Ein Brief gegen Freundschaft – Isfahan und Freiburg

13. Dezember 2006

Es ist schon kurios: die einzige deutsch-iranische Städtepartnerschaft besteht ausgerechnet zwischen Isfahan, dem Zentrum der Mullah-eigenen Atomindustrie, und Freiburg, dem größten linksalternativen Kiez südlich des Spätzleäquators, der sich in den 1980ern zur ‚atomwaffenfreien Zone‘ erklärt hatte. Im Vergleich zu anderen solcher Partnerschaften, die oft nur auf dem Papier existieren, scheint diese Städtefreundschaft von einem hohen Grad an Interaktion geprägt zu sein:

„Über 200 wechselseitige Aktivitäten hat das Rathaus gezählt: Kunstprojekte, Studentenaustausche, Bürgerreisen, Theateraufführungen. Im Oktober wird eine große Ausstellung iranischer Künstler in Freiburg eröffnet.“

Angesichts der engen ökonomischen Kooperation – Deutschland ist der wichtigste Exporteur in den Iran – liegt der Versuch der Intensivierung wirtschaftlicher Kontakte nahe:

„Mai 2005: Auf seiner Reise nach Isfahan trifft sich Herr Dr. Salavati mit Herrn Dr. Rasoul Ranjbaran, Präsident der Handelskammer von Isfahan und führen die Gespräche über weitere Entwicklung der Partnerschaft und die Erweiterung der gegenseitigen Wirtschaftsbeziehungen beider Städte. Dr. Ranjbaran lädt daraufhin den Präsidenten der IHK – Freiburg mit einen Delegation nach Isfahan ein
August 2006: Auf seiner Reise nach Isfahan trifft sich Herr Dr. Salavati mit Herrn Sahlabadi, Präsident und die Vorstandsmitglieder der Handewerkskammer von Isfahan […]“

Detailliert nachlesbar sind die Aktivitäten in der Chronik des ‚Freundeskreis Isfahan-Freiburg‘. Neben den erwähnten traditionsfetischistischen Kultur-Events stehen auch, wie es sich für eine liberale Zivilgesellschaft gehört, einige wenige pseudokritische Bauchschmerz-Veranstaltungen zu Buche.
So fand dieses Jahr eine sog. Freiburger Menschenrechtskommission ihren Weg nach Isfahan, um sich die dortigen Zustände zur Brust zu nehmen. Oben erwähnter Mohammad Salavati, Mitarbeiter am Institut für Informatik der Uni Karlsruhe und Initiator der Städtepartnerschaft, erläuterte nach seiner Rückkehr die Strategie der Kommissionäre: „Natürlich wurde nicht aggressiv – zum Beispiel – über die Einhaltung der Menschenrechte nachgefragt. Aber man hat sich über Positionen und Weltbilder ausgetauscht.“
Angetan von diesem Toleranzedikts im Geiste Salt‘n'Pepas – ‚Let`s talk about premarital sex‘ – oder der Stones – ‚Like a rolling stoning‘ – sekundiert Michael Moos von der ‚Linken Liste‘: “ Man kann dort offen seine Meinung sagen, auch wenn es um die heiklen Punkte geht”.
Der von Adorno analysierte Dreiklang „Meinung – Wahn – Gesellschaft“ bekommt in solcher offenbarer Lüge im Gewande des angeblichen Respekts vor ‚anderen Sichtweisen‘, der behauptet sich über Folterungen, Massenmord und einen angedrohten zweiten Holocaust zwanglos beim Kaffeekränzchen ‚austauschen‘ zu können, eine neue Facette.
Zwar sagte OB Salomon (Grüne) vor wenigen Monaten seine Pilgerreise nach Isfahan aufgrund der „Israel-Äußerungen“ Ahmadinedjads ab (die Isfahaner Presse simulierte daraufhin kurzerhand in ihrer Berichterstattung den realiter ausgefallenen Besuch), doch die lokalen Meinungsführer der ‚Badischen Zeitung‘ (BZ) wissen:

