Langschläfer

31. Dezember 2006

„Unter dem Dröhnen des herangrollenden wirtschaftlichen Zusammenbruchs werden die noch schlafenden Scharen der Proletarier erwachen wie von den Posaunen des Jüngsten Gerichts, und die Leichen der hingemordeten Kämpfer werden auferstehen und Rechenschaft heischen von den Fluchbeladenen. Heute noch das unterirdische Grollen des Vulkans – morgen wird er ausbrechen und sie alle in glühender Asche und Lavaströmen begraben.“

(Karl Liebknecht, veröffentlicht am 15. Januar 1919 in der Roten Fahne. Am selben Tag wurden Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg ermordet)


Der Bürger zwischen Gerücht, Gericht, Gerecht und Gerächt

30. Dezember 2006

Auszüge aus einem Artikel von Thomas Uwer aus der aktuellen ‚Konkret‘, der die gesellschaftliche Reichweite der vor kurzem in diversen Blogs geführten Pädophilie-Debatte aufzeigt:

„Dieses Lächeln – Gefühle zeigt der Mann mit dem kahlrasierten Kopf immer wieder“ („FAZ“), der „Arbeitslose“, der „vorbestrafte Verbrecher“ („RP“), „Sex-Gangster“ beziehungsweise der „vorbestrafte Sex-Täter Mario M.“ („Superillu“), der im Frühjahr ein 13jähriges Mädchen entführt und sexuell mißbraucht haben soll. Das Verfahren wird zum Schauprozeß, vorgeführt wird ein gefährlicher Kinderschänder, ein Volksfeind. Bis auf den letzten Platz ist der Gerichtssaal gefüllt mit Gaffern und Berichterstattern, die nur eines wollen: „erreichen, daß der Täter auf keinen Fall jemals wieder auf freien Fuß kommt“ („Superillu“). Vor dem Saal gibt der Vater des Mädchens der „Superillu“ ein Interview, das am nächsten Tag zwischen „Carolin aus Brandenburg“, „Katja aus Leipzig“ und „Kristin aus Eberswalde“ erscheint – „20 Fotos in Übergröße“ als Wichsvorlage für den Hobbyraum. Drinnen im Saal werden „die Zuschauer unruhig, rufen, buhen und klatschen in die Hände, um ihren Spott zu zeigen“ („FAZ“). In Hand- und Fußfesseln, vorgeführt von vermummten SEK-Beamten, beantragt der Angeklagte eine Prozeßpause. Er hat tagelang die Nahrungsaufnahme verweigert, war hyperventilierend zusammengebrochen und hatte nach einem hoffnungslosen Fluchtversuch 20 Stunden auf dem Dach des Untersuchungsgefängnisses ausgeharrt, beobachtet von Fernsehkameras und begleitet von Schmährufen. „Jetzt darf er ausschlafen“, zitiert die „FAZ“ einen „Prozeßbeobachter“. „Wer 20 Stunden auf einem Dach ausharrt, ist stark genug, eine Prozeßverhandlung durchzuziehen.“ „Manuela“, die Frau des Beobachters, hat „schon geahnt, daß es so kommen würde“. Eine Jagdszene im Herbst.
[…]
Unter dem Rubrum des Opferschutzes sind seit Mitte der 1990er Jahre Strafvorschriften vor allem im Bereich sexueller Handlungen kontinuierlich ausgeweitet und verschärft worden, während der Vollzug in gleichem Maße strukturell auf einen Schutz der Öffentlichkeit vor „gefährlichen Hangtätern“ umgestellt wurde. Systematisch sind die Möglichkeiten der Verhängung von Sicherungsverwahrung in den vergangenen Jahren ausgebaut worden, während gleichzeitig die Haftplätze in therapeutischen Einrichtungen zusammengestrichen wurden. 2002 wurde die Möglichkeit der Verhängung einer „vorbehaltenen Sicherungsverwahrung“, 2004 das Instrument der „nachträglichen Sicherungsverwahrung“ eingeführt, mittels dessen Strafgefangenen nach verbüßter Haftzeit auch eine Sicherungsverwahrung aufgebrummt werden kann, wenn diese im ursprünglichen Urteil nicht vorgesehen war. Seitdem gehört in einigen Bundesländern die Prüfung einer möglichen Sicherungsverwahrung bei allen Langzeitgefangenen zur behördlichen Routine. Derzeit wird über zusätzliche Ausweitungen diskutiert: Vorgeschlagen ist eine Sicherungsverwahrung für Jugendliche und ein Wegfall der berüchtigten „Hangtäterschaft“ als Voraussetzung. Damit könnten theoretisch auch jugendliche Ersttäter künftig weggesperrt werden – „und zwar für immer“.
[…]
er von der Bundesregierung vorgelegte „jährliche Sicherheitsbericht“ weist darauf hin, daß alle empirischen Erkenntnisse über die Entwicklung von Straftaten, insbesondere im Bereich sexueller Handlungen, dem behaupteten Handlungsbedarf widersprechen. „Soweit Dunkelfelddaten vorliegen“, heißt es dort, „zeigen diese einmütig, daß den Hellfeldtrends der letzten Jahre entgegen verbreiteten subjektiven Eindrücken und Verlautbarungen keine generellen Anstiege der Gewalt in unserer Gesellschaft zugrunde liegen.“ Bezogen auf Gewalttaten an und von Kindern und Jugendlichen wiederholt der höchstoffizielle Bericht nicht viel mehr als die seit Gregor Samsa bekannte Tatsache, daß die schlimmste kriminelle Vereinigung die Familie ist: „Besondere Bedeutung für die Entstehung von Gewalt und Kriminalität hat nach allen vorliegenden Erkenntnissen das elterliche Erziehungsverhalten.“ Warum also strafen?

Daß die konkrete Strafe immer auch eine symbolische Handlung sei, ist ein alter Witz der Strafrechtslehre. Vollstreckt werde am „arbeitslosen Sex-Gangster“ nicht nur die Strafe für konkretes Unrecht, sondern die Rehabilitierung der durch eine Straftat verletzten Normen. Ganz so abstrakt verläuft der Prozeß allerdings nicht, denn so, wie die Bestätigung der Norm ihrer Mißachtung folgt, so fordern die normtreuen Bürger ihre Bestätigung über die Kenntlichmachung und Bestrafung der Normbrecher. Nicht um die Wiedergutmachung der Tat ist es den Zuschauern zu tun, die im Dresdner „Stephanie-Prozeß“ „rufen, buhen und klatschen“, sondern um die Bestrafung von „so einem Sex-Gangster“, der die äußere Grenze ihrer inneren Bedürfnisse nach sexueller Befriedigung markiert. Bestraft werden soll nicht die Tat, sondern der Typus arbeitsloser, vorbestrafter „Sex-Gangster“, er – „darf niemals wieder rauskommen“ – soll vernichtet werden.

