Morgen: NPD-Kundgebung in Berlin-…

26. Oktober 2007

…Neukölln verhindern!


„Gebet gegen die Arbeit“

26. Oktober 2007

Arbeit!
Geißel der Menschheit!
Verflucht seist du bis ans Ende aller Tage
Du, die du uns Elend bringst und Not
Uns zu Krüppeln machst und zu Idioten
Uns schlechte Laune schaffst und unnütz Zwietracht säst
Uns den Tag raubst und die Nacht
Verflucht seist du
Verflucht
In Ewigkeit
Amen

via


Sex. Gegenuni

25. Oktober 2007

Die Medienmaschinerie der sechsten Gegen-Uni im Frankfurter ivi rollt. Als ein Massenmedium von Vielen titelt die Frankfurter Rundschau „Feiern mit Foucault – Studierende organisieren Gegen-Uni“.

Ein Timetable aller Veranstaltungen findet sich hier [pdf]. Kontrovers dürfte vor allem die Veranstaltung zur infantilen Sexualität werden, der man auch einige Zuhörer_innen aus der Blogsport-Community wünschen würde. Im Folgenden der zugehörige Ankündigungstext.

„Umkämpft, verdrängt, genormt: Infantile Sexualität als Ort gesellschaftlicher Auseinandersetzung.
Mit Julia König

Die Frage nach der kindlichen Sexualität ist auch hundert Jahre nach Freuds systematischer Formulierung und Begründung der infantilen Sexualität als ein Generalthema der Psychoanalyse noch eine unbequeme; Kindersexualität verbleibt vielleicht als der letzte konturlose »dunkle Kontinent« nicht nur der Psychoanalyse. Oft wird (beobachtbare) sexuelle Praxis von Kindern in den allgegenwärtigen Diskursen dahingegen sehr schnell und voreilig in den Kontext »sexualisierten Verhaltens« gerückt.

Gerade die Sexualität als Ort, an dem sinnlich-körperliche Wünsche und Erfahrungen mit der sozialen Praxis einer Gesellschaft und einer bestimmten Kultur zu einer Sinn generierenden Struktur verschmelzen, ist jedoch wie bekannt insbesondere im Hinblick auf die Analyse der Subjektkonstitution nicht zu unterschätzen. Brisanz erlangt das Feld der infantilen Sexualität insofern, als kindliche Sexualität einen Raum eröffnet sowohl für kreativ-verschiebende, performative Spielakte als auch die Bühne bereitet für einen umtosten Austragungsort für erregte Kämpfe um Begehren, Identität und (Beziehungs)Struktur.

Welche Rolle kommt nun innerhalb dieser Kämpfe um Begehren, Identität und Beziehungen der sogenannten »kindlichen Sexualität« zu und welche Rolle spielt sie für die Entwicklung von Subjektivität und Triebstruktur? Und lässt sich dieser Prozess schließlich als Internalisierungs- oder als Aneignungsprozess verstehen? Solche Fragen werden im Vortrag diskutiert und versuchsweise beantwortet. „


Planetenkerls

24. Oktober 2007

Was aus dem Crash von GSP-Indoktrination und mangelnder Distanz zum Objekt resultiert, kann man auf dem allerneuesten Aufreger-Blog nachlesen. Die dort gebloggte Mischung aus plattestem BummBumm-Materialismus und verbaler Kraftmeierei incl. Beleidigungen im Stile von ‚Stecher‘, ‚Trottel‘, ‚Arsch‘ versteht sich wohl als satirische Kritik oder kritische Satire, offenbart aber nicht viel mehr als die Humorlosigkeit des Mac[h/k]ers, die dem Mangel an Witz und Sensibilität beliebter kulturindustrieller Produkte nahekommt.

Mit anderen Worten:
Langweilig und keines Klickes wert.


Im Visier des Staates

21. Oktober 2007

Was es bedeutet, mit einem Stadtsoziologen, in dessen Texten google zufolge partiell ähnliches Vokabular wie in den Kommandoerklärungen der Militanten Gruppe (MG) verwandt wird, und der aus diesem Grund – und weil er sein Handy dann und wann abschaltet –, unter Terrorismusverdacht steht, was es also bedeutet, mit einer solch gefährlichen Person, einem Extremisten sondersgleichen, zusammenzuleben – dankenswerterweise vom BKA mit den Methoden des modernen Rechtsstaates unter Kontrolle gehalten – das dokumentiert die Lebensgefährtin von Andrej H. in ihrem Blog.

