Vier Geschichten von …

05. Februar 2007

1)
Vor Kurzem begab ich mich auf ein Konzert der Knarf Rellöm-Trinity. Das Publikum setzte sich aus einer bunten Mischung von Handtäschchen-Chayas, Neo-Indie-Buttonmafiosi, Indie-Dinosauriern der ersten Stunde, nicht schubladisierbaren Nerds und einer größeren Gruppe Ü50jähriger, deren männliche Sektion in Jürgen von der Lippe-mäßige Partykeller-Hemden gehüllt war, zusammen. Knarf Rellöm selbst sah aus wie eine Mischung aus verschwitztem Karpfen (bis zum Hals) und Helmut Kohl beim 1000-m-Lauf (vom Hals abwärts), dennoch kam er so charmant und lustig rüber, dass ich einen kurzen Moment den Wunsch empfand, ihn auf den Mund zu küssen. DJ Pattex gab wie immer die coole Sau, die Knarfs überambitionierten Elan mit ironischen Sprüchen auskontert. Viktor Marek, der dritte von der Tankstelle, ist mir ja als Profilneurotiker prinzipiell unsympathisch, machte sich an diesem Abend als Katzenhund aber ganz gut. Angesichts der visuellen Performance und dem Feuerwerk der Anspielungen und Codes in den Ansagen wie den Songlyrics war die dargebotene Musik nur Nebensache, verschwand hinter der imposanten physischen und geistigen Statur von Knarf, den die Leute wahrscheinlich auch noch lieben würden, würde er nur Kindermelodien auf einer Ukulele nachspielen.

2)
Wenige Tage später verschlug es mich nach längerer Abstinenz wieder einmal zu einer Drum‘n'Bass-Party. Die revolutionäre Musik meiner Spätpubertät und Post-Adoleszenz hat in den letzten Jahren viel von ihrer einstigen Innovationskraft, Dynamik und Energie verloren. Mehr und mehr waren mir die Tracks vorhersehbar und lahm geworden, zudem wurde das geneigte Publikum immer deichkindiger. Erst Roni Size hatte für mich im Sommer auf dem Melt-Festival den tendenziellen Niedergang der D‘n'B-Rate aufhalten können: auf der Hauptbühne legte er ab 4.30 Uhr in der Frühe ein partyeskes Set hin, dass nochmal einige Tausend bereits Totgeglaubter begeistert in den Sonnenaufgang tanzen ließ – furios. Nun war also sein Bristoler Kollege DJ Die an der Reihe, der es allerdings schon allein aufgrund der Location – einem ganz durchschnittlichen Club in einer ehemaligen Fabrikhalle – ungleich schwerer hatte. Der Großteil seines Sets war denn auch nicht mehr als solide, aber für eine halbe Stunde hat er es geschafft, mich mit JumpUp-Tracks und deren rollenden Bässen aus der Welt zu pusten. Trotz enger Reihe habe ich meine Augen beim Tanzen geschlossen und war einfach nur noch in der Musik drin, jenseits von Zeit und Raum, Sorgen und Elend, Sitte und Anstand. Vorschein auf den Communismus? Jedenfalls sehr geil!

3)
Eine Woche darauf führte mich die Lust an einem Indie-Konzert zu dem mir bis dato unbekannten Artist musica da cucina aus Italien. Der OneMan-Act versaute sich den Einstieg so derbe wie man sich einen Einstieg nur versauen kann, wartete er doch im ersten Song mit Klarinette und Ziehharmonika (pfui!) auf. Anschließend löste er sich jedoch zum Glück von solch völkischer Instrumentierung und widmete sich der Klangerzeugung mittels Küchengeräte: Milchschäumer an Keramikschale, Drumsticks an Kochtöpfe, feuchte Tücher auf heißer Herdplatte und ein pfeifender Wasserkessel sorgten für ungewöhnliche Sounds, die er übereinander schichtete, bis sie sich zu atmosphärisch dichten, schüchternen, traurigen Songs fügten. Interessant war seine naive Herangehensweise, die sich dem üblichen Funktionalitätsdenken (Gitarre=Musik, Topf=Kochen) verweigert, und damit falsche Trennungen von Freizeit und Notwendigkeit, Kunst und Alltag tendenziell aufhebt. Das Publikum, typische Indie-Ringelpulli-Kiffer (viele Typen mit 3-10-Tage-Bärten) goutierte den Auftritt, auffällig war allerdings das Kichern oder Lachen, sobald eines der Küchengeräte zum Einsatz kam. Offenbar wurde so eine Unsicherheit aufgrund des Auftauchens von Alltagsgegenständen in einem gänzlich anderen Kontext, das auf die revolutionäre Beseitigung der rigiden Schranken, die die Menschen voneinander und von ihrer Umwelt trennen, verweist, weggehumort.

