Lust auf’s Gerücht – Appetit auf’s Gericht

11. Dezember 2006

Vor einigen Wochen stieß crash eine Diskussion über Pädophilie an. Zurecht weist crash auf den repressiven Umgang mit infantiler Sexualität hin, die gemeinhin totgeschwiegen oder totgemacht („Nimm deine Finger da weg!“) wird, um dann die Frage aufzuwerfen, inwieweit Sexualität zwischen Kindern und Erwachsenen legitim sein könnte, ohne zu einer eindeutigen Position zu finden. Die anschließenden Postings kaprizieren sich auf juridische Aspekte, v.a. auf die schleichende Verteufelung von Sex zwischen Erwachsenen und Jugendlichen oder Jugendlichen untereinander.
schokolade, die an sich lesenswert über französische Labormäuse und ähnliche Alltagsphänomene bloggt, wirft sich nun hochempört in Pose und schreibt/hetzt:

„oh mann, eklige blog-macker die sich über pädophilie unterhalten als wäre es eine sexualpraktik die vollkommen zu unrecht vom staat verboten wird. baaaah. ja, wirklich schade, dass man keine 8-jährigen mehr verführen darf, jetzt wo homosexualität ok ist sollte das wirklich das nächste sein! und diese bösen prüden amerikaner! da darf man nicht mal sex mit jugendlichen haben!
[…]
oh nein, der arme lysis darf keinen sex mehr mit 14-jährigen haben!!!!
.. wow ich könnte noch 20 weitere super eklige zitate raussuchen.. lests euch lieber selbst durch.. einigen leuten sollte man echt die lizenz zum bloggen entziehen“

Der implizite Vorwurf des Antiamerikanismus mag gerade noch zutreffen – grenzt sich doch jede Durchschnitssdeutsche auf der Höhe der Zeit von den USA ab, wenn es um Prüderie, Heuchelei und Christenfundis geht – ansonsten spricht hier aber das pure Ressentiment, oder, wie es bigmouth nennt, ‚funktionaler Analphabetismus‘. Der Wille, etwas in das Gesagte hineinzuinterpretieren, was dort keineswegs steht und auch nicht (zwingend) subkutan schwelt, zeigt sich besonders in der unmittelbaren Rückführung einer politischen Auseinandersetzung über Sinn und Unsinn solcher strafrechtlichen Repression auf das persönliche Begehren der Diskutant_innen, denen in Bausch und Bogen unterstellt wird, sie wollten nur „8-jährige verführen“ oder „Sex mit 14-jährigen haben“. Eine Begründung, warum dies fälschlicherweise unterstellte Interesse denn nun so verwerflich wäre, muss gar nicht mehr gegeben werden – die moralische Empörung setzt sich selbst absolut (mit vier Ausrufezeichen). Hat man erstmal einen solchen Popanz von abscheulichen ‚Kinderfickern‘ aufgebaut und somit jede Reflexion über die Frage nach der Funktion und Sinnhaftigkeit des Konstrukts ‚reine unschuldige ohnmächtige und bewusstlose Kindheit‘ abgewehrt, kann im nächsten Schritt an den sonst (hoffentlich) verhassten Staat appelliert werden, dessen Gesetze in diesem Fall ja offenbar „vollkommen zu […]recht“ besteht und der (oder eine andere Autorität) doch bitte den angeblichen Pädos die „Lizenz“ (!) zum Bloggen entziehen solle. Offenbar leitet hier der selbe Gedanke, der derzeit auch zum Ruf nach Verbot der sog. Killerspiele und sonst zu Prohibition etc. führt: wenn ein bestimmtes Symptom unterdrückt wird, verschwindet auch das entsprechende Bedürfnis.
Was schokolade und andere Linksradikale sonst vehement bestreiten würden, gewinnt Legitimität, wenn es nur um das umkämpfte, tabu-behaftete Thema Sexualität geht: der Ruf nach dem starken Staat, das Bündnis mit dem Stammtisch, die Bildung von virtuellen Mobs*.