Im Folgenden einige Auszüge aus den dortigen Postings:

„Vor fast genau zwei Monaten brach das Berliner LKA morgens um sieben in unsere Wohnung ein, schmiss meinen Liebsten auf den Boden, stürmte unser Schlafzimmer und die Zimmer unserer Kinder mit gezogenen Waffen und seitdem steht unser Leben Kopf. Ich kann nicht sagen, dass ich mich daran gewöhnt hätte, insbesondere, weil weiterhin die Behörden alles tun, keine Normalität aufkommen zu lassen (das ist ja vielleicht auch Sinn der Sache). Deswegen und weil ich nicht mehr ganz so fassungslos bin wie am Anfang, habe ich beschlossen, den alltäglichen Wahnsinn zu dokumentieren. Mehr dazu bei einstellung.so36.net.“

„Gegen Ende dieses Treffens, einige Stunden später, klingelt bei Andrejs Eltern das Telefon. Sie werden von Andrej angerufen, genauer, von seinem Handy. Sagt der Display ihres Telefons. Sie nehmen ab. Und hören das Gespräch mit, dass Andrej bei seinem Termin mit dem Arbeitskreis Stadt gerade führt. Sie verstehen erst nicht, was vor sich geht und gehen von einem Versehen aus; es kommt ja vor, dass die Tastensperre vergessen und die Wiederholungstaste gedrückt wird. Erst später rekonstruieren wir, dass das nicht sein konnte, weil sich die Tastensperre automatisch einstellt und ja nicht er seine Eltern, sondern umgekehrt sie ihn angerufen hatten. Wahlwiederholung fällt damit aus. Weil es ihnen unangenehm ist, das Gespräch mitzuhören, vielmehr aber noch, dass die bekanntermassen ebenfalls mithörenden Behörden so klar das Gespräch verfolgen können, rufen sie mich an. Ob ich wisse, wer alles bei dem Treffen dabei sei und vielleicht Handy-Nummern der betreffenden Leute habe. Habe ich nicht. Stattdessen rufe ich Andrejs Handy an, aus quasi wissenschaftlicher Neugier: um zu hören, was passiert. Ein Freizeichen, fünf-, sechsmal. Dann: „Der gewünschte Gesprächspartner antwortet nicht. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.“. Ich versuche es nochmal, das Gleiche. Noch eine Stunde später rufe ich ihn wieder an und komme durch. Andrej ist inzwischen unterwegs und berichtet, dass es seinen Eltern mittlerweile – von einem anderen Telefon aus – gelungen ist, ihn anzurufen. Ganz ‚normal‘: sein Handy klingelt, sieht so aus wie immer, wenn die Tastensperre eingeschaltet ist und es dann klingelt. Er nimmt ab und telefoniert. Ganz normal eben.

Heute war alles wie immer, allerdings dauerte die Phase, in der sich mein Handy angeblich in gar keiner Zone befand und damit auch nicht zum Telefonieren zu gebrauchen war, und in der gleichzeitig Anrufe an Andrej auf meiner Mailbox landeten, mehrere Stunden. Immerhin konnten wir etwa mittags fünf Minuten direkt miteinander telefonieren, bis das Gespräch plötzlich abbrach. Danach erreichte ich wieder nur meine Mailbox. Den größeren Teil des Tages dachte mein Handy, es sei außerhalb Berlins – weder City noch Home Zone. Ob grundsätzlich möglich ist, die zusätzlichen Kosten, die das verursacht, vom BKA rückerstattet zu bekommen?“


„Außerdem kommen unsere E-Mails teilweise nicht an. Nachweislich, mehrmals überprüft. Es ist mir ein Rätsel, wie das überhaupt passieren kann, aber es passiert.“

