Iran_Update II

12. Dezember 2006

Offenbar waren die gestrigen Medienberichte zum Angriff auf Ahmadinedjad sehr stark von der staatsoffiziellen Darstellung geprägt, dissidente Quellen sprechen von bis zu 1.000 Studierenden, die u.a. skandierten „Fascist President, the Polytechnic is not your place“ und den Präsident schließlich zum Abbruch seiner Rede zwangen. Im Folgenden Ausschnitte aus dem Newsletter von iranpressnews:

„As others in attendance jeered and booed the president of the Islamic Republic of Iran.
1000 students push through the gates of AmirKabirUniversity to confront Ahmadinejad

The students shouted: “Get lost you liar” and in a slogan that rhymes in Parsi, they chanted: “You’re the element of corruption and fraud, Mahmoud Ahmadinejad”. The students also chanted slogans against the Basiji guards who were also present and acting as Ahmadinejad’s body guards. In view of the extremely tense atmosphere both inside and outside the auditorium, where the students were actively fighting the Basij forces, the president of the Islamic Republic cut his speech and surrounded by his body guards, left the auditorium and was run off the university campus.“

Bilder von gestern:

Weitere Bilder im Blog von Azarmehr.

Außerdem bei iranpressnews.com noch aktuelle Berichte zur brutalen Niederschlagung von Arbeiterprotesten für Lohnauszahlung, über den bereits vor einigen Tagen auf diesem Blog erwähnten Rassismus gegenüber den im Land lebenden Afghan_innen sowie zum derzeit in Teheran laufenden Spitzentreffen der Holocaustleugner_innen.


OAT – Objektive Antifa Teheran geht steil

11. Dezember 2006

Laut FAZ wurde eine Rede Ahmadinedjas in der Teheraner Uni von 50-60 Studierenden attackiert, zudem wurden Feuerwerkskörper abgeschossen und Bilder des Präsidenten auf dem Campus verbrannt. Ob die Aktion in Zusammenhang mit der aktuell stattfindenden Holocaustleugner-Konferenz steht, konnte ich bisher nicht herausfinden – nevermind, jedenfalls antifaschistische Grüße an die Aktivist_innen.
Und die Übersetzung eines iranischen Gedichts, welches bei honestly concerned nachzulesen ist. Das dazugehörige Video läuft bei mir leider nicht, hat da jemand bessere Erfahrungen gemacht und kann die kurz wiedergeben?

„Du sagst,
dass die Ermordung des vertriebenen Volkes eine Lüge sei,
dass Tausende Körper in den brennenden Öfen eine Lüge seien,
dass die Patrone im Herzen der Mutter, die ein Kind umarmt, eine Lüge sei,
dass der Blick eines Kindes auf den leblosen Körper seiner Mutter, eine Lüge sei,
dass dieses Europa und der lange, kalte, beißende Winter,
dass die nackten Körper dieser loblosen Frauen eine Lüge seien,
dass die giftigen Gasbäder in der Dunkelheit der Nacht eine Lüge seien,
dass die Tränen der verwundeten und verwirrten Kinder eine Lüge seien,
dass diese Reihen der jungen Menschen, der Alten und der Kinder im Kreuzfeuer von Schüssen und Patronen eine Lüge seien,
dass diese Reihen der jungen Menschen, der Alten und der Kinder im Kreuzfeuer von Schüssen und Patronen eine Lüge seien,
dass die verbliebenen Waisen unserer Freunde eine Lüge seien,

Du sagst,
dass das kalte Gebäude des Konzentrationslagers von Auschwitz und das Getöse der Stiefeln der ungerechten Soldaten eine Lüge seien,
dass das Geschrei und die Klagen von Millionen Juden in Nazis züchtendem Deutschland eine Lüge seien.

Ist aber die Knechtung des iranischen Volkes auch eine Lüge?
Wenn im Namen der Religion die Freunde erhängt werden, ist es eine Lüge?
Wenn die Stifte geköpft werden, weil Wahrheiten geschrieben werden,
sage, wenn täglich ein Denkender getötet wird, ist es eine Lüge?

Die iranische Frau, die sich gegenwärtig in einem ungleichen Kampf befindet,
die iranische Frau, die sich gegenwärtig in einem ungleichen Kampf befindet,
sage, ist es eine Lüge, dass sie in einem dunklen Hijab gehüllt wird?
Sage, ist es eine Lüge, dass unter Gewalt des Schwertes und Messers
die Freiheit des Iran eingekerkert wird?

