Den Feier- zum Alltag machen

22. Dezember 2006

Eine der wenigen Assoziationen im Dunstkreis der radikalen Linken, die weder zu krudem Antiimperialismus, faktenhuberischem Expert_innentum oder identitärem Bekenntnisdrang tendiert, sondern noch Gesellschaftskritik im besten Sinne betreibt, ist die ‚Sozialistische Studienvereinigung/theorie praxis lokal‘ [tpl] aus Frankfurt. tpl organisiert derzeit mehrere Kapital- und Situationisten-Lektürekurse und betreibt ansonsten eine Homepage, auf der etliche ausführliche Texte/Veranstaltungsberichte nachzulesen bzw. Referate und Diskussionsmitschnitte nachzuhören sind – u.a. zu den Themen Religion, Antisemitismus, politische + libidinöse Ökonomie, Staat + Subjekt.
Vom 24. bis 26.12. bietet tpl unter der Parole „Die antispektakuläre Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik“ drei Termine im ‚Institut für vergleichende Irrelevanz [ivi]‘ an. Es folgt das Ankündigungsschreiben:

theorie praxis lokal bietet am 24. bis 26. 12. 2006 die möglichkeit, sich dem totalitären kultus der heiligen familie zu entziehen & die christlich-germanischen feiertage durchgehend für ihr gegenteil, nämlich für kritische basistheorie zu nutzen.

(diese antispektakulären tage sind keinesfalls als „aktion“ oder gar als fete oder dergleichen zu verstehen. denn es gibt absolut nichts zu feiern, auch ist jede färbung durch negativfixierung zu vermeiden, also vor allem das missverständnis einer „gegen-“ oder „alternativen Xmas“ . scene- spiesser_innen, politikant_innen & aktivist_innen, welche auf diese weise das mental verordnete rechte treiben auf links verdoppeln möchten, können die heilige nacht in der frankfurter batschkapp, dem club voltaire oder auf den diversen linkspopulistischen parties bzw. jedenfalls „im kreise ihrer lieben“ begehen. mit 1 wort: in den alternativen families, die sich alle bemühen, am rituellen festtag „der liebe“ & der tiefstsitzenden emotionalen bindungen von ausgebeuteten & ausbeuter_innen in größter selbstverständlichkeit & in „natürlichstem“ einvernehmen aller mit allen die gabe ihrer zusätzlichen authentischen gemeinschaftlichkeit darzubringen. )

der kritische kurs zu buch (1967) & film (1973) von GUY DEBORD: DIE GESELLSCHAFT DES SPEKTAKELS findet statt am sonntag dem 24.12. abends 20 uhr sowie an den nachmittagen montag 25. & dienstag 26.12. jeweils ab 15 uhr im IVI (kettenhofweg 130) frankfurt am main.

da die theoretische praxis für den communismus das fest der heiligen familie auch nicht einfach ignorieren kann sondern an der zerstörung dieses reaktionärsten & massenhaftesten heiligtums aller bisherigen gesellschaftsordnung interessiert ist, variieren wir den kritischen kurs am 24.12. 2006, 20 uhr im IVI mit einer VERANSTALTUNG zur KRITIK DER HEILIGEN FAMILIE.