„Aus den Akten ergibt sich, dass die Eingänge, des Hauses, in dem wir wohnen, mit Videokameras überwacht wurden – ich würde mich sehr wundern, wenn das jetzt nicht mehr so wäre. Eine vorn, eine hinten. Wir wohnen in einem Berliner Mietshaus, und bei weitem nicht alleine. Zur Kamera hinten gibt es die schriftliche Anmerkung, dass sie so aufgebaut war, dass sie im Frühjahr mit zunehmender Belaubung der Bäume ihren Zweck nicht mehr erfüllte, weil außer Grünzeug nichts mehr zu sehen war und also wieder abgebaut wurde. Schön, könnte man denken. Tatsächlich führt das dazu, dass das BKA nun erst recht annimmt, dass Andrej an allerhand terroristischem Zeitvertreib beteiligt gewesen sein soll, einfach weil es ja nicht auszuschließen ist, dass er das Haus zu bestimmten Zeiten durch den Hinterausgang verlassen hat. Ich habe mich noch nicht dazu durchringen können, zu fordern, dass er permanent von einer Kamera begleitet werden soll.“


„Ich kann nicht sagen, dass wir uns daran gewöhnt hätten, aber finde bemerkenswert, wie schnell es Alltag wird, eben hinzunehmen, dass da immer diese Männer herumstehen. Die nicht zu tun haben, als 10 Minuten abends auf der Straße einen Aufkleber an einem Laternenpfahl zu studieren, weil wir spazieren gehen und diskutierend einen Moment stehen bleiben. Als ich ihn bemerkte, musste ich grinsen. Er grinste zurück. Sehr surreal. Andere brauchen genauso lange zum Einkaufen wie wir, die wir einen Familien-Wochenendeinkauf machen, und finden nur eine Mineralwasserflasche. Gucken aber in alle Regale, in die wir auch schon geschaut haben.“


GraSSe Hitlerkeule

17. Oktober 2007

Durch Zufall bin ich justomomento auf einen Artikel aus der Welt vom 06.10. gestoßen, der wieder einmal demonstriert, wie sich die linksliberalen Haus+Hof-Intellektuellen bereitwillig als moralinsaure Herrenmenschen aufspielen und die konservative Presse sie begeistert ob so viel Servilität als Sturmgeschütz gegen unliebsame konkurrierende Nationalstaaten einsetzt.
Doch lest selbst, was die Welt über Grassens Besuch in Gdansk schreibt:

„Die rechts-konservative Opposition im Stadtrat, Kaczynskis Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS), blieb sämtlichen Feierlichkeiten fern. Man wolle von Grass zuerst eine Entschuldigung für sein jahrzehntelanges Verschweigen seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS hören, hieß es. Erneut hatte die Kaczynski-Partei damit die Karte der deutsch-polnischen Zwietracht gespielt.
[…]
Prompt nutzte Günter Grass die gelegenheit zur politischen Erklärung. Er rief die Polen zu mehr demokratischem Engagement und zu einer hohen Beteiligung an den bevorstehenden Wahlen aufgerufen. Indirekt verglich er die Kaczynski-Brüder mit Adolf Hitler. Bei einer Diskussion mit den beiden ehemaligen Präsidenten Richard von Weizsäcker und Lech Walesa sagte der Schriftsteller, Hitler sei seinerzeit an die Macht gekommen, weil sich nicht genug Bürger schützend vor den demokratischen Staat gestellt hätten. Die jetzige polnische Regierung habe bei einer Wahlbeteiligung von etwa nur 40 Prozent die Führung übernommen.
Die durch den Neoliberalismus verursachte soziale Unsicherheit großer Bevölkerungsgruppen sei immer ein „gefundenes Fressen“ für Demagogen, sagte Grass. Eine hohe Wahlbeteiligung zeige den Regierenden, „dass man nicht an der Bevölkerung vorbei Politik machen kann“.

In der jungle world porträtierte Klaus Bittermann vor einigen Wochen den ‚Literaturbetriebsintigranten‘ im Rahmen des Dossiers „Beim Lutschen des Brühwürfels“.


Antifa heißt … das Parkverbot durchbrechen!

17. Oktober 2007


„Bitte haben Sie Verständnis für diese aus polizeilicher Sicht notwendigen Maßnahmen und informieren Sie auch Ihre Nachbarn. Stellen Sie ihr Fahrzeug möglichst weiträumig vom Einsatzgeschehen weg.“

Sa. 20.10.07 FfM: Highkicks für Nazis!


ivi_nachtrag

11. Oktober 2007

Noch eine Veranstaltung im ivi, und zwar überübermorgen. Da ich den Ankündigungstext nirgends online fand, hier als Komplettversion, obwohl solche Bleiwüsten eh keine Sau liest. Bin aber zu faul, tolle Bilder zu suchen, und außerdem würde ich mir dann den Vorwurf einhandeln, am Spektakel mitzubasteln …

Kritische Theorie als situationistische Aktualisierung?
Veranstaltung zum Streit über „Spektakel, Kunst, Gesellschaft“
mit den beiden Autoren Stephan Grigat & Zwi.

