G-Hot als idealtypischer Dicknussmacker

11. Juli 2007

Gestern mal „Keine Toleranz“, den most discussed track of the moment (z. B. hier und hier oder auch hier), angehört. Neben der absolut schlechten Musik (was für ein popeliger Beat!) setzt er sich, wie schon von anderen kritischen Geistern im web2.0 bemerkt, vor allem durch seine vehemente Homophobie vom Rest der HipHop-Szene ab. Nostalgische Reminiszenzen, die nur als Beschwörung der NS-Zeit
gelesen werden können („mit der Axt halbiert“), und unverblümte Aufrufe zur Gewalt paaren sich mit religiösem Bezug („Adam und Eva, nicht Adam und Peter“), Volkshygienedenke („Aids bekämpfen“), patriarchalem Gehabe, Unterwerfung unter die Familie (die Eisenstange (sic!) des Vaters) und Nationalismus.
Für sich allein genommen wäre der Track nicht weiter bemerkenswert – RechtsRock/-Rap/-Volksmusik ist im Dutzendpack zu haben und kommt doch meist über einen begrenzten Hörer_innenkreis nicht hinaus. „Keine Toleranz“ ist aber kein Insidern vorbehaltenes Hinterzimmer-Bootleg, der Song wird gehört und von großen Teilen der HipHop-Community verteidigt. Leider wurden mit der Löschung des Videos bei youtube auch sämtliche Kommentare ins Daten-Nirvana befördert, so dass ich auf diese unglaubliche Masse verbalisierter Homophobie nichtmehr zum Zweck des Zitierens zurückgreifen kann. Zusätzlich zu der krassen Aggressivität, mit der gegen Schwule (auch wenn das Wort Homo gebraucht wurde, waren eigentlich nie Lesben gemeint, entweder ist die Homosexualität von Frauen unsichtbar oder sie scheinen den Hatern kein angemessener Gegner zu sein) gehetzt wurde und die sich in der projizierten Bedrängung der Hater durch die Schwulen wiederspiegelt (die überall seien: in den Medien, der Politik etc., die nichts mehr Normales zuließen, die einen selbst fast schon zwängen, schwul zu werden – oder mit ihnen Sex zu haben), fiel mir v.a. die direkte Koppelung von Schwulenhass und Nationalismus auf. Diese Koppelung trat in mindestens zwei Varianten auf:

-> als Reinheitswunsch: die Schwulen sollen das Land verlassen, „Schwule raus!“, die Schwulen
gehören nicht nach Deutschland und sollen rausgeprügelt bzw. auf den Mond geschossen
werden
-> als Angst vor dem Volkstod: die Schwulen, deren Zahl ja bekanntermaßen immer mehr
zunimmt (sic!), machen zum Einen selbst keine Kinder, und zum Anderen leben sie ihren
unnormalen und unnatürlichen Lebensstil dem Rest der Gesellschaft vor und zwingen ihn zur
Nachahmung. Deswegen geht die Zahl der Kinder immer mehr zurück und die Deutschen
stehen kurz vor dem Aussterben.

Es wäre zu kurz gegriffen, diese Synthese ideologischer Ekelhaftigkeiten allein solchen Vollpfosten wie Fler („Neue Deutsche Welle“) anzulasten, auch wenn der schwarzrotgold-selige Adler-Fan Teil des Durchsetzungsprozesses der entsprechenden Ideologie war und ist. Wahrscheinlich müsste man (wie immer ;) ) den Blick auf die Gesamtgesellschaft richten, wo die Überwindung der Kohlschen Starre im Rahmen der Weltmachtergreifungsstrategie mit einer Zunahme der Konkurrenz, einer Erhöhung des objektiven Zeit- und Handlungsdrucks, dem Beseitigen von Frei- und Rückzugs- und Kuschelräumen, der schleichenden Brutalisierung (HartzIV-Bezieher verhungert? Wen juckts?) und Militarisierung (Switch der Bundeswehr vom Staatsbürger in Uniform zum technofaschistischen Kämpfertypen, Einsatz im Inneren, Aufbau von Heimatschutzkommandos etc) der Gesellschaft einhergeht. Parallel laufen Prozesse der Deideologisierung und Entpolitisierung (Rückzug ins Private, Scheiss-Egal-Haltung), die in ihrer Ignoranz einerseits in gewissem Rahmen liberalisierend wirken können („mir egal, was die Schwulen treiben, solange sie mich nicht stören“/Abkehr von alten Rollenvorstellungen und Erwartungshaltungen). Andererseits bereitet die selbe Deideologisierung den Boden für den totalen Konformismus, abzulesen an einer Jugend, die nicht nur nicht mehr revoltieren kann, sondern es gar nicht will, die vielmehr genauso sein und leben will wie ihre Eltern, nur mit anderer Musik. Egal ob 8-jährige Grundschülerin, 16-jährige Pubertierende, 25-jährige Studentin oder 40-jährige Hausfrau: alle tragen kleine süße dumme Ballerina-Schühchen. Nicht mehr stinken, schocken, ätzen will man wie noch, wenn auch völlig kulturindustriell deformiert, zu Zeiten des Grunge. Ein absoluter Konformismus macht sich breit, der keine Resistenzkraft der Individuen mehr kennt, die Einzelnen orientierten sich zur Gänze am Trend, an dem was In ist, am großen Ganzen. Heute Luis Vuitton, morgen vielleicht Gamsbart und Tiroler Hut, heute Röhrenjeans, morgen Schlaghose – Hauptsache, man schwimmt mit dem Strom. Selbst Indie-Subkulturen wie die Emo-Szene bringen absolut krass ausgeprägte Gender-Stereotype hervor.
Wer aber nichts will als das Versprechen von Macht und Besitz eingelöst zu bekommen, und in diesem Versprechen immer wieder enttäuscht wird, wird sich automatisch gegen die Stigmatisierten, die Marginalen, die Schwachen und Außenseiter, „die Minderwertigen“ (youtube-Kommentar), richten. Schwule eignen sich für die überwiegend (prä- und post)pubertäre HipHop-Szene besonders, weil die Konsumenten dieser Musik sich qua Lebensabschnitt in ihre Geschlechterrolle einfinden müssen, ihr Mann- und Frau-Sein besonders deutlich herausstellen müssen.

