Ekliges Dorf – Introduction

09. Januar 2007

Bereits Karl Marx beklagt im `Kommunistischen Manifest´ den „Idiotismus des Landlebens“. Ein Jahrhundert später, im Eingedenken etlicher von Marx nicht zu antizipierender Erfahrungen, bemerkt Adorno in `Erziehung nach Auschwitz´ :

„Die immer noch fortdauernde kulturelle Differenz von Stadt und Land ist eine, wenn auch gewiss nicht die einzige und wichtigste, der Bedingungen des Grauens. Jeder Hochmut gegenüber der Landbevölkerung ist mir fern. Ich weiss, dass kein Mensch etwas dafür kann, ob er ein Städter ist oder im Dorf groß wird. Ich registriere dabei nur, dass wahrscheinlich die Entbarbarisierung auf dem platten Land noch weniger als sonst wo gelungen ist. Auch das Fernsehen und die anderen Massenmedien haben wohl an dem Zustand des mit der Kultur nicht ganz Mitgekommenseins nicht allzu viel geändert. Mir scheint es richtiger, das auszusprechen und dem entgegenzuwirken, als sentimental irgendwelche besonderen Qualitäten des Landlebens, die verloren zu gehen drohen, anzupreisen. Ich gehe so weit, die Entbarbarisierung des Landes für eines der wichtigsten Erziehungsziele zu halten.“

Wiederum ein halbes Jahrhundert verstreicht, bis die gruppe 8. mai [ffm] im Anschluss an eine äußerst ernüchternde Demonstration durch die Hohmann-Bastion Neuhof in ihrem Text `Liebe zu totem Holz, Hass auf lebende Juden – Über das eklige Dorf im Allgemeinen und Besonderen´ Folgendes festhält:

„Es handelt sich um das nahezu bruchlose weiterbestehen von bedingungen, die auschwitz ermöglicht haben: Konstitutiv für die rurale szenerie ist die herausbildung einer dorfgemeinschaft, bestehend aus heterosexuellen weißen männern (auch frauen, denen allerdings meist ein platz an der seite eines mannes zugewiesen wird), die in der regel auf dem abstammungsprinzip beruht und hierarchisch gestaffelt ist. Neben ökonomischen faktoren bestimmt sich die rangordnung über die lautstärke der stimme und die größe der faust, mit der auf den hölzernen küchentisch zu hauen früh eingeübt wird. Die dominanz der lokalplatzhirsche und stammtischreiter stellt sich als strukturelle dar, die zwar ständig durch vielerlei praxen reproduziert, jedoch nur in ausnahmefällen mittels direktem physischem zwang bis hin zu folter und mord durchgesetzt werden muss. Vielmehr kommt ihr eine selbstverständlichkeit zu, die eine offene artikulation weitgehend überflüssig macht, was die brutalität der zustände kaum mildert. Menschen mit „abweichendem“ sexuellen begehren oder nicht kohärenter „geschlechtsidentität“, intellektuelle, migrantInnen, obdachlose, linke wissen um die hegemonie des ressentiments, verringern ihre öffentliche sichtbarkeit daher so weit als möglich oder ziehen in die großstadt, wo sie sich zumindest in die jeweilige szene einklinken können. Die scheinbare gemütlichkeit des landlebens beruht also auf dem ausschluss des „anderen“, nicht-identischen, der in letzter konsequenz immer die juden anvisiert. In ihnen sieht die/der ländliche mittelstandsdeutsche projektiv sämtliche verhassten eigenschaften vereint: kosmopolitische freizügigkeit und ausbruch aus dem begrenzten wirkungsraum, sexuelle ausschweifung und reichtum ohne arbeit, übertreten der althergebrachten ordnung und rationale verfolgung eigener interessen ohne verzicht für die gemeinschaft, kurzum: glück in größtmöglicher anhäufung. Aufgrund der vor 60 jahren begangenen untaten kommen juden den ländlern jedoch äußerst selten zu gesicht. Wenn ihr regressiver einfaltspinselzorn dann und wann einmal ausbricht, etwa anlässlich von alkoholseligem schützenfest oder fussballspiel, findet er im normalfall genügend andere objekte, an denen abzureagieren sich lohnt. Zu nennen sind sogenannte zugezogene, nicht im dorf verwurzelte, die oft auch nach 20 jahren noch nicht den nötigen stallgeruch aufweisen können; die aus der ex-udssr eingewanderten „aussiedler“, die unter dem verdacht der mafiabetätigung stehen; oder natürlich richtige fremde wie „neger“ und „asylanten“, deren oftmals geballtes vorkommen in form von heimen die günstige gelegenheit gibt, die im schulsport erworbenen wurfkenntnisse auszunutzen und kleine freudenfeuer zu veranstalten.“

Im Bezug auf Neuhof wurde damals ein Wunsch formuliert, dessen Realisierung immer noch aussteht:

„Wir hoffen, die geschichte möge einmal einen gerechten lauf nehmen und dieses dorf, in welchem holz und tiere geliebt und zugleich juden und fremde gehasst werden, seinem verdienten ende zuführen. Da diese entscheidung nicht in unserer allzu bescheidenen macht liegt können wir nur auf höhere gewalten hoffen. Die oderflut sei der osthessischen provinz beispiel und warnung zugleich.“

In den nächsten Wochen sollen an dieser Stelle in loser Reihenfolge einige Beispiele für die Barbarei der Dörfer angeführt werden. Allerdings ist schon jetzt darauf hinzuweisen, dass es hier nicht um die Demonstration metropolitaner Arroganz gehen kann, denn in der Regel sind sogenannte Großstädte auch nicht viel mehr als eine Compilation von piefigen Kiezen bzw. der Hintergrund für sich geographisch überlagernde, aber real weitgehend autonome virtuelle Dörfer, genannt Szenen, Subkulturen oder Milieus.