4)
Motiviert durch den David LaChapelle-Streifen „Rize“, der trotz des Sozialarbeitergelabers und der Riefenstahl-Einblendungen eine absolut sehenswerte Doku über die Krumping-Szene L.A.’s darstellt, entschlossen wir uns zum Besuch der Show des „Rize“-Protagonisten Tommy the Clown. Dank pünktlichen Showbeginn kamen wir um einige Minuten zu spät und versuchten uns den Weg durch die Menge vor die Bühne zu bahnen, was auf helle Empörung der mehrheitlich migrantischen, 13-20 Jährigen Tommy-Fans stieß, die sich in Beschimpfungen und Rangeleien artikulierte. So bereits vom Publikum derbe abgeturnt enttäuschte zunächst auch Tommy the Clown massiv, statt der erwarteten Krumping-Session wurde in der ersten Stunde kaum getanzt. Vielmehr wurde eine alberne Show um eine Geburtstagsfeier inszeniert, die mit dämlichen Zaubertricks auf niedrigstem Niveau garniert wurde. Außerdem nutzte Tommy die Vorstellung seiner juvenilen Co-Clowns massiv, um auf die Tränendrüse zu drücken: diese Tänzerin seit mit 8 von ihrer Mutter verlassen worde, die Mutter jener dort drüben spritze seit Jahren Heroin, und der Vater des Dritten habe ihn immer geschlagen, bis er von dem großherzigen Tommy aufgenommen worden sei. Jetzt seien alle wieder auf der geraden Bahn und brächten stets Knaller-Noten mit nach Hause. Inwieweit diese Version des American Dream irgendwelche emanzipatorischen Züge trägt oder einfach nur verlogene Scheiße ist, weiß ich nicht genau. Jedenfalls glaubte ich zunächst anhand des Proll-Publikums und einiger Passagen der Show eine sehr starke Verfestigung der herkömmlichen Geschlechterrollen ausfindig machen zu können, musste mich jedoch im an die Pause anschließenden zweiten Teil der Show eines Besseren belehren lassen. Nicht nur, dass nun im Battle-Modus hemmungslos gekrumpt wurde, auch die binäre Verteilung von schnuckeligen Ladies hier, harten Jungs dort wurde weitgehend aufgebrochen. Schon in der Crew von Tommy sind 3 von 10 Tänzer_innen Mädchen, und als spontan aus dem Publikum Tänzer_innen auf die Bühne zu einem Battle geholt wurden, stieg dieser Anteil nochmals. Darunter waren neben ein, zwei wirklich dicken zwar vor allem via lookism gestählte, ‚wohlproportionierte‘ dünne Frauen, die aber immerhin sehr gleichberechtigt partizipierten. Nicht als nettes Beiwerk, sondern als fast ebenso harte, souveräne, coole Subjekte wie ihre männlichen Gegenstücke konnten sie auftreten. Hier könnte man sich wieder fragen, inwiefern die rassistisch überformte Prekarisierung, das street-life, eine solche Abhärtung geschlechterübergreifend abverlangt – das Coole also nur eine Funktion der Herrschaft ist – und läge mit der Vermutung sicher nicht ganz falsch. Dennoch war es beeindruckend, mit welchem Selbstbewusstsein die weibliche Sozialisierten auftraten. Die Inklusion gelang m. E. weitaus besser als in weiten Teilen der hegemonial weißen Mittelschichts-Subkultur (vgl. etwa Frauenanteil in Emo-Bands) oder auch der linken Szene – eine Auffälligkeit, die mir auch schon in „Rize“ begegnet war, wo mitunter nach offiziellem Maßstab hässliche, übergewichtige Frauen – oder viel zu junge Kinder – selbstverständlich abrockten. Darum Notiz an mich: Checken, inwieweit das Stereotyp vom HipHop-Macker und verschärften Sexismus im migrantischen Milieu meine Erkenntnis leitet.