Ein Grund dafür ist in der Tatsache zu suchen, daß der gefesselte „Sex-Gangster“ den Zuschauern keineswegs so fremd ist, wie es seine inszenierte Gefährlichkeit (Hand- und Fußfesseln, bewaffnete und vermummte SEK-Beamte) nahelegt. Er ist ihnen in seiner Bedürfnisstruktur vielmehr durchaus nahe, wie ein einziger Blick in die Zeitschrift „Superillu“ verrät, die sich der Parteinahme für die Familie des Opfers besonders intensiv verschrieben hat. Empirisch haben sich Maßnahmen wie die Sicherungsverwahrungen und die Ausweitung der Strafbarkeit zwar als völlig sinnlos erwiesen, denn mit einem Paragraphenzaun umhegt kann das Reich der Triebe nicht gemäßigt werden. Erfolgreich verschoben aber wird das Gewicht von der Tat auf den Täter und seine vor der Tat liegenden Eigenschaften. Gesellschaftliche Verhältnisse – und Sexualität gehört fraglos dazu – werden verkürzt auf das Verhältnis von Täter zu Opfer, wobei sich auch jene, die sich tagtäglich verkneifen, über die Tochter des Nachbarn herzufallen, als Opfer verstehen. Der Vergewaltiger eines Mädchens wird zum Feind des Volkes.

Lediglich unter diesem Aspekt hat denn auch die Strafrechtspolitik der letzten Jahre Sinn: als moralisch-hygienische Maßnahme durch die Aussonderung von Feinden. Das normalbürgerlich Erträgliche wird geschützt vor seinen Absonderungen an den Rändern, sprich: vor jugendlichen „Intensivtätern“ und sogenannten Kinderschändern, denen es entweder am nötigen Geld oder an der richtigen Sozialisation mangelt, um sich eine Kleinfamilie zu halten, die ihre Bedürfnisse im straffreien Rahmen befriedigt. Man darf dies getrost als neue Klassenjustiz bezeichnen, die keines besonders „ausgepichten Justizwüstlings“ (Karl Kraus) mehr bedarf, sondern auf eine satte gesellschaftliche Mehrheit baut. Innerhalb dieser Mehrheit aber geht noch das Verrohteste als normal durch, wie der Vater, der seine vergewaltigte Tochter in eine Fernsehtalkshow schickt, damit sie die Tat schildert; oder wie der notorische F.J. Wagner, der ebendiesem Mädchen in der „Bildzeitung“ schreibt: „Ich würde Dir erzählen, wie Du hinter Deinen Ohren, Deinen kleinen Ohren, gerochen hast – nach getrockneten Aprikosen.“ „


Spektakuläre Emanzipation

28. Dezember 2006

Einige Lyrics der US-amerikanischin Rapperin Khia

„Respect me“:

„I pay for you
You pay for me
If you want to be with me
You gotta respect me
If I give you this pussy
You gonna respect me
Anywhere you see me
You better respect me
Anywhere that we be
You know to respect me
If you choose to be with me
You gotta respect me
Act a fool out in these streets
Cuz you gonna respect me

[…]

I fuck you
You fuck me
I suck you
You suck me
I respect me
You respect me
You get cash
I get cash
You fuck them hoes
I beat yo ass“

„My neck, my back“:

„First you gotta put ya neck into it don’t stop just do it do it
Then you roll your tongue from the back up to da front
Then you get it off keep me up on ya
Make sure I keep me eyes on ya

All over the club and stuff
Realplayer show me so much love
The best loving comes slow and long
Knows how to stay down on ya

All night to the crack of dawn
Real good you be coming strong
Through the night making so much love, dead sleep when the sun
Comes up

[…]

You might roll dubs you might have g’s
But so what player get on your knees
A girl like me moans and screams
Thug misses know what I mean, at the club so fresh so clean
A girl hitting fellaz watching me, stand out in the line so clean
With a unit on my face so mean
I got a gold rush fella I need
To take me out spend his money on me
You try me i’ll make you see
No other girl got nothing on me

Lick it know lick it good lick this pussy just like you should
Right now lick it good lick my pussy this just like you should
My neck my back lick my pussy just like that
My neck my back lick my pussy like that“


Den Feier- zum Alltag machen

22. Dezember 2006

Eine der wenigen Assoziationen im Dunstkreis der radikalen Linken, die weder zu krudem Antiimperialismus, faktenhuberischem Expert_innentum oder identitärem Bekenntnisdrang tendiert, sondern noch Gesellschaftskritik im besten Sinne betreibt, ist die ‚Sozialistische Studienvereinigung/theorie praxis lokal‘ [tpl] aus Frankfurt. tpl organisiert derzeit mehrere Kapital- und Situationisten-Lektürekurse und betreibt ansonsten eine Homepage, auf der etliche ausführliche Texte/Veranstaltungsberichte nachzulesen bzw. Referate und Diskussionsmitschnitte nachzuhören sind – u.a. zu den Themen Religion, Antisemitismus, politische + libidinöse Ökonomie, Staat + Subjekt.
Vom 24. bis 26.12. bietet tpl unter der Parole „Die antispektakuläre Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik“ drei Termine im ‚Institut für vergleichende Irrelevanz [ivi]‘ an. Es folgt das Ankündigungsschreiben:

theorie praxis lokal bietet am 24. bis 26. 12. 2006 die möglichkeit, sich dem totalitären kultus der heiligen familie zu entziehen & die christlich-germanischen feiertage durchgehend für ihr gegenteil, nämlich für kritische basistheorie zu nutzen.

