Ein bißchen Gas muss sein.

19. Februar 2007

Wolfgang Gehrcke fordert die
Endstatuslösung für ‚Nahost‘ [btw: nah an wem/was, eigentlich?].

Demnächst mehr aus dem Hause Linkspartei:

- Heike Hänsel fragt verwundert: „Wieso tagt das Nahost-Quartett nicht am beschaulichen Wannsee? Die dort gelegene Villa der Bundesregierung mit geräumigem Gasofen dürfte auch unseren israelischen Gästen gefallen.

und

- Norman Paech ergänzt: „Die verfeindeten Lager müssen sich in einem stillen Winkel konzentrieren – Selektive Aufmerksamkeit befördert sie auf das falsche Gleis.

Einsatzgruppenleiter Gehrcke schließt die Lagebesprechung mit einer kurzen Kommandoerklärung ab:
Wenn wir die Konfliktparteien einer Sonderbehandlung unterziehen, werden sie nach diesem Akt moralischer Hygiene einen sauberen Blick auf die Realität bekommen. Nur eine solche Aktion des Anstands stellt sicher, dass der dortige Vernichtungskrieg mit Stumpf und Stiel ausgerottet wird. Wir werden uns dieser großen Sache in der kommenden Legislaturperiode mit vollem Einsatz widmen und keinen Millimeter zurückweichen, bis der Feind an der Nahostfront endgültig geschlagen ist.

Heil Oskar!


Famos kurios

14. Februar 2007

Damit wir das auch abhaken können (demonstrative Unlust gegenüber dem Stöckchenspiel zu zeigen scheint ja Pflicht zu sein):

- als Kind bin ich beim Spielen mit anderen Kiddies aus der Nachbarschaft ausgerutscht und hing nur noch mit beiden Händen an der Oberkante eines fünf Meter tiefen Grabens für Wasserrohre, bis mich nach einigem Hin und Her und viel Aufregung der älteste Spielgenosse aus dieser zumindest in meiner rückwärtigen Einbildung lebensgefährlichen Situation befreite

- in meiner Präpubertät war ich Fan der zwei unglamourösesten und biedersten Fussballclubs der Republik: Zunächst überzeugte mich ein Auftritt von Sven Krümpelmann im Aktuellen Sportstudio von der Dringlichkeit, Fortuna Düsseldorf zu huldigen. Aufgrund deren bald darauf folgenden Abstiegs suchte ich mir ein neues Objekt der Zuneigung und wurde bei dem auf dem berüchtigten Betzeberg residierenden, mega-provinziellen 1. FC Kaiserslautern (remember Kuntz-Säge?) fündig

- parallel war ich selbst noch als Fussballer aktiv und trotz meines regelmäßig beim Training zur Schau getragenen „Gegen Nazis“-Shirts einige Jahre SpielFührer (!) meiner Mannschaft, obwohl der Rest bis auf einen Migranten aus der Onkelz-hörenden und -hörigen Dorfjugend bestand, die alljährlich im April an der Bushaltestelle den Geburtstag eines ganz anderen, seit mittlerweile 62 Jahren verstorbenen Führers beging

- ich habe noch nie chemische Drogen genommen und seit fünf Jahren schon keine Bong mehr geraucht

- vor einigen Jahren war ich mal das einzige Mitglied einer eben nur aus einer Person bestehenden (guess what: linken? rechten? ausländerextremistischen?) Polit-Gruppe, die in einem Landes- Verfassungsschutzbericht auftauchte

- derzeit bin ich gerade mit dem zum Scheitern verurteilten Versuch beschäftigt, innerhalb von 48 Stunden ein Exposé für eine Doktorarbeit aus dem Boden zu stampfen, die ich eigentlich gar nicht schreiben will, und am Freitag habe ich ein Bewerbungsgespräch für ein quasi unbezahltes Praktikum, dass ich noch viel weniger antreten möchte. Diesen Scheiss hier schreibe ich nur zur Ablenkung, quasi Prokrastination at it’s worst.

Weiterreichen ist nicht, beim Wurf zerre ich mir immer die Schultermuskulatur.


Graff’s not dead.

12. Februar 2007

DriveBy-Bombing.