10 Kommentare

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  1. Nitpicking, I know, but… im Manifest wird diesbezüglich nichts „beklagt“ und das was dir jetzt als angeblich typisch ländliche Borniertheit auffällt hatten Marx/Engels da bestimmt nicht im Kopf…

    Comment von ascetonym — 9. Januar 2007 @ 16:49

  2. Hat auch sicher garnichts miteinander zu tun; Borniertheit (welch freundliche Umschreibung, als ginge es w darum, dass auf dem Dorf jemand seinen Musikgeschmack nicht teilt) auf der einen und Idiotismus in Marxens Sinn auf der anderen Seite.

    Comment von tobias — 9. Januar 2007 @ 17:39

  3. @ ascetonym:
    Leider peilst du/ihr es ohne direkte Ansage nicht: Zwischen mir und GSP-Jüngern wie dir oder MPunkt kann es keine Verständigung geben, weil ihr dogmatische Betonköpfe seid. Weder möchte ich mich darum mit euch auseinandersetzen noch euch kritisieren noch mich von euch belehren lassen. In diesem Sinne plädiere ich für einen Waffenstillstand in Form gegenseitiger Ignoranz. Alles klar?

    P.S.
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    Comment von Administrator — 9. Januar 2007 @ 17:54

  4. ohne anpissen zu wollen: aber ist es nich etwas autoritätsfixiert, 50 bzw 150 jahre alte texte zu zitieren, um ein aktuelles phänomen zu beschreiben/treffen? noch mehr geht es mri eigentlich nur auf den sack, wenn leute die „deutsche ideologie“ zitieren, um dinge zu kritiseren, die marx überhaupt nicht gemeint hat.

    wäre ein empirischer ansatz da nicht mal erfrischend anders? so statistiken? oder halt persönliche, anekdotale eindrücke? warum muss dieser aufruf mit autoritäten unterfüttert werden?

    ausserdem hat ascetonym recht, und das ist eifnach unabhängig davon, ob er mti gsp unterm kopfkissen pennt oder nicht. irgend ein marxzitat (warum unterschlägst du eigentlich engels?) zu suchen, das maximal halb- bis viertelwegs mit dem thema zu tun hatz, erinnert mich unangenehm an gläubige MLer

    Comment von bigmouth — 9. Januar 2007 @ 19:18

  5. das mit dem nick okkupieren ist nicht mal semilustig btw

    Comment von bigmouth — 10. Januar 2007 @ 02:19

  6. Na besser als überhaupt nicht lustig.

    Comment von Claszlesz — 10. Januar 2007 @ 08:49

  7. Bigmouth:
    Manchmal ist weniger mehr (*phrasendresch*). Nur weil ich ein Marx-Zitat, sogar ohne direkte Wertung, anführe, verortest du mic methodisch bei der MLPD? Ziemlicher Unsinn, denn
    a) habe ich durchaus Kritik an dem Fortschrittsoptimismus aus dem Manifest, auch wenn das oben nicht stand,
    b) habe ich zumindest in dem Nebensatz über die historischen Erfahrungen versucht anzudeuten, dass sich offenbar in den letzten zwei Jahrhunderten etwas verändert hat und
    c) war das eben nur ein kurzer, in 10 min. zusammengestellter Teaser, dem genau die von dir geforderten empirischen Materialien folgen werden, sobald ich dafür Zeit finde.
    Ja?

    Comment von wartesaal — 10. Januar 2007 @ 10:18

  8. es war aber halt trotzdem überflüssig. ich finde die tradition in vielen linken kreisen, ein marx/engels (oder bei einigen auch adorno/horkheimer)-zitat so sicher wie das amen in der kirche zu haben, einfach grässlich. in der regel sind es nur sätze oder nur satzfragmente, die gar nix belegen, mithin reine autoritätsargumente. kluge sätze zur illustzrierung von positionen sind ja nich schlimm (mach ich ja auch, zB dawkins über evolution) , aber die form, die das annimmt, hat etwas religiöses und extrem rituelles, ein einschwören auf position & die richtige lehre

    Comment von bigmouth — 10. Januar 2007 @ 14:22

  9. Ja, stimmt, ganz unrecht hast du nicht. Gerade fallen mir aber noch zwei Argumente für Marx an der Stelle ein:
    d) es klingt total knackig obwohl superalt
    und
    e) fiel mir sonst niemand ein der sich der Kritik des Dorfes verschrieben hätte. Das mag an dem von dir bemängelten Punkt liegen, hatte aber auch mal vor längerem gegoogelt und nichts Brauchbares gefunden.

    Comment von Administrator — 11. Januar 2007 @ 19:24

  10. […] waiting hat die deutschen Landpogrome der letzten Jahre gesichtet. Die Serie zur “Barbarei des Dorfes” hat er leider auf Eis gelegt. Schade, daran wollte ich mich nämlich abarbeiten, habe ich dem Problem von “Stadt und Land” doch immerhin ein eigenes Unterkapitel in meiner Diplomarbeit gewidmet! […]

    Pingback von Dorfdeppen ahoi // Lysis — 21. August 2007 @ 01:28

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