(diese antispektakulären tage sind keinesfalls als „aktion“ oder gar als fete oder dergleichen zu verstehen. denn es gibt absolut nichts zu feiern, auch ist jede färbung durch negativfixierung zu vermeiden, also vor allem das missverständnis einer „gegen-“ oder „alternativen Xmas“ . scene- spiesser_innen, politikant_innen & aktivist_innen, welche auf diese weise das mental verordnete rechte treiben auf links verdoppeln möchten, können die heilige nacht in der frankfurter batschkapp, dem club voltaire oder auf den diversen linkspopulistischen parties bzw. jedenfalls „im kreise ihrer lieben“ begehen. mit 1 wort: in den alternativen families, die sich alle bemühen, am rituellen festtag „der liebe“ & der tiefstsitzenden emotionalen bindungen von ausgebeuteten & ausbeuter_innen in größter selbstverständlichkeit & in „natürlichstem“ einvernehmen aller mit allen die gabe ihrer zusätzlichen authentischen gemeinschaftlichkeit darzubringen. )

der kritische kurs zu buch (1967) & film (1973) von GUY DEBORD: DIE GESELLSCHAFT DES SPEKTAKELS findet statt am sonntag dem 24.12. abends 20 uhr sowie an den nachmittagen montag 25. & dienstag 26.12. jeweils ab 15 uhr im IVI (kettenhofweg 130) frankfurt am main.

da die theoretische praxis für den communismus das fest der heiligen familie auch nicht einfach ignorieren kann sondern an der zerstörung dieses reaktionärsten & massenhaftesten heiligtums aller bisherigen gesellschaftsordnung interessiert ist, variieren wir den kritischen kurs am 24.12. 2006, 20 uhr im IVI mit einer VERANSTALTUNG zur KRITIK DER HEILIGEN FAMILIE.

entlang ausgewählten, z.t. kaum bekannten texten von karl marx, der freudschen linken, der kritischen theorie von horkheimer/adorno, entlang george bataille bis gilles deleuze & vor allem den situationist_innen wird sowohl die progressive wie die regressive bisherige kritik an der institution „familie“ & ihrer religiösen projektionsgestalt umrissen. die progressiv-zivilisatorische marxsche kritik an der bauer-family & an max stirner sowie die kritik der ödipus-verewigung durch die communistischen psychoanalytiker_innen des fenichel-kreises wird gegenübergestellt der regressiv-entsublimierenden vergemeinschaftungs-ideologie des „anti-ödipus“ von den revoltprofessoren deleuze/guattari als dem grundbuch der heutigen substaatlich-repressiven anti-emp„aktivist_innen“ der radikalreformistischen linken. zugespitzt wird diese kritik auf die untersuchung der „gesellschaft des spektakels“ als antifamilialistischer & religionskritischer analyse, die einen bisher noch nicht erfüllten anspruch an eine materialistische parallelführung oder synthesis von „kritik der politischen ökonomie“ & „kritik der libidinösen ökonomie“ gestellt hat.
da wir in zukunft auf weitere entfaltung einer historisch-materialistischen kritik der heiligen familie hoffen – in theorie praxis lokal oder anderswo —, konzentrieren wir uns diesmal möglichst auf die denunziation der deutschen familien-& weihnachtsseligkeit, diese besonders widerliche & gefährliche erscheinungsform heidnischer wintersonnwendfeier unterm christlichen firnis, kulminationsbeispiel: der unvergessliche fake fürs deutsche gemüt einer “rundruf“sendung des reichsrundfunks am 24.12.1942 mit absingen von „stille nacht heilige nacht“ aus allen fronten des großdeutschen reiches bis in den schützengraben vor stalingrad.
die veranstaltung orientiert sich somit an dem motto von karl marx (feuerbach-these nr.4): „Also indem die irdische Familie als das Geheimnis der Heiligen Familie entdeckt ist, muss nun erstere theoretisch und praktisch vernichtet werden.“

anschliessend wird der film „la société du spectacle“ (1973 von guy debord) unter diesem aspekt sowie als auftakt & übergang zu den kurs-nachmittagen (am 25. + 26.12.) gezeigt.

die situationistische kritik der spektakulären kapitalistischen warenproduktion gehen wir an den kurs-nachmittagen weiter durch, entlang den filmsequenzen, die wir auf grundlage der vordiskussion des filmskripts in dt. & engl. übersetzung im einzelnen auf ihre „entwendung von bildern“ untersuchen. (genügend skripte, mit bildbeschreibungen, liegen als kopien vor.) die text-aneignung kann sich dabei auf die protokolle vorhergehender spektakelbuch-kurse (aus 2002-04) stützen; die deutungs-arbeit entlang der „verbildlichung“ durch den „anti-filmer“ debord ist ein neues experiment historisch-materialistischer aneignung, zu dem wir einladen unter dem motto:
„Die antispektakuläre Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik.“

mit communistischen gruessen — eure studienvereinigung (frankfurt a.m.)
theorie praxis lokal

tpl befindet sich übrigens – wie jede vernünftige Gruppe und (fast) jede vernünftige Person heutzutage – in akuten Geldnöten, also spendet gefällig, falls ihr zufällig nicht unter die Prekarisierten fallen solltet.


Augstein(s) Nazi(s)

19. Dezember 2006

Als Nachtrag zum letzten Beitrag ein Auszug aus einem Flugblatt zur Verleihung des Börne-Preises an Rudolf Augstein:

„[1950] beginnt der Spiegel die Serie „Am Caffeehandel betheiligt (!) – Deutschlands Schmuggler“, geschrieben von den beiden ehemaligen SS-Hauptsturmführern Georg Wolff und Dr. Horst Mahnke. Darin wurden vor allem jüdische DP’s für den Kaffeeschmuggel verantwortlich gemacht. Der Prozeß gegen den Spiegel, der von jüdischen Gemeinden in Bayern angestrengt worden war, endete mit einem Vergleich, in dem der Spiegel beteuerte, er wolle keineswegs zum Ausdruck bringen, daß „vornehmlich Menschen jüdischen Glaubens an dem Kaffeeschmuggel beteiligt sind.“ Augstein äußert sich in einer Glosse zu den Vorwürfen. Er bestreitet antisemitische Tendenzen im Spiegel empört und verweist auf einen jüdischen Freund. Darauf beschreibt er den „Anwalt der bayrischen Judenheit“ Joseph Klibansky:

„Dieses Zwischending von einem römischen Volksredner und einem Teppichhündler aus Smyrna, dieser kleine dicke Mann, der mit der Behändigkeit eines Waschbüren und in dem Habitus eines Pinguin den Gerichtssaal durchmaß erwies sich als Gerichtsspieler mit einer unwahrscheinlichen Klaviatur.“

Um das Maß an antisemitischen Stereotypen voll zu machen, richtete Augstein daß Augenmerk auf die Augen Klibanskys, die sich angeblich in „rollende Mühlräder (die) drohend auf mich zuschossen“ verwandeln konnten. Die Autoren der Serie wurden trotz ihrer Vergangenheit beim SD zu Ressortleitern des Spiegel, womit Augstein zeigte, daß er das Zurückgreifen auf „alte Fachleute“ nicht nur propagierte, sondern selbst praktizierte.“
[…]
Zum 8. Mai 1985, mitten in der Auseinandersetzung um Kohls Verbrüderung mit Reagan über den Gräbern der Waffen-SS in Bitburg, meldete sich Augstein zum Thema Sieg oder Niederlage: „Wer, um Himmels willen, könnte ein Interesse daran haben, den 8. Mai zu begehen?“ Um darauf gleich zu antworten, nur die Sowjets „um Keile und Keilchen zwischen ihre jetzigen Feinde zu treiben“ und die Israelis, die „wollen die Erinnerung an die deutsche Schuld wachhalten, um materieller und rüstungstechnischer Gründe willen.“
[…]
In der Mahnmaldiskussion schrieb Augstein:

„Man ahnt, daß dieses Schandmal gegen die Hauptstadt und das in Berlin sich neu formierende Deutschland gerichtet ist. Man wird es aber nicht wagen, so sehr die Muskeln auch schwellen, mit Rücksicht auf die New Yorker Presse und die Haifische im Anwaltgewand, die Mitte Berlins freizuhalten von solcher Monströsität.“
[….]
Ließen wir den von Eisenmann vorgelegten Entwurf fallen, wie es vernünftig wäre, so kriegten wir nur einmal Prügel in der Weltpresse. Verwirklichen wir ihn, wie zu befürchten ist, so schaffen wir Antisemiten, die vielleicht sonst keine wären, und beziehen Prügel in der Weltpresse jedes Jahr und Jahrelang, und das bis ins siebte Glied.“

Weitere Backgroundinfos finden sich in einem
1992 in der ‚konkret‘ erschienen Artikel von Otto Köhler, der Augstein im Jahr 2002 sogar eine vermutlich lesenswerte Biographie gewidmet hat. Bei amazon.de
schreibt – neben enttäuschten ‚Spiegel‘-Anhänger_innen – ein goetzpoggensee folgende Rezension zu Köhlers Augstein-Darstellung:

„Otto Köhler bringt dem Leser nicht nur die faszinierende Biografie Rudolf Augsteins näher, die immer auch die Geschichte der Bonner-Republik ist. Er zeigt dem Leser ebenfalls die ungeahnten Möglichkeiten des Schachtelsatzes. Beide Vorhaben gelingen ihm recht eindrucksvoll. Zum laut vorlesen aber nur für Virtuosen der Zirkularatmung geeignet.“


Wer ist der Antisemitischste im ganzen Land?

19. Dezember 2006

Auch nach Rudolf Augsteins Ableben führt der ‚Spiegel‘ die Linie des ehemaligen Herausgebers fort:

„DER SPIEGEL

Heft 51/2006

Die Gier des großen Geldes

* Fernsehsender, Maschinenbauer, Autozulieferer – internationale Finanzinvestoren kaufen
immer größere Teile der deutschen Wirtschaft auf
* KKR und Permira wollen ProSiebenSat.1 zum paneuropäischen Medienkonzern ausbauen
* Wie die einst gesunde Henkel-Tochter Cognis ausgepresst wurde“


Alltag

15. Dezember 2006

„Kurdischer Familienvater nimmt sich das Leben

Fronhausen – Der Vater der elfköpfigen Flüchtlingsfamilie Kirok aus Fronhausen bei Marburg hat sich am Dienstag im psychiatrischen Krankenhaus Wunsdorf umgebracht. Das berichteten das Diakonische Werk Oberhessen und die Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Hassenhausen. Hessens Innenministerium habe zugesagt, dass die Familie vorerst nicht abgeschoben wird. Fünf minderjährige Kinder, die von einer erwachsenen Tochter versorgt wurden, wurden in der Psychiatrie aufgenommen.

Der in der Türkei gefolterte Kurde Mehmet Emin Kirok ist seit Mitte der 90er Jahre in Deutschland. Alle Anträge auf politisches Asyl sowie Petitionen scheiterten. Ein fünfmonatiges Kirchenasyl in Hassenhausen blieb ohne Erfolg: Die Behörden versuchten weiterhin, die Familie abzuschieben. Seitdem sind die Mutter und mehrere erwachsene Kinder untergetaucht.“

Scheisse.


Weihnachtsmenschen raus!

15. Dezember 2006

Gestern bin ich mal wieder, wie bereits am Samstag (da allerdings in Benztown), versehentlich in die Weihnachtsmarkthölle gestolpert, die sich mittlerweile krakenartig über die ganze Innenstadt ausgebreitet hat, so dass man ihr kaum noch entfliehen kann, wenn man Läden mit Spezialsortiment frequentiert, die ja häufig an der Peripherie der Einkaufsstraßen angesiedelt sind. Der Tradition vorspiegelnde Christenkitsch, der Glühweingeruch, der hässliche Kaufrauschmob – jede einzelne Konsummonade wandelnden Christbäumen ähnlich mit diversen überdimensionierten Plastiktüten behängt, die ganz Lustigen noch mit einer neuerdings blinkenden Nikolausmütze kostümiert – igitt, wäh, ekelhaft.
Eine Mischung aus Frust, Kaufinteresse und sozial erzwungenem Geschenkesuchzwang führte mich zunächst in einen Billigbuchladen, wo ich zwar keine Präsente fand, dafür aber neben Edgar Hilsenraths Roman ‚Der Nazi und der Friseur‘ (10 Oi) revolutionäres Gedankengut zu Schleuderpreisen erstand: Einmal aus der ultrahässlich aufgemachten Reihe ‚Hauptwerke der großen Denker‘ Rosa Luxemburgs ‚Die Freiheit ist immer nur Freiheit des Andersdenkenden‘ (6,95), ft. u.a. ‚Die Krise der Sozialdemokratie‘ sowie ‚Die Russische Revolution‘, zum anderen Erich Hobsbawms Schinken ‚Europäische Revolutionen – 1789 bis 1848′ (4,95), der auf 600 Seiten eine Sozialgeschichte des im Titel definierten halben Jahrhunderts incl. der englischen und französischen Umwälzungen liefert.
Anschließend eilte ich quer durch das Bratwurstelend in den Plattenladen, der mir in den folgenden zwei Stunden dank lauter Musik eine Oase der Erholung darstellte. Im Folgenden eine Auswahl der angehörten Platten, allesamt aus den Bereichen grime/dubstep/nu-breakz, jeweils mit kurzen Kommentaren. Z. T. fehlen die Trackangaben, sorry, evtl kann dennoch jmd was damit anfangen.

