amazon.de verbietet Krankheit

29. September 2007

Interessanter Bericht bei indymedia (jaja, igitt usw) zu den Arbeitsbedingungen bei amazon.de. Ein Krankheitstag und du bist draußen. Heftig.


Neues vom Alten

27. September 2007

In der aktuellen Ausgabe der Frankfurter Studierendenzeitung ‚Diskus‘ finden sich zwei interessante Artikel, die sich dem heiß und fettig diskutierten Themenkomplex Islam aus ganz unterschiedlicher Perspektive nähern. In „Die Moschee im Dorf lassen?“ [pdf] wird der Versuch unternommen, „deutsche Positionen zum Islam zwischen Abwehr und Umarmung“ – so der Untertitel – vor allem anhand des sog. Karikaturenstreits wie der Islam-Konferenz zu bestimmen.

Im Folgenden ein Auszug:

Mit der von Bundesinnenminister Schäuble ins Leben gerufenen Islamkonferenz
soll nun ein »langfristig angelegter Verhandlungs- und Kommunikationsprozess zwischen
Vertretern des deutschen Staates und Vertretern der in Deutschland lebenden Muslime« initiiert werden. Beteiligt sind einerseits Einzelpersonen mit muslimischem Hintergrund, andererseits die größten muslismischen Verbände bis hin zum islamistisch dominierten Islamrat. Gänzlich divergierende Positionen, repräsentiert durch den Schriftsteller Feridun Zaimoglu, die Frauenrechtlerin Necla Kelek und die fundamentalistische Milli Görus, werden so unter dem Banner des Islam an einen Tisch gebeten, um einen ›Konsens‹ zu erzielen. Einerseits zeigt sich hier die Verharmlosung der von Islamist_innen ausgehenden Gefahr, die realiter nicht mittels ›interreligiöser Kommunikation‹ oder ›Dialog der Kulturen‹ am Runden Tisch zu bändigen ist, andererseits auch die Heuchelei der Rechten, für die ›Integration‹ nicht mehr bedeutet als Einpassung aller realen oder scheinbaren Moslems in ein vorgegebenes Raster der Leitkultur.
Der avisierte Konsens ist längst festgeschrieben, soll er doch schlicht der ›Werteordnung‹ des post-liberalen Grundgesetzes entsprechen. Die Islamkonferenz soll diesen Dialog, gepaart mit Zwang, institutionalisieren und als ordnungspolitischer Faktor in die migrantischen
»communities« hineinregieren. In Zeiten zunehmender Prekarisierung und Hoffnungslosigkeit ist die Religion eines der wenigen Angebote, welche die Gesellschaft objektiv überflüssigen Migrant_innen noch unterbreitet. Das An- wird tendenziell zum Gebot, wenn Subjekte allein dann schon als Moslems verhandelt werden, wenn sie oder ihre Eltern aus einem stark
oder mehrheitlich muslimisch geprägten Land entstammen. In diesem Sinne ist auch die im Zuge der Islamkonferenz avisierte Kreation eines ›deutschen Islam‹ skeptisch zu sehen: handelt es sich dabei doch weniger um eine begrüßenswerte Anerkennung der
Einwanderungsrealität, sondern mehr um den Versuch, soziale Kontrolle über Ethnisierung und Religiösifizierung voranzutreiben. Die ›gefährliche Fremdheit‹ des Islamismus soll eingehegt und nutzbar gemacht werden, indem die ›fremde Kultur‹ in den festen Rahmen der eigenen gefasst wird. Das Kopftuch soll zwar nicht von Lehrkräften in öffentlichen Schulen getragen werden, wenn jedoch in Koranschulen nach Geschlechtern segregiert ein konservativ- autoritärer Islam vermittelt wird, reibt sich der Gesetzgeber die Hände.

