ich ihn bemerkte, musste ich grinsen. Er grinste zurück. Sehr surreal. Andere brauchen genauso lange zum Einkaufen wie wir, die wir einen Familien-Wochenendeinkauf machen, und finden nur eine Mineralwasserflasche. Gucken aber in alle Regale, in die wir auch schon geschaut haben.“


2 Kommentare

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  1. […] – annalist ein blog über den umgang des staates mit denjenigen, die er – mittels haarsträubender konstruktionen – des terrorismus verdächtigt und was das für diejenigen bedeutet, die engeren umgang mit ihnen haben. (via.) Meine erster Gedanke, als die Vorhut des LKA Berlin am 31.7. bei uns in der Wohnung stand und mich anschrie (das BKA kam erst später, weil sie es aus Meckenheim nicht zu um 7 Uhr morgens geschafft hatten), war “Oh. So ist das also.” Danach dachte ich eine ganze Weile lang nicht mehr so viel. In den Wochen danach, in meinem neuen Alltag allein mit zwei Kindern, zwischen Anwältin, unendlich vielen Menschen, die helfen wollten und der Realität, angeblich mit einem von Deutschlands Top-Terroristen liiert zu sein (wir sind übrigens nicht verheiratet), habe ich lange gebraucht, wieder Boden unter die Füße zu kriegen. Der Graben zwischen dem Bewusstsein, dass die ganzen Puzzlesteine, die die terroristische Identität belegen sollen, im wirklichen Leben jede Satire überholen, und andererseits dem Wissen, dass das kein Spaß ist, sondern völlig ernst gemeint, ist ziemlich tief. Beides in einem Kopf zu einer Realität zusammen zu bringen, ist nicht so einfach. Als Andrej nach drei Wochen Moabit wieder da war, wurde es etwas besser. Wir gewöhnen uns zu schnell an Dinge, und deswegen ist es gut zu lesen, wieviele das alles überhaupt nicht normal finden. (source.) […]

    Pingback von subwave - exakt neutral :: mixed #34 — 22. Oktober 2007 @ 20:55

  2. […] http://waiting.blogsport.de/2007/10/21/im-visier-des-staates/ Was es bedeutet, mit einem Stadtsoziologen, in dessen Texten google zufolge partiell ähnliches Vokabular wie in den Kommandoerklärungen der Militanten Gruppe (MG) verwandt wird, und der aus diesem Grund – und weil er sein Handy dann und wann abschaltet –, unter Terrorismusverdacht steht, was es also bedeutet, mit einer solch gefährlichen Person, einem Extremisten sondersgleichen, zusammenzuleben – dankenswerterweise vom BKA mit den Methoden des modernen Rechtsstaates unter Kontrolle gehalten – das dokumentiert die Lebensgefährtin von Andrej H. in ihrem Blog. […]

    Pingback von Best of.. Reaktionen | annalist — 11. August 2010 @ 03:31

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