7 Kommentare

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  1. Trotz enger Reihe habe ich meine Augen beim Tanzen geschlossen und war einfach nur noch in der Musik drin, jenseits von Zeit und Raum, Sorgen und Elend, Sitte und Anstand. Vorschein auf den Communismus?

    Ich will ja nicht nerven… obwohl – eigentlich doch:
    a) Adorno hätte dich gehasst (in Reihen tanzen? sich total in der Masse verlieren und sich zum objektiv falschen Zeitpunkt keine Gedanken mehr über die elende Welt machen? Hallo?).
    b) Reicht die Einlassung fast für nen Faschismus-Vorwurf, was uns dann zu c) führt:
    Marcuse hätte dich gemocht – und Erich Fromm auch, der olle Esoteriker. Was dann eben nur zum durchwasauchimmer-verhinderten Faschisten reichen würde, aber schlimm genug, nicht?!!

    Comment von Maxe — 5. Februar 2007 @ 13:36

  2. „a) Adorno hätte dich gehasst (in Reihen tanzen? sich total in der Masse verlieren und sich zum objektiv falschen Zeitpunkt keine Gedanken mehr über die elende Welt machen? Hallo?).“

    Eben nicht in Reihen tanzen, wie oben geschrieben: „TROTZ enger Reihe(n) …“.
    Und hältst du es für deine Pflicht, jeden Tag von morgens bis abends an Auschwitz zu denken, und wie gehst du dann damit um, dass du dir damit all day long alle möglichen Bedürfnisse (was zb mit Sex?) versagst?
    Der Rest ist mir zu doof zum Kommentieren.

    Comment von Administrator — 5. Februar 2007 @ 16:02

  3. Roni Size auf dem MELT! war auf jeden Fall einer der Highlights des Festivals! Haben wir uns da am Ende noch vor der Bühne gesehen?!?

    Comment von thomas — 7. Februar 2007 @ 13:15

  4. Sicher haben wir uns gesehen, warst du nicht a) übernächtigt, b) verschwitzt und c) am Tanzen? ;)
    Hast du Jamie Lidell gesehen, der war auch sehr cute und trotz Soulness extrem tanzbar.

    Comment von Administrator — 7. Februar 2007 @ 13:27

  5. „schon drei wochen hats geregnet, und trotzdem kein ende abzusehen. das hier sind nur vier geschichten von dir!“

    bitte mehr davon.
    p.s. was sind Neo-Indie-Buttonmafiosi?

    Comment von sauerkraut — 8. Februar 2007 @ 18:07

  6. Diese H+M-Strokes-FranzFerdinand-Fans mit immer Minimum 3 Buttons an der Hose, die trotz ihres langweiligen Standardoutfits nie von der style police [http://stylepolice.blogsport.de] geschnappt werden: Mafia eben.

    Comment von Administrator — 10. Februar 2007 @ 17:19

  7. […] Trotz enger Reihe habe ich meine Augen beim Tanzen geschlossen und war einfach nur noch in der Musik drin, jenseits von Zeit und Raum, Sorgen und Elend, Sitte und Anstand. Vorschein auf den Communismus? Jedenfalls sehr geil! […]

    Pingback von Irakische Raver für Lust und Luxus | abdel kader — 20. August 2007 @ 20:57

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