End
Weder das Konzept der Islamophobie noch die Behauptung einer generellen Islamophilie der Deutschen fassen den in Frage stehenden Sachverhalt adäquat. Beide Modelle erfassen nur Elemente eines Diskurses, den eine Vielzahl von Faktoren determiniert und der darum häufig umschlägt: von Philie in Phobie, von Angst in Bewunderung. In der Regel gibt die nach politischer Ausrichtung divergierende Bewertung die bevorzugte Problemlösungsstrategie vor: verhandelt die Rechte, wenn auch seit Kurzem ›dialogorientiert‹, den Islam primär unter Sicherheitsaspekten – vonAbschiebeerleichterungen über Geheimdienstkooperationen
bis zum Auslandseinsatz –, vermag die Linke vor allem ein soziales Problem zu erkennen, dem mit anerkennend-gönnerischen Multikulti-Festivitäten, besser ausgestatteten Jugendhäusern und Dialogrunden abzuhelfen sei. Als weitgehend unangefochtener Konsens ist beiden jedoch die Ethnisierung des Islam als arabisch-türkischer Eigenheit gemein. Darum sind sie weder in der Lage, eine adäquate Antwort auf das durchaus reale Problem wachsender islamistischer
Formierung zu finden, noch fähig, die rassistische Ausgrenzung der in der BRD lebenden Moslems und jener, die dazu gemacht werden, zu beenden. Nur ein Antirassismus, der sich jenseits von Ethnisierung und Herkunftsmystifikation an den Individuen orientiert, und eine Religionskritik, die sich als integrales Element der Analyse des modernen Kapitalismus begreift,
könnten diesem Missstand abhelfen.

Der Artikel „Die religiöse Welt des Kapitals. Skizze einer notwendigen Erinnerung“ versucht sich an einer materialistischen Kritik des Islam. Wie der Begriff Skizze schon nahelegt, werden mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet. Dennoch, bzw. darum, gehört Keils Text zu einem der besten Beiträge binnen der letzten Jahre, wurde doch in Publikationen wie Jungle World und konkret viel diskursiviert und diskutiert, jedoch über Oberflächenphänomene und globale Politikberatung hinaus wenig Substanzielles geleistet.

Im Folgenden ebenfalls ein Auszug:

[Die] Konstellation der krisenhaften Anpassungsprozesse an den transformierten Weltmarkt in Strukturen, die den Prozessen nicht gewachsen scheinen, ist die Grundlage der islamistischen Massenmobilisierung. Sie kämpfen im Namen einer »ursprünglichen«
Gemeinschaft mit modernsten Mitteln gegen die Moderne, lokalisiert vor allem in Israel und den USA. An diesem Punkt muss gefragt werden, wie das Verhältnis dieser neuen Stufe einer permanent auch scheiternden neuen Durchkapitalisierung zu dem verdinglichten Kampf zu fassen ist und welche religiöse Form der Kapitalismus in diesem Falle annimmt? Wenn er
dieselben Qualen und Sorgen wie die Religion befriedigen kann,wie stellt sich das in einer Region dar, welche im Weltmarkt stark abgerutscht ist? Vor allem, wenn ein Unterschied zu den Voraussetzungen des Protestantismus als Kapitalismus deutlich wird: dessen Antwort ist (Wert schaffende) Arbeit, die als neues gesellschaftliches Verhältnis göttliche Weihe erhält. Im
Islamismus hingegen erhält der Kampf gegen die in antisemitischen Bildern verdinglichte Moderne göttliche Weihe, während die Arbeit weniger eine Rolle spielt. Hier schließt sich die Frage an, wie die Prädedesstination mit dem Schuldzusammenhang in der jeweiligen Konstellation wirkt. Während die Arbeit keine Möglichkeit der Befreiung, sondern nur eine Vertiefung der Schuld impliziert, eröffnet der Kampf – Jihad – trotz Prädestination scheinbar eine solche Möglichkeit. In die protestantisch-kapitalistische wie auch die islamistisch- (anti)kapitalistische Konstellation eingelassen ist zudem eine jeweils spezifische Form der Selbstdisziplinierung und Unterwerfung des eigenen Körpers unter das göttliche Gebot. Während in ersterer die Selbstdisziplinierung in Bezug auf die verschuldende Arbeit zu erfassen ist, bezieht sich letztere auf den Kampf als Erlösung, die aber nichts anderes heißt als vollständige Entwertung des Diesseits in der Vernichtung, dessen vollendete Form von daher das Märtyrertum ist. Es müsste also die hier holzschnittartig beschriebene Konstellation genauer untersucht werden unter der Prämisse, den Islamismus als kapitalistische
Form der Religion zu begreifen, welche eine politisch-weltliche Ordnung der Welt durch die negative Aufhebung des Kapitals anstrebt. Es ginge also darum, den Artikulationsraum zu begreifen und eine dualistische Logik zu vermeiden.

