Gegen Mügeln und gegen Mitte

22. August 2007

Die Mügeln-Debatte hat jetzt auch die große Politik erreicht: Wolfgang Thierse sieht den Standort in Gefahr (Video bei N24), ebenso wie der Chef der CDU-Fraktion im Bundestag, Kauder:
Gerade weil wir zurzeit diskutieren, wie wir ausländische Fachkräfte zu uns holen, ist dies eine ganz schlimme Botschaft.“ Spontan stellt sich die Frage, wie unmenschlich man sein muss, um beim Anblick von knapp dem Tod entronnener Menschen einzig und allein an deren Verwertbarkeit zu denken, keinen Gedanken außerhalb der Ökonomie fassen zu können. Inhalt und Form bzw. Termin der Reaktion sind eng verknüpft, der späte Zeitpunkt ist kein Zufall: sickerte die Nachricht von der Hetzjagd doch bereits über die Grenzen der BRD durch und wird mittlerweile weltweit diskutiert. Schlagzeilen wie „India concerned over German attack“ sind, das hat die Polit-Elite ganz richtig erkannt, dem nationalen Image abträglich und bedürfen der Korrektur, will man auch weiterhin die Exportweltmeisterschaft beanspruchen bzw. den Import der gerade so ersehnten Facharbeiter sicherstellen.

Mit den zunehmenden öffentlichen Distanzierungen von der Mügelner Hatz geht eine (scheinbare) Spaltung des Landes einher, welche sich grob mit dem einst von der Phase 2 vorgeschlagenen Modell des volksgemeinschaftlichen Kerns und der zivilgesellschaftlichen Hülle umschreiben lässt. An der Basis wurden durchaus ungebrochene nationalsozialistische Einstellungsmuster – oft fragmentiert, weniger als konsistent biorassistische Weltanschauung – konserviert und werden weiterhin recht ungebrochen von Generation zu Generation tradiert. In der Regel werden diese Ideologiepartikel im privaten und halb-öffentlichen Rahmen – Familie, Stammtisch, Betrieb, Dorffest – kommuniziert und dienen als Alltagsreligion sowie qua Feindbilderklärung als Kitt: Einigkeit durch Hass, denn wirklich lieben können Deutsche einander (und andere) nicht. Relativ selten werden diese Partikel aktiviert, die mörderischen Phantasien ausgelebt: meist genügt den Kleinbürger_innen ihre verbale Selbstbestätigung.

Kommt es dennoch zu offensichtlichen Mob-Aktionen, müssen diese entweder totgeschwiegen , oder, sollten sie doch in die massenmediale Öffentlichkeit geraten, eingehegt und ihrer Sprengkraft beraubt werden. Stellt sich der Mügelner Bürgermeister dumm und gibt sich damit, wie schon sein Pretziener Kollege im letzten Jahr, als Prachtexemplar der Gattung des bornierten, kurzsichtigen und offen reaktionären Provinzfürsten zu erkennen, der nicht weiter als bis zu seinem braunlackierten Gartenzaun denken kann und will, springt nun die Zivilgesellschaft ein, die sich ihrer Verantwortung für Deutschland vollkommen bewusst ist. Ihre Vertreter_innen fordern Zivilcourage, bestellen Runde Tische ein, konzeptualisieren und finanzieren Aktionsprogramme gegen Rechts und mahnen in Sonntagsreden, kurz: sie simulieren von oben/außen eine Demokratie, die realiter kaum vorhanden ist, und auf deren weißer Weste „die Nazis“ lediglich unschöne Schmutzflecken von der Größe eines Fliegenschiss darstellen. Kauder und der sonst stilsicherere Thierse geben ihrer Motivation, die der NS-Ideologie „Alles für Deutschland, und gehen wir dabei auch über Leichen“ nicht unverwandt ist, in ihrem Jammer um die Gefährdung des Standortes offen Ausdruck. Andere, wie etwa Anetta Kahane, meinen es sicher gut, ihre Bemühungen sind oft ehrenwert, doch ihr politischer Effekt fatal: werden sie doch vor allem darum in Reserve gehalten – abgespeist mit einigen finanziellen Brosamen und Ausstellungen, die niemandem weh tun –, um in solchen Fällen als Experten und Mahner wie auch als authentische Vorzeigedemokraten in den Ring zu steigen und damit das berühmte Ausland zu beruhigen.

Dieses Schicksal droht in schöner Regelmäßigkeit auch der autonomen Antifa, man denke nur an den Dank der Polizei an deren Adresse am 08.05.2005 nach der Verhinderung des NPD-Marsches in Berlin, wo die ach so militante und radikale ALB unfreiwillig zur Botschafterin des besseren Deutschlands geriet. Auch im Falle Mügeln könnte sich ein solches Szenario wiederholen (siehe die Berichte zur heutigen Demo in der Tagesschau
und bei SPON). Ein eher nichtssagendes Fronttransparent („Das Problem heißt Rassismus“) oder die folgende Passage aus dem Demobericht der an sich reflektierten Antifa RDL lassen nur geringes Problembewusstsein erkennen:

„Diese Nachricht geistert derzeit durch die gesamte deutsche Medienlandschaft. Und was passiert in Mügeln? Der Bürgermeister beteuert: In Mügeln gebe es überhaupt keine Rechtsradikalen. Komisch, dass gerade in Mügeln der Naziversand „No Colours“ beheimatet ist. Und das Wahlergebnis bei der letzten Landtagswahl spricht ja auch für sich, denn die 9,7% NPD-Stimmen im Landkreis waren ja bestimmt auch nichts anderes, als eine reine „Protestwahl“. Die Polizei tut sich selbst drei Tage nach dem Pogrom immer noch schwer damit, einen fremdenfeindlichen Hintergrund zu bestätigen.“