dub child – warnin‘ dem/new era [ok, etwas dubbig aber richtung d‘n'b]

darqwan – ? [lahm aber ultra-bassig]

jugi – red up (pinch rmx) [dubstep ähnlich wie darqwan]

eskmo – no man’s land (rmx) [breakz/big beat-mäßig]

lbj – ? [rockiger big beat, ok]

noisia – gutterpump (rogue element + tom real-rmx) [gut nach vorne]

gravious – ? [slow and dark, dub – d‘n'b]

schackleton – ? [slow, arty, soundig, geilo!]

boiler – ? [bigbeatig, rockig + verspielt, ok]

s.c.a.m. – ? [freestylers-artig, ok]

appollo 440 + beatnuts – ? (stanton warriors rmx) [breakig und ruppig, hiphop-vocals, gut]

darftphunk – ? [breakig acidy happy discoy rockig, gut]

ladybug + warrior queen – dem a bomb we [rappiger grime, anti-islamist. text, sehr geil]

ladybug + deize tigrana – ? [experimental, arty, rappiger grime, gut]

scratchy – shangooli (geenous rmx) [breakz, rockt]

zinc – people 4 [guter bass aber zündet nicht/zu wenig nach vorne]

dj punch + ditty – alien tongue [darker aber verspielter dubstep, ok]

passage – creature in the classroom (anticon label sampler vol. 2) [trotz wut- oder polit-hop schöner track]

jel – all day breakfast (anticon label sampler vol. 2) [dunkel, schwer, schleppender hip-hop, instrumental, gut]

Die ganze Zeit über hatte ich eine supertolle Tasse im Blick – das Motiv war nämlich nicht das Starbucks-Logo oder die übliche „Heinz-Peter der Vielgeliebte“-Nummer oder gar die nach der Revolution standrechtlich hinzurichtende Diddl-Maus, sondern Roisin Murphy, die tolle (Ex-?)Moloko-Sängerin, die damit ihre ‚Ruby Blue‘-Platte promotet. Leider ließ sich der Plattenverkäufer trotz überhöhter Angebote nicht dazu hinreißen, mir das Teil – wäre ein super Geschenk für eine nahestehende Person gewesen – zu überlassen. Falls ihr also wisst wie ich an das Schmuckstück komme sagt Bescheid, oder noch besser: klaut sie und schickt sie mir als ausreichend frankiertes Päckchen zu …


Handel mit dem bösen Bruder – zur deutsch-iranischen Ökonomie

13. Dezember 2006

Im Anschluß an den gestrigen Beitrag zur engen Kooperation von Isfahan und Freiburg, deren inhärente Macht- und Profitinteressen hinter vorgeblich apolitischer Kulturalisierung und einigen Alibi-Phrasen im Namen der Humanität verschwinden sollen, ein Hinweis der ‚Jerusalem Post‘ auf die Kritik Olmerst an den ‚loan guarantees‘ (Hermes-Bürgschaften) für den deutschen Export in den Iran:

„Jerusalem is miffed that Berlin is providing government loan guarantees worth millions of dollars to German firms doing business with Iran, and this is one of the issues Prime Minister Ehud Olmert will bring up Tuesday during talks with German Chancellor Angela Merkel […]. In recent days there has been talk in Jerusalem of a German „double standard“ regarding Iran – on the one hand working with France and Britain in the so-called EU3 to curb Iran’s nuclear ambitions, yet on the other hand facilitating „humongous“ German trade with Iran. Olmert, according to sources in Jerusalem, „wants to see more from Germany regarding Iran,“ and believes it has a moral responsibility to do more. Olmert will make it clear, the sources said, that he believes Germany has a special responsibility not only to stand up and talk against Iranian nuclear ambitions, but to take action as well.“

Soweit ich sehe wurde dieser Aspekt von der aktuellen Berichterstattung der deutschen Presse verschwiegen, stattdessen muss sich Olmert für seine Äußerungen zur israelischen Atombombe rechtfertigen.
Wie Olmert gestern, forderte der ‚Zentralrat der Juden‘ im Juni 2006 erfolglos den Stopp der Vergabe von Hermes-Bürgschaften:

„Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat von der Bundesregierung Wirtschaftssanktionen gegen den Iran gefordert. Die Regierung müsse ihrer Kritik endlich Taten folgen lassen, sagte Zentralrats-Generalsekretär Stephan Kramer der Netzeitung. „Sie muss dem Iran klar machen, dass die Wirtschaftsbeziehungen nur stattfinden können, wenn politisch etwas geschieht in diesem Land, wenn sich etwas verändert.“ Kramer warf der Bundesregierung vor, sich politisch zu wenig mit dem islamischen Staat auseinander zu setzen.
Kramer sagte, Deutschland sei nicht nur der „größte Gläubiger“ des Irans, es würden auch Hermes-Bürgschaften für die deutsche Industrie zur Verfügung gestellt. „Wir haben ein Investitionsvolumen von über 3,6 Milliarden Euro pro Jahr.“ Dieses Potenzial müsse die deutsche Bundesregierung nutzen, um den Iran unter Druck zu setzen.“

Einige Hintergründe über die deutsch-iranischen Beziehungen im ökonomischen Bereich und deren besonders gute Entwicklung seit dem rot-grünen Zwischenspiel finden sich bei den Trotzkist_innen von der ‚World Socialist Web Site‘:


„Auf Müllers [damaliger Wirtschaftsminister – waity] Besuch im Oktober [2000 – waity] folgte nach Angaben der Deutsch-Iranischen Handelskammer im November eine Wirtschaftsdelegation, die 1. Runde eines deutsch-iranischen Unvestitionsschutzabkommens, sowie Aufträge für Continental über Technologie für Reifenbau, für Siemens über 20 Dieselzüge und für Krupp zum Bau der weltweit größten Anlage zur Herstellung von Polyethylen. Im Öl- und Gassektor haben zudem u.a. französische, italienische, russische und japanische Konzerne investiert. Insgesamt hat die EU einen Anteil von über 50 Prozent am iranischen Außenhandel, während Deutschland größter einzelner Handelspartner ist und mit 1 bis 1,5 Mrd. DM 10-15 Prozent der iranischen Importe abdeckt. Schröder hatte mit Khatami letztes Jahr eine Vervierfachung der Hermes-Bürgschaften [Exportkredite] auf eine Milliarde DM vereinbart.