Abschließend kann konstatiert werden, dass die Kritik im Sinne der Aufklärung vor vielfältige Aufgaben gestellt ist. Sie muss einerseits den Antisemitismus weltweit agierender Bewegungen bekämpfen, andererseits aber auch und gerade der wohlwollenden Rezeption und der Verstärkung antimoderner, gemeinschaftstümelnder und reaktionärer Tendenzen in
den westlichen Staaten entschieden entgegentreten. Es gilt zu begreifen, dass der Kampf der antimodernen Moderne gegen das Bestehende kein räumlich begrenzter Kampf ist, sondern sich quer durch die Gesellschaften zieht und jeweils Auswirkungen zeitigt. Hierbei sind zum Beispiel in Deutschland nicht nur »national befreite Zonen« zu benennen, sondern auch der Umbau des Staates, wie überall zu beobachten, in autoritärer Absicht, die sich immer repressiver gestaltende Einzwängung des Individuums als nichtiges Exemplar einer vermeintlich ursprünglichen Gemeinschaft/Nation oder auch das Erstarken fundamentalistischer Religionsgemeinschaften in den kapitalistischen Zentren. Jene Bewegungen sind daher nicht als
den modernen kapitalistischen Gesellschaften äußerlich zu betrachten, sondern als immanente,
wobei die religiös fundierten Bewegungen in ihrer jeweiligen spezifischen Konstellation zu analysieren sind. Ein Schritt hierzu ist, wie ich es versucht habe oben zu skizzieren, die
Schärfung der Kritik, die Auseinandersetzung mit den Grundstrukturen der irrationalen Verfasstheit der Welt, die sich in unterschiedlichen Regionen unterschiedlich ausformt. Es gälte, im Sinne einer sich selbst kritisierenden Aufklärung, die Welt, theoretisch wie praktisch, zu entzaubern und von den Göttern zu befreien, als Bewahrung der Möglichkeit einer vernünftig
eingerichteten Welt.


Problembär Lasagne

26. September 2007

Na toll, da trage ich schon meine Haut zum Supermarkt, bzw. zu derer zwei, und dann das:
Penny führt keine Lasagne-Blätter („nur gelegentlich“)*, der anschließend angesteuerte Plus hingegen schon. Dafür waren dort weder Champignons noch Broccoli noch Zucchini noch Hackfleisch noch Leerdammer verfügbar. Wie, bitte, soll man unter solchen Umständen eine leckere Lasagne auf die Beine stellen? Mais kommt mir nicht in den Ofen, und die Spinat-Variante hatte ich dummerweise während des Einkaufs verdrängt, so dass nur der Rückgriff auf Karotten, haufenweise Gewürze und der nicht so leckere Edamer bleibt.

Vielleicht sollte sich Plus statt Super- besser Medio-Markt nennen, käme der Realität wesentlich näher und klingt fast so scheisse wie Media-Markt.

* wie übrigens auch Aldi und Lidl


Lady Bitch Ray-Special

23. September 2007

Lady Bitch Ray TV:
Der Samurai aus Deutschland
D-Flame

Lady Bitch Ray Music:
Kool Savas-Diss
„Du bist krank“

HipHop Open-Diss

Lady Bitch Ray Interview:
Spiegel-TV

Lady Bitch Ray Diss:
Gökhabib


Skizze: Zivilisation und Barbarei [Pt. I]

23. September 2007

Anlässlich der Debatten, die sich in den letzten Wochen in der Kommentarspalte meines Blogs entsponnen hatten, habe ich mich im Lauf dieser Woche an einen längeren Text gesetzt, um zur Klärung des Verhältnisses von Zivilisation und Barbarei beizutragen. Wie so oft, wenn ich etwas umfangreichere Projekte für diesen Blog auf die Agenda setze, klappt es aus dem ein oder anderen Grund nicht mit der Realisierung. Ich poste den bereits entstandenen ersten Teil des Textes hier dennoch, da er vielleicht auch in fragmentarischer Form einige klärende, interessante, kontroverse whatever Gedanken enthalten mag. Eventuell ergibt es sich in den nächsten Tagen oder Wochen, dass ich die Muse finde, um Part II anzugehen, der sich v.a. der Verfasstheit der postfaschistischen Zivilisation und der Frage nach Potentialen und Grenzen der Übertragung des Begriffs der Barbarei auf den Islamismus widmen soll(te).