Und gut sind die Freiheitsliebenden, merke dir,
dass das niederträchtige Gerede der unwissenden Herrscher eine Lüge ist.“


Sexism_all mashed up

11. Dezember 2006

gmx fasst einen Unicef-Bericht zur globalen Gewalt an und Diskriminierung von Frauen zusammen:

„Als Mädchen geboren zu werden, komme in vielen Ländern Asiens und Afrikas sogar einem Todesurteil gleich. In China und Indien werden nach Schätzungen jährlich eine Million weiblicher Föten gezielt abgetrieben.
[…]
Jede Minute stirbt eine Frau an Komplikationen während der Schwangerschaft oder bei der Geburt – mehr als eine halbe Million im Jahr. Das kritisiert Unicef in seinem Jahresbericht, der am Montag in Berlin vorgestellt werden sollte, genau 60 Jahre nach Gründung des UN-Kinderhilfswerks.
[…]
Weltweit leben laut Unicef zudem 130 Millionen Frauen und Mädchen mit verstümmelten Genitalien, jeden Tag kommen 8000 Opfer hinzu. Vor allem in afrikanischen Ländern, im Nahen Osten und Teilen Südostasiens werde diese grausame Tradition weiter praktiziert. Frauenhandel sei ein weltweites Geschäft.
Als besonders brutale Form der Gewalt prangerte Unicef so genannte Ehrenmorde in mindestens 14 Ländern an, darunter Jordanien, Pakistan, Türkei, aber auch in Italien, Großbritannien und Schweden. In Indien würden junge Frauen bei lebendigem Leib verbrannt, in Bangladesch jährlich hunderte Frauen durch Säureattacken schwer verletzt und entstellt.“

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Emanzipation-oder-Barbarei kommentiert eine Studie der Uni Bielefeld zur Gewalt gegen Frauen in der BRD:

„Es stellte sich zunächst heraus, dass Deutschland im europäischen Vergleich nicht etwa auffallend friedlich, zivil, emanzipiert abschneidet, sondern in punkto Prügelquote im „mittleren bis oberen Feld“ rangiert. 40 Prozent der Frauen in Deutschland gab an, körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt zu haben – oder beides. Das ist alarmierend – und bestätigte in etwa Dunkelfeldschätzungen der Frauenpolitik und Frauenprojektebewegung – die stets für hoch gegriffen gehalten worden war. Auffallend war, dass die Studie hinsichtlich der „Gewalt in Paarbeziehungen“ Ergebnisse zu Tage förderte, die alle jemals geschätzten Daten in den Schatten stellten. Jede vierte Frau erzählt von Gewalt durch ihren Freund, Geliebten, Ehemann. Und dabei sind es nicht die kleinen Schupsereien oder leichten Ohrfeigen, die den Kohl fett und die Zahl beeindruckend machen. 64 Prozent der Betroffenen berichten von Übergriffen, die zu Prellungen, Verstauchungen, Knochenbrüchen, offenen Wunden, Kopf- und Gesichtsverletzungen führen. Der Würger, Schläger, Vergewaltiger ist nicht der fremde Mann. Die Gefahrenzone nicht der dunkle Park. Das Böse schleicht auf Hauspantoffeln.

Geprügelt wird in jeder Gesellschaftsschicht und Einkommensgruppe. Unterschiede bestehen in Form und Ausprägung von Gewalt, als auch in deren Sichtbarwerden. So sind körperliche Übergriffe in der Unterschichtenfamilie in einem Mietshaus kaum zu überhören. Im Vergleich dazu, vermutet Monika Schröttle, Leiterin des Forschungsprojektes, finde man in der oberen Mittelschicht oder Oberschicht verdecktere, subtilere Gewalt. Die Gewalt ist wohlhabend oder arm und gehört allen erdenklichen kulturellen Gruppen an – signifikant ist vor allem eines: 70 Prozent der Übergriffe geschehen in Wohnungen. Die schwersten aller Verletzungen werden in Beziehungen zugefügt. Je größer die finanzielle und existenzielle Abhängigkeit desto länger verharren die Frauen in den Beziehungen. Und je länger die Beziehungen bestehen, desto niedriger sinkt die Hemmschwelle, und umso exzessiver wird die Gewalt. Und: Selten wenden sich Frauen an Ärzte, Frauenhilfseinrichtungen oder die Polizei. Weniger als elf Prozent aller Frauen gab an, nach körperlicher oder sexueller Gewalt mit einem professionellen Helfer gesprochen zu haben. Zu groß war die Scham, sich als Opfer auszustellen – oder gar den Vertrauten schuldig zu sprechen. „