Noch zwei Mal Live-Action am hellen Tag:
1
2

Und zu guter Letzt: Metro Madrid


Vier Geschichten von …

05. Februar 2007

1)
Vor Kurzem begab ich mich auf ein Konzert der Knarf Rellöm-Trinity. Das Publikum setzte sich aus einer bunten Mischung von Handtäschchen-Chayas, Neo-Indie-Buttonmafiosi, Indie-Dinosauriern der ersten Stunde, nicht schubladisierbaren Nerds und einer größeren Gruppe Ü50jähriger, deren männliche Sektion in Jürgen von der Lippe-mäßige Partykeller-Hemden gehüllt war, zusammen. Knarf Rellöm selbst sah aus wie eine Mischung aus verschwitztem Karpfen (bis zum Hals) und Helmut Kohl beim 1000-m-Lauf (vom Hals abwärts), dennoch kam er so charmant und lustig rüber, dass ich einen kurzen Moment den Wunsch empfand, ihn auf den Mund zu küssen. DJ Pattex gab wie immer die coole Sau, die Knarfs überambitionierten Elan mit ironischen Sprüchen auskontert. Viktor Marek, der dritte von der Tankstelle, ist mir ja als Profilneurotiker prinzipiell unsympathisch, machte sich an diesem Abend als Katzenhund aber ganz gut. Angesichts der visuellen Performance und dem Feuerwerk der Anspielungen und Codes in den Ansagen wie den Songlyrics war die dargebotene Musik nur Nebensache, verschwand hinter der imposanten physischen und geistigen Statur von Knarf, den die Leute wahrscheinlich auch noch lieben würden, würde er nur Kindermelodien auf einer Ukulele nachspielen.

2)
Wenige Tage später verschlug es mich nach längerer Abstinenz wieder einmal zu einer Drum‘n'Bass-Party. Die revolutionäre Musik meiner Spätpubertät und Post-Adoleszenz hat in den letzten Jahren viel von ihrer einstigen Innovationskraft, Dynamik und Energie verloren. Mehr und mehr waren mir die Tracks vorhersehbar und lahm geworden, zudem wurde das geneigte Publikum immer deichkindiger. Erst Roni Size hatte für mich im Sommer auf dem Melt-Festival den tendenziellen Niedergang der D‘n'B-Rate aufhalten können: auf der Hauptbühne legte er ab 4.30 Uhr in der Frühe ein partyeskes Set hin, dass nochmal einige Tausend bereits Totgeglaubter begeistert in den Sonnenaufgang tanzen ließ – furios. Nun war also sein Bristoler Kollege DJ Die an der Reihe, der es allerdings schon allein aufgrund der Location – einem ganz durchschnittlichen Club in einer ehemaligen Fabrikhalle – ungleich schwerer hatte. Der Großteil seines Sets war denn auch nicht mehr als solide, aber für eine halbe Stunde hat er es geschafft, mich mit JumpUp-Tracks und deren rollenden Bässen aus der Welt zu pusten. Trotz enger Reihe habe ich meine Augen beim Tanzen geschlossen und war einfach nur noch in der Musik drin, jenseits von Zeit und Raum, Sorgen und Elend, Sitte und Anstand. Vorschein auf den Communismus? Jedenfalls sehr geil!

3)
Eine Woche darauf führte mich die Lust an einem Indie-Konzert zu dem mir bis dato unbekannten Artist musica da cucina aus Italien. Der OneMan-Act versaute sich den Einstieg so derbe wie man sich einen Einstieg nur versauen kann, wartete er doch im ersten Song mit Klarinette und Ziehharmonika (pfui!) auf. Anschließend löste er sich jedoch zum Glück von solch völkischer Instrumentierung und widmete sich der Klangerzeugung mittels Küchengeräte: Milchschäumer an Keramikschale, Drumsticks an Kochtöpfe, feuchte Tücher auf heißer Herdplatte und ein pfeifender Wasserkessel sorgten für ungewöhnliche Sounds, die er übereinander schichtete, bis sie sich zu atmosphärisch dichten, schüchternen, traurigen Songs fügten. Interessant war seine naive Herangehensweise, die sich dem üblichen Funktionalitätsdenken (Gitarre=Musik, Topf=Kochen) verweigert, und damit falsche Trennungen von Freizeit und Notwendigkeit, Kunst und Alltag tendenziell aufhebt. Das Publikum, typische Indie-Ringelpulli-Kiffer (viele Typen mit 3-10-Tage-Bärten) goutierte den Auftritt, auffällig war allerdings das Kichern oder Lachen, sobald eines der Küchengeräte zum Einsatz kam. Offenbar wurde so eine Unsicherheit aufgrund des Auftauchens von Alltagsgegenständen in einem gänzlich anderen Kontext, das auf die revolutionäre Beseitigung der rigiden Schranken, die die Menschen voneinander und von ihrer Umwelt trennen, verweist, weggehumort.