„Mit der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 sowie der Französischen Revolution von 1789 traten bürgerliche Gesellschaften auf den Plan, welche die zuvor herrschenden feudalen Verhältnisse überwanden. Als Ideale proklamierten sie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit bzw. das Streben nach Glück („pursuit of happiness“). Die Entwicklung in Frankreich und den USA, die sich bald auf weite Teile der westlichen Hemnisphäre ausbreiten sollte, war auf den ersten Blick von emanzipatorischer Qualität: die alte Herrschaft von Adel und Krone wurde hinweggefegt, die Willkür von Fronarbeit und die persönliche Abhängigkeit des Lehnswesens gebrochen. Nicht nach göttlichen Prinzipien oder vererbten Privilegien eines bestimmten Standes, sondern nach Maßgabe der Vernunft sollte die Gesellschaft als Zusammenschluss der Freien und Gleichen eingerichtet werden.

Doch von Beginn an waren aus dem universalen Humanismus von Freiheit und Gleichheit etliche Menschen ausgeschlossen: Frauen galten als per se unvernünftig und konnten kein Wahlrecht beanspruchen, ebenso Kinder oder ‚Irre’. Die patriarchal-paternalistische Exklusion, die exklusive Konstruktion des Mannes, geschah auf dem Boden räumlich separierter Territorien. Im weiteren Verlauf der Geschichte entstanden in einem Prozess der narrativen Mythologisierung nationale Identitäten, die ‚Fremde’, v.a. bestimmte ‚Völker’ und später biologistisch bestimmter ‚Rassen’ wie Schwarze oder Asiaten zumindest von der Nation, wenn nicht aus der Menschheit, ausschlossen. Mit der Konstruktion des freien und gleichen Staatsbürgers als vernunftgeleitetem Wesen ging also die Erfindung der und des Nicht-Bürger_in einher: Identität durch Ab- und Ausgrenzung von Alterität.

Zugleich erwies sich die so vernünftig daher kommende Freiheit und Gleichheit des Staatsbürgers wiederum, entgegen der ursprünglich proklamierten Intention, als funktional für einen neuen Typ der Herrschaft: den Kapitalismus, der isolierte, allseitig vergleichbare Arbeitskräfte für sein Projekt der endlosen, kreislaufartigen Verwertung des Wertes anforderte. Die Vernunft trat also in einer bestimmten Form auf, jener der instrumentellen Rationalität, die sich die Welt nur als Gelegenheit für die eigenen, bornierten Zwecke denken kann, die alles zum instrumentalisierbaren, vernutzbaren Objekt zurichtet. Im millionenfachen Massenmord des Kolonialismus kulminierte dieser Prozess vorläufig: die expansive Vernunft der weißen Zivilisation traf auf angeblich primitive, vertierte, ja barbarische Naturmenschen in Afrika, Südamerika und Asien. Diese konnten nach Belieben unterworfen, dienstbar gemacht, ökonomisch und sexuell ausgebeutet und im Falle von Widerstand oder Nutzlosigkeit umgebracht werden. Im Dahinmetzeln bis zum Auslöschen ganzer Stämme manifestierte sich die nackte, direkte Gewalt, die in den Metropolen zum Teil durch vermittelte Abhängigkeits- und Subjektivierungsverhältnisse substituiert worden war. Dass es die selben Gesellschaften waren, die Freiheit und Gleichheit des (männlich-bürgerlich-nationalen) Warentausch- und Arbeitssubjektes propagierten wie sie andererseits wissentlich Massenmorde begingen, verweist darauf, dass die Basis dieser Gesellschaften weiterhin die lediglich partiell eingehegte, im Grunde aber uneingeschränkte Souveränität des Machthabers bildete – was sie mit dem für abgeschafft geglaubten Feudalismus verband und bis heute verbindet.

Auf Grundlage dieser dem Anspruch nach freien und gleichen, andererseits nach dem Prinzip der Souveränität strukturierten Gesellschaft wucherten denn neben dem kolonialen Rassismus etliche andere Irrationalismen: der Arbeitsfetisch, der mit der Machtübernahme der bürgerlichen Klasse etabliert worden war, wuchs sich zur allseitigen Religion des ‚Für-die-Arbeit-Lebens’ aus, die Differenz zwischen den Geschlechtern wurde mit den neuen Methoden der Naturwissenschaften biologisch legitimiert und für unüberwindbar erklärt, und der verschwörungstheoretische Antisemitismus konnte fortan immer mehr die Rolle einer Welterklärung für sich beanspruchen.