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phex macht auf zwei Texte der Gruppen terminal 119 und café morgenland aufmerksam. Beide handeln von einer Demonstration in dem griechischen Kaff Amarynthos, die sich gegen das Verschweigen einer Gruppenvergewaltigung an einer Bulgarin richtete – diese Demo, offenbar nach Art der aus AD-Kontexten bekannten ‚Strafexpedition‘, wurde von der Bevölkerung als ebensolche wahrgenommen und ergo mit den Mitteln einer Wehrgemeinschaft – Flaschen, Spaten, Steine, kurz: äußerster Brutalutät – angegriffen, mehr als 60 Teilnehmende wurden zusammengeschlagen. Im Folgenden ein längeres Zitat von terminal 119, eine Art Erlebnisbericht, während cafe morgenlands ebenfalls lesenswerter Text vorwiegend vom politischen Umgang mit der Tat, den Täter_innen und der griechischen Gesellschaft handelt.

„Amarynthos From Below

Anfang November wurde in Amarynthos in Euboia noch eine Anklage wegen Vergewaltigung erhoben, diesmal ging es um eine minderjährige Migrantin. Die 16jährige Schülerin aus Bulgarien zeigte die Vergewaltigung (die auch noch in Video aufgenommen wurde) durch 4 griechische Mitschüler in den Schulräumen an. Die Zustimmung der Ortsgemeinde zu diesen sexistischen und rassistischen Verbrechen war total.
Alle Lehrer der Schule, die Verwandten, die Mitschüler und natürlich die Polizei stellten sich gegen die Vergewaltigungs“option“, was die Schülerin und ihre Mutter dazu veranlasst hat, den Ort zu verlassen, vor allem, nachdem sie direkt vor dem Gerichtsgebäude einem Lynchversuch entgangen waren.
Am 19 November wurde in dem Dorf Amarynthos eine Demo von 100 Personen aus der anti-System-Linke (hauptsächlich aus Thessaloniki) veranstaltet, wodurch zumindest ausgedrückt werden sollte, dass manche diese Geschichte nicht vergaßen, dass manche noch wütend sind über das lautstarke Schweigen oder die unvorstellbaren Relativierungen der Ereignisse, in denen die griechische Gesellschaft und ein großer Teil der griechischen Linke Zuflucht gesucht hatte.
Die Demoteilnehmer von 19. November haben nicht nur die Beschimpfungen und die Gelächter der Einwohner ertragen müssen, sondern wurden gegen ende der Demo im Dorf eingekesselt, nachdem die Einwohner die Busse weggejagt hatten. Ziel der Einkesselung der Demoteilnehmer war die Ausübung eines Pogroms, da auch die Polizei deutlich abwesend für über 3,5 Stunden war.
Ergebnis: Es wurden über 60 Demonstranten zusammengeschlagen, 10 von denen wurden ins Krankenhaus mit Schädelbrüche eingeliefert, da die „spontan organisierten“ Einwohner von Amarynthos mit Spaten, Eisenspieße, Ziegel- und Marmorsteinen und anderen Wurfgeschossen aus 2 Meter Entfernung angegriffen hatten.
Der Angriff – an dem auch einer der Vergewaltiger teilgenommen hat – war ein mörderischer; nur durch Zufall gab es keine Toten. Die Bewohner riefen während des Angriffs – der über 1,5 Stunden auf einer Landstraßenstrecke von 3,5 Km (während die Autos ganz normal vorbeifuhren) andauerte – „was wollt ihr hier in unserem Dorf?“, „ihr werdet nicht lebend hier rauskommen“ und „wir haben richtig gemacht, diese Hure zu vergewaltigen“.“

Heftigst.
Was bleibt nach einer solch niederschlagenden Nachricht – vielleicht ein leises ‚Solidarität‘ an die griechischen Genoss_innen und die Überlegung, ob nicht Unterstützung in Form von Finanztransfers (Soliparties…) oder zumindest einer schriftlichen Grußadresse angesagt wären …


Lust auf’s Gerücht – Appetit auf’s Gericht

11. Dezember 2006

Vor einigen Wochen stieß crash eine Diskussion über Pädophilie an. Zurecht weist crash auf den repressiven Umgang mit infantiler Sexualität hin, die gemeinhin totgeschwiegen oder totgemacht („Nimm deine Finger da weg!“) wird, um dann die Frage aufzuwerfen, inwieweit Sexualität zwischen Kindern und Erwachsenen legitim sein könnte, ohne zu einer eindeutigen Position zu finden. Die anschließenden Postings kaprizieren sich auf juridische Aspekte, v.a. auf die schleichende Verteufelung von Sex zwischen Erwachsenen und Jugendlichen oder Jugendlichen untereinander.
schokolade, die an sich lesenswert über französische Labormäuse und ähnliche Alltagsphänomene bloggt, wirft sich nun hochempört in Pose und schreibt/hetzt:

„oh mann, eklige blog-macker die sich über pädophilie unterhalten als wäre es eine sexualpraktik die vollkommen zu unrecht vom staat verboten wird. baaaah. ja, wirklich schade, dass man keine 8-jährigen mehr verführen darf, jetzt wo homosexualität ok ist sollte das wirklich das nächste sein! und diese bösen prüden amerikaner! da darf man nicht mal sex mit jugendlichen haben!
[…]
oh nein, der arme lysis darf keinen sex mehr mit 14-jährigen haben!!!!
.. wow ich könnte noch 20 weitere super eklige zitate raussuchen.. lests euch lieber selbst durch.. einigen leuten sollte man echt die lizenz zum bloggen entziehen“

Der implizite Vorwurf des Antiamerikanismus mag gerade noch zutreffen – grenzt sich doch jede Durchschnitssdeutsche auf der Höhe der Zeit von den USA ab, wenn es um Prüderie, Heuchelei und Christenfundis geht – ansonsten spricht hier aber das pure Ressentiment, oder, wie es bigmouth nennt, ‚funktionaler Analphabetismus‘. Der Wille, etwas in das Gesagte hineinzuinterpretieren, was dort keineswegs steht und auch nicht (zwingend) subkutan schwelt, zeigt sich besonders in der unmittelbaren Rückführung einer politischen Auseinandersetzung über Sinn und Unsinn solcher strafrechtlichen Repression auf das persönliche Begehren der Diskutant_innen, denen in Bausch und Bogen unterstellt wird, sie wollten nur „8-jährige verführen“ oder „Sex mit 14-jährigen haben“. Eine Begründung, warum dies fälschlicherweise unterstellte Interesse denn nun so verwerflich wäre, muss gar nicht mehr gegeben werden – die moralische Empörung setzt sich selbst absolut (mit vier Ausrufezeichen). Hat man erstmal einen solchen Popanz von abscheulichen ‚Kinderfickern‘ aufgebaut und somit jede Reflexion über die Frage nach der Funktion und Sinnhaftigkeit des Konstrukts ‚reine unschuldige ohnmächtige und bewusstlose Kindheit‘ abgewehrt, kann im nächsten Schritt an den sonst (hoffentlich) verhassten Staat appelliert werden, dessen Gesetze in diesem Fall ja offenbar „vollkommen zu […]recht“ besteht und der (oder eine andere Autorität) doch bitte den angeblichen Pädos die „Lizenz“ (!) zum Bloggen entziehen solle. Offenbar leitet hier der selbe Gedanke, der derzeit auch zum Ruf nach Verbot der sog. Killerspiele und sonst zu Prohibition etc. führt: wenn ein bestimmtes Symptom unterdrückt wird, verschwindet auch das entsprechende Bedürfnis.
Was schokolade und andere Linksradikale sonst vehement bestreiten würden, gewinnt Legitimität, wenn es nur um das umkämpfte, tabu-behaftete Thema Sexualität geht: der Ruf nach dem starken Staat, das Bündnis mit dem Stammtisch, die Bildung von virtuellen Mobs*.

tofu besitzt offenbar einen guten Riecher für solche ‚Call for Mobs‘, nimmt sogleich die Witterung nach dem devianten Subjekt auf und ventiliert nun ebenfalls – garniert noch mit ein-zwei verklemmten Witzchen –, Lysis „wolle irgendwann mal mit seinen 30+x Jahren Sex mit einer oder einem Minderjährigen“ haben. Ich weiß nicht wie Leute, die ansonsten vor politisch unkorrekten und persönlich verletztenden Aussagen einigermaßen zurückschrecken, darauf kommen, solche Denunziationen vom Stapel zu lassen und sich dabei wirklich exakt der selben Muster wie die Mehrheitsgesellschaft – Selbstzertifzierung als Moralwächterin, argumentlose Abscheu vor extremen Verhalten, Ruf nach Bestrafung, spontane Verbrüderung von Subjekten die sonst oft wenig bis nichts verbindet, Verbreitung von Gerüchten ohne überprüfbare Grundlage – zu bedienen. Offenbar läuft die Enthemmung über die Thematik – lässt jemand den Blick unter die Gürtellinie gleiten, schrillen alle Alarmglocken und in der inbrünstigen Verteidigung der Normalität sinkt das inhaltliche wie formale Niveau dann entsprechend der Tiefe(nschärfe) des Blickes. Vielleicht fällt die Abstrafung bei Lysis umso leichter, da er nicht nur aufgrund seiner tatsächlich oft übereifrig-pedantischen bis antizionistischen Debatteneinsätze verhasst ist, sondern auch durch seine als bekannt vorausgesetzte Homosexualität und seine theoretische Beschäftigung mit dem Komplex Sexualität/Geschlecht bereits als queer, pervers, anormal markiert ist – gerade in einer Subszene der Blogosphäre, die diesen Komplex und v.a. den jeweiligen persönlichen Bezug idR systematisch ausspart.
Das kann aber keine Entschuldigung sein für das absolut widerliche, anti-emanzipatorische Verhalten der Denunziant_innen und ihrer wohl nicht wenigen klammheimlichen Mitschadensfreuer_innen.