tofu besitzt offenbar einen guten Riecher für solche ‚Call for Mobs‘, nimmt sogleich die Witterung nach dem devianten Subjekt auf und ventiliert nun ebenfalls – garniert noch mit ein-zwei verklemmten Witzchen –, Lysis „wolle irgendwann mal mit seinen 30+x Jahren Sex mit einer oder einem Minderjährigen“ haben. Ich weiß nicht wie Leute, die ansonsten vor politisch unkorrekten und persönlich verletztenden Aussagen einigermaßen zurückschrecken, darauf kommen, solche Denunziationen vom Stapel zu lassen und sich dabei wirklich exakt der selben Muster wie die Mehrheitsgesellschaft – Selbstzertifzierung als Moralwächterin, argumentlose Abscheu vor extremen Verhalten, Ruf nach Bestrafung, spontane Verbrüderung von Subjekten die sonst oft wenig bis nichts verbindet, Verbreitung von Gerüchten ohne überprüfbare Grundlage – zu bedienen. Offenbar läuft die Enthemmung über die Thematik – lässt jemand den Blick unter die Gürtellinie gleiten, schrillen alle Alarmglocken und in der inbrünstigen Verteidigung der Normalität sinkt das inhaltliche wie formale Niveau dann entsprechend der Tiefe(nschärfe) des Blickes. Vielleicht fällt die Abstrafung bei Lysis umso leichter, da er nicht nur aufgrund seiner tatsächlich oft übereifrig-pedantischen bis antizionistischen Debatteneinsätze verhasst ist, sondern auch durch seine als bekannt vorausgesetzte Homosexualität und seine theoretische Beschäftigung mit dem Komplex Sexualität/Geschlecht bereits als queer, pervers, anormal markiert ist – gerade in einer Subszene der Blogosphäre, die diesen Komplex und v.a. den jeweiligen persönlichen Bezug idR systematisch ausspart.
Das kann aber keine Entschuldigung sein für das absolut widerliche, anti-emanzipatorische Verhalten der Denunziant_innen und ihrer wohl nicht wenigen klammheimlichen Mitschadensfreuer_innen.

* Eine ähnliche Situation – selbes Thema, ähnliches Diskutantenmilieu – gab es bereits vor einigen Wochen im emopunk.net-Forum


13 Kommentare

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  1. Durch einen technischen Fehler wurden gerade die Kommentare gelöscht, ich stelle sie hier nochmal im Kommentar ein. Sorry, kommt nie wieder vor (*bet*).

    1. Applaus!

    Comment von Nafta — 11. Dezember 2006 @ 15:28

    2. Auch interessant, was “Brennende Konsensfabrik” in der besagten Kommentarspalte auf geradezu prophetische Art und Weise schrieb:

    “Sexualität von Kindern ist wohl eines der gefährlichsten Themen unserer Zeit. Jede_, der darüber auch nur redet, ist ein potenzielles Ziel für Hass, Pathologisierungen und Tötungsbestrebungen aller Art.”

    Comment von Turban — 11. Dezember 2006 @ 15:32

    3. sehr begrüßenswertes, präzise argumentierendes Statement – nur dass Lysis aufgrund seiner “als bekannt vorausgesetzte Homosexualität und seiner theoretischen Beschäftigung mit dem Komplex Sexualität/Geschlecht bereits als queer, pervers, anormal markiert” sei, bleibt höchst spekulativ und unterstellt seinen KritikerInnen übelste homophobe Ressentiments, ohne dies näher begründen zu können.

    Comment von streifenstyle — 11. Dezember 2006 @ 15:33

    4. sehr guter text!