„Die Vorteile überwiegen – Partnerschaft auf schmalem Grat.
Bürger- und Schülerreisen, Kulturaustausch, dazu die Kontakte der Universitäten – der Rektor will demnächst zum zweiten Mal nach Isfahan reisen: Die Partnerschaft zwischen Freiburg und Isfahan, die erste und einzige Verbindung zwischen einer deutschen und einer iranischen Stadt, ist in ihren ersten fünf Jahren eine Erfolgsgeschichte gewesen. „

Angelika Beer (Grüne) geht noch einen Schritt weiter und reklamiert für Freiburg eine Vorreiterrolle, die möglichst viele Nachahmer_innen anziehen soll:

„Die Präsidentin der Iran-Delegation des Europaparlaments sah Freiburg als Vorbild für andere Städte. „Es sollten auch andere deutsche Städte diesem Beispiel folgen und Partnerschaften mit dem Iran eingehen.“"

Besonders perfide zeigt sich das ‚Freiburger Friedensforum‘ in einem vom antiamerikanischen Ressentiment wie die Schupfnudel vom Fett triefenden Brief an OB Salomon. Mit keinem Wort wird die von einer möglichen iranischen Bombe ausgehende Gefahr erwähnt, ebensowenig der eliminatorische Antizionismus oder der faschistoide Charakter des Mullah-Regimes. Stattdessen fühlen sich die Pazis in den iranischen Nationalismus ein, lediglich auf dem Feld der Solarenergie möchten sie zivilisatorische Mindeststandards gewahrt wissen:

„Dazu kommt die begründete Angst vor israelischen Atomwaffen und die mehrfache Kriegsdrohung Bushs seit 2001 gegen den Iran als „Schurkenstaat“. Mitte August schloß Bush sogar den Einsatz eigener Atomwaffen nicht aus. Das belastet verständlicherweise auch viele Menschen in Isfahan.
Ein weiterer Anknüpfungspunkt in Isfahan wäre die Mitgliedschaft in der Kampagne Mayors for Peace. Als Mitgliedsstadt hat Isfahan wie Freiburg sich dazu verpflichtet, die Abschaffung aller Atomwaffen bis 2020 anzustreben. Ausserdem wäre es denkbar den Fessenheimbeschluß des Gemeinderats oder unser (leider nicht ausreichender) Katastrophenschutzplan in Isfahan vorzustellen. Solarenergie wäre auch ein wichtiges Thema. Menschenrechtsverletzungen wollten Sie von sich aus ansprechen. „

Einzig öffentlich vernehmbare Stimme gegen die Partnerschaft von Atom- und Ökohauptstadt war bisher die ‚Junge Union Freiburg‘, die sich in einem Offenen Brief an OB Salomon (pdf!) für eine sofortige Beendigung der offiziellen Kontakte aussprach. Mit der Bedrohung Israels wie der binnen-iranischen Menschenrechtslage argumentierend stellten sich die Nachwuchsspießer_innen, sonst gegen „Graffiti-Vandalismus“ und „Anti-Deutschland-Kampagnen“ der ‚Grünen‘ (sic!) engagiert, sogar in ihrer Partei, wo dem transatlantischen Flügel nicht mehr die unbedingte Hegemonie zufällt, ins Abseits. Offenbar haben die jungen Braven die Zeichen der Zeit – links blinken in Form von konsequenzlosen Mahnungen, Petitionen, empörten Distanzierungen, ergo Sonntagsgerede und gleichzeitig rechts abbiegen in Form von Verhinderung effektiven Vorgehens gegen die Atombombenpläne sowie kontinuierlicher wirtschaftlicher, politischer und geheimdienstlicher Kooperation – noch nicht erkannt .