* Eine ähnliche Situation – selbes Thema, ähnliches Diskutantenmilieu – gab es bereits vor einigen Wochen im emopunk.net-Forum


Iran_Update

08. Dezember 2006

Ignoriert von der hiesigen Presse fanden in den letzten Tage Proteste von vor allem linken Studierenden gegen die Mullahs im Iran statt. Demos mit insgesamt mehreren 1.000 Teilnehmenden konnten weitgehend ungehindert stattfinden, in Teheran wurde gegen den Willen der bewaffneten Staatsmacht der Campus gestürmt. Bilder (+ Kurzbericht) bei Indy:

-> 1
-> 2

Auch in Frankfurt fand, wie im Vorfeld angekündigt, eine Solidaritätskundgebung statt, die Berichten zufolge mit 30-40 Teilnehmenden – davon immerhin knapp die Hälfte ohne iranischen Background – durchschnittlich besucht war.

Ein aktueller TAZ-Artikel zur verschärften Zensur gegen Presse und Literatur sowie zur intensivierten Repression an den Unis findet sich hier.

Ebenfalls außerhalb der Sichtweite der Mainstream-Presse und des linken Diskurses steht neben den Studi-Protesten der massive Rassismus der iranischen Regierung, der sich derzeit offenbar vor allem auf die im Land lebenden afghanischen Flüchtlinge konzentriert. Obwohl sowieso schon rechtlos und zu Niedrigstlöhnen ausgebeutet, wurde nun offenbar der Plan gefasst, 500.000 von ihnen abzuschieben. Kargaran, eine Homepage der API, berichtet:

„All parts of the government have a direct hand in this fascistic campaign. They have officially declared a ’shock plan‘ to arrest and deport Afghans and the Labour Minister of the Islamic Republic has claimed that according to this plan, more than 500 thousand Afghans will be deported from Iran.
According to the Islamic Republic’s statistics, more than a million Afghan refugees live in Iran. They mostly work under the hardest and most hazardous conditions and are treated heinously. Their work conditions are nothing less than slavery. They have no security. Their wages are well below the official poverty line and minimum wage. The greedy employers are making profit out of this government offensive and the lack of security for Afghan workers by reducing their already low wages and forcing them into even more inhumane work conditions. The voice of this part of the society is not reflected anywhere.“

Auf der selben Homepage findet sich auch ein etwas längerer Text mit dem Titel „Far left collusion with islamo facism“, der sich an einer Kritik der britischen Linken übt. Anlass ist die Einladung des iranischen Botschafter zur letztjährigen Konferenz der ‚Campaign for NuclearDisarmament‘ [CND], einer Institution der britischen Friedensbewegung. Kargaran fragt wütend:

„So when is CND hosting anti-nuclear activists from Iran? Not any time soon, it seems. Moreover, when a handful of delegates heckled Dr Deli, they were ejected by CND stewards. All of which leaves Iranian left-wingers rather puzzled about the politics of the British peace movement. Peace at any price? With any blood-stained dictatorship? The ayatollahs view Dr Adeli’s speech to CND as a big propaganda coup; giving them kudos and respectability. Anti-fascist Iranians feel totally betrayed. „

Im Weiteren werden weitere Einblicke in die Folterhölle Iran und die Verdummungsmaschinerie Insellinke gegeben:

„Welcome to the new medievalism that is modern Iran, where the barbarism of Sharia law holds sway, and where superstitious, bigoted clerics have the power to decide whether people live or die for the most trivial offences. Women are threatened with lashing for ‚misplaced smiles‘ that arouse ’satanic desires‘ in men. Last year, 14 year old Kaveh Habibi-Nejad was flogged to death in the town of Sanandaj for ‚eating in public‘ during Ramadan. Franco’s Spain and Pinochet’s Chile were tea parties by comparison to Iran’s Islamist bloodfest. Since the ayatollah’s seized power in 1979, nearly 100,000 Iranians have been murdered – including socialists, trade unionists, communists, feminists, journalists, students, lawyers, writers, doctors, human rights activists and religious and ethnic leaders.
[…]
Torture is endemic. The barbaric tortures inflicted in the name of Islam include the cutting out of prisoner’s eyes, crushing their heads in metal vices, and forcing boiling water into their ears.
[…]
The Labour government also ignores the cries of the Iranian people. The Home Office says Iranian asylum seekers with torture scars all over their bodies are ‚not genuine.‘ It wants to deport them back to Iran, where they will face further torture and possible execution. The Foreign Office has prioritised action against Iran’s nuclear programme. Human rights concerns have been quietly dropped; much to the delight of the ayatollahs.
[…]
Despite its socialist rhetoric, the far left is no better. In Iran in mid-2003, a wave of strikes and demonstrations by workers and students was violently suppressed, with over 4,000 arrests. Where were the protests from the workers‘ defenders, the Socialist Workers Party?
Only last week, two labour activists were jailed for taking part in a peaceful May Day rally in the city of Saqez in 2004. Mahmoud Salehi got five years and Jalal Hosseini three years. It is thanks to international trade union protests that these men did not suffer a more grisly fate.
[…]
The SWP’s atheist leadership used to dismiss religion as the opiate of the people. Now, for the sake a few votes, their hide their irreligiousness and collude with the right-wing Islamists of the MAB; selling out liberal and progressive Muslims, and turning their backs on the Iranian people’s freedom struggle. SWP. Socialists Without Principles?“

Edit:
nada wa da (haha …) und fragt leicht verwirrt:
„Protestier nicht mit den Arbeiterkommunisten?“
. Das MegaphonVorbet-ImChorParolenruf-Spiel, die klar erkennbare Kaderstruktur, die relativ simplen aber eindringlichen Reden sind mir auch schon bei anderen Aktionen der API aufgefallen – aber unterscheidet sie sich damit großartig von anderen kommunistischen Parteien, die m. W. nach so gut wie nie ohne autoritäre Formierung, Massenverherrlichung und einen gewissen Populismus auskommen!? Ihr Oldschool-Trip incl. des gemeinsamen Absingens von Arbeiterliedern, der sich nun wirklich jedem westlich-linken Diskurs der letzten vierzig Jahre verweigert, ist zwar einerseits gruselig, lässt sie aber andererseits durch ihr striktes Beharren auf der alten Banalität vom Hauptfeind und dem eigenen Land als die einzig lebenden Erbverwalter der Liebknecht-/Luxemburg-Linie des Kommunismus mit K dastehen – und das ist schon viel mehr als man von den allermeisten Linken in Europa sagen könnte. Die Eingangsfrage wäre also mit einem ‚Jein doch!‘ zu beantworten – berücksichtigt man noch die persönlichen Verfolgungserfahrungen vieler Arbeiterkommies und ihre Isolation in der germanischen Linken ebenso wie in der Gesamtgesellschaft, müsste man sogar von einem entschiedenen ‚Jain doch!!‘ sprechen ;)
In diesem Sinne: Get connected – hoch die interantinale S!


