Neues vom Alten

27. September 2007

In der aktuellen Ausgabe der Frankfurter Studierendenzeitung ‚Diskus‘ finden sich zwei interessante Artikel, die sich dem heiß und fettig diskutierten Themenkomplex Islam aus ganz unterschiedlicher Perspektive nähern. In „Die Moschee im Dorf lassen?“ [pdf] wird der Versuch unternommen, „deutsche Positionen zum Islam zwischen Abwehr und Umarmung“ – so der Untertitel – vor allem anhand des sog. Karikaturenstreits wie der Islam-Konferenz zu bestimmen.

Im Folgenden ein Auszug:

Mit der von Bundesinnenminister Schäuble ins Leben gerufenen Islamkonferenz
soll nun ein »langfristig angelegter Verhandlungs- und Kommunikationsprozess zwischen
Vertretern des deutschen Staates und Vertretern der in Deutschland lebenden Muslime« initiiert werden. Beteiligt sind einerseits Einzelpersonen mit muslimischem Hintergrund, andererseits die größten muslismischen Verbände bis hin zum islamistisch dominierten Islamrat. Gänzlich divergierende Positionen, repräsentiert durch den Schriftsteller Feridun Zaimoglu, die Frauenrechtlerin Necla Kelek und die fundamentalistische Milli Görus, werden so unter dem Banner des Islam an einen Tisch gebeten, um einen ›Konsens‹ zu erzielen. Einerseits zeigt sich hier die Verharmlosung der von Islamist_innen ausgehenden Gefahr, die realiter nicht mittels ›interreligiöser Kommunikation‹ oder ›Dialog der Kulturen‹ am Runden Tisch zu bändigen ist, andererseits auch die Heuchelei der Rechten, für die ›Integration‹ nicht mehr bedeutet als Einpassung aller realen oder scheinbaren Moslems in ein vorgegebenes Raster der Leitkultur.
Der avisierte Konsens ist längst festgeschrieben, soll er doch schlicht der ›Werteordnung‹ des post-liberalen Grundgesetzes entsprechen. Die Islamkonferenz soll diesen Dialog, gepaart mit Zwang, institutionalisieren und als ordnungspolitischer Faktor in die migrantischen
»communities« hineinregieren. In Zeiten zunehmender Prekarisierung und Hoffnungslosigkeit ist die Religion eines der wenigen Angebote, welche die Gesellschaft objektiv überflüssigen Migrant_innen noch unterbreitet. Das An- wird tendenziell zum Gebot, wenn Subjekte allein dann schon als Moslems verhandelt werden, wenn sie oder ihre Eltern aus einem stark
oder mehrheitlich muslimisch geprägten Land entstammen. In diesem Sinne ist auch die im Zuge der Islamkonferenz avisierte Kreation eines ›deutschen Islam‹ skeptisch zu sehen: handelt es sich dabei doch weniger um eine begrüßenswerte Anerkennung der
Einwanderungsrealität, sondern mehr um den Versuch, soziale Kontrolle über Ethnisierung und Religiösifizierung voranzutreiben. Die ›gefährliche Fremdheit‹ des Islamismus soll eingehegt und nutzbar gemacht werden, indem die ›fremde Kultur‹ in den festen Rahmen der eigenen gefasst wird. Das Kopftuch soll zwar nicht von Lehrkräften in öffentlichen Schulen getragen werden, wenn jedoch in Koranschulen nach Geschlechtern segregiert ein konservativ- autoritärer Islam vermittelt wird, reibt sich der Gesetzgeber die Hände.

End
Weder das Konzept der Islamophobie noch die Behauptung einer generellen Islamophilie der Deutschen fassen den in Frage stehenden Sachverhalt adäquat. Beide Modelle erfassen nur Elemente eines Diskurses, den eine Vielzahl von Faktoren determiniert und der darum häufig umschlägt: von Philie in Phobie, von Angst in Bewunderung. In der Regel gibt die nach politischer Ausrichtung divergierende Bewertung die bevorzugte Problemlösungsstrategie vor: verhandelt die Rechte, wenn auch seit Kurzem ›dialogorientiert‹, den Islam primär unter Sicherheitsaspekten – vonAbschiebeerleichterungen über Geheimdienstkooperationen
bis zum Auslandseinsatz –, vermag die Linke vor allem ein soziales Problem zu erkennen, dem mit anerkennend-gönnerischen Multikulti-Festivitäten, besser ausgestatteten Jugendhäusern und Dialogrunden abzuhelfen sei. Als weitgehend unangefochtener Konsens ist beiden jedoch die Ethnisierung des Islam als arabisch-türkischer Eigenheit gemein. Darum sind sie weder in der Lage, eine adäquate Antwort auf das durchaus reale Problem wachsender islamistischer
Formierung zu finden, noch fähig, die rassistische Ausgrenzung der in der BRD lebenden Moslems und jener, die dazu gemacht werden, zu beenden. Nur ein Antirassismus, der sich jenseits von Ethnisierung und Herkunftsmystifikation an den Individuen orientiert, und eine Religionskritik, die sich als integrales Element der Analyse des modernen Kapitalismus begreift,
könnten diesem Missstand abhelfen.