Im Folgenden dokumentierte ich einen weiteren Brief an OB Salomon – da er bisher m. W. nicht online steht, stelle ich ihn zur Gänze ein. Das Schreiben stammt von den ‚Autonomen IranerInnen Freiburg‘, offenbar keine Tarnorga der ‚Jungen Union‘, sondern eine Vereinigung, die es ernst meint mit ihrer Kampfansage an die islamistische Herrschaft.

„Offener Brief an Herrn Oberbürgermeister Dieter Salomon!

Seit Gründung der islamischen Republik im Iran 1979 wurde das Regime durch die UN-Menschenrechtskommission wegen mehrerer zehntausend Hinrichtungen, Unterstützung des internationalen Terrorismus, Folter, Verfolgung religiöser Minderheiten, Diskriminierung und frauenfeindlicher Politik 53 Mal verurteilt.

Im Iran wird jede kritische Stimme durch Mord, brutale Gewalt oder lange Gefangenschaft ruhiggestellt. Kritischer Journalismus ist im Iran lebensgefährlich, aber auch für Rechtsanwälte, die JournalistInnen vertreten. Zur Zeit sitzen mehrere Rechtsanwälte im Knast. Das religiös faschistische System im Iran organisiert seit 28 Jahren seine Anhänger-
und Schlägertrupps auf Irans Straßen, sie verbrennen US-amerikanische und israelische Fahnen. Seit Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen und der Äußerung Angela Merkels für Pressefreiheit werden auch deutsche Fahnen verbrannt und die Vertretung Deutschlands in Teheran mit Steinen und Brandbomben beworfen. Die Beleidigung Angela Merkels in Form fotografischer Darstellung als israelisch-weltzionistisches Lasttier ist
an der Tagesordnung.

Internationale Terrororganisationen wie Hisbollah im Libanon und Hamas in Palästina oder auch Al-Qaida im Irak werden militärisch und finanziell durch das Regime im Iran unterstützt. Seit dem 8.11.2006 sind zwölf hochrangige iranische Politiker, darunter der Ex-Präsident, Ex-Außenminister, Ex-Geheimdienstminister und der Chef der islamischen Revolutionswächter per internationalen Haftbefehl vom argentinischen Justizministerium gesucht. Sie werden wegen der Tötung von 84 Jüdinnen und Juden bei einem Bombenanschlag auf das jüdische Zentrum in Buenos Aires am 18.7.1994 beschuldigt.

Über 4 Millionen IranerInnen leben im Exil. Der größte Teil der kulturschaffenden IranerInnen haben das Land verlassen, weil im Iran nur noch islamisch geprägte Kunst gegen westliche Kultur gefordert und erlaubt wird. KünstlerInnen im Iran werden nur als PropagandistInnen zur Befestigung des Regimes instrumentalisiert. Sie müssen die Kultur des Jihad und des Krieges gegen die christlichen Werte der westlichen Welt als wahre Kunst darstellen. Kunst soll nur noch der Macht des Regimes dienen.

Im Iran selbst werden demokratische Bewegungen mit brutaler Gewalt bis Mord niedergeschlagen. Frauen haben praktisch keine Rechte mehr. Sie dürfen nur noch mit Erlaubnis ihres Mannes oder eines männlichen Verwandten allein reise. Sei haben kein Recht auf Scheidung und dürfen bestimmte sportliche und künstlerische Tätigkeiten nicht ausüben, und sie müssen sich der vorgegebenen Kleiderordnung unterwerfen. Frauen werden wegen außerehelicher Beziehung zu Steinigung verurteilt. Sie werden bis zur Körperhälfte in die Erde gesteckt, mit einem weißen Tuch überdeckt und dann mit Steinen beworfen, bis sie tot sind.

Aber jetzt zu Ihnen Herr Oberbürgermeister Dieter Salamon!

Haben Sie Bilder von gesteinigten Frauen im Iran nicht gesehen, oder wollten sie es nicht sehen? Bilder von Hinrichtungen von Minderjährigen oder von Frauen, die sich gegen ihre Vergewaltiger verteidigt haben. Herr OB Dieter Salamon, was treiben Sie für einen Kulturaustausch mit dem faschistischen, religiösen Regime im Iran?