Individualisieren, Sozialisieren, Dialektisieren

07. Dezember 2006

Ivo Bozic greift in der Disko-Rubrik der Jungle World die seit heute wieder heiße Frage nach den Motiven und Auslösern von Amokläufen auf. Zurecht warnt er vor einer Viktimisierung, wie sie meines Erachtens trotz Bosses eklatantem Rassismus vor allem in linken Kreisen zu beobachten war: der Täter als Gedemütiger, der keinen anderen Ausweg mehr gehabt habe, und dessen nihilistische Tat insgeheim vielleicht als eine Art antikapitalistische Antwort auf die angebliche Dekadenz und Korruption westlicher Gesellschaften – Handys, Videospiele, Bling-Bling – gelesen wird.
Allerdings gelingt es Bozic im Weiteren nicht, einen eigenen Punkt zu machen – stattdessen schlägt sein Beharren auf individueller Entscheidungsfähigkeit und Eigenverantwortung um in eine grundsätzliche Leugnung eines Zusammenhangs zwischen Amok und Gesellschaft, letztlich Subjekt und Objekt. Zwar revidiert er diese Negation zum Ende der Diskose wieder, indem er einige Fragen aufwirft (u.a. den konstruierten Verweis auf Islamist_innen als mögliche politische Vorbilder) – es bleibt aber unklar, wieso die darin genannten Faktoren – Maskulinismus, Prekarisierung, Globalisierung – nun irgendwie doch einen (indirekten?) Einfluss ausüben sollen und wie dieser sich gestaltet. Statt diese Relation zu klären, macht Bozic sich plötzlich Sorgen um die „Zukunft der Gesellschaft“ und schlägt sich damit wieder einmal, wie bereits in seiner berüchtigten Forderung nach einem Schlussstrich zugunsten eines Bundeswehr-Einsatzes im Libanon, gnadenlos auf die Seite des falschen Ganzen. So gesehen, stellt sich sein Beharren auf individueller Schuld weniger als Mahnung vor Täter-Opfer-Verkehrungen dar, mehr als Entlastung der gewaltförmigen Gesellschaft in Form der Individualisierung sozialer Tatbestände.
Statt positivistisch die geringe Zahl der Amokläufe in Anschlag zu bringen (und seltsamerweise zugleich dennoch bestet aber beleglos einen Anstieg dieser Zahl zu suggerieren), wäre es nötig, sich genau anzuschauen, was Bosse zu dieser faschistoiden Tat angeleitet hat, wie ich es kürzlich amateurhaft auf diesem Blog versucht habe (Klick). So würde deutlich, dass Bosse durchaus real existierende soziale Strukturen wahrgenommen und verarbeitet hat, Erfahrungen thematisiert, die unmöglich als Einzelfälle abzutun sind – etwa die gnadenlose Ausgrenzung durch dauernden Spott, der befürchtete Arbeitsterror, unterschwellig seine Rolle als Mann, potentieller Ehemann und Vater usw. Dass er im Gegensatz zur absoluten Mehrheit seiner Mitschüler_innen zum Mittel des Amoklaufs gegriffen hat sollte nicht dazu verführen, dieser Mehrheit per se Friedfertigkeit zu attestieren, wie es Bozic indirekt tut. Eher wäre zu fragen, was die majoritären Formen von Konfliktverarbeitung sind – dabei würde man ebenfalls auf massenhaft Gewalt treffen, die aber weitaus unspektakulärer ist als der Amoklauf. Entweder weil sie auf der verbalen – „Ich kill dich“ …. oder symbolischen – eben PC-Spiele, Kampfsport, HipHop, Fussball – Ebene verbleibt, weil sie aufgrund der Trennung von Privatem und Öffentlichem unsichtbar gemacht wird – Schläge, Vergewaltigungen etc. im engeren sozialen Umfeld (ältere gegen jüngere Brüder/Schwestern, Beziehungspartner_innen untereinander …), weil sie in kleinen Dosen abgegeben wird – Kleinkriminalität, Schulhof-, Disco- und Kiezschlägereien – oder weil sie eben der von Bozic umsorgten Gesellschaft sinnvoll erscheint. Nicht umsonst titelte der ‚Spiegel‘ in der Woche von Emsdetten mit „Die Deutschen müssen das Töten wieder lernen“: die ehrenwerte Profession von Cops und v.a. Soldat_innen ist ja gerade das massenhafte Töten Unbekannter.
Damit sollen die Unterschiede zwischen den verschiedenen Formen der Gewalt nicht plattgewalzt werden, genausowenig ist damit die Frage nach der konkreten Tat Emsdetten zu beantworten. Aber es führt nichts vorbei an der Analyse einer Gesellschaft, die Massenmord in Form von Amokläufen, Pogromen, Hungerkatastrophen, Kriegen stets aus sich selbst heraus hervorbringt und in einem dialektischen Prozess Subjekte produziert, welche die widersprüchlichsten Anforderungen zwanghaft vereinen müssen und daran regelmäßig scheitern – als Junkie, Arbeitslose, Depressive, Bulimiekranke, Kaufsüchtige, Arbeitswütige, Suizidale, Stalker_in, Vergewaltiger, Eifersuchtsmörder oder eben Amokläufer.


Nichtidentisch? Doch identisch!

06. Dezember 2006

Da – wohl aufgrund der fucking myblog-Technik – meine Antwort auf eine Antwort von nichtidentisches auf meinen Kommentar zu seinem Beitrag Steinigungswut in Iran trotz wiederholten Bemühens nicht ankommen mag und ich gerade kaum Zeit zum Bloggen finde, stelle ich sie einfach hier als Beitrag ein, obwohl sie mehr aus Gepöbel denn aus sachlicher Argumentation besteht ;)
Zum besseren Verständnis empfiehlt sich zunächst die Lektüre des nichtidentischem Posting und dem ersten Teil der darunter geführten Diskussion (anschließend ufert die Debatte in unspannende Exegese der Märchen irgendwelcher dummer Honks, die seit 2.000 Jahren tot sind, aus).
Im Folgenden also meine Antwort, Zitate von nichtidentisches kursiv.