Die Situationistische Internationale (1957 -1972) verdichtete die Kritik der kapitalistischen Totalität in dem Versuch, die Trennung der Sphären durch ein spezifisches Theorie-Praxis-Verhältnis hindurch aufzuheben. Es ging ihr um die Frage der Aneignung der hervorgebrachten Möglichkeiten – gegen ihre elende Nutzung unter den Bedingungen der Vergesellschaftung über den Wert – in einem entschieden forschenden und experimentellen Sinne, dabei todernst in der Sache. »Revolutionäre Spieler aller Länder vereinigt Euch« bedeutete für die S.I. nicht mehr, die Poesie in den Dienst der Revolution zu stellen, sondern umgekehrt, dem Bestehenden die Herrschaft über die Definitionen des möglichen Gebrauchs zu entwenden (détournement) und sich gleichzeitig der Gefahr der Beschlagnahme durch das Spektakel (récuperation) bewusst zu sein. Kein Argument für Untätigkeit, sondern eines gegen Dummheit und Unbeweglichkeit. Ein neuer Anlauf, auf diesem Planeten menschenwürdige Zustände herzustellen, sollte besser nicht unterhalb des Niveaus der S.I. angesetzt werden. Mit der S.I. scheint eine moderne Form der Association auf, die eines modernen Theoretiker- und Experimentator_innenkollektivs, welches jede Form der Entfremdung im Kampf gegen die Entfremdung bei Strafe des eigenen Untergangs sofort bekämpfen muss.

Das Autorenkollektiv BieneBaumeister Zwi Negator hat versucht, eine immanente, eine rettende Kritik der S.I. zu entwickeln. Trotz deren unbestreitbaren blinden Flecken im Hinblick auf den Nationalsozialismus und die Shoah einerseits und andererseits die Geschlechterverhältnisse und damit einer allesumfassenden Kritik des Alltagslebens sollte gezeigt werden, wo nicht hinter die SI zurückgegangen werden darf, bzw. erst noch nicht einmal geborgene Schätze für eine revolutionäre Kritik auf der Höhe der Zeit zu finden wären. »Die Rückkehr des Verdrängten« wäre insofern nicht nur in Bezug auf die Geschichte der S.I. zu verstehen, als weitgehend in der Schublade für politisierten Künstleravantgarden versteckte. Das schmerzhafte Aufrufen der geschichtlichen Niederlagen der bisherigen Emanzipationsanläufe und was darin zu retten wäre, wie auch die von der situationistischen Kritik nicht unter Beschuss genommenen entscheidenden Momente der gesellschaftlichen Totalität sind der Verdrängung zu entreißen.

Debords erkenntniskritisches Diktum, dass die »Wahrheit dieser Gesellschaft nichts anderes ist als die Negation dieser Gesellschaft«, ist in seiner Allgemeinheit ebenso richtig wie es nach dem Nationalsozialismus, der barbarischen Negation der bürgerlichen Gesellschaft, durch eben diese Allgemeinheit falsch wird. Die Negation orientiert sich hier ausschließlich am Marxschen kategorischen Imperativ aus dem Jahr 1844, nicht aber am Adornoschen, der in Reflexion auf die Katastrophe fordert, alles Handeln so einzurichten, dass Auschwitz und Ähnliches sich nicht wiederhole. Die Situationistische Internationale teilte mit der von ihr so scharf kritisierten Linken die Ignoranz gegenüber dem kapitalentsprungenen Antisemitismus, was ihr auch ein Verständnis des Zionismus, der Notwehrmaßnahme gegen diesen Antisemitismus, von vornherein unmöglich machte.

Stephan Grigat, Mitherausgeber des Sammelbandes »Spektakel – Kunst – Gesellschaft« und Aktivist der Gruppe »Café Critique« (www.cafecritique.priv.at), wird zum einen die Intentionen des Sammelbandes erläutern und sich zum anderen mit der Auseinandersetzung der SI mit Israel und dem Zionismus beschäftigen.
Zwi vom Autorenkollektiv BBZN (BieneBaumeister, Zwi, Negator), das eine zweibändige »Aneignung« von »Situationistischer Revolutionstheorie« herausgebracht hat und mit zwei Beiträgen in dem Sammelband »Spektakel – Kunst – Gesellschaft« vertreten ist, wird an diesem Abend neben einer kurzen Einführung in die Geschichte der SI über die Möglichkeit einer aktualisierenden kritischen Ingebrauchnahme der situationistischen Kritik sprechen.