So weit, so fragmentarisch und konfus ;)
Abschließend noch drei Kommentare, die ich unter einem recht lesenswerten (und überraschend o.k. diskutierten) Artikel beim wildstylemag gefunden habe. Die beiden Oberen stehen für eine Strömung der G Hot-Kritik, die jenen nicht primär als (wie auch immer sozialisierten) Homophoben sieht, sondern als Türken mit barbarischen Sitten ethnisiert. Der Untere steht einfach für sich ….

1]

hermandercherusker hats auf youtube ganz richtig kommentiert: „seit wann dürfen kanaken sagen wer weg soll?“

2]

die sollen ihn in der türkei verknacken,.. irgendwo in der provinz,.. in den 90% provinz dieses landes. dort wird man ihm den arsch schon weiten und ihm respekt und höflichkeit lehren!

3]

wenn mir jemand aufzwingen will, dass es gut ist schwul zu sein, wie zum beispiel beim csd, der buergermeister von berlin und hamburg, dann geht es mir auch zu weit, weil es einfach unnormal ist. die meisten tiere wuerden sowas noch nicht einmal machen. buju banton spricht nur die wahrheit aus der bibel, wo die liebe der gleichgeschlechtigen als eine erscheinung der endzeit beschrieben wird. die bibel und was darin steht abzulehnen, dass ist rassistisch! das hat hitler auch getan!!
es ist einfach die wahrheit die durch solche leute endlich mal oeffentlich gemacht wird!
ich will nicht das meine kinder aufwachsen muessen und das unnormale als normal zu sehen.
wenn menschen schwul sein muessen sollen sie es fuer sich tun und es nicht der welt aufzwaengen! dann wuerden sie auch kein hass ernten!
bun dem batyboy!!!!!!


7 Kommentare

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  1. „Selbst Indie-Subkulturen wie die Emo-Szene bringen absolut krass ausgeprägte Gender-Stereotype hervor.“
    kannst du das kurz erläutern? kann mir darunter was vorstellen, aber auf den ersten blick scheint es ja nicht unbedingt so…

    Comment von phex — 11. Juli 2007 @ 02:35

  2. „> als Angst vor dem Volkstod: die Schwulen, deren Zahl ja bekanntermaßen immer mehr
    zunimmt (sic!), machen zum Einen selbst keine Kinder, und zum Anderen leben sie ihren
    unnormalen und unnatürlichen Lebensstil dem Rest der Gesellschaft vor und zwingen ihn zur
    Nachahmung. Deswegen geht die Zahl der Kinder immer mehr zurück und die Deutschen
    stehen kurz vor dem Aussterben.“

    Die Gehirnschnecke steht dir gut.
    :-D

    Comment von K-Star — 11. Juli 2007 @ 03:07

  3. @ phex:
    Schau dir mal solche Foren wie emopunk.net und die zugehörigen Profile der User_innen an, wie sich etwa die ganzen kleinen dünnen Mädels dort mit Ausschnitt oder in Unterhose abfotografieren und sich einfach nur unterwürfig darbieten.

    @ K-Star:
    Gehirnschnecke, whats that?

    Comment von Administrator — 11. Juli 2007 @ 10:58

  4. Nostalgische Reminiszenzen, die nur als Beschwörung der NS-Zeit gelesen werden können (”mit der Axt halbiert”)

    Enthauptung war eigentlich die Strafe für „Homosexualität“ im alten Preußen, bis zur Einführung des ALR im Jahr 1794.

    Comment von lysis — 11. Juli 2007 @ 12:06

  5. Gehirnschnecke: http://img212.imageshack.us/img212/695/000012xi.gif

    Comment von Tobi — 11. Juli 2007 @ 12:15

  6. manual trackback: http://nixloshier.simpleblog.org/17747/

    Comment von nixloshier — 12. Juli 2007 @ 16:06

  7. manual trackback: http://nixloshier.simpleblog.org/17764/

    Comment von nixloshier — 17. Juli 2007 @ 01:09

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