    Comment von kapsler hauser — 11. Dezember 2006 @ 15:50

    Comment von Administrator — 11. Dezember 2006 @ 17:52

  2. Habe jetzt mal die vorhin wegen Eile schnell dahingeschmierte Überschrift editiert – man beachte die von den kulinarischen Blogtiteln inspirierte Anspielung auf a) eine Guns`n`Roses-Pladde und b) die Verbandelung von Essen/Fressen/Verschlingen und Sexualität (Doppeldeutigkeit von ‚Gericht‘!) ;)

    @ streifenstyle:
    Ja, stimmt, war vielleicht zu schnell geschossen, aber in der oben erwähnten emopunk-Diskose, wo auch primär Linke und ADs beteiligen, waren solche Assoziationen jedenfalls unterwegs. Da schrieb zb ein_e User namens Ekel:
    “Helf mal lieber den Kids, die der Süße hier abschleppt…”
    … und das finde ich schon eindeutig – ‚der Süße‘ …

    Comment von Administrator — 11. Dezember 2006 @ 17:54

  3. mich als schwulen-hasserin darzustellen ist echt das letzte und macht es mir auch irgendwie unmöglich deine restliche kritik ernst zu nehmen. wer sagt denn dass ich nicht auch homosexuell bin? und es sind doch lysis & co die pädophilie, durch ihren vergelich mit dem früheren verbot von homosexualität, auf eine stufe stellen.

    Comment von isabelle — 11. Dezember 2006 @ 18:29

  4. ps: wenn ich jetzt 2x ähnliche kommentare gepostet hab liegt das daran, dass mein browser beim 1. mal gecrasht ist

    Comment von isabelle — 11. Dezember 2006 @ 18:31

  5. guter Beitrag!

    Comment von corto_maltese — 11. Dezember 2006 @ 19:04

  6. Ausgezeichneter Beitrag zur Debatte, hätte ich selbst niemals so treffend schreiben können.

    Comment von Crash — 11. Dezember 2006 @ 19:37

  7. omg. vergleiche benennen gemeinsamkeiten, postulieren aber mitnichten notwendig eine identität, was dir auch hätte auffallen können, wenn du die diskussion nicht mit deinem arsch gelesen hättest. und auch dein anschließender denkprozeß scheint sich ja in regionen südlich des halses abgespielt zu haben

    Comment von bigmouth — 11. Dezember 2006 @ 20:47

  8. Um was ging es denn bei emopunk?

    Comment von kante — 12. Dezember 2006 @ 10:58

  9. Worum es halt bei lysis immer geht: irgendwas mit Antideutschen und Islam … Das Krasse war wie schnell die angesprochenen ADs (+ evtl. einzwei Fakes) sich gegen lysis formierten und eine Treibjagd incl. sadistischer Verhöhnung, (nicht ernst gemeinter) Morddrohungen und Anspielungen auf seine angeblichen sex. Praktiken vom Stapel ließen die sich gewaschen hatte – Totalausfall der Reflexion würde ihr Übervater Adorno wohl attestieren. Bei Gelegenheit suche ich nochmal den Link raus.

    Comment von Administrator — 12. Dezember 2006 @ 18:23

  10. […] bloggen heiszt ja zumeist irgendwelchen sinnlosen scheiz zu schreiben, den eigentlich eh keinen interessiert, aber nichmal dazu hab ich wirklich lust. Dabei gäbe es doch durchaus was zu berichten. Lysis versucht schokolade zu dissen und natürlich steigen alle drauf ein. Wie hiesz es doch so schön bei der mediengruppe telekommander? “Vorsicht, ein Trend geht um”. Naja da für mich diese total sinnlose debatte schon beendet ist und ich auch nicht im Stile anderer dazu noch irgendwelche Texte raussuchen oder gar selbst verfassen möchte, doch lieber etwas alltag: […]

    Pingback von curry » Blog Archive » Trendbewuszte blogger — 12. Dezember 2006 @ 23:24