Deutschland und andere europäische Mächte verfolgen jedoch durch die Zusammenarbeit mit dem Iran weitergehende politische, wirtschaftliche und geostrategische Interessen. Das zwischen dem Kaspischen Meer und dem Persischen Golf gelegene Land besitzt die zweitgrößten Erdgas- und die fünftgrößten Erdölreserven. Iran baut sein Pipelinenetz massiv aus und befindet sich bisher mit Kasachstan, Turkmenistan, der Ukraine und Armenien in Verhandlungen über den Transport von Öl und Gas. Mit der Türkei ist im Januar die Eröffnung einer Eisenbahnlinie vereinbart worden, die von Alma-Ata (Kasachstan) über Taschkent (Usbekistan) und Teheran bis nach Istanbul reichen und so Zentralasien wirtschaftlich mit Europa verbinden soll. Letzte Woche kündigte die EU-Kommission an, mit Iran über ein umfassendes „Handels- und Kooperationsabkommen“ verhandeln zu wollen.

Matthias Küntzel stellt die Beziehung nochmal in einen größeren zeitlichen Rahmen und erläutert die Bedeutung der Hermes-Bürgschaften für den deutschen Export:

„Seit 25 Jahren dient die Bundesregierung sich schamloser als jede andere westliche Regierung bei den antisemitischen Mullahs an. 1984 machte Hans-Dietrich Genscher als erster westlicher Außenminister dem Regime seine Aufwartung. Dass in Teheran die Köpfe rollten, störte ihn nicht. Zehn Jahre später trainierte der Bundesnachrichtendienst iranische Geheimdienstler in München. Und während amerikanischen Firmen der Handel mit Iran seit 1995 untersagt ist, wird „Deutschland … auch in den kommenden Jahren der Wunschtechnologiepartner Irans sein“, schwärmte 2003 der Präsident des deutschen Nah- und Mittelostvereins, Werner Schoeltzke. „Außenminister Fischer … ist in Teheran eine Lichtgestalt.“
Heute ist Deutschland mit konstanten Wachstumsraten von über 20 Prozent das mit Abstand wichtigste Lieferland für den Iran. So wurden in 2004 Güter im Wert von 3,6 Milliarden Euro aus Deutschland in den Iran exportiert. Gleichzeitig ist die Bundesrepublik der größte Abnehmer iranischer Nichtölprodukte sowie der größte Gläubiger des Iran. Seitdem Ahmadinedschad der Weltöffentlichkeit das ideologische Fundament der Mullah-Diktatur: Holocaust-Leugnung, Israel-Vernichtung und Judenhass – so nachdrücklich in Erinnerung ruft, ist Berlin jedoch in einer Bredouille. Einerseits möchte man die deutsche Sonderbeziehung zu Teheran auch jetzt nicht gefährden. Andererseits sieht es nicht gerade gut aus, wenn das Land der Holocaust-Mörder mit dem Regime der Holocaust-Leugner paktiert. Deutschlands neuer Vizekanzler, Franz Müntefering (SPD), deutete am 11. Dezember den Ausweg aus diesem Dilemma an: „Berlin fordert eine ‚Reaktion‘ auf Ahmadineschad“ lautete am Folgetag die Schlagzeile der FAZ. Dies klang überraschend radikal. Wer das Kleingedruckte las, merkte aber schnell, wie diese Schlagzeile zu verstehen war: „Berlin fordert von allen anderen eine ‚Reaktion‘ auf Ahamdineschad“. Der Vizekanzler wird in dem Bericht wie folgt zitiert: „Das können wir nicht allein bewegen, sondern das muss im Rahmen der Europäischen Gemeinschaft in aller Deutlichkeit angesprochen sein.“
Wie bitte? Deutschland könne alleine nichts bewegen? Nur die Bundesregierung kann das 2002 unterzeichnete Investitionsschutzabkommen zwischen Deutschland und dem Iran kündigen. Nur Berlin kann die Hermes-Bürgschaften für Iran-Investoren beenden, die den Iran vor nahezu allen anderen Ländern der Welt bevorzugt. „Hermes-Bürgschaft“ bedeutet, dass der deutsche Staat alle spezifischen Risiken, die mit Investitionen im Iran verbunden sind, übernimmt. Schon 1992 wurden für Exporteure in den Iran die nach Russland zweithöchsten „Hermes-Bürgschaften“ gewährt. Seither wurden der Umfang dieser „Hermes“-Deckungen ständig ausgeweitet. Dieser unerhörten Privilegierung der Mullah-Diktatur ein Ende zu bereiten, ist politisch aber unerwünscht. Münteferings radikale Rhetorik ist die Begleitmusik zum „business as usual“. Die starken Worte an die Adresse der EU und der UN dienen dem Zweck, den vollständigen Verzicht auf materielle Konsequenzen im Verhältnis Deutschland-Iran zu bemänteln. Während die Bundesregierung beim EU-Gipfel lautstark „ein klares Signal der schärfsten Missbilligung“ fordert, spricht sie sich im Bundestag kleinlaut „gegen eine Isolierung des Landes aus“.“


Ein Brief gegen Freundschaft – Isfahan und Freiburg

13. Dezember 2006

Es ist schon kurios: die einzige deutsch-iranische Städtepartnerschaft besteht ausgerechnet zwischen Isfahan, dem Zentrum der Mullah-eigenen Atomindustrie, und Freiburg, dem größten linksalternativen Kiez südlich des Spätzleäquators, der sich in den 1980ern zur ‚atomwaffenfreien Zone‘ erklärt hatte. Im Vergleich zu anderen solcher Partnerschaften, die oft nur auf dem Papier existieren, scheint diese Städtefreundschaft von einem hohen Grad an Interaktion geprägt zu sein:

„Über 200 wechselseitige Aktivitäten hat das Rathaus gezählt: Kunstprojekte, Studentenaustausche, Bürgerreisen, Theateraufführungen. Im Oktober wird eine große Ausstellung iranischer Künstler in Freiburg eröffnet.“

Angesichts der engen ökonomischen Kooperation – Deutschland ist der wichtigste Exporteur in den Iran – liegt der Versuch der Intensivierung wirtschaftlicher Kontakte nahe:

„Mai 2005: Auf seiner Reise nach Isfahan trifft sich Herr Dr. Salavati mit Herrn Dr. Rasoul Ranjbaran, Präsident der Handelskammer von Isfahan und führen die Gespräche über weitere Entwicklung der Partnerschaft und die Erweiterung der gegenseitigen Wirtschaftsbeziehungen beider Städte. Dr. Ranjbaran lädt daraufhin den Präsidenten der IHK – Freiburg mit einen Delegation nach Isfahan ein
August 2006: Auf seiner Reise nach Isfahan trifft sich Herr Dr. Salavati mit Herrn Sahlabadi, Präsident und die Vorstandsmitglieder der Handewerkskammer von Isfahan […]“

Detailliert nachlesbar sind die Aktivitäten in der Chronik des ‚Freundeskreis Isfahan-Freiburg‘. Neben den erwähnten traditionsfetischistischen Kultur-Events stehen auch, wie es sich für eine liberale Zivilgesellschaft gehört, einige wenige pseudokritische Bauchschmerz-Veranstaltungen zu Buche.
So fand dieses Jahr eine sog. Freiburger Menschenrechtskommission ihren Weg nach Isfahan, um sich die dortigen Zustände zur Brust zu nehmen. Oben erwähnter Mohammad Salavati, Mitarbeiter am Institut für Informatik der Uni Karlsruhe und Initiator der Städtepartnerschaft, erläuterte nach seiner Rückkehr die Strategie der Kommissionäre: „Natürlich wurde nicht aggressiv – zum Beispiel – über die Einhaltung der Menschenrechte nachgefragt. Aber man hat sich über Positionen und Weltbilder ausgetauscht.“
Angetan von diesem Toleranzedikts im Geiste Salt‘n'Pepas – ‚Let`s talk about premarital sex‘ – oder der Stones – ‚Like a rolling stoning‘ – sekundiert Michael Moos von der ‚Linken Liste‘: “ Man kann dort offen seine Meinung sagen, auch wenn es um die heiklen Punkte geht”.
Der von Adorno analysierte Dreiklang „Meinung – Wahn – Gesellschaft“ bekommt in solcher offenbarer Lüge im Gewande des angeblichen Respekts vor ‚anderen Sichtweisen‘, der behauptet sich über Folterungen, Massenmord und einen angedrohten zweiten Holocaust zwanglos beim Kaffeekränzchen ‚austauschen‘ zu können, eine neue Facette.
Zwar sagte OB Salomon (Grüne) vor wenigen Monaten seine Pilgerreise nach Isfahan aufgrund der „Israel-Äußerungen“ Ahmadinedjads ab (die Isfahaner Presse simulierte daraufhin kurzerhand in ihrer Berichterstattung den realiter ausgefallenen Besuch), doch die lokalen Meinungsführer der ‚Badischen Zeitung‘ (BZ) wissen:

„Die Vorteile überwiegen – Partnerschaft auf schmalem Grat.
Bürger- und Schülerreisen, Kulturaustausch, dazu die Kontakte der Universitäten – der Rektor will demnächst zum zweiten Mal nach Isfahan reisen: Die Partnerschaft zwischen Freiburg und Isfahan, die erste und einzige Verbindung zwischen einer deutschen und einer iranischen Stadt, ist in ihren ersten fünf Jahren eine Erfolgsgeschichte gewesen. „

Angelika Beer (Grüne) geht noch einen Schritt weiter und reklamiert für Freiburg eine Vorreiterrolle, die möglichst viele Nachahmer_innen anziehen soll:

„Die Präsidentin der Iran-Delegation des Europaparlaments sah Freiburg als Vorbild für andere Städte. „Es sollten auch andere deutsche Städte diesem Beispiel folgen und Partnerschaften mit dem Iran eingehen.“"

Besonders perfide zeigt sich das ‚Freiburger Friedensforum‘ in einem vom antiamerikanischen Ressentiment wie die Schupfnudel vom Fett triefenden Brief an OB Salomon. Mit keinem Wort wird die von einer möglichen iranischen Bombe ausgehende Gefahr erwähnt, ebensowenig der eliminatorische Antizionismus oder der faschistoide Charakter des Mullah-Regimes. Stattdessen fühlen sich die Pazis in den iranischen Nationalismus ein, lediglich auf dem Feld der Solarenergie möchten sie zivilisatorische Mindeststandards gewahrt wissen:

„Dazu kommt die begründete Angst vor israelischen Atomwaffen und die mehrfache Kriegsdrohung Bushs seit 2001 gegen den Iran als „Schurkenstaat“. Mitte August schloß Bush sogar den Einsatz eigener Atomwaffen nicht aus. Das belastet verständlicherweise auch viele Menschen in Isfahan.
Ein weiterer Anknüpfungspunkt in Isfahan wäre die Mitgliedschaft in der Kampagne Mayors for Peace. Als Mitgliedsstadt hat Isfahan wie Freiburg sich dazu verpflichtet, die Abschaffung aller Atomwaffen bis 2020 anzustreben. Ausserdem wäre es denkbar den Fessenheimbeschluß des Gemeinderats oder unser (leider nicht ausreichender) Katastrophenschutzplan in Isfahan vorzustellen. Solarenergie wäre auch ein wichtiges Thema. Menschenrechtsverletzungen wollten Sie von sich aus ansprechen. „