Die Zivilisation war also keineswegs frei von Gewalt, Zweitere war Ersterer vielmehr inhärent, wucherte in ihrer Mitte und an ihren Rändern, aus ihr entsprang die Barbarei.
Die Barbarei lässt die universalen Ideale, die innerhalb der Zivilisation unmöglich Realität werden können, fallen. Die Realabstraktion des freien und gleichen Staatsbürgers wird allerdings nicht gänzlich aufgegeben, sondern transformiert. An die Stelle des demokratischen Rechtsstaates tritt die substantialisierte, durch ‚Rasse’ und Leistung – Blut, Schweiß und Tränen – strukturierte Volksgemeinschaft. Im Gegensatz zum Neoliberalismus-Hype passt hier das Wort vom entfesselten Kapitalismus, der im Nationalsozialismus der Resistenzkraft des Rechtes wie jedes anderen Widerstandes beraubt wurde: ungehemmte Produktion für den ‚Rassen’krieg, totaler Einsatz für die Vernichtung. In der Extermination der Jüd_innen – der keine innere Schranke, nur die äußere Grenze des alliierten Militärs gesetzt werden konnte – findet zugleich ein Bruch mit dem Kapitalismus statt: zwar wird die Welt weiterhin als bloßes Objekt, als Gelegenheit sich an der eigenen Größe und Macht zu berauschen, gesehen. Diese Objektivierung, die in der Zivilisation regulär immer noch an den Zweck der Selbsterhaltung und damit verbundener Maßnahmen der materiellen Bereicherung, des Lustgewinns oder der Identitätssicherung gebunden ist, geht über die genannten Zwecke hinaus – schließt sie dabei jedoch ein – indem sie die Vernichtung zum obersten politischen Programm erhebt. Wie die/der Einzelne sich der rassifizierten Gemeinschaft unterordnen soll, so soll sich diese Gemeinschaft dem Zweck der Extermination allen jüdischen Lebens und Wesens unterordnen. Auschwitz markiert den Punkt des Umschlags von Zivilisation in Barbarei: wo vorher noch irgend begrenzte Massaker und Kriege waren, findet sich nun via des Mediums des rassischen Antisemitismus ein grenzenloser, weltumspannender Blutrausch, der zugunsten des ‚hehren Ziels’ der Endlösung nicht nur die Existenz einzelner Volksgenoss_innen, sondern den Bestand des kompletten Volkes aufs Spiel setzt.

Obwohl der NS den ganzen Irrationalismus staatlicherseits akkumulierte und institutionalisierte und der Zivilisation damit paradoxerweise vielleicht zum letzten Mal in Form der antifaschistischen Einheit von Ost und West ein utopisches Moment ermöglichte, hat er die Zivilisation doch negativer durchwirkt, als sie je wissen wird. Die Zivilisation konnte qua ihrer Verfasstheit den NS nicht von Anfang an als die Gefahr, die er war, erkennen, bewunderte und förderte ihn partiell sogar, siehe Münchner Abkommen. Der Stopp der industriellen Judenvernichtung war folgerichtig nur Nebenprodukt eines aus Gründen der Selbsterhaltung geführten Krieges. Bereits im 1., noch mehr im 2. Weltkrieg erwies sich ebenfalls das Versagen der auf dem Boden der bürgerlichen Gesellschaft entstandenen Emanzipationsbewegungen, neben der Frauen- v.a. der Arbeiterbewegung. In der Krise traten sie die Flucht ins schutzversprechende Kollektiv an, dem Internationalismus ging das Präfix verloren, die Bewegungen wurden im Typus des soldatischen Proletariers und der heroischen Mutter negativ aufgehoben. Die schon vorher bloß illusionäre Hoffnung, aus der Konkurrenz der Interessen resultiere eine vernünftige Gesellschaft, in der alle ihres Glückes Schmieds sein könnten, war mit dem Jahr 1945 erledigt, wurde sich selbst als Illusion bewusst.“


Linke Männer

20. September 2007

„Vergewaltigung HAHAHA“…

…. wurde als riesiger Schriftzug an die Hauswand der betroffenen Frau gesprüht. Dies ist ein Beispiel aus einer ganzen Reihe von Vorfällen, die sich im Nachgang des von ihr erhobenen Vergewaltigungsvorwurfes gegenüber T. ereignet haben, mit dem Ziel, ihre Glaubwürdigkeit infrage zu stellen. Die Vergewaltigungen ereigneten sich innerhalb einer Beziehung im Jahr 1997. X hatte damals darauf verzichtet, diese Vergewaltigungen öffentlich zu machen da sie T. die Möglichkeit geben wollte, sich ohne Stigmatisierungen mit seiner Tat auseinander zu setzen. Außerdem wollte sie für sich die unerträgliche Situation vermeiden, die in der Regel auf die Veröffentlichung des Vorwurfes von Vergewaltigungen folgt. Es zeigte sich aber in den folgenden Jahren, dass T. seinerseits die Geschichte kontinuierlich verbreitete sowie in seinem Sinne verdrehte und instrumentalisierte. Er und Teile seines Umfelds haben Gewalt auf zahlreichen Ebenen ausgeübt: von gezielter Diffamierung und Diskreditierung von X über massiven Psychoterror gegen sie und ihre Freund_innen und Unterstützer_innen bis zu körperlicher Gewalt.“

