Alles klar.

01. Februar 2007

Da mein Punkt bezüglich der Möglichkeit und Unmöglichkeit bezüglich der „Kritik an Jüd_innen“ nicht bei allem ankam, hier nochmal der Versuch einer komprimierten und dadurch stringenteren Darstellung.

1) Jüd_innen sind, wie alle anderen Bürger_innen auch, in die kapitalistische Konkurrenz geworfen und müssen sich darin, also in einem Kampf auf Leben und Tod im Zeichen der Kapitalakkumulation, behaupten. Dabei hängen sie denselben Ideologien an wie jede Bürger_in: Sexismus, Rassismus, Nationalismus usw. Diese Ideologien dienen als Ressource zur Stabilisierung der Identität wie als theoretische Begründung praktischer Ausschlüsse.

2) Die Besonderheit der Jüd_innen ist nichts Wesenhaftes, vielmehr werden sie ja als Gruppe im hier relevanten Sinne erst konstituiert durch die ihnen entgegengebrachte, mörderische Gegnerschaft. In Auschwitz kulminierte die antisemitische Kampfansage zum Versuch totaler Vernichtung sämtlichen jüdischen Lebens und der dazu gerechneten Kultur, Mentalität, Werte. Darum können alle Jüd_innen, auch die nach 1945 geborenen, als Überlebende gelten. Der Staat Israel steht für die politische Emanzipation der Jüd_innen, für den notwendigen Zusammenschluss um Ähnliches zu verhindern, unterliegt dabei aber natürlich der selben Gesetzlichkeit wie alle anderen Staaten.

3) Antideutsche Kommunist_innen arbeiten (idealerweise) auf die Zersetzung Deutschlands und die Abschaffung des Kapitalismus hin. Sie stehen im Gegensatz zur, hierzulande postnazistischen, (post-)bürgerlichen Gesellschaft. Da ADs mehrheitlich sich als nichtjüdisch, Jüd_innen mehrheitlich sich als nicht-ad begreifen, sind beide Gruppen voneinander zu scheiden. Ihren wesenhaften Differenzen steht eine weitgehend konsensuelle Gemeinsamkeit gegenüber: der Versuch, den Judenhass zu bekämpfen, die Wiederholung von Auschwitz zu verhindern. Die ADs verstehen diesen Versuch als Teil ihres Kampfes für eine befreite Gesellschaft ohne unnötiges Leid, die jüdischen Bürger_innen hingegen führen einen Defensivkampf mit dem Ziel der Selbsterhaltung.

4) Die Jüd_innen, da Bürger_innen, greifen in diesem bornierten, aber völlig legitimen Abwehrkampf auf die bürgerlichen Mittel zurück, die ihnen zur Verfügung stehen. Für die Einen handelt es sich dabei um das Militär in Form der IDF, für Andere um publizistische, journalistische, moralische, diplomatische oder politische Methoden. Sehen die Einen in Zurückhaltung, Toleranz und Vernetzung mit anderen potentiellen Opfergruppen die beste Option, greifen die anderen auf aggressive Propaganda und Aktivismus zurück. Beides ist kritisierbar, da es nie und nimmer den Antisemitismus abschaffen wird, der nunmal weder mit idealistischer Toleranzhuberei noch mit scharfer Repression aus der Welt zu schaffen ist. Und zugleich ist es nicht kritisierbar, da es einen, vielleicht nur geringen, vielleicht größeren, Spielraum schafft, der mitunter Menschenleben rettet.

5) Wenn Jüd_innen in diesem Kampf nun gegen emanzipatorische Prinzipien verstoßen, so ist das zugleich kritisierbar wie auch folgerichtig und notwendig, also legitim. Kritisierbar als Teil der bürgerlichen Totalität, die Menschen nicht als Individuen zu fassen vermag, sondern immer als Anhängsel von pseudo-objektiven Entitäten – Mentalität, Ethnie, Kultur, Nation, Religion. Darum ist es natürlich falsch, wenn Jüd_innen Araber_innen oder Moslems einen einheitlichen Antisemitismus unterstellen, und geschichtsrevisionistisch, wenn sie Ahmadinedschad und Hitler als Chiffre für das deutsch-volksgemeinschaftliche Vernichtungsprojekt gleichsetzen. Zugleich aber auch folgerichtig und notwendig, weil ihnen als Bürger_innen eben keine kritischen Begrifflichkeiten zur Verfügung stehen, sondern sie – zumindest sobald in der Krise befindlich, und jüdisches Leben ist vor dem Hintergrund von Auschwitz und der fortbestehenden Drohung der Elimination als Dauerkrise zu verstehen – immer auf verdinglichte, ergo potentiell rassistische Wahrnehmung zurückgeworfen sind, zudem angesichts des andauernden Traumas zu größter Wachsamkeit, ergo Alarmismus, aufgerufen sind.

6) Eine Kritik, die beide Seiten nicht zusammendenken kann, nicht die Verwobenheit von Allgemeinheit – Kapitalismus – und Besonderheit – historische Realität und Andauern des Vernichtungsrufes – erkennen mag, verfehlt den Gegenstand. Wer Jüd_innen nur als Gleiche unter Gleichen sieht, leugnet nicht nur den Holocaust, sondern wird sich auch gezwungen sehen, immer wieder gegen die vermeintliche ‚Auserwähltheit’, die jüdische Extrawurst, anzurennen. Wer Jüd_innen nur als Besondere, als jeglichen Sachzwängen enthobene Opfer begreift, verfällt einem naiven, realitätsblinden Philosemitismus, der jederzeit in seine scheinbare Antithese – die ‚jüdische Täterschaft’ – umschlagen kann. Beide Positionen sind nicht nur unterkomplex, sondern letzten Endes antisemitisch.


1 Kommentar

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  1. […] so könnte man waitys botschaft an die leserschaft am ende des textes zusammenfassen. vorher erklärt waity uns aber noch, warum Jüd_innen als Bürger_innen folgerichtig und notwendig, also legitim einer potentiell rassistische[n] Wahrnehmung unterliegen, also notwendig schrott erzählen, und warum das in derem fall ok geht. weil: 2. auschwitz verhindern und so. […]

    Pingback von “wenn ihr euch meiner argumentation nicht anschliesst, argumentiert ihr antisemitisch!” | bigmouth_strikes_again — 2. Februar 2007 @ 13:28

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