Aus gänzlich unaktuellem Anlass

26. November 2006

Scuola Diaz, Genua, 22.7.2001

Scuola Diaz, Genua, 22.7.2001

Augenzeugenbericht

‚Die chilenische Nacht‘


Bossismus

24. November 2006

Der Hype ist da, nach wenigen Tagen bereits 27.200 Treffer bei google, die Strategie gegen das Vergessen scheint zu funktionieren. Die Ökonomie der Aufmerksamkeit treibt die Karawane jedoch unermüdlich weiter, hin zur nächsten spektakulären Oase, geleitet von der immergleichen Fata Morgana, und so wird in einigen Wochen kein Hahn mehr nach Sebastian Bosse, dem Amokläufer von Emsdetten, krähen. Anbei dennoch einige Anmerkungen zu Bosses Abschiedsbrief.

Bosses Brief beginnt mit den Worten:

„Wenn man weiss, dass man in seinem Leben nicht mehr Glücklich werden kann, und sich von Tag zu Tag die Gründe dafür häufen, dann bleibt einem nichts anderes übrig als aus diesem Leben zu verschwinden“

Die Unmöglichkeit des Glückes, das auf Dauer verwehrt schein, ist es also, die ihn zu seiner Tat motiviert hat.

„Ich habe in den 18 Jahren meines Lebens erfahren müssen, das man nur Glücklich werden kann, wenn man sich der Masse fügt, der Gesellschaft anpasst. Aber das konnte und wollte ich nicht. Ich bin frei! Niemand darf in mein Leben eingreifen, und tut er es doch hat er die Konsequenzen zu tragen! Kein Politiker hat das Recht Gesetze zu erlassen, die mir Dinge verbieten, Kein Bulle hat das Recht mir meine Waffe wegzunehmen, schon gar nicht während er seine am Gürtel trägt.“

Ein Schein-Glück kann nach Bosse nur erreicht werden, wenn man sich dem Diktat der Majorität beugt, sich an fremdbestimmte, vorgefertigte Erwartungshaltungen anpasst und sie als Eigene ausgibt. Dieses entfremdete Pseudo-Glück bringt er in Gegensatz zu ‚echter‘ Selbstbestimmung, definiert über die Möglichkeit der Abwehr externer Interventionen durch die staatlichen Organe, welche im Idealfall ‚die Konsequenzen tragen‘ müssten.

Aufgegriffen und weiter ausgeführt wird dieser von Bosse aufgemachte Widerspruch von Mehr- und Freiheit im folgenden Abschnitt:

„Wozu soll ich arbeiten? Damit ich mich kaputtmaloche um mit 65 in den Ruhestand zugehen und 5 Jahre später abzukratzen? […]
Das Leben wie es heute täglich stattfindet ist wohl das armseeligste was die Welt zu bieten hat!
S.A.A.R.T. – Schule, Ausbildung, Arbeit, Rente, Tod
Das ist der Lebenslauf eines “normalen” Menschen heutzutage. Aber was ist eigentlich normal? Als normal wird das bezeichnet, was von der Gesellschaft erwartet wird. Somit werden heutzutage Punks, Penner, Mörder, Gothics, Schwule usw. als unnormal bezeichnet, weil sie den allgemeinen Vorstellungen der Gesellschaft nicht gerecht werden, können oder wollen. Ich scheiss auf euch!“

Kritisiert wird der Zwang zu immerwährender Arbeit, die das Leben über weite Teile bestimmt und am Ende quasi eine ausgesaugte Hülle, die Rentner_in, hinterlässt. Eng verbunden mit dem Affekt gegen Arbeit und ihre Durchsetzungsagenturen wie die Schule und Lehre ist das Aufbegehren gegen eine Normalität, die soziale Randgruppen ausschließt, wobei Bosse neben Punks und Obdachlosen auch Mörder anführt.