Einzig öffentlich vernehmbare Stimme gegen die Partnerschaft von Atom- und Ökohauptstadt war bisher die ‚Junge Union Freiburg‘, die sich in einem Offenen Brief an OB Salomon (pdf!) für eine sofortige Beendigung der offiziellen Kontakte aussprach. Mit der Bedrohung Israels wie der binnen-iranischen Menschenrechtslage argumentierend stellten sich die Nachwuchsspießer_innen, sonst gegen „Graffiti-Vandalismus“ und „Anti-Deutschland-Kampagnen“ der ‚Grünen‘ (sic!) engagiert, sogar in ihrer Partei, wo dem transatlantischen Flügel nicht mehr die unbedingte Hegemonie zufällt, ins Abseits. Offenbar haben die jungen Braven die Zeichen der Zeit – links blinken in Form von konsequenzlosen Mahnungen, Petitionen, empörten Distanzierungen, ergo Sonntagsgerede und gleichzeitig rechts abbiegen in Form von Verhinderung effektiven Vorgehens gegen die Atombombenpläne sowie kontinuierlicher wirtschaftlicher, politischer und geheimdienstlicher Kooperation – noch nicht erkannt .

Im Folgenden dokumentierte ich einen weiteren Brief an OB Salomon – da er bisher m. W. nicht online steht, stelle ich ihn zur Gänze ein. Das Schreiben stammt von den ‚Autonomen IranerInnen Freiburg‘, offenbar keine Tarnorga der ‚Jungen Union‘, sondern eine Vereinigung, die es ernst meint mit ihrer Kampfansage an die islamistische Herrschaft.

„Offener Brief an Herrn Oberbürgermeister Dieter Salomon!

Seit Gründung der islamischen Republik im Iran 1979 wurde das Regime durch die UN-Menschenrechtskommission wegen mehrerer zehntausend Hinrichtungen, Unterstützung des internationalen Terrorismus, Folter, Verfolgung religiöser Minderheiten, Diskriminierung und frauenfeindlicher Politik 53 Mal verurteilt.

Im Iran wird jede kritische Stimme durch Mord, brutale Gewalt oder lange Gefangenschaft ruhiggestellt. Kritischer Journalismus ist im Iran lebensgefährlich, aber auch für Rechtsanwälte, die JournalistInnen vertreten. Zur Zeit sitzen mehrere Rechtsanwälte im Knast. Das religiös faschistische System im Iran organisiert seit 28 Jahren seine Anhänger-
und Schlägertrupps auf Irans Straßen, sie verbrennen US-amerikanische und israelische Fahnen. Seit Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen und der Äußerung Angela Merkels für Pressefreiheit werden auch deutsche Fahnen verbrannt und die Vertretung Deutschlands in Teheran mit Steinen und Brandbomben beworfen. Die Beleidigung Angela Merkels in Form fotografischer Darstellung als israelisch-weltzionistisches Lasttier ist
an der Tagesordnung.

Internationale Terrororganisationen wie Hisbollah im Libanon und Hamas in Palästina oder auch Al-Qaida im Irak werden militärisch und finanziell durch das Regime im Iran unterstützt. Seit dem 8.11.2006 sind zwölf hochrangige iranische Politiker, darunter der Ex-Präsident, Ex-Außenminister, Ex-Geheimdienstminister und der Chef der islamischen Revolutionswächter per internationalen Haftbefehl vom argentinischen Justizministerium gesucht. Sie werden wegen der Tötung von 84 Jüdinnen und Juden bei einem Bombenanschlag auf das jüdische Zentrum in Buenos Aires am 18.7.1994 beschuldigt.

Über 4 Millionen IranerInnen leben im Exil. Der größte Teil der kulturschaffenden IranerInnen haben das Land verlassen, weil im Iran nur noch islamisch geprägte Kunst gegen westliche Kultur gefordert und erlaubt wird. KünstlerInnen im Iran werden nur als PropagandistInnen zur Befestigung des Regimes instrumentalisiert. Sie müssen die Kultur des Jihad und des Krieges gegen die christlichen Werte der westlichen Welt als wahre Kunst darstellen. Kunst soll nur noch der Macht des Regimes dienen.

Im Iran selbst werden demokratische Bewegungen mit brutaler Gewalt bis Mord niedergeschlagen. Frauen haben praktisch keine Rechte mehr. Sie dürfen nur noch mit Erlaubnis ihres Mannes oder eines männlichen Verwandten allein reise. Sei haben kein Recht auf Scheidung und dürfen bestimmte sportliche und künstlerische Tätigkeiten nicht ausüben, und sie müssen sich der vorgegebenen Kleiderordnung unterwerfen. Frauen werden wegen außerehelicher Beziehung zu Steinigung verurteilt. Sie werden bis zur Körperhälfte in die Erde gesteckt, mit einem weißen Tuch überdeckt und dann mit Steinen beworfen, bis sie tot sind.

Aber jetzt zu Ihnen Herr Oberbürgermeister Dieter Salamon!

Haben Sie Bilder von gesteinigten Frauen im Iran nicht gesehen, oder wollten sie es nicht sehen? Bilder von Hinrichtungen von Minderjährigen oder von Frauen, die sich gegen ihre Vergewaltiger verteidigt haben. Herr OB Dieter Salamon, was treiben Sie für einen Kulturaustausch mit dem faschistischen, religiösen Regime im Iran?

Die Islamische Republik hat über 800 Millionen Dollar bereitgestellt; diese sollten weltweit durch Vermittler wie im Fall der Freiburg-Isfahan-Partnerschaft zur Schaffung einer demokratischen Maske für das Folterregime ausgegeben werden. Solche VermittlerInnen sind keine Kulturliebenden, sondern sie fungieren als HandlangerInnen der islamischen Folger-Republik. Ausnahmslos arbeiten solcher VermittlerInnen für den iranischen Geheimdienst und sie werden mit hunterttausenden von Euros reichlich für ihre Tätigkeiten belohnt. Eine solche Partnerschaft legitimiert Steinigungen von Frauen, Hinrichtungen von politischen GegnerInnen, Kriegs- und atomare Rüstung der Islamischen Republik Iran.

Herr OB Dieter Salamon, Sie haben die Macht, diese Partnerschaft zu kündigen oder zumindest einzufrieren, bis eine von der iranischen Bevölkerung legitim gewählte Regierung an die Macht kommt! Ansonsten helfen Sie bewußt oder unbewußt dem Erhalt des faschistisch-religiösen Folterregimes im Iran!

Autonome IranerInnen, Freiburg“