[via]

Hammer, wie dumm, borniert, rachsüchtig, sexistisch und ekelhaft.


Sex, crime and Aufklärung

17. September 2007

„Nicht nur im Splatterfilm und im Serienmörder-Roman, sondern auch in der Pornographie überwintert die Aufklärung so als etwas Harsches, das Vermittlung und Illusion durch Zuspitzung auflöst und zerstört. […] Die Schlitzer und Spritzer, Menschenfresser und Spermaluder der Kulturindustrie sind nicht die legitimen Kinder irgendwelcher vorbürgerlicher Urtriebe, sondern die illegitimen der Vernunft.“

[Dietmar Dath, Die salzweißen Augen. Vierzehn Briefe über Drastik und Deutlichkeit, Frankfurt/M 2005]


Was nicht passt, wird passend gemacht

12. September 2007

Einem ZDF-Online-TED zufolge glauben 65 Prozent der Deutschen, wahlweise George W. Bush, die Rüstungslobby oder die US-Behörden hätten den 11.9. zu verantworten. Nur 27% der Votes gingen an Ossama Bin Laden.

Die angebliche Doku „Der 11. September 2001 – Mythos und Wahrheit“, in der laut ZDF-Ankündigung „Zweifel“ und „unangehme Fragen“ wie etwa „Ist das alles ein Komplott amerikanischer Geheimdienste, um der Bush-Regierung Tür und Tor zu öffnen, den entscheidenden Krieg ums Öl zu führen?“ gestellt wurden, muss demzufolge ein wahrer Publikumsknaller gewesen sein. Ekelhaft daran ist nicht nur, dass offenbar mittlerweile sehr große Teile der hiesigen Bevölkerung ungetrübtem Wahn anhängen und sich nicht scheuen, dies öffentlich zu bekennen, statt ihn als Briefmarkensammler, Bibelkreisteilnehmer oder Privatparanoiker im stillen Kämmerlein zu pflegen. Gefährlich ist vor allem die vermittels der Ausstrahlung eines solchen Machwerkes im öffentlich-rechtlichen Fernsehen produzierte Erhöhung dieses Wahns in den Rang einer diskutierbaren Meinung, fast schon einer Staatsdoktrin. Die verdreht-verspulten Verschwörungen dienen nicht nur der Leugnung der islamistischen Täterschaft, sondern auch der Zeichnung der USA als gewalttätigem, von skrupellosen, korrupten und zu Allem fähigen Politikern und Konzernen beherrschten Moloch. Diese sich außerhalb jeder Empirie stellende binäre Wahrnehmung ist als Freund-Feind-Logik erkennbar. Eine Zurichtung der USA zum Volksfeind, zur planetaren Bedrohung räumt auf lange Sicht gesehen Deutschland bei aller Friedfertigkeit die Legitimität ein, diesen Feind mit dem ein oder anderen Mitteln auszuschalten.

Entgegen des sich konspirationstheoretisch inszenierenden Hangs zur Menschenverachtung durch Verdrängung des Leidens wie Verleugnung der Täter und Ursachen der Tat gebührt meine bescheidene Solidarität den Opfern des 11.9. Mögen sie wenigstens in Zukunft vor solcherlei nekrophilen Übergriffen bewahrt werden. Und möge die islamistische Barbarei in Zukunft kein Leid mehr über die Menschheit bringen.


Solidarität muss praktisch werden

11. September 2007

Solidarität mit der Jüdischen Gemeinde und Rabbi Zalman Gurevitch!

