EPO oder Epos?
28. Mai 2007Ein Kommentar zur aktuellen Doping-Debatte, oder: der Unterschied zwischen Italien und Deutschland in a nutshell.
die ganze aufregung über doping und die art und weise des diskurses ist ein sehr deutsches phänomen. zum einen werden sportveranstaltungen hier nicht als das begriffen, was sie sind: ein moderner epos (vgl. roland bartes: die tour als moderner epos”) und vor allem unterhaltung. die deutschen kleingeister wollen ja auch nicht so sehr unterhalten werden, sondern es geht ihnen v.a. um anteilnahme an “ruhm und ehre” von deutschen volkshelden; die nichtdeutschen gegner sollen sauber vernichtet werden, um die natürlichkeit der deutschen stärke zu beweisen (das entspricht zugleich einer psychischen verkehrten kompensation des deutschen vernichtungskrieg und seiner mördermaschinerie).
anders derzeit in italien: dort wird der radsport geliebt, wie er ist. er ist nicht eine wie auch immer halluzinierte “heile welt”. es herrscht im radsport wie in jedem profesionellen leistungssport doping; da macht man sich in italien zeitungsberichten zufolge weniger etwas vor. radsport ist gefährlich. aber er ist verrückt und dadurch unterhaltsam. die berichterstattungen sind in italien nicht so naiv und halluzinieren eine – eh schon stark ideologisierte – “natürlichkeit” herbei, die in der reaktionären romantik des deutschen diskurses und ihrer sehnsucht als “heile welt” gilt. zumindest spielt dies in italien keine entscheidende rolle. beide diskurse sind selbstverständlich nur unterschieden innerhalb der welt des spektakels, doch das italienische spektakel ist mir sympatischer.
dass manche leistungssteigerung und manch parforceritt als “merkwürdig” eingestuft werden, kann auch in italien vorgefunden werden, wie auch die vermutung, dass verbotene substanzen gewiss auch in italien florieren – das ist aber kein thema dieser tage, beim giro d’italia. später wieder, wenn auch nicht so moralisierend wie in deutschland; aber nicht jetzt: jetzt wird der giro zelebriert! […]
doping ist zwar nicht regelkonform, aber angesichts dessen was abverlangt wird, also unter den bedingungen jenes leistungsdruckes sehr vernünftig. ich vermute, dass es ohne epo einige kreislaufkollapse mehr und deutlich mehr sportinvaliden (mit rinderherzsyndrom u.ä.) gegeben hätte und ohne mediziner, die das ganze überwachen, sicherlich etliche tote mehr. die sportler hätten sich epo, amphetamine, stereoide u.a. unter widrigen voraussetzungen besorgt. man kennt das von heroinjunkies und weiss, was passiert, wenn schlechtes, gestrecktes zeug konsumiert wird.
[…]
die deutschen wollen das leiden verkörpert sehen und verstecken ihren sadismus hinter moralischen entrüstungen über doping. in italien wird die show honoriert und radsport zelebriert.
Geklaut aus der Kommentarsektion von aus in der vorrunde.