Der Artikel „Die religiöse Welt des Kapitals. Skizze einer notwendigen Erinnerung“ versucht sich an einer materialistischen Kritik des Islam. Wie der Begriff Skizze schon nahelegt, werden mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet. Dennoch, bzw. darum, gehört Keils Text zu einem der besten Beiträge binnen der letzten Jahre, wurde doch in Publikationen wie Jungle World und konkret viel diskursiviert und diskutiert, jedoch über Oberflächenphänomene und globale Politikberatung hinaus wenig Substanzielles geleistet.

Im Folgenden ebenfalls ein Auszug:

[Die] Konstellation der krisenhaften Anpassungsprozesse an den transformierten Weltmarkt in Strukturen, die den Prozessen nicht gewachsen scheinen, ist die Grundlage der islamistischen Massenmobilisierung. Sie kämpfen im Namen einer »ursprünglichen«
Gemeinschaft mit modernsten Mitteln gegen die Moderne, lokalisiert vor allem in Israel und den USA. An diesem Punkt muss gefragt werden, wie das Verhältnis dieser neuen Stufe einer permanent auch scheiternden neuen Durchkapitalisierung zu dem verdinglichten Kampf zu fassen ist und welche religiöse Form der Kapitalismus in diesem Falle annimmt? Wenn er
dieselben Qualen und Sorgen wie die Religion befriedigen kann,wie stellt sich das in einer Region dar, welche im Weltmarkt stark abgerutscht ist? Vor allem, wenn ein Unterschied zu den Voraussetzungen des Protestantismus als Kapitalismus deutlich wird: dessen Antwort ist (Wert schaffende) Arbeit, die als neues gesellschaftliches Verhältnis göttliche Weihe erhält. Im
Islamismus hingegen erhält der Kampf gegen die in antisemitischen Bildern verdinglichte Moderne göttliche Weihe, während die Arbeit weniger eine Rolle spielt. Hier schließt sich die Frage an, wie die Prädedesstination mit dem Schuldzusammenhang in der jeweiligen Konstellation wirkt. Während die Arbeit keine Möglichkeit der Befreiung, sondern nur eine Vertiefung der Schuld impliziert, eröffnet der Kampf – Jihad – trotz Prädestination scheinbar eine solche Möglichkeit. In die protestantisch-kapitalistische wie auch die islamistisch- (anti)kapitalistische Konstellation eingelassen ist zudem eine jeweils spezifische Form der Selbstdisziplinierung und Unterwerfung des eigenen Körpers unter das göttliche Gebot. Während in ersterer die Selbstdisziplinierung in Bezug auf die verschuldende Arbeit zu erfassen ist, bezieht sich letztere auf den Kampf als Erlösung, die aber nichts anderes heißt als vollständige Entwertung des Diesseits in der Vernichtung, dessen vollendete Form von daher das Märtyrertum ist. Es müsste also die hier holzschnittartig beschriebene Konstellation genauer untersucht werden unter der Prämisse, den Islamismus als kapitalistische
Form der Religion zu begreifen, welche eine politisch-weltliche Ordnung der Welt durch die negative Aufhebung des Kapitals anstrebt. Es ginge also darum, den Artikulationsraum zu begreifen und eine dualistische Logik zu vermeiden.

Abschließend kann konstatiert werden, dass die Kritik im Sinne der Aufklärung vor vielfältige Aufgaben gestellt ist. Sie muss einerseits den Antisemitismus weltweit agierender Bewegungen bekämpfen, andererseits aber auch und gerade der wohlwollenden Rezeption und der Verstärkung antimoderner, gemeinschaftstümelnder und reaktionärer Tendenzen in
den westlichen Staaten entschieden entgegentreten. Es gilt zu begreifen, dass der Kampf der antimodernen Moderne gegen das Bestehende kein räumlich begrenzter Kampf ist, sondern sich quer durch die Gesellschaften zieht und jeweils Auswirkungen zeitigt. Hierbei sind zum Beispiel in Deutschland nicht nur »national befreite Zonen« zu benennen, sondern auch der Umbau des Staates, wie überall zu beobachten, in autoritärer Absicht, die sich immer repressiver gestaltende Einzwängung des Individuums als nichtiges Exemplar einer vermeintlich ursprünglichen Gemeinschaft/Nation oder auch das Erstarken fundamentalistischer Religionsgemeinschaften in den kapitalistischen Zentren. Jene Bewegungen sind daher nicht als
den modernen kapitalistischen Gesellschaften äußerlich zu betrachten, sondern als immanente,
wobei die religiös fundierten Bewegungen in ihrer jeweiligen spezifischen Konstellation zu analysieren sind. Ein Schritt hierzu ist, wie ich es versucht habe oben zu skizzieren, die
Schärfung der Kritik, die Auseinandersetzung mit den Grundstrukturen der irrationalen Verfasstheit der Welt, die sich in unterschiedlichen Regionen unterschiedlich ausformt. Es gälte, im Sinne einer sich selbst kritisierenden Aufklärung, die Welt, theoretisch wie praktisch, zu entzaubern und von den Göttern zu befreien, als Bewahrung der Möglichkeit einer vernünftig
eingerichteten Welt.


1 Kommentar

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  1. Besser als die Texte hier im Blog zu lesen: als pdf auf der Diskus-Homepage ausdrucken oder den Diskus @ your local Infoladen einpacken bzw. per Mail anfordern.

    Comment von Administrator — 27. September 2007 @ 17:14

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