Daneben buchstabiert Bosse eine Konsumkritik aus, die in dem folgenden, allseits bekannten Satz von der angeblichen Allherrschaft des Geldes kulminiert:

„Eine Welt in der Geld alles regiert, selbst in der Schule ging es nur darum“

So geschnitten lesen sich seine Worte wie die Ausführungen eines zornigen, rebellierenden Dissidenten, eines Linken oder Punks, also zumindest als ob sie aus der Feder eines Subjekts stammten, das seine eigenen, durchweg negativen Erfahrungen zur Grundlage einer allgemeinen Revolte zugunsten einer besseren Welt für alle macht. Doch Bosse zog weder nach Berlin und wurde zum Straßen(schlacht)punk noch trat er in die örtliche FAU-Gruppe oder Antifa ein, sondern betätigte sich bekanntlich als Freizeitwehrsportler und verübte zuletzt die antikommunistische Tat schlechthin – die (bzw. den Versuch der massenhaften) Ermordung Unschuldiger (wobei hier über den Schuldbegriff zu reden wäre) inklusive der freiwilligen Aufgabe des eigenen Lebens.
Das scheinbare Paradox klärt sich ansatzweise bei Lektüre weiterer Textpassagen:

„Warum soll ich mich noch anstrengen irgendetwas zu erreichen, wenn es letztendlich sowieso für’n Arsch ist weil ich früher oder später krepiere? Ich kann ein Haus bauen, Kinder bekommen und was weiss ich nicht alles. Aber wozu? Das Haus wird irgendwann abgerissen, und die Kinder sterben auch mal. Was hat denn das Leben bitte für einen Sinn? Keinen! Also muss man seinem Leben einen Sinn geben, und das mache ich nicht indem ich einem überbezahlten Chef im Arsch rumkrieche oder mich von Faschisten verarschen lasse die mir erzählen wollen wir leben in einer Volksherrschaft. Nein, es gibt für mich jetzt noch eine Möglichkeit meinem Leben einen Sinn zu geben, und die werde ich nicht wie alle anderen zuvor verschwenden!“

Was als rudimentäre Form von Gesellschaftskritik erschien wird nun überführt in ein generelles Ressentiment gegen ‚das Leben‘, das ob seiner Vergänglichkeit ‚keinen Sinn‘ kenne, darum wertlos sei. Weil nichts zurückbleibe, nichts für die Ewigkeit geschaffen werde, sondern alle letzten Endes nur unbedeutende Sandkörner im unvorstellbar großen und gleichgültig den Einzelnen gegenübertretenden Universum seien, sucht sich Bosse selbst, quasi künstlich, einen ‚Sinn‘ zu konstruieren. Dieser ‚Sinn‘, der Schluss mit der ‚im Arsch herumkriechenden Verarsche‘ macht, kann nur durch eine Tat gegeben werden, eine Tat, die sich ganz konkret gegen die (scheinbare) Norm richtet.

War es zuvor eine Benennung von Institutionen wie Schule und Polizei bei gleichzeitigen Ressentiments gegen deren Repräsentant_innen („fette Politiker“), so formuliert Bosse nun einen verallgemeinerten Hass auf die Gattung als Ganze:

„Ich verabscheue diese Menschen, nein, ich verabscheue Menschen.“

Die Menschen, die ihm vermeintlich oder tatsächlich als Feinde gegenübertreten, werden so zum Abschuss freigegeben, ein Abschuss, der wie oben angedeutet zwecks Sinnstiftung notwendig ist:

„Diese Rache wird so brutal und rücksichtslos ausgeführt werden, dass euch das Blut in den Adern gefriert. Bevor ich gehe, werde ich euch einen Denkzettel verpassen, damit mich nie wieder ein Mensch vergisst! Ich will das ihr erkennt, das niemand das Recht hat unter einem faschistischen Deckmantel aus Gesetz und Religion in fremdes Leben einzugreifen!“

Der Amoklauf richtete sich zwar gegen seine ehemalige Schule, scheint jedoch weniger einzelne Menschen, sondern eher einen (imaginierten) Gegenschlag zu meinen, eine spektakuläre, Angst und Schrecken verbreitende Tat, welche über ihre Ausmaße sich einbrennt. Die negative Grandesse soll einen Ruhm von ewiger Dauer schaffen und damit den vermissten ‚Sinn‘ stiften.