Sonntag 14.10.2007 // 19.30 im Hörsaal des IVI, Kettenhofweg 130 (Frankfurt .M.)

[Texte und Materialien zur S.I. auf unsrer website unter: http://theoriepraxislokal.org/rev+s/si.php]

Könnte echt interessant werden, aber nur wenn Stephan Grigat mal was Anderes erzählt als „x Ware a = y Ware b“ und zwi keine mehrstündigen Referate hält.


contre l‘université – la sixième fois

11. Oktober 2007

Die Gegen-Uni im Frankfurter Institut für vergleichende Irrelevanz (ivi) geht mittlerweile in die sechste Runde. Gewissermaßen überwintert hier die kritische Intelligenz, die aus dem nur wenige Meter entfernt liegenden Institut für Sozialforschung (ifs) emigrierte oder vertrieben wurde – wenn auch im ivi dreckiger, kleiner und gemeiner als im ifs, was sowohl auf den Raum wie auf das dort repräsentierte Denken (und Feiern) gemünzt ist. Dem bisher nur vorläufigen Programm auf dem blog des ivi lässt sich die reale oder virtuelle Beteiligung folgender Personen und Institutionen an der Gegen-Uni entnehmen:
Karl Marx – demopunk – minipli 225 – die Polizei – Karl Bruckmaier – Judith Butler – Joachim Hirsch – Peter Weiss –
Toxic Lipstick

Im Folgenden der vollständige Ankündigungstext featuring einige verdammt selbstreflexive Fußnoten:

Tote Hunde auf der Überholspur -
6. Frankfurter Gegenuni 30.10.-11.11.07

„Back from the dead“[1]

»Frischer Wind an der Goethe-Uni« ist großflächig am alten Labsaal zu lesen. Ein frischer Wind, der sich für viele eher als steife Brise oder handfester Sturm darstellt, der sie aus der Uni weht, Studiengebühren sei dank. Die Lücke der nicht zahlungsfähigen wurde allerdings geschlossen mit windigen Begriffen wie »Exzellenz«, die – wie hohl auch immer – nun mal teuer zu erkaufen ist. Es spricht aus ihr das Zauberwort der »Konkurrenz«, verbunden mit dem »internationalen Wissensmarkt«. Portmonee auf, Hirn aus, Ellbogen an; das Leben als Killerspiel, kapitalistischer Normalzustand, auch an der Universität.

Jener »frische Wind« sorgt auch dafür, dass der beissende Geruch von Kritik gar nicht mehr aufkommt. Lässt sich nicht vermarkten, verkaufen, wirft keinen Mehrwert ab. Und die Protagonist_innen sind sowieso schon lange (mund)tot gemacht. Die Bücher verstauben, die Vorstellung von Wissenschaft als umfassender Gesellschaftskritik, die gleichzeitig notwendig auf ihre eignen wie die Bedingungen der realen Veränderung der Welt zum Besseren reflektiert, ist ebenso unter einer sechs Fuß dicken Staubschicht begraben [2].

„zombie ritual“ auf dem „pet cemetary“?

Es gilt also, die Schaufeln auszupacken und die Oberfläche abzutragen. Gesellschaftskritik heute muss auch die eigene Geschichte reflektieren und kritisch aufnehmen. Die Beschäftigung mit älteren Texten darf daher weder dazu dienen, in Heldenverehrung zu erstarren und somit die Lebendigkeit der Kritik den Untoten zu übergeben, noch die Lieblingsautor_innen aufgrund libidinöser Bindung unadäquat zu einem zweiten Leben zu erwecken. Was bei Kuscheltieren schief geht, funktioniert auch bei Kritik nicht. Dennoch gilt es, die Aktualität vieler Auseinandersetzungen zur Kenntnis zu nehmen und ernsthaft damit umzugehen. Das bedeutet auch und gerade, mit den so genannten Klassikern respektlos zu verfahren. Kritische Auseinandersetzung kann weder gemütliches Ausruhen auf lieb gewonnenen Dogmen noch kuschelige Wohlfühlrunde in gegenseitiger Bestätigung heißen.