Für den 12. September ruft die Initiative 9. November um 19:00 Uhr zu einer Solidaritätskundgebung mit der jüdischen Gemeinde und Rabbi Zalman Gurevitch auf. Treffpunkt: Westend-Synagoge / Freiherr-vom-Stein-Straße / Ecke Altkönigstraße.
Rabbi Zalman Gurevitch war am 7. September niedergestochen worden. Er war an seiner Kopfbedeckung als Jude erkennbar. Der Täter hat den den Rabbi mit den Worten bedroht: „Ich bring dich um, du Scheiß-Jude!“

[via]

UPDATE:

Die geplante Solidaritätsbekundung vor der Westend-Synagoge am 11. September wird nicht stattfinden. Die Initiative 9. November hat ihren Aufruf auf Wunsch der Jüdischen Gemeinde zurückgezogen. Offensichtlich waren in der Jüdischen Gemeinde Bedenken gegen eine solche Solidaritätskundgebung an diesem Tag (jüdisches Neujahrsfest) und zu diesem Zeitpunkt gewachsen.

via


Blinder Fleck meets Messer @ Jude

11. September 2007

Perfide und aufs Schärfste verurteilenswert, erschreckt, erschüttert, entsetzt, bestürzt, schrecklich – so die Gefühlslagen und Einschätzungen von Roland Koch, Omid Nouripour, Petra Roth, dem Deutschen Koordinierungsrat für christlich-jüdische Zusammenarbeit sowie dem Interkulturellen Rat nach dem antisemitischen Angriff auf den Frankfurter Rabbiner Zalman Gurevitch. Der Interkulturelle Rat preist sein Programm der halbierten, da verzauberten Aufklärung, das
Veranstaltungen in Schulen, bei denen jüdische, christliche und muslimische Fachleute über ihre Religion informieren, vorsieht: „Solche Ansätze sollten als Antwort auf das schreckliche Geschehen in Frankfurt erweitert werden“. Nouripour fordert die muslimischen Gemeinden zum verstärkten Kampf gegen Antisemitismus auf, andere beschwören die angeblich so tief verankerte Tradition der Toleranz in Frankfurt. So etwa Matthias Arning, der gar nicht fassen kann, dass sich die Tat „Ausgerechnet in Frankfurt“ zugetragen hat – und als Kronzeugen seiner Lobhudelei ausgerechnet Ignatz Bubis heranzieht:

„Bubis steht für den Zusammenhang von Frankfurt und Aufgeschlossenheit. […] Etwa im Streit um das Rainer Werner Fassbinder-Stück „Der Müll, die Stadt und der Tod“. Und in der Auseinandersetzung mit dem Schriftsteller Martin Walser, der bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1998 von „Auschwitz“ und „Moralkeulen“ gesprochen hatte, um die intensive Befassung mit dem Holocaust als mittlerweile lästig zu kritisieren. In der Paulskirche, wo sich Monate zuvor noch zum 150. Jahrestag des damaligen Parlaments der demokratischen Tradition von 1848 versichert hatten, applaudierte die geladene Gesellschaft, nachdem Walser seine Rede beendet hatte. Nur Bubis und seine Frau Ida klatschten nicht.“

Ganz geblendet vom Frankfurter Glanz, kann er nicht wahrhaben, dass sein empirisches Material, seine eigene Schreibe ihn widerlegt: so stand Bubis vielleicht für das Bemühen um den „Zusammenhang von Frankfurt und Aufgeschlossenheit“, keineswegs aber für dessen Realisierung. Schon anlässlich der Bühnenbesetzung 1985 und dem Börneplatz-Konflikt 1987 sah sich die Jüdische Gemeinde starken Anfeindungen ausgesetzt – einmal von links, einmal von rechts. Um wieviel mehr muss sich die Isolation gesteigert haben, als nach Walsers Friedenspreisrede, hinter der sich der Mörder verschanzte, die gesamte hiesige politische und intellektuelle HighSociety den Arningschen „Zusammenhang von Frankfurt und Aufgeschlossenheit“ zugunsten des Zusammenhangs von Deutschland und Schlusstrichmentalität fahren ließ und, wie von Arning beschrieben, allein Ida und Ignatz Bubis den Konsens verweigerten. Ausgerechnet Bubis post mortem in den Kronzeugenstand zu berufen, um die Integrität ’seiner‘ Stadt unter Beweis zu stellen, ist umso perfider, als jener kurz vor seinem Tod resigniert erklärte, „nichts oder fast nichts“ in den Jahren seiner Amtszeit erreicht zu haben, und als letzten Wunsch angab: „Ich möchte in Israel beerdigt werden, weil ich nicht will, dass mein Grab in die Luft gesprengt wird.“