4)
Motiviert durch den David LaChapelle-Streifen „Rize“, der trotz des Sozialarbeitergelabers und der Riefenstahl-Einblendungen eine absolut sehenswerte Doku über die Krumping-Szene L.A.’s darstellt, entschlossen wir uns zum Besuch der Show des „Rize“-Protagonisten Tommy the Clown. Dank pünktlichen Showbeginn kamen wir um einige Minuten zu spät und versuchten uns den Weg durch die Menge vor die Bühne zu bahnen, was auf helle Empörung der mehrheitlich migrantischen, 13-20 Jährigen Tommy-Fans stieß, die sich in Beschimpfungen und Rangeleien artikulierte. So bereits vom Publikum derbe abgeturnt enttäuschte zunächst auch Tommy the Clown massiv, statt der erwarteten Krumping-Session wurde in der ersten Stunde kaum getanzt. Vielmehr wurde eine alberne Show um eine Geburtstagsfeier inszeniert, die mit dämlichen Zaubertricks auf niedrigstem Niveau garniert wurde. Außerdem nutzte Tommy die Vorstellung seiner juvenilen Co-Clowns massiv, um auf die Tränendrüse zu drücken: diese Tänzerin seit mit 8 von ihrer Mutter verlassen worde, die Mutter jener dort drüben spritze seit Jahren Heroin, und der Vater des Dritten habe ihn immer geschlagen, bis er von dem großherzigen Tommy aufgenommen worden sei. Jetzt seien alle wieder auf der geraden Bahn und brächten stets Knaller-Noten mit nach Hause. Inwieweit diese Version des American Dream irgendwelche emanzipatorischen Züge trägt oder einfach nur verlogene Scheiße ist, weiß ich nicht genau. Jedenfalls glaubte ich zunächst anhand des Proll-Publikums und einiger Passagen der Show eine sehr starke Verfestigung der herkömmlichen Geschlechterrollen ausfindig machen zu können, musste mich jedoch im an die Pause anschließenden zweiten Teil der Show eines Besseren belehren lassen. Nicht nur, dass nun im Battle-Modus hemmungslos gekrumpt wurde, auch die binäre Verteilung von schnuckeligen Ladies hier, harten Jungs dort wurde weitgehend aufgebrochen. Schon in der Crew von Tommy sind 3 von 10 Tänzer_innen Mädchen, und als spontan aus dem Publikum Tänzer_innen auf die Bühne zu einem Battle geholt wurden, stieg dieser Anteil nochmals. Darunter waren neben ein, zwei wirklich dicken zwar vor allem via lookism gestählte, ‚wohlproportionierte‘ dünne Frauen, die aber immerhin sehr gleichberechtigt partizipierten. Nicht als nettes Beiwerk, sondern als fast ebenso harte, souveräne, coole Subjekte wie ihre männlichen Gegenstücke konnten sie auftreten. Hier könnte man sich wieder fragen, inwiefern die rassistisch überformte Prekarisierung, das street-life, eine solche Abhärtung geschlechterübergreifend abverlangt – das Coole also nur eine Funktion der Herrschaft ist – und läge mit der Vermutung sicher nicht ganz falsch. Dennoch war es beeindruckend, mit welchem Selbstbewusstsein die weibliche Sozialisierten auftraten. Die Inklusion gelang m. E. weitaus besser als in weiten Teilen der hegemonial weißen Mittelschichts-Subkultur (vgl. etwa Frauenanteil in Emo-Bands) oder auch der linken Szene – eine Auffälligkeit, die mir auch schon in „Rize“ begegnet war, wo mitunter nach offiziellem Maßstab hässliche, übergewichtige Frauen – oder viel zu junge Kinder – selbstverständlich abrockten. Darum Notiz an mich: Checken, inwieweit das Stereotyp vom HipHop-Macker und verschärften Sexismus im migrantischen Milieu meine Erkenntnis leitet.


Musik halt’s Maul?