ivi

„open the abscess“

In der doppelten Negation wie der doppelten Reflexionsschleife geht es also um eine schmerzhafte Operation, deren Mittel zwischen Kettensäge und Seziermesser notwendig schwanken. Doch die Wahl der Mittel muss wohl überlegt sein und richtet sich nach der jeweiligen Konstellation [3]. Deshalb muss – Paradoxon der Gleichzeitigkeit – die Operation jeweils Kritik jener Konstellation sein, Bedingung der Kritik des zu kritisierenden Phänomens [4]. Werden jedoch die im gegenwärtigen Wissenschaftsbetrieb allzu toten Hunde vergessen oder zum Götzenbild verklärt, muss ein solches Unterfangen scheitern. Stattdessen gilt es, den historischen Stand der Kritik gut dialektisch aufzuheben in der Kritik der Gegenwart. Dabei ist sicherlich das Verhältnis von Kritik und Institution zentral.

„Pathos Galore“

In diesem Sinne werden während der Gegenuni „alte“ Theorien ausgepackt, um sie zu entstauben. Die Eröffnungsveranstaltung wird an den Aufsatz von Horkheimer – Zur gegenwärtigen Lage der Sozialphilosophie – anschließen und eine aktuelle Einschätzung vornehmen. Begreifen wir die aktuelle Veränderung der Universität nicht nur als Affront, sondern ebenso sehr als Anlass, das Verhältnis von Revolution und Institution neu zu bestimmen. Es geht schließlich um nicht mehr und nicht weniger als um die Entwicklung
einer adäquaten Theoriepraxis, um zu einer praktischen Abschaffung der Herrschaft zu gelangen.

Hoch die Tassen,
Eure Gegenuni-Vorbereitungsgruppe

[1] Die Überschriften sind Songtitel von folgenden Bands: Death (2x), Ramones, Exhumed, Fear is the path to the dark side

[2] Die Paarung frischer Wind/ Staub ist nicht ganz unproblematisch, weil sie genau im Bild der Uni bleibt. Dagegen müsste herausgestellt werden, dass es der sogenannte frische Wind ist, der uns erstickt, und das vorgeblich Verstaubte die Luft zum Atmen. Da aber im Folgenden mit Schaufeln zu Werke gegangen wird, lassen wir es so stehen.

[3] Spätestens an dieser Stelle droht der Absatz, eine Hieroglyphe zu werden. Von welcher Konstellation ist hier die Rede? Der Verfasser konnte darüber selbst keine erschöpfende Auskunft geben, sondern verstrickte sich in Allgemeinheiten.

[4] Wo kommt jetzt das Phänomen plötzlich her? Worin besteht die Gleichzeitigkeit, was bedingt was, und worauf zielt die Kritik des zu kritisierenden Phänomens? Alles nur ein Schmarrn?
Nehmen wir z.B. mal Marx, einen der wichtigsten von den Verstaubten. Er hat eine hervorragende und bis heute frische Analyse der kapitalistischen Produktionsweise geliefert, ohne die jede Sozialwissenschaft in Affirmation abgleitet. Von Geschlechterverhältnissen schreibt er dagegen so gut wie nichts. Wenn es uns also um eine umfassende Analyse von Ausbeutung, Unterdrückung, Herrschaft und – Befreiung von diesen Verhältnissen geht, dann gilt es, diesen „blinden Fleck“ zu untersuchen. Dabei reicht es nicht, die Geschlechterverhältnisse als weiteres Moment bloß hinzuzufügen (umgekehrte Kettensäge), sondern ganze Teile der Theorie sind neu zu konzipieren: Geschichte lässt sich nicht mehr nur als die Geschichte von Klassenkämpfen verstehen, wenn Hausarbeit darin nicht begriffen ist. Gleichzeitig lässt sich aber die Stellung der „Hausarbeit“ in den gegenwärtigen Produktionsverhältnissen nicht ohne den Widerspruch von Lohnarbeit und Kapital erklären.


The strike that shakes the nation

08. Oktober 2007

Lesenswerter Kommentar der Antifaschistischen Linken Main/Spessart:
Mit der Deutschen Bahn auf Reise durch die postfaschistische Gesellschaft“.