Die Islamische Republik hat über 800 Millionen Dollar bereitgestellt; diese sollten weltweit durch Vermittler wie im Fall der Freiburg-Isfahan-Partnerschaft zur Schaffung einer demokratischen Maske für das Folterregime ausgegeben werden. Solche VermittlerInnen sind keine Kulturliebenden, sondern sie fungieren als HandlangerInnen der islamischen Folger-Republik. Ausnahmslos arbeiten solcher VermittlerInnen für den iranischen Geheimdienst und sie werden mit hunterttausenden von Euros reichlich für ihre Tätigkeiten belohnt. Eine solche Partnerschaft legitimiert Steinigungen von Frauen, Hinrichtungen von politischen GegnerInnen, Kriegs- und atomare Rüstung der Islamischen Republik Iran.

Herr OB Dieter Salamon, Sie haben die Macht, diese Partnerschaft zu kündigen oder zumindest einzufrieren, bis eine von der iranischen Bevölkerung legitim gewählte Regierung an die Macht kommt! Ansonsten helfen Sie bewußt oder unbewußt dem Erhalt des faschistisch-religiösen Folterregimes im Iran!

Autonome IranerInnen, Freiburg“


4 Kommentare

Der URI für den TrackBack dieses Eintrags ist: http://waiting.blogsport.de/2006/12/13/ein-brief-gegen-freundschaft-isfahan-und-freiburg/trackback/

  1. Es ist schon kurios: die einzige deutsch-iranische Städtepartnerschaft besteht ausgerechnet zwischen Isfahan, dem Zentrum der Mullah-eigenen Atomindustrie, und Freiburg, dem größten linksalternativen Kiez südlich des Spätzleäquators, der sich in den 1980ern zur ‘atomwaffenfreien Zone’ erklärt hatte.

    Da ist der linke Alternativpatriot natürlich zu Recht empört! Wursthaarantifa und Mullahbombe? Das passt nun wirklich nicht zusammen in einen Abfalleimer!

    Comment von riesenarsch — 13. Dezember 2006 @ 12:33

  2. … es sei denn, man tritt mal ordentlich nach…

    Comment von riesenarsch — 13. Dezember 2006 @ 12:34

  3. ?

    Comment von Administrator — 13. Dezember 2006 @ 13:26

  4. Wie gut das es noch richtige Anarchisten gibt, in Freiburg.
    Mich besticht vor allem deren Politischer Mut, ihr ausgewiesener Scharfsinn, ihre unschlagbare Argumentationsführung.
    Siehe Pamphlet oben.
    Endlich mal jemand der in Freiburg Flagge zeigt und eindeutig sagt:
    „Wir stehen Voll und Ganz und Uneingeschränkt hinter der Regierungspolitik von Frau Merkel und Herrn Gutenberg“.

    Sagt mal ehrlich liebe Forumsleser, hättet ihr Euch getraut am 8.März in die Innenstadt zu gehen und Euch uneingeschränkt hinter die Frie?denspolitik der Deutschen Regierung zu stellen?

    Hättet ihr den Mut gefunden? Nein. Und deswegen, liebe Vorbeispazierende, verneigt Euch in tiefem Respekt vor den Anarchistinnen der ag-freiburg.org.

    Möge Gott mit Euch sein, liebe Verbreiter der Einsicht und Vernunft und des Politisch Machtvollen Wortes.

    Wir sind sehr Stolz auf Euch, ihr tapferen Freiburger Anarchistinnen. Mögen unsere Nachfahren noch von Eurem Mute
    Zeugnis ablegen

    gez: Gunnar Gaasland

    Comment von Gunnar Gaasland — 9. März 2010 @ 17:52

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Eintrag.

Kommentar hinterlassen

Leider ist der Kommentarbereich für dieses Mal geschlossen.


Datenschutzerklärung