04. Februar 2007

Mit dem Hingucker „Ich hasse Musik“ betitelt sisyphos im ConneIsland-Newsflyer seine Überlegungen zur „Doppeleigenschaft als ernsthafter Musiker und ernsthafter Verteidiger einer materialistischen Gesellschaftskritik “. Die nicht ganz falsche Essenz: Musik ist unbeschwerte Freizeit und wird dann peinlich, wenn Punkbands oder Reinhard Mey sich politisch dünken, denn Politik ist wie Arbeit kein Spaß, darum: Sphärentrennung.
In einem Leserbrief antwortet ron de vous (dessen Schreibstil mich btw verdächtig an einen leider zu früh von uns gegangenen Blogger erinnert) nun mit dem äußerst sympathischen Eingeständnis: „Lieber Autor, liebes CEE IEH, versteht mich bitte nicht falsch: Ich habe auch keine Ahnung“, darüber hinaus jedoch auch mit einer ebenso sympathisch-konfus-originellen Kritik an sisyphos oberflächlichem Verständnis von Musik, Politik und Gesellschaft, z.B. dessen ausschließlicher Verortung von Inhalten in den Texten, die das Medium der Musik an sich ebenso wie den Kontext – besetztes Haus vs. Rock am Ring, queere Performance vs. Macho-Rocker etc. – ausblendet.

En passant verweist ron de vous auf eine wahnsinnig intellektuell daherkommende Konzertankündigung für die Band locust, die ich leider nicht einmal zur Hälfte verstehe, von der ich nichtsdestotrotz sehr beeindruckt bin. Fast so toll wie damals bertrand w. klimmeks Disko-Beitrag „Feinheiten des Grunzens“, in dem die „zermürbend-erdrückende Vertonung der real existierenden Totalität im fortgeschrittenen Death Metal“ und ihr reaktionärer Konterpart, die „Neurose und manische Obsession des Black Metal“, welche sich der „Identifikation mit dem Aggressor“ hingibt, analysiert wird.
In der Hoffnung, ähnlich kongeniale Musikkritiken zu finden, bin ich auf die de:bug-Homepage gesurft, wo ich jedoch nur auf ein Interview mit D‘n'B-Ikone Krust stieß, der sich über den Mangel an „Awareness“ und „Geist“ in einer „illusionären, materialististischen Welt“ auslässt, um dann mit dem Statement „Wir müssen Drum and Bass jetzt als Business betrachten“ zu schließen. Selten dämlich, schade.


German Angst – pro Darfur oder contra Ausländer?

03. Februar 2007

In und nach der antideutschen Szene scheint sich langsam so alles an Widerwärtigkeiten durchzusetzen, was auch den Rest der Gesellschaft prägt. Neben einer, vielleicht borniert zu nennenden Fixierung auf Israel, die sich zunehmend gegen wahlweise nonkonforme oder staatstragende Jüd_innen richtet, steht der altbekannte Sexismus (in der AAB-Vergewaltigungsdebatte vom Flaggschiff vorexerziert, in jüngster Zeit vgl. etwa nichtidentisches` Abfeierei des feuchten Traumes eines jeden pubertierenden Jünglings, Christina Aguilera, oder bad blogs Männerfantasien von „schönen, jungen und zwangsläufig knapp gekleideten Frauen“ im Whirlpool bzw. das Gedisse selbigen Kollektivblogs gegen Frauenlesbenqueertranstudentinnen). Daneben west ein Antiislamismus fort, der beinahe nichts mehr mit einer Kritik der politischen Ökonomie des Islam gemein hat und sich immer mehr zu schlechter Polemik und liberal codiertem Rassismus versteigt. Den jüngsten Höhepunkt setzt prodarfur – Liberale Blogger gegen die Sharia, offenbar eine Initiative zweier Postantideutscher. Dissensprinzip hat sich dem bereits angenommen, zunächst noch in Form einer solidarischen Kritik an deren Affirmation von Politik und Bewegungshuberei (1, 2),
nunmehr deutlich schärfere Töne anschlagend (3).