„Ich verlinke eine „Bolschewistenseite“ um zu beweisen, dass es keine organisierte, nennenswerte Opposition gibt. Wo ist das Problem? Das bisschen Widerstand von Studentenprotesten ist bei weitem nicht das, was einer aufgeklärten Gesellschaft anstünde, nämlich zur bürgerlichen Revolution zu schreiten, die Frauen nicht auszuliefern und mal nicht wegzuschauen, Gerichte stürmen, etc. was alles möglich ist und war, schließlich wurde der Schah auch gestürzt aber ja, der schlimme Terror, der hat ja schon die Deutschen mundtot gemacht…“

Bist du völlig verdummt? Die iranische Bevölkerung verhält sich also gleich den Deutschen, die bekannterweise zu 99% führertreu waren? Und es gibt keinen organisierten Terror im Iran, oder was? Wieso werden dann Leute an den Unis von Angehörigen der Bassiji-Milizen erstochen, nur weil sie sich mit ihrer Verlobten unterhalten, wie vor zwei Wochen geschehen? Warum werden Leute zusammengeschlagen, wenn sie Popmusik hören, und ihre Häuser gerazzt wenn sie Satellitenschüsseln auf dem Dach haben?
Einen ersten Einblick in die iranische Situation gibt dir vielleicht ein Artikel von B. Schmid (von dem ich sicher kein Fan bin und dessen zweite Hälfte sehr tendenziös ist):
http://phase2.nadir.org/rechts.php?artikel=404&print=
Ansonsten empfehle ich dir die Lektüre von Seiten und Blogs der iranischen Opposition.

„Wenn Ahmadinedschad nur die vielbeschworenen Miniprozente bei Wahlen bekommt, warum wird er nicht gestürzt?“

Klar gibt es eine Trägerschicht des Regimes, es besteht kein Grund zur Veranlassung der iran. Bevölkerung zum unterdrückten aber widerständigen revolutionären Subjekt, aber die Kämpfe die im Iran trotz der ständig über ihnen schwebenden Morddrohung sind weitaus heftiger als in den meisten Ländern Mitteleuropas, wo jede idR bequem und furchtfrei auf die Demo gehen kann wie es ihr beliebt.

„Es gibt übrigens exiliranische Gruppen, die eine Intervention fordern, zum Beispiel das Häufchen von 200 aufrechten Leuten, die vor der iranischen Botschaft „No Nukes to the Mullahs“ transparentierten.“

Man muss keinen Militärschlag befürworten um gegen die Atomwaffen der Mullahs zu sein, check die Arbeiterkommies (leider Trotzkist_innen).

„Wenn du darüber hinaus in einem Artikel die Verbindungen von deutschen Geheimdiensten und dem Iran aufarbeitest, verlinke ich es gerne.“

Gerade keine Zeit für Recherche, leider langfristiges Projekt da kaum Literatur existent und ich kein Persisch. Dtland hat da wohl einiges reingebuttert an Know-how und Finanzen, zumindest Anfang der 90er. Ein exiliran. Genosse erzählte mir auch, dass es in Deutschland Leute gibt, die wg. Verfolgung durch dt.+iran Geheimdienst untertauchen mussten und unter falschem Namen hier leben.

Außerdem sei auf eine Resolution zur Unterstützung der iranischen Studierendenbewegung hingewiesen, die ihr hier findet (runterscrollen). In die Kommentarspalte poste ich eine flammende, dezent übertrieben aber dennoch irgendwie sympathische Antwort der Jugendorganisation der Arbeiterkommunistischen Partei des Iran im Exil.

Zudem an dieser Stelle der Hinweis auf die morgige Kundgebung des ‚Internationalen Komitee gegen Steinigung‘ für den Kampf der Studierendenbewegung gegen die Mullah-Herrschaft, die um 15 Uhr vor dem iranischen Konsulat, Raimondstraße 90, Frankfurt-Dornbusch beginnt. Sei da oder sei ein Quadrat!


Three years dirtiest place in town …

01. Dezember 2006

… celebrate the one and only Institut für vergleichende Irrelevanz and yourselves:

pareille

Texte des ivi:

ivi-Positionsdebattenpapier [2004]
***
against the eternal return of the always same … – Über die prekäre Situation des ivi
***
Stellungnahme zu den antizionistischen Übergriffen am Rande der Demonstration »Gedenken an den Atombombenabwurf auf Hiroshima (6. August 1945) und für eine sofortige Waffenruhe im Nahen Osten«
***
contre l’université – quatrième fois [30.10.-9.11. ’06] – Ankündigungstext und Programm


Recent media:

Deutschlandradio-Bericht,
auch als mp3 konsumierbar
***
Frankfurter Rundschau
***
Derzeit finden im ivi Dreharbeiten für einen Beitrag zur arte-Sendung ‚tracks‘ statt.