entlang ausgewählten, z.t. kaum bekannten texten von karl marx, der freudschen linken, der kritischen theorie von horkheimer/adorno, entlang george bataille bis gilles deleuze & vor allem den situationist_innen wird sowohl die progressive wie die regressive bisherige kritik an der institution „familie“ & ihrer religiösen projektionsgestalt umrissen. die progressiv-zivilisatorische marxsche kritik an der bauer-family & an max stirner sowie die kritik der ödipus-verewigung durch die communistischen psychoanalytiker_innen des fenichel-kreises wird gegenübergestellt der regressiv-entsublimierenden vergemeinschaftungs-ideologie des „anti-ödipus“ von den revoltprofessoren deleuze/guattari als dem grundbuch der heutigen substaatlich-repressiven anti-emp„aktivist_innen“ der radikalreformistischen linken. zugespitzt wird diese kritik auf die untersuchung der „gesellschaft des spektakels“ als antifamilialistischer & religionskritischer analyse, die einen bisher noch nicht erfüllten anspruch an eine materialistische parallelführung oder synthesis von „kritik der politischen ökonomie“ & „kritik der libidinösen ökonomie“ gestellt hat.
da wir in zukunft auf weitere entfaltung einer historisch-materialistischen kritik der heiligen familie hoffen – in theorie praxis lokal oder anderswo —, konzentrieren wir uns diesmal möglichst auf die denunziation der deutschen familien-& weihnachtsseligkeit, diese besonders widerliche & gefährliche erscheinungsform heidnischer wintersonnwendfeier unterm christlichen firnis, kulminationsbeispiel: der unvergessliche fake fürs deutsche gemüt einer “rundruf“sendung des reichsrundfunks am 24.12.1942 mit absingen von „stille nacht heilige nacht“ aus allen fronten des großdeutschen reiches bis in den schützengraben vor stalingrad.
die veranstaltung orientiert sich somit an dem motto von karl marx (feuerbach-these nr.4): „Also indem die irdische Familie als das Geheimnis der Heiligen Familie entdeckt ist, muss nun erstere theoretisch und praktisch vernichtet werden.“

anschliessend wird der film „la société du spectacle“ (1973 von guy debord) unter diesem aspekt sowie als auftakt & übergang zu den kurs-nachmittagen (am 25. + 26.12.) gezeigt.

die situationistische kritik der spektakulären kapitalistischen warenproduktion gehen wir an den kurs-nachmittagen weiter durch, entlang den filmsequenzen, die wir auf grundlage der vordiskussion des filmskripts in dt. & engl. übersetzung im einzelnen auf ihre „entwendung von bildern“ untersuchen. (genügend skripte, mit bildbeschreibungen, liegen als kopien vor.) die text-aneignung kann sich dabei auf die protokolle vorhergehender spektakelbuch-kurse (aus 2002-04) stützen; die deutungs-arbeit entlang der „verbildlichung“ durch den „anti-filmer“ debord ist ein neues experiment historisch-materialistischer aneignung, zu dem wir einladen unter dem motto:
„Die antispektakuläre Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik.“

mit communistischen gruessen — eure studienvereinigung (frankfurt a.m.)
theorie praxis lokal

tpl befindet sich übrigens – wie jede vernünftige Gruppe und (fast) jede vernünftige Person heutzutage – in akuten Geldnöten, also spendet gefällig, falls ihr zufällig nicht unter die Prekarisierten fallen solltet.


1 Kommentar

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  1. […] Dass es freilich noch immer Leute gibt, die in den fruchtlosen Diskussionen der 70er Jahre herumzirkeln, beweist die Sozialistische Studienvereinigung/theorie praxis lokal [tpl] aus Frankfurt am Main. Passend zum Fest der Liebe bietet sie vom 24. bis zum 26. Dezember am Institut für vergleichende Irrelevanz ein Seminar an, das die Debatte über Familie und Sexualität nicht etwa, was ja einigermaßen aktuell wäre, am Thema staatlicher Bevölkerungspolitik aufhängt, sondern sich, wie ehedem, an psychoanalytischen Fragen à la Ödipuskomplex und ‘Studien zu Autorität und Familie’ entlang hangelt. Sicher wird am Ende wieder die abgenudelte These von Horkheimer/Adorno rauskommen, dass die bürgerliche Familie den psychologischen Acker liefert, auf dem die “autoritäre Persönlichkeit” gedeiht, ohne sie aber auch das selbstbewusste bürgerliche Individuum nicht zu denken wäre, auf dessen Resistenzkraft die Kritische Theorie vertraut. Mal sehen, wie die Gruppe das Paradox diesmal aufzulösen gedenkt. […]

    Pingback von Freudomarxismus — ein gescheitertes Theorieprogramm // Lysis — 23. Dezember 2006 @ 23:14

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