Den Anstoß für die Tonverschärfung liefert der Eintrag „„Die Kinder des Djihad“, in dem prodarfur verkündet:

„Ich stamme aus dem Ruhrgebiet, einer Region also, in der man jeden Tag hautnah die besten, aber auch die schlechtesten Seiten der „Multikulti-Kultur“ erleben kann. Vor allem als Kind und Jugendlicher. Seit meinem Umzug nach Leipzig bleibe ich von derartigen Erfahrungen verschont, aber der „Tagesspiegel“ bringt sie mir wieder in Erinnerung.“

Der so gelobte Tagesspiegel-Artikel vermeldet:

„Der tägliche Terror
Sie sind jung, nicht-deutscher Herkunft, gewaltbereit – und versetzen ihre Altersgenossen täglich in Angst

Es gehört längst zum Alltag, es geschieht auf dem Weg zur Schule, im Bus, auf dem Spielplatz. Fast jeder Jugendliche, der in Berlin aufgewachsen ist, weiß wie es sich anfühlt, von arabisch-türkischen Jugendlichen angepöbelt, verprügelt oder ausgenommen zu werden. Und viele Eltern standen schon vor der Frage: Sollen wir das Polizei oder Schule melden? Oder machen wir damit alles noch schlimmer?
[…]
„Gegen diesen Gewaltexzess der arabischen Jugendlichen sind unsere Kinder einfach machtlos“, sagt eine Mutter aus Gatow. Erst neulich stand ihr 17-Jähriger, sonst so friedliebender Sohn vor ihr und wünschte sich nach einem Streit in einem Kreuzberger Döner-Imbiss nur eines: Endlich mal richtig zuschlagen zu können.“

Der Sozialdarwinismus des Kapitalismus, der jede und jeden anleitet, sich des Ellbogens zu bedienen, das Messer zu zücken oder einfach loszuballern (wahlweise als Ich-AG mit 9mm oder im Staatsdienst mit dem Panzer), wird nicht einfach beschönigt oder verschwiegen, er verschwindet zur Gänze vor der vom Tagesspiegel gezeichneten Kulisse ethnisierter Gewalt. Schläge, Menschenverachtung, Brutalität sind keine Kennzeichen der Gesellschaft mehr, sondern werden allein bei Moslems, bzw. arabischen, bzw. türkischen Jugendlichen, bzw. muslimisch-arabisch-türkischen jungen Männern verortet. Deren ja z.T. real existenter Wille, andere gnadenlos zu unterdrücken und zu erniedrigen, kommt aus dem sozialen Nichts, ergo aus ihrer Kultur oder ihren Genen. Die Deutschen hingegen erscheinen allein als Opfer, als passiv und grundlos Angegriffene. Untergründig wird hier ein Subtext eingewebt, der suggeriert: WIR sind nicht mehr länger HERR im eigenen Haus, unsere Stadt/unsere Nation wird von fremden Eindringlingen usurpiert, sie haben bereits weite Teile des öffentlichen Raumes okkupiert, auf lange Sicht werden sie auch die Schaltzentralen der Macht übernehmen. Entsprechende Gegenmaßnahmen werden nicht thematisiert, sind aber in der Logik des Textes angelegt und werden in den Leserbriefen unterhalb des Tagesspiegel-Artikels herausgebrüllt: zurückschlagen, wegschließen, abschieben.
Spätestens in den Reaktionen auf den Artikel, die nicht mindere Brutalität transportieren als die im Artikel beschriebenen Taten, zeigt sich auch, dass die simulierte Abscheu vor der „arabisch-jungmännlichen“ Gewalt vor Neid und Bewunderung nur so strotzt. Wie gerne wäre man selbst, als Deutsche(r), ebenso entschlossen, selbstbewusst, skrupellos, hart und vital, wie es einem der arabisch-jungmännliche Naturbursche, unmoralisch und nicht von Geist, Geld oder Zivilisation korrumpiert, vorlebt!
F., der prodarfur-Autor, stimmt mit dem affirmativen Verweis auf den Artikel in diesen Kanon ein und zeigt sich dazu erfreut über seine national befreite Zone Leipzig, in der er solch traumatisierenden „multikulturellen“ Erfahrungen nicht ausgesetzt ist. Im Weiteren verlängert er das gezeichnete Schreckensbild noch in die Zukunft zu einem wahren Horrorszenario, denn 2046 „könnte Deutschland bereits … ein mehrheitlich islamisches Land sein“, wenn der virile Muselmann und die willige (unterjochte?) Muslima weiterhin dermaßen fröhlich vor sich hin vögeln, dass es den lustlos-impotenten Deutschen gar ein Graus ist. Der biopolitische Wahn von aussterbenden Völkern, der stets nur der Mahnung der Population zu eifriger Reproduktion für die Nation dient, verbindet sich bei F. mit dem Feindbild vom aggressiv(-penetrierenden), triebgesteuerten und kaum mehr aufzuhaltenden „arabischen Herrenmenschen“, den er in Darfur ebenso wie in Kreuzberg und dem Ruhrpott auf dem Vormarsch sieht.