Das allgemeine, naive Entsetzen der politischen und journalistischen Zunft wie die Hilflosigkeit ihrer Appelle zeigen schon das Ausmaß des Nichtverstehens und Nichtverstehenswollens an. Der abgrundtiefe Hass des Täters auf Juden, den die Zivilgesellschaft sich erst nach einem Wochenende des Bramarbasierens über „mysteriöse Umstände“ als solchen zu benennen wagte, kann nicht erklärt werden. Ihm soll mit Bildung und Moral zu Leibe gerückt werden, als ob zu wenig Wissen über Shabbat, Mikwe und Bar Mitzwa naturgemäß zum Mordversuch an Juden treibe, oder als ob Moral das Gegenteil von Antisemitismus darstelle.
Ist es doch gerade eine spezifische Form der Moral – die Hetze gegen Profit, Kommerz, Dekadenz und müheloses Einkommen – die integrales Element des Antisemitismus ist. Genau dieses moralinsaure Ressentiment wird in diesen Tagen aufgekocht, wenn auf n-tv „Kapitalismus ohne Spekulanten“ getitelt und vom deutsch-französischen Gipfeltreffen Folgendes berichtet wird:

Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Staatspräsident Nikolas Sarkozy haben mehr Transparenz bei Hedgefonds und Ratingagenturen gefordert. Merkel sagte bei den informellen deutsch-französischen Gesprächen im Regierungsgästehaus Schloss Meseberg, die EU müsse sich über ihre Rolle im internationalen Handelsgefüge klarer werden. Es gehe um faire Handels- und Wettbewerbsbedingungen sowie um die Transparenz internationaler Finanzinstrumente. Dazu sei eine gemeinsame Erklärung erarbeitet worden.

Sarkozy wählte eine drastischere Sprache. Er hob hervor, die Finanzmärkte müssten „ein besseres ethisches Verhalten an den Tag legen“. Man dürfe nicht zulassen, dass Spekulanten internationale Finanzmechanismen und ein ganzes Weltsystem „kaputt machen“.

Unverfrorener noch wird zum Halali auf die Juden geblasen, wenn es gegen die in der USA imaginierte „Israel-Lobby“ geht. Obwohl die Stoßrichtung klar ist und die Bildsprache unübersehbar nationalsozialistischer Symbolik gleicht„>, würden die Autoren des Buches „Die Israel-Lobby. Wie die amerikanische Außenpolitik beeinflusst wird“ wie auch ihre hiesige Agentur, der Campus-Verlag aus Frankfurt, den Vorwurf des Antisemitismus sicher ebenso einhellig zurückweisen wie sie auf Anfrage eine Erklärung für Toleranz und gegen das Rammen von Messern in Judenbäuche im Straßenverkehr unterzeichnen würden.

An der Wurzel ist es wohl weniger originärer Judenhass als mehr jener unerschütterliche Glaube an die Wahrheit des Ganzen, der einmal Matthias Arning in seinem Frankfurter Lokalpatriotismus blind macht gegen die von ihm selbst dargelegten Realitäten, ein anderes Mal Sarkozy und Merkel in ihrer Propaganda für einen guten Kapitalismus ohne böse Profitgeier antreibt, dann den Campus-Verlag in seiner Mission für eine gute, demokratische Politik jenseits des korrupten, rassistischen und kriegerischen USraels antreibt und zu guter Letzt einst Roland ‚perfide Tat‘ Koch einst von „jüdischen Vermächtnissen“ schwadronieren ließ, als es ihm um die Rettung seiner Parteikarriere gegen Korruptionsanschuldigungen ging. Wer die Gewalt nicht im gesellschaftlichen Zusammenhang, sondern nur an deren Rändern, in den Extremen, Perversionen oder Auswüchsen zu erkennen vermag, ist verdammt dazu, diese Gewalt konkret zu identifizieren, zu personalieren, Einzelnen als bösen Willen und tendenziell als Verschwörung anzuhängen. Damit wird nicht nur Erkenntnis verun- und die Reproduktion der Gewalt ermöglicht, sondern diese Gewalt über ihre historisch und kulturell bedingte Identifizierung des Störfaktors mit ‚den Juden‘ noch verschärft und auf die Spitze getrieben. Nur wer sich der Einfühlung in die Gewalt der Gesellschaft verweigert, wer also Frankfurt, Deutschland, den Kapitalismus abschaffen will, könnte eines Tages auch den Antisemitismus abschaffen. Alle Anderen werden den Exzessen des Radau-Antisemitismus immer rat- und tatlos gegenüberstehen – und im Falle der Krise vielleicht selbst zustechen.