Olivbraun

03. Oktober 2007

„Wie [Bundeswehr-]Generalinspekteur Schneiderhan anlässlich der Einweihung eines Friedhofs für Gefallene der Wehrmacht in der lettischen Hauptstadt Riga vor wenigen Tagen erklärte, handelt es sich bei Kritik an Verbrechen der NS-Truppe um einen „unerbittlichen und oft ungerechten Urteilsspruch“. Dazu „verführe“ die „Gnade der späteren Geburt“. Die Bundeswehr hingegen, meinte der ranghöchste deutsche Offizier weiter, könne sich „nicht von den deutschen (Wehrmachts-)Soldaten lossagen“, weil sie „in Kameradschaftlichkeit treu waren“ und „ohne Ausführung offenbar böser Befehle in unschuldigem Glauben fielen“. Auch heute, sagte Schneiderhan, wollten junge Menschen „ihrem Land dienen“ und täten dies „wiederum als Soldatinnen und Soldaten“; er denke bei der Friedhofseinweihung insbesondere „an unsere Truppen auf dem Balkan, in Afghanistan, am Horn von Afrika und vor der Küste des Libanon“. Unerwähnt ließ der Generalinspekteur, dass in Lettland während der deutschen Besatzung allein etwa 70.000 jüdische Menschen ermordet wurden – unter aktiver Mitwirkung von Wehrmachtseinheiten.
[…]
Schwierigkeiten
Die populäre Ehrerbietung für die Lettische Legion, die im Ausland regelmäßig auf Proteste stößt, wird vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge bis heute genährt: Er führt alljährlich Besuchsfahrten zum SS-Friedhof in Lestene durch. Kritik daran weist er energisch zurück.
[…]
Versöhnungsfeier
Fast zeitgleich mit dem Auftritt des Generalinspekteurs in Riga besuchte Verteidigungsminister Franz Josef Jung die Einheiten der deutschen Gebirgstruppe im bayerischen Mittenwald. Nach Auskunft eines CDU-Bundestagsabgeordneten legte er dabei „ein klares Bekenntnis zum alljährlichen Pfingsttreffen der Gebirgstruppe auf dem Hohen Brendten ab“; der Minister halte die Feier keineswegs für „eine Kriegsverbrecher-Veranstaltung, sondern (für) eine Versöhnungsfeier mit internationalen Teilnehmern“. Das Gegenteil ist der Fall: Zum Gründungskern des „Kameradenkreises der Gebirgstruppe“, der die angebliche „Versöhnungsfeier“ jährlich organisiert, zählen etliche namentlich bekannte SS-Schergen und Kriegsverbrecher, die unter anderem 1943 auf der griechischen Insel Kephallonia etwa 5.000 italienische Kriegsgefangene ermordeten. Die Bundeswehr stellt regelmäßig eine „Ehrenformation“ zu den Pfingstfeierlichkeiten ab und leistet logistische Unterstützung; das Verteidigungsministerium lässt sich durch einen Staatssekretär repräsentieren.“

[via german-foreign-policy]

Die zitierte Rede des Bundeswehrinspekteurs Schneiderhan findet sich hier.


1 Kommentar

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  1. […] So bringt es german foreign policy (gfp) auf den Punkt (ein Teil des Berichtes ist auch bei waiting zitiert), Anlass für den Bericht ist die Einweihung eines deutschen Soldatenfriedhofs in Lettland unter Beteiligung hoher Bundeswehr-chargen. Damit diese Traditionen “anknüpfbar” sind, muss das Bild von der sauberen Wehrmacht gezeichnet werden, wozu u.a. Traditionstreffen dienen. Zu diesem Bild gehört die Leugnung und Relativierung der Verbrechen der Wehrmacht, und der Bezug auf Stauffenberg und Co. Von Geschichtsbewussten Antifas wird dagegen seit Jahren (wieder) verstärkt interveniert, diese Praxis hat durchaus das Potential nachhaltig am Bild der Bundeswehr zu kratzen – das Verteidigungsminister Jung in Mittenwald explizit auf die Vorwürfe gegen die historische Gebirgstruppe und ihren Kameradenkreis eingeht, zeigt eine gewisse Defensive: Fast zeitgleich mit dem Auftritt des Generalinspekteurs in Riga besuchte Verteidigungsminister Franz Josef Jung die Einheiten der deutschen Gebirgstruppe im bayerischen Mittenwald. Nach Auskunft eines CDU-Bundestagsabgeordneten legte er dabei “ein klares Bekenntnis zum alljährlichen Pfingsttreffen der Gebirgstruppe auf dem Hohen Brendten ab”; der Minister halte die Feier keineswegs für “eine Kriegsverbrecher-Veranstaltung, sondern (für) eine Versöhnungsfeier mit internationalen Teilnehmern” […]

    Pingback von Traditionpflege | bikepunk 089 — 4. Oktober 2007 @ 13:44

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