Ein weiterer durchgeknallter Volldepp angesichts von „80 Millionen Hooligans“ (Die Goldenen Zitronen) wäre nicht weiter von Belang, würden F. und seine Kompagnons nicht auf Resonanz in der AD-Szene treffen. So publizierte die prodarfur-Initiative ihren Essay „Allahs Herrenmenschen und ihre Front im Sudan.“ in der Januar-Ausgabe des ConneIsland-Newsflyers aus Leipzig (inkl. positivem Bezugs auf die Gesellschaft für bedrohte Völker, die bereits in ihrem Namen die Menschenfeindschaft annonciert, die sie praktisch in Kooperation mit Sudetendeutschen Landsmannschaften und anderen Nazis ausagiert), und im selben Monat, ausgerechnet am 27.1. (!!!), organisierte der Nachwuchsmob einen nicht-sharia-konformen Abend im Szenetreffpunkt Druckluft Oberhausen.
Auch wenn F. dort, so steht zu hoffen, nicht die Hasstiraden des Tagesspiegel-Artikels vorgetragen hat, so zeigt sich doch in der bereitwilligen Akzeptanz solch zivilgesellschaftlichen Anti-Islamismus das Versagen großer Teile der Antideutschen, die sich von einem kritischen Begriff des Rassismus ebenso wie von jeder materialistischen Kritik der Gesellschaft verabschiedet haben. Sie drohen damit nach ihrem nur wenige Jahre dauernden Marsch aus den (linken) Institutionen eben dort anzukommen, wo sie ihren Ausgangspunkt genommen haben: inmitten einer Gesellschaft einstmaliger und prospektiver Mörder, die zwar dann und wann ein generationistisches Aufbegehren gegen den Mordzusammenhang (vgl. 1968) zulässt, zu guter Letzt aber alles und jeden wieder in den kalten Schoß der Familie reintegriert. Nur wer sich der Orientierung auf periphere Feinbilder und damit dem Bündnis mit der Mehrheit, dem Mob im Wartestand, verweigert, kann dem Prozess der Rekuperation entkommen.


Alles klar.

01. Februar 2007

Da mein Punkt bezüglich der Möglichkeit und Unmöglichkeit bezüglich der „Kritik an Jüd_innen“ nicht bei allem ankam, hier nochmal der Versuch einer komprimierten und dadurch stringenteren Darstellung.

1) Jüd_innen sind, wie alle anderen Bürger_innen auch, in die kapitalistische Konkurrenz geworfen und müssen sich darin, also in einem Kampf auf Leben und Tod im Zeichen der Kapitalakkumulation, behaupten. Dabei hängen sie denselben Ideologien an wie jede Bürger_in: Sexismus, Rassismus, Nationalismus usw. Diese Ideologien dienen als Ressource zur Stabilisierung der Identität wie als theoretische Begründung praktischer Ausschlüsse.

2) Die Besonderheit der Jüd_innen ist nichts Wesenhaftes, vielmehr werden sie ja als Gruppe im hier relevanten Sinne erst konstituiert durch die ihnen entgegengebrachte, mörderische Gegnerschaft. In Auschwitz kulminierte die antisemitische Kampfansage zum Versuch totaler Vernichtung sämtlichen jüdischen Lebens und der dazu gerechneten Kultur, Mentalität, Werte. Darum können alle Jüd_innen, auch die nach 1945 geborenen, als Überlebende gelten. Der Staat Israel steht für die politische Emanzipation der Jüd_innen, für den notwendigen Zusammenschluss um Ähnliches zu verhindern, unterliegt dabei aber natürlich der selben Gesetzlichkeit wie alle anderen Staaten.