  11. […] Eigentlich wollte ich den bescheuerten Olifanis hier keine weitere Aufmerksamkeit schenken, aber die Selbstviktimisierung, die diese Leute bei ihrer Hexenjagd auf “Pädophilen-Freunde” betreiben, ist doch zu ärgerlich. Es fing an mit einem an Lächerlichkeit kaum zu überbietenden Blogeintrag von Schokolade, die eine absolut sachliche und interessante Diskussion über Pädophilie, Sex von Jugendlichen und die drohende Verschärfung des Sexualstrafrechts mit dem Satz kommentierte: “oh nein, der arme lysis darf keinen sex mehr mit 14-jährigen haben!!!!” Statt auf die Argumente einzugehen, versuchte sie, personalisierend die Leute zu treffen, die an dieser Diskussion teilgenommen hatten. Kurioserweise griff sie dabei ausgerechnet mich heraus, der geschrieben hatte, dass ihm “Sex mit Kindern (also mit Personen unter 12) indiskutabel” erscheine, da es diesen “mitunter sehr schwer möglich ist, so etwas wie einen autonomen Willen gegenüber Erwachsenen zu formulieren, die sie ja in ihrer Erziehung durchweg als Autoritätspersonen kennengelernt haben, denen man gehorchen muss”. […]

    Pingback von Some Foucauldian Reflections on “Pedophilia” // Lysis — 13. Dezember 2006 @ 09:24

  12. […] Ich hasse Blogs. Ich verbringe taeglich einen grossen Teil meiner Zeit mit bloglesen. Niemals aber habe ich eines dieser sich hefepilzartig ausbreitenden  Dinger, die man nur muehsam noch unter den Begriff “Diskussion” fassen moechte, verfolgt. Dinger wie dieses komische StudiVZ-Teil vor einiger Zeit (keine Ahnung worum es da ging), Dinger wie die aktuelle Paedophelie-Diss: Hier fings an, hier und hier gings weiter. Und hier ists besonders schoen. Und genau darum kommt lysis gleich in mein Blogroll. Weil ich kein Blog habe und weil Blogs und Bloger_Innen scheisse sind hab ich keinen blogroll. Aber “friends”. […]

    Pingback von Rosa Rauschen » Identitaeres — 14. Dezember 2006 @ 03:13

  13. […] travers hat anhand des blogs herbst in der seele die bereits vor einigen Monaten gelaufene Pädo-Debatte wieder aufgegriffen. Die Anzahl der Comments im entsprechenden Thread wird in den nächsten Stunden die 100er-Marke durchbrechen, Lesenswertes findet sich darunter allerdings vor allem für Leute, die eine Faszination für intellektuelle Selbstentblößungen linker/antidt. Blogger_innen hegen. Wirklich auffällig ist die beinahe komplette Abwesenheit eines vernünftigen Gedankens, von Gesellschaftskritik ganz zu schweigen. Die Pädo-Hater pöbeln nur empört rum und unterscheiden sich wenig vom Stammtisch – außer vielleicht durch den bisher ausgebliebenen Ruf nach Kastration bis Todesstrafe –, der kleine Rest hält mehr schlecht als recht dagegen. Lest lieber die schlauen Sachen, die ich , Foucault und Andere beim letzten Durchgang zu Papier/Bildschirm gebracht haben. Welche sich allerdings jenseits von eventuell auftretender, szene-interner Fremdscham gnadenlos über virtuelle Selbstzerfleischung amüsieren möchte, der sei die Disskussion auf der Nazi-Seite altermedia zur Leipziger Demo-Pleite von Christian Worch empfohlen. Topic: handverlesene 37 Kamerad_innen erschienen zu einem seit Monaten bekannten Worch-Termin, die Leipziger Nazis fehlten unentschuldigt und verweisen nun auf den Spam-Filter ihres Mail-Programms, diverse Anschuldigungen unter der Gürtellinie kursieren usw. usf. Lest selbst: hXXp://de.altermedia.info/general/fka-nach-demo-eklat-am-samstag-christian-worch-macht-schluss-mit-leipzig-230707_10512.html#more-10512 (XX am Anfang des Links durch TT ersetzen) […]

    Pingback von Wartezeit überbrücken … :: Nicht mehr und schon wieder lustig :: Juli :: 2007 — 24. Juli 2007 @ 23:18

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