Hartz IV kills – Kill Hartz IV

19. April 2007

Via cliff cosmos auf diesen Fall gestoßen: Ein Hartz IV-Empfänger in Speyer ist verhungert, seine Mutter, Mitbewohnerin und ebenfalls Hartz IV-Klientin zeigt Spuren von Mangelernährung.

„In ersten Vernehmungen gab die 48-Jährige an, sie und ihr Sohn hätten aus Geldmangel seit längerer Zeit keine Lebensmittel mehr kaufen können.“

Die zuständigen Behörden leugnen kaltschnäuzig jede Verantwortung:

„Nach In-Kraft-Treten der Hartz-IV-Gesetze sei neu geschaffenen Gesellschaft für Arbeitsmarktintegration (GfA) mit Sitz in Ludwigshafen für Mutter und Sohn zuständig. Die GfA habe sich um Mutter und Sohn sehr bemüht. So sei der 48-Jährigen unter anderem ein Ein-Euro-Job vermittelt worden. Der Sohn dagegen habe sämtliche Angebote ausgeschlagen. Ab Oktober 2006 hätten die Betroffenen neue Anträge auf Gewährung von Arbeitslosengeld II stellen müssen. Entsprechende Anträge seien aber trotz mehrerer Anschreiben der Behörden nie eingegangen. Der Sprecher der Stadt Speyer, Matthias Nowack, sprach von einem tragischen Fall.“

Mittlerweile wird offenbar bereits große Dankbarkeit erwartet, wenn man zwangsweise in ein Arbeitsverhältnis gepresst wird, dessen Stundenlohn nicht einmal den Wert einer Cola beträgt. Wer nicht mitmacht, nicht eifrig Spargel sticht und brav Anträge schreibt – aus welchen Gründen auch immer – fliegt raus, nicht nur aus den sozialen Zusammenhängen, aus den Casinos, Kaufhäusern, Fussballstadien oder Eckkneipen, sondern mittlerweile auch: aus dem Leben. Das Gerede vom „tragischen Fall“ meint nichts anderes als: scheissegal, ein bisschen Schwund ist immer, weiter geht es, die Geschichte will es so.

Gerade die Schuldumkehr mittels des Rekurs auf die von dem Verhungerten nicht ausgefüllten Anträge zeigt, wie verkehrt die Kapitallogik tickt: Statt sich zu überlegen, dass das Antrags- oder Auszahlungsverfahren umzustellen wäre, sobald Menschen dadurch zu Tode kommen, werden die aufgestellten Prinzipien, Ideale, Gesetze durch ihre Faktizität für legitim und unhinterfragbar genommen. Der Tod des Menschen stellt nicht das korrekte Wirken der Gesetze in Frage, sondern umgekehrt bedingen die a priori korrekten Gesetze die Unterstellung, der Mensch habe sich nicht angemessen verhalten. Nicht die Gesellschaft soll also dem Menschen, sondern der Mensch einer Gesellschaft dienen, von der weder Angela Merkel noch der Stadtsprecher von Speyer eigentlich weiß, zu welchen Zwecken sie eingerichtet wurde.


4 Kommentare

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  1. Andere Zeitungen berichten darüber, dass ihm die Leistungen gekürzt wurden, weil er Arbeitsamt-Termine versäumt hat. Wenn man einen Termin nicht wahrnimmt, wird das ALG II schrittweise gekürzt und kann schließlich ganz gestrichen werden. Genauso wenn man nicht genügend Bewerbungen vorweisen kann, je nach Auflage z.B. 20 pro Monat.

    Comment von lysis — 19. April 2007 @ 02:06

  2. Ab einem gewissen Stadium von Unterernährung sind Menschen eindeutig krank und können depressiv werden, Antriebsschwäche zeigen. Von egal welcher Seite durchdacht: Es ist schlimm und falsch. Wie verdreht, jemanden für seinen eigenen Tod durch Hunger verantwortlich zu machen.

    Comment von sammelsurium — 19. April 2007 @ 09:05

  3. […] Arbeitsloser hungert sich auf Hochsitz zu Tode [via] Siehe dazu auch den letztjährigen Fall aus Speyer, wo ein HartzIV-Empfänger nach Streichung seiner Leistungen verhungerte. [schrei]Der Tod ist ein Meister aus Deutschland![/schrei] […]

    Pingback von Wartezeit überbrücken … :: Mixed: HartzIV / Kulturindustrie :: Februar :: 2008 — 13. Februar 2008 @ 00:30

  4. […] Mal ganz abgesehen von der Unverschämtheit, Abtreibung und Kindesmord gleichzusetzen: Böhmers Respekt vor dem “werdenden Leben” bedeutet nicht nur die Verfügbarmachung des weiblichen Körpers für die Reproduktion des nationalen Kollektivs – deutsche Kinder werden nicht abgetrieben, außer die Mongos – sondern harmoniert auch wunderbar mit der Verächtlichmachung des gewordenen Lebens, für dessen Vergänglichmachung mit Hartz IV und Massenverarmung gesorgt wird. In diesem Geiste kommen Böhmert denn auch keine Reformen in den Sinn, welche die Zahl solcher Tötungen verringern könnten – z. B. die vermehrte Einrichtung anonymer Babyklappen oder die Liberalisierung des ungewöhnlich restriktiven deutschen Adoptionsrechts – sondern allein der Aufruf an die “Wachsamkeit” der Nachbarn, die bekannte Blockwart-Nummer also. […]

    Pingback von Wartezeit überbrücken … :: Kommunisten, Feministen, Kindermörder! :: Februar :: 2008 — 25. Februar 2008 @ 01:04

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