Aus den folgenden Sätzen sind konkrete Einblicke in Bosses Gesellschaftsbild zu bekommen:

„WERDET ENDLICH WACH – GEHT AUF DIE STRASSE – DAS HAT IN DEUTSCHLAND SCHONMAL FUNKTIONIERT!“

Dieser Satz steht recht unvermittelt im Text und wird auch nicht weiter aufgegriffen, soweit ich sehe auch nicht in der medialen Rezeption. Er appelliert scheinbar genau an die sonst so verhasste Masse und fordert deren Widerstand ein – unklar und vielleicht absichtlich ambivalent ist der Rekurs auf ein früheres Deutschland, in dem ‚das‘ ’schonmal funktioniert‘ hat – 1933 oder 1989?

„Nazis, HipHoper, Türken, Staat, Staatsdiener, Gläubige…einfach alle sind zum kotzen und müssen vernichtet werden! (Den begriff “Türken” benutze ich für alle HipHopMuchels und Kleingangster; Sie kommen nach Deutschland weil die Bedingungen bei ihnen zu hause zu schlecht sind, weil Krieg ist… und dann kommen Sie nach Deutschland, dem Sozialamt der Welt, und lassne hier die Sau raus. Sie sollten alle vergast werden! Keine Juden, keine Neger, keine Holländer, aber Muchels! ICH BIN KEIN SCHEISS NAZI) Ich hasse euch und eure Art! Ihr müsst alle sterben!“

Plötzlich identifiziert sich Bosse wieder mit dem Staat, den er sonst doch so intensiv bekämpft, und beweint dessen angebliche Ausnutzung als Sozialhängematte durch Fremde, die nicht hierher gehören – konkret ‚Türken‘, welche ‚die Sau raus‘ lassen (so wie Bosse?). Nicht wie damals, als es ’schon einmal funktioniert‘ hat, die Jüd_innen, sondern die Türk_innen sind es, gegen die sich sein Vernichtungswunsch richtet. Zwar stellt er sie zunächst in eine zu vernichtende Reihe mit Nazis, Beamt_innen und Religiösen, doch ernst zu sein scheint es ihm nur im Fall der Türk_innen, für die er unmissverständlich die Vergasung einfordert.

„Jeder hat frei zu sein! Gebt jedem eine Waffe und die Probleme unter den Menschen lösen sich ohne jedliche Einmischung Dritter. Wenn jemand stirbt, dann ist er halt tot.“

Hier formuliert der Amokläufer seine Utopie, die ich Bossismus nennen möchte. Der Bossismus fordert die absolute Freiheit von äußeren Zwängen und Gängelungen ein – es soll keine vermittelnde Instanz mehr geben, keine ‚Einmischung‘. Alle sind auf sich gestellt in direkter Konfrontation und besitzen von Geburt an die Lizenz zum Töten. Der Tod ist dann auch nichts Bedauernswertes mehr, der Kontrapunkt zum anfangs eingeforderten glücklichen Leben, sondern ein gerechtes Urteil, das vom Tribunal des Sozialdarwinismus gesprochen wird.