Wörtlich gelesen könnte man die Antifa RDL so interpretieren: Ganz Deutschland hat kapiert, wie in Mügeln der Hase läuft. Nur die Mügelner selbst wollen das Naheliegende nicht einsehen, da sie weiterhin die Existenz eines Nazi-Problems leugnen, und damit den Weg zu einer Lösung versperren.
Der Vorfall wird damit wieder, wie von CDU bis Linkspartei, auf die bloße Frage „Nazi oder Nicht-Nazi“ heruntergebrochen – als ob nicht auch CDU-Wähler (der volksgemeinschaftliche Kern) oder Rico Normalverbraucher aus der 12. Klasse des Gymnasiums Mügeln für solche Volksbelustigung zu gewinnen wäre. Wir erinnern uns: „vom Punk bis zum Skinhead waren alle dabei“.

Dem entgegen wäre es Aufgabe der radikalen Linken, sich nationaler Vereinnahmung in jedem Falle zu entziehen und das kritische Bewusstsein vom Fortleben des Nationalsozialismus in den verschiedenen, funktional ausdifferenzierten Facetten der deutschen Ideologie und der zugehörigen Alltagspraxis zu verbreiten, um diesem Treiben eines Tages die gebührende Antwort zu verpassen. Und mit gebührender Antwort ist keine 200-Leute-Demo, so nötig sie auch war, gemeint.


5 Kommentare

Der URI für den TrackBack dieses Eintrags ist: http://waiting.blogsport.de/2007/08/22/gegen-muegeln-und-gegen-mitte/trackback/

  1. kluge analyse. und ein treffender titel noch dazu.

    Comment von streifenstyle — 22. August 2007 @ 03:21

  2. […] Na, gut, der marxistische Grundtenor ist nicht der meinige, aber es sind in dem, was das blog “Wartezeit” schreibt, einige wesentliche Gedanken drin: Die Mügeln-Debatte hat jetzt auch die große Politik erreicht: Wolfgang Thierse sieht den Standort in Gefahr (Video bei N24), ebenso wie der Chef der CDU-Fraktion im Bundestag, Kauder: “Gerade weil wir zurzeit diskutieren, wie wir ausländische Fachkräfte zu uns holen, ist dies eine ganz schlimme Botschaft.” Spontan stellt sich die Frage, wie unmenschlich man sein muss, um beim Anblick von knapp dem Tod entronnener Menschen einzig und allein an deren Verwertbarkeit zu denken, keinen Gedanken außerhalb der Ökonomie fassen zu können. Inhalt und Form bzw. Termin der Reaktion sind eng verknüpft, der späte Zeitpunkt ist kein Zufall: sickerte die Nachricht von der Hetzjagd doch bereits über die Grenzen der BRD durch und wird mittlerweile weltweit diskutiert. Schlagzeilen wie “India concerned over German attack” sind, das hat die Polit-Elite ganz richtig erkannt, dem nationalen Image abträglich und bedürfen der Korrektur, will man auch weiterhin die Exportweltmeisterschaft beanspruchen bzw. den Import der gerade so ersehnten Facharbeiter sicherstellen. […]

    Pingback von Update: Mügeln « Watchblog Islamophobie — 22. August 2007 @ 09:29

  3. […] So wie ein Spambot das Internet nach dem @-Zeichen durchforstet und, sobald gefunden, eine standardisierte Message auszusenden, so scannt mpunkt sämtliche Blogs des Planeten nach dem Reizwort Demokratie, um dann seine standardisierte Message auszusenden. Wie es einem GSP-Jünger gebührt, werden nicht nur die altbekannten Floskeln aus dem gruppeneigenen Phrasengenerator (”ganz normaler Nationalismus”, “Antifas als Idealisten des demokratischen Rechtsstaates”) herangezogen, sondern zur Krönung auch noch ein Zitat des vom demokratischen Rechtsstaat bezahlten GSP-Vordenkers/Führers/Chefpredigers Freerk Huisken eingebaut. Same procedure as every time also. Die folgenden Bemerkungen sind demzufolge auch nicht als Antwort auf die zur Politgruppe geronnene Aufklärungsresistenz gedacht. Der Beitrag von mpunkt dient lediglich als Aufhänger, um noch einmal in der gebotenen Kürze auf die folgende, tatsächlich missverständliche Formulierung aus dem gestrigen Posting “Gegen Mügeln und gegen Mitte” einzugehen: “An der Basis wurden durchaus ungebrochene nationalsozialistische Einstellungsmuster – oft fragmentiert, weniger als konsistent biorassistische Weltanschauung – konserviert und werden weiterhin recht ungebrochen von Generation zu Generation tradiert.” […]

    Pingback von Wartezeit überbrücken … :: Fragm, aber ungebr* :: August :: 2007 — 22. August 2007 @ 23:10

  4. […] aus “Gegen Mügeln und Mitte” von waiting.blogsport.de […]

    Pingback von Zitat des Tages (VI) | Fenster nach draußen — 23. August 2007 @ 18:18

  5. […] waiting in Gegen Mügeln und gegen Mitte unter anderem zur Reaktion im In- und Ausland,deutschen Politkern und der Dorfbevölkerung von Mügeln. […]

    Pingback von Mügeln Mügeln unter anderem… oder deutsche Realität im Postfaschismus | worldschmerz — 29. August 2007 @ 12:34

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Eintrag.

Kommentar hinterlassen

Leider ist der Kommentarbereich für dieses Mal geschlossen.


Datenschutzerklärung