3) Antideutsche Kommunist_innen arbeiten (idealerweise) auf die Zersetzung Deutschlands und die Abschaffung des Kapitalismus hin. Sie stehen im Gegensatz zur, hierzulande postnazistischen, (post-)bürgerlichen Gesellschaft. Da ADs mehrheitlich sich als nichtjüdisch, Jüd_innen mehrheitlich sich als nicht-ad begreifen, sind beide Gruppen voneinander zu scheiden. Ihren wesenhaften Differenzen steht eine weitgehend konsensuelle Gemeinsamkeit gegenüber: der Versuch, den Judenhass zu bekämpfen, die Wiederholung von Auschwitz zu verhindern. Die ADs verstehen diesen Versuch als Teil ihres Kampfes für eine befreite Gesellschaft ohne unnötiges Leid, die jüdischen Bürger_innen hingegen führen einen Defensivkampf mit dem Ziel der Selbsterhaltung.

4) Die Jüd_innen, da Bürger_innen, greifen in diesem bornierten, aber völlig legitimen Abwehrkampf auf die bürgerlichen Mittel zurück, die ihnen zur Verfügung stehen. Für die Einen handelt es sich dabei um das Militär in Form der IDF, für Andere um publizistische, journalistische, moralische, diplomatische oder politische Methoden. Sehen die Einen in Zurückhaltung, Toleranz und Vernetzung mit anderen potentiellen Opfergruppen die beste Option, greifen die anderen auf aggressive Propaganda und Aktivismus zurück. Beides ist kritisierbar, da es nie und nimmer den Antisemitismus abschaffen wird, der nunmal weder mit idealistischer Toleranzhuberei noch mit scharfer Repression aus der Welt zu schaffen ist. Und zugleich ist es nicht kritisierbar, da es einen, vielleicht nur geringen, vielleicht größeren, Spielraum schafft, der mitunter Menschenleben rettet.

5) Wenn Jüd_innen in diesem Kampf nun gegen emanzipatorische Prinzipien verstoßen, so ist das zugleich kritisierbar wie auch folgerichtig und notwendig, also legitim. Kritisierbar als Teil der bürgerlichen Totalität, die Menschen nicht als Individuen zu fassen vermag, sondern immer als Anhängsel von pseudo-objektiven Entitäten – Mentalität, Ethnie, Kultur, Nation, Religion. Darum ist es natürlich falsch, wenn Jüd_innen Araber_innen oder Moslems einen einheitlichen Antisemitismus unterstellen, und geschichtsrevisionistisch, wenn sie Ahmadinedschad und Hitler als Chiffre für das deutsch-volksgemeinschaftliche Vernichtungsprojekt gleichsetzen. Zugleich aber auch folgerichtig und notwendig, weil ihnen als Bürger_innen eben keine kritischen Begrifflichkeiten zur Verfügung stehen, sondern sie – zumindest sobald in der Krise befindlich, und jüdisches Leben ist vor dem Hintergrund von Auschwitz und der fortbestehenden Drohung der Elimination als Dauerkrise zu verstehen – immer auf verdinglichte, ergo potentiell rassistische Wahrnehmung zurückgeworfen sind, zudem angesichts des andauernden Traumas zu größter Wachsamkeit, ergo Alarmismus, aufgerufen sind.

6) Eine Kritik, die beide Seiten nicht zusammendenken kann, nicht die Verwobenheit von Allgemeinheit – Kapitalismus – und Besonderheit – historische Realität und Andauern des Vernichtungsrufes – erkennen mag, verfehlt den Gegenstand. Wer Jüd_innen nur als Gleiche unter Gleichen sieht, leugnet nicht nur den Holocaust, sondern wird sich auch gezwungen sehen, immer wieder gegen die vermeintliche ‚Auserwähltheit’, die jüdische Extrawurst, anzurennen. Wer Jüd_innen nur als Besondere, als jeglichen Sachzwängen enthobene Opfer begreift, verfällt einem naiven, realitätsblinden Philosemitismus, der jederzeit in seine scheinbare Antithese – die ‚jüdische Täterschaft’ – umschlagen kann. Beide Positionen sind nicht nur unterkomplex, sondern letzten Endes antisemitisch.


Gemütliche Vernichtung

01. Februar 2007

»Die Moststub’n heroben beim KZ / Die ist wirklich herrlich und nett / Da kehr’n heut’ die Leut’ gern ein (…) / A knackig Würschtel vom Rost / Und dazu ein’ traumhaften Most … «

Dazu fallen mir nur noch aus Hilflosigkeit und Wut resultierende Fantasien von Massenmord an Mauthausens Bewohner_innen im Besonderen und der österreichischen Population im Allgemeinen ein. Aus juristischen Gründen verzichte ich auf deren öffentliche Wiedergabe.