Die für dieses Posting aufgemachte Unterscheidung in verschiedene zeitliche Phasen ist natürlich eine künstliche, dem Zweck der Analyse geschuldete. In der Realität schwankte Bosse vermutlich beständig zwischen den aufgemachten Widersprüchen. Reale, äußerst intensive Erfahrungen von Demütigung, Ausgrenzung, Verhöhnung, Heuchelei, das ganze Leid des Alltags, werden von ihm offen eingestanden und formuliert, anstatt, wie sonst die Regel, absorbiert durch (Selbst-)Zensur aufgrund von Scham bzw. soziale Institutionen wie Sport, Kulturindustrie, Tierquälerei oder eheliche Gewalt. Doch über diesen spontanen, bornierten Seufzer der bedrängten Kreatur kommt der Bossismus nicht hinaus – es entwickelt sich weder Gesellschaftskritik noch intuitive Empathie für die Mitmenschen, die Unterdrückten. Er bleibt ideell wie materiell befangen in der so verhassten Normalität. Kein Wunder, ist es doch letzten Endes nur der Kommunismus, der Bosse einen Ausweg weisen könnte, die Möglichkeit bietet, eben nicht zu arbeiten, nicht eine isolierte Monade zu sein, nicht ein Mann und Deutscher sein zu müssen. Da er die sowieso aktuell kaum existente Bewegung zum Kommunismus nicht aufzunehmen vermag, reproduziert er in seiner scheinbaren Rebellion die Kategorien der ganzen Misere – Monadentum, nationale und geschlechtliche Identität – auf erweiterter Stufenleiter, in verschärfter Form. Die Revolte gerät zur Erzählung vom einzigen Aufrechten, Treuen, Ehrlichen, vom Möchtegern-Ewig-/Übermenschen, der seine nur von außen bedrohte Freiheit (Ausfall der Selbstreflektion!) gegen die wahnhafte Züge annehmende Feindbilder (Türken-Muchels) ‚verteidigt‘ – last man standing and dying. Die nachvollziehbaren unglaublichen Anstrengungen, die Widersprüche auszuhalten, werden nicht mehr ertragen und den aufgestauten Aggressionen wird freier Lauf gelassen – der bossistische Amoklauf als letzte Katharsis, die faschistische Züge annimmt, eine Reinigung, die möglichst viel ‚Dreck‘ beseitigen will und das zu reinigende Objekt selbst pulverisiert.

Bosse taugt somit weder als Märtyrer noch als Monster. Beide Figuren tauchen im aktuellen Diskurs auf, dem ich mich fragmenthaft später/morgen/irgendwann widmen werde.


Mixed Stuff

23. November 2006

„A country with a bad reputation – International poll ­ Nations Brands Index ­ reveals consistently low rankings in perception of Israel in variety of categories.“

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„El-Al-Maschine sollte mit Kofferbombe gesprengt werden -
Terroristen haben in Deutschland einen Anschlag auf ein isarelisches Verkehrsflugzeug geplant. Die sechs Verdächtigen wollten in Frankfurt einen Koffer mit Sprengstoff an Bord schmuggeln.“

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„Frankreich bereitet Luftabwehr gegen Israelis vor -
Nach zahlreichen Tiefflügen israelischer Jets über dem Libanon bereiten Frankreichs Truppen in der Region Luftabwehrstellungen vor. Eine mögliche Abwehr sei im Rahmen der Unifil- Regeln möglich, heißt es in Paris.“

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„Verfassungsbeschwerde gegen deutsche Justiz wegen unterlassener Ermittlungen im Falle eines toten Juden“

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Redetext von Dr. Dieter Graumann (Vizepräsident des Zentralrates der Juden) anläßlich der diesjährigen Gedenkstunde zum 9. November aus der Paulskirche in Frankfurt am Main:
„The Wind of Change – Antisemitismus im Wandel?“

Dazu exklusiv in der Kommentarspalte ein offenbar nicht mehr online verfügbares FR-Interview mit dem lokalen Fraktionsvorsitzenden der Linkspartei, Ulrich Wilken, der während der oben verlinkten Graumann-Rede unter Protest aus der Paulskirche auszog. Wilken fordert darin die „Gemeinschaft der Demokraten“ (= Arier_innen) gegen den bösen Juden und beklagt sich, dass sich die konservative OB Petra Roth nicht „schützend vor ihre Kollegen gestellt“ habe – mal abgesehen von seinem unetrwürfigen Appell an die Institution Oberbürgermeister_in zeigt sich schon in dieser Manöverkritik, wie ‚Die Linke‘ einen lokalen bzw. nationalen Konsens mit der Rechten unter Ausschluss der Jüd_innen herzustellen bemüht ist. Die obligatorischen Anmerkungen zu Israel und die Instrumentalisierung Peter Gingolds als gutem, widerständigen Juden runden das